
Die rasante Entwicklung generativer Künstlicher Intelligenz (KI), insbesondere von Large Language Models (LLMs), hat in den vergangenen Jahren zu tiefgreifenden Veränderungen in Bildungskontexten geführt. Insbesondere im Bereich des Feedbacks – einer der zentralen Einflussgrößen für Lernen und Leistungsentwicklung – eröffnen sich neue Möglichkeiten, sowohl für die Forschung als auch für die Praxis. Dieses Sonderheft der Psychologie in Erziehung und Unterricht widmet sich der Frage, welches Potenzial LLMs für formative und summative Feedbackprozesse besitzen, welche Chancen sich daraus für Lehr-Lern-Prozesse ergeben und welche Grenzen sowie offene Forschungsfragen bestehen.
Writing self-efficacy supports the development of key competencies in secondary school. Feedback from re-reading one’s writing or feedback from artificial intelligence can enhance self-efficacy. However, effects differ between students, raising questions about for whom AI feedback supports writing self-efficacy. We thus examined the moderating role of students’ achievement goal orientations and their writing skills. In a two-group experiment (n1=400/n2=405), students wrote an argumentative text and received either AI-based feedback or were prompted to create their own feedback by re-reading their text. Students with stronger (weaker) performance goals reported lower (higher) self-efficacy in the AI feedback compared to self-feedback group; performance-avoidance goals showed the strongest moderation. The relation between mastery goal orientation and AI feedback effects was positive (negative) for students with low (high) writing skills. The feedback effects ranged from d=+0.4 to -0.2 between students, highlighting the need for personalized feedback based on students’ goals and skills.
Feedback gilt als zentraler Prädiktor für die Lern- und Leistungsentwicklung von Schülerinnen und Schülern. Allerdings zeigen empirische Befunde nicht nur differenzielle Effekte von Feedback, sondern auch, dass die Feedbackwahrnehmung in Abhängigkeit spezifischer Lernvoraussetzungen variiert: Neben der individuellen (Vor-)Leistung sind je nach Fach- und Alterskontext auch die Lernmotivation und das Geschlecht relevante Prädiktoren für die Feedbackwahrnehmung. Ausgehend von diesen Befunden untersuchte die vorliegende Studie, ob Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe in Abhängigkeit ihrer Leistung, der intrinsischen Lernmotivation und des Geschlechts Feedback im Fach Deutsch unterschiedlich wahrnehmen. Ausgewertet wurden Daten der längsschnittlich angelegten FeeHe-Studie (N=807). Während multiple Gruppenvergleiche zunächst keine geschlechtsspezifischen Unterschiede in der Feedbackwahrnehmung auswiesen, belegten vertiefende Latent-Change-Analysen, dass Schülerinnen – unter Kontrolle von Leistung und Lernmotivation – Feedback im Deutschunterricht positiver wahrnehmen als Schüler. Gleichzeitig ließen sich interindividuelle Unterschiede in der Feedbackwahrnehmung stärker durch Leistung und Motivation als durch das Geschlecht erklären.
Writing is a key educational competence whose development depends on feedback. Automated Essay Scoring (AES) is increasingly used to support feedback generation, yet most prior research has neglected score stability across repeated runs. However, inconsistent scoring can undermine trust in AES and limit its educational value. We evaluate feature-based logistic regression models, transformer-based neural models, and generative large language models on 4,593 EFL essays from the MEWS dataset. Beyond accuracy, we analyze prediction variability across multiple runs and examine agreement patterns within and across model families. Results show that feature-based models remain competitive, while LLMs achieve high accuracy. Despite strong average performance, GPT-5 exhibits substantial variability across runs. Across models, agreement patterns reveal that different families succeed and fail on different item subsets. Our findings underline stability as a crucial dimension for deploying AES models in educational contexts and highlight the need for careful model selection and potentially model combination.
Feedback ist zentral für die Förderung professioneller Kompetenzen von (angehenden) Lehrkräften. Sprachmodelle (Large Language Models = LLMs) wie ChatGPT werden zunehmend zur Bereitstellung von Feedback genutzt. Studien zeigen, dass LLM-Feedback hochwertiger sein kann als das von Expert:innen. Unklar ist, welche Einflussfaktoren die Qualität des Feedbacks vorhersagen. Zwei quasi-experimentelle Studien untersuchten, welche Promptmerkmale LLM-Feedback verbessern und ob Promptdesign oder Modellwahl den größeren Einfluss hat. Lehramtsstudierende formulierten Lernziele, für die Feedback verschiedener LLMs generiert wurde. In Studie 1 (N=240 Feedbacks) wurden unterschiedliche Prompts mit mehreren LLMs getestet. Die besten Kombinationen wurden in Studie 2 (N=345 Feedbacks) erneut eingesetzt, um ihre Prädiktionskraft für Feedbackqualität zu prüfen. Hierarchische Regressionen zeigen, dass die Wahl des LLMs und das Promptdesign signifikante Prädiktoren sind. Bereits wenige gezielt eingesetzte Prinzipien des Promptings genügen, um qualitativ hochwertiges Feedback zu erzeugen. Fachsprache ist besonders wirksam. Die Auswahl geeigneter LLMs und Prompting-Kompetenzen sollten als relevante Merkmale von KI-Literacy gefördert werden.
Die Beurteilung argumentativer Texte ist eine komplexe und zeitaufwendige Tätigkeit, wodurch die Diagnostik und Förderung sowohl im Deutschunterricht als auch im Rahmen von Bildungsmonitorings erschwert werden. Large Language Models (LLMs) eröffnen neue Möglichkeiten der automatisierten Schreibbeurteilung; ihre Leistungsfähigkeit bei der Bewertung deutschsprachiger Texte ist jedoch wenig untersucht. In der vorliegenden Studie wurden 1000 argumentative Texte von Lernenden der Sekundarstufe Rubrik-basiert von menschlichen Rater:innen und verschiedenen LLMs beurteilt. Der Fokus der Analyse lag auf Akkuratheit (quadratisch gewichtete Kappa-Koeffizienten, ±1-Übereinstimmung). Zudem wurden Urteilstendenzen und Fairnessaspekte untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass LLMs insbesