
The first atomic explosion in history not only transformed global politics – it also left traces in photographic materials. Eva Castringius explores how radiation from the 1945 Trinity test became inscribed in photosensitive materials, producing images that register the event beyond what could be seen. Bringing together photographic theory, media history, and new materialist philosophy, she shows how nuclear processes interacted with photographic materials and how historical events persist in material traces. Her photographic series »Within Active Territory,« created on the grounds of the Trinity test site, opens the book and connects the historical event to the site’s present physical condition.
Wie wird Krankheit im Bild inszeniert und was sagt das über Geschlecht aus? Anhand der Darstellungen von Syphilis, Tuberkulose und Gicht analysiert Johanna Johnen geschlechtsspezifische Zuschreibungen in der Kunst. Krankheit ist nicht nur medizinisch, sondern auch gesellschaftlich codiert: als Zeichen dämonisierter Weiblichkeit, als Sinnbild für domestizierte Reinheit der weiblichen Oberschicht oder als ambivalenter Ausdruck männlicher Dekadenz. So offenbaren sich komplexe Verflechtungen von Geschlecht, Klasse und Rassifizierung in der Ikonografie der Krankheitsdarstellungen – ein kritischer Blick auf historische Bildwelten und ihre machtvollen Zuschreibungen.
Seit der Erfindung des Grammophons bilden künstlerische Arbeiten, in denen Sound eine zentrale Rolle spielt, einen immer größer werdenden Bereich der zeitgenössischen Kunstproduktion. Von den ersten Schallaufzeichnungen im 19. Jahrhundert bis zur Postmoderne analysiert Malte Hubrig die technischen und ästhetischen Entwicklungsstränge am Zwischen-Ort von Musik und Kunst und eröffnet einen neuen, detaillierten Blick auf jene Bereiche der künstlerischen Avantgarden, in denen der Hörsinn zunehmend an Bedeutung gewinnt. Ausgehend vom Hybridphänomen Künstlerschallplatte erläutert er aus interdisziplinärer Perspektive Klangarbeiten von Marcel Duchamp bis Robert Morris und diskutiert strukturelle Analogien zwischen den Künsten.
Wie kann Kunst als Instrument der Transformation und Wertevermittlung zur Gestaltung einer Gesellschaft beitragen, die rassistische Kategorisierungen im kollektiven Bewusstsein überwindet und sich nicht länger durch Ausgrenzung definiert? Das Konzept der »Biatopie« (βία = Gewalt, τόπος = Ort) für die Landschaft unserer interpersonellen Beziehungen offenbart, dass wir alle in einer diskriminierenden sozialen Struktur leben – einer Topografie von Über- und Unterlegenheit, aus der kein einfacher Ausweg herausführt. Maria Linares beschreibt eigene künstlerisch forschende Projekte zu dieser Thematik und lädt dazu ein, sich im Alltag für eine vorurteilsfreie Gesellschaft als utopisches Ziel einzusetzen.
Welche Bedeutung haben Wunderkammern heute? Und wie können sie zum Verständnis der Gegenwart beitragen? In zeitgenössischer künstlerischer Praxis wird für die Beschreibung des Anthropozäns heute ein kulturelles Wissen aktualisiert, das sich bereits in Wunderkammern des 16. und 17. Jahrhunderts materialisiert. Nina-Marie Schüchter analysiert die auf historische Wunderkammern rekurrierenden Praktiken des Sammelns, Ordnens und Zeigens in der Gegenwartskunst und etabliert für die sich daraus ableitende künstlerische Praxis den Neologismus »wunderkammern«. Damit macht sie künstlerisches Wissen zur kritischen Reflexion der Gegenwart modellhaft sowie konzeptuell nachvollziehbar und leistet einen Beitrag zur visuellen Aufklärung unserer Zeit.
Woher kommt der Zeitstrahl in Geschichtsdarstellungen? Judith Sieber unternimmt eine historische Tiefenbohrung in die Zeit der Europäischen Aufklärung in Großbritannien. Anhand konkreter Beispiele arbeitet sie die Kontexte und Einsatzgebiete der damals neuen Darstellungsform heraus. Neben Geschichtsdiagrammen stehen dabei auch anschauliche Illustrationen von Handelsbeziehungen im Fokus der Analyse, die sich einerseits von tabellarischen Formen abgrenzen und andererseits an der Kartografie orientieren. Deren koloniale Entstehungszusammenhänge im British Empire machen klar: Es braucht eine fundamentale Kritik am behaupteten Universalismus linearer Zeit.
The work of Agnes Martin has frequently been associated with East Asian philosophies. Particularly highlighting the oeuvre of this US artist, Mona Schieren presents comprehensive research on the influence of Asianist aesthetics in post-1945 American art. More than just historical analysis, her study opens an entirely new perspective on Martin’s appropriation of Asianisms by focusing on transcultural translation and redefining Martin’s work beyond Abstract Expressionism and Minimalism. This offers new viewpoints on the aesthetic, philosophical, and visual relationships in American postwar art and takes a nuanced approach that moves beyond generalized notions of “Zen” in the US art world. Schieren’s exploration of the intentional and specific uses of Asianist aesthetics profoundly contributes to insights in international art histories and cultural translations.
In der Kunst lässt sich gegenwärtig eine Tendenz zu investigativen Recherchemethoden beobachten, um staatliche Verbrechen, Korruption und Machtmissbrauch zu rekonstruieren. Dies hat weitreichende Folgen für die Bildsprache: Mit dem aufklärenden Anspruch werden häufig visuelle Effekte der Nachvollziehbarkeit und Glaubwürdigkeit aufgerufen. Maria Sitte erläutert am Beispiel ausgewählter Filme des Kollektivs Forensic Architecture, welchen beglaubigenden Prinzipien ihre Bildästhetik verpflichtet ist. Die Untersuchung zeigt die Vielfalt verifizierender Darstellungsweisen ebenso wie problematische Bildpolitiken auf. Durch die Kontextualisierung mit Werken von Lawrence Abu Hamdan, Mario Pfeifer und Susan Schuppli werden divergente Konzepte investigativ engagierter Kunst erkennbar.
Setzt man sich mit dem Œuvre des südafrikanischen Künstlers Wim Botha auseinander, so sind seine Werke verstärkt im Hier und Jetzt der Ausstellung erfahrbar. An die Stelle repräsentativer Wirksamkeit seiner Kunst rücken prozessuale Wirkweisen und die präsentische Erfahrung der Rezipient*innen. Ellen M. Martin widmet sich der Prozesshaftigkeit in der Kunst und geht dabei auf die 2011 einsetzende Flexibilisierung der künstlerischen Mittel ein. Diese führt zu konstitutiven Entwicklungsmomenten sowohl von Formen und Materialien als auch von Motiven, mit denen Botha bereits zuvor arbeitete. Dabei zeichnen sich Dynamiken ab, die Vergangenes immer wieder neu mit der Gegenwart in Bezug setzen.
Digitale Bilder sind allgegenwärtig. Wir produzieren und konsumieren sie wie nie zuvor. Mit dem Aufkommen internetfähiger mobiler Devices transformierte sich das qualitativ hochwertige »reiche« Bild zur schlecht aufgelösten digitalen Kopie, die im Netz zirkuliert, bearbeitet und vervielfältigt wird. Ausgehend vom Begriff des »poor image«, den die Künstlerin Hito Steyerl 2009 prägte, analysiert Helena Schmidt Bilder der post-digitalen Gegenwart im Hinblick auf deren Gebrauch, Reflexion und Potenzial in der Kunstvermittlung. Die multiperspektivisch nachgezeichnete Entwicklungsgeschichte vom »poor image« hin zu »poor images« bietet so Nährboden für eine zukunftweisende Didaktik der Digitalität.
Martyr posters are more than obituary images – they can act as visual politics. Focusing on Rabih Mroué's play How Nancy Wished That Everything Was an April Fool's Joke (2007), Agnes Rameder analyses how contemporary artists question and appropriate Lebanese martyr posters. By linking the posters from the Wars in Lebanon (1975-1990) to contemporary posters, she shows that these images continue to the present day, that martyrs are still created and that deaths, such as those who were killed in the explosion on 4 August 2020, are still visually remembered. This study does not focus on how such pictures are perceived by a Western audience but delves into the use and abuse of martyr posters that were intended to be shown to the Lebanese.
»Yes, No, Perhaps« are the most written words in Mary Bauermeister's artworks. Together they stand for the concept of many-valued aesthetics in the German artist's oeuvre - an aesthetic that Bauermeister developed using many-valued logic. Hauke Ohls brings the artist's central groups of works in context with each other as well as with the neo-avant-garde of the post-war period in Europe and the USA. He shows that the development of Bauermeister's art may appear disparate, but her canvas and relief works, drawings and writing pictures, lens boxes and stone pictures are characterized by a reciprocal relationship of combinations and interconnections. Through the ubiquitous use of meta-references, the entire oeuvre ultimately appears as an interconnected assemblage.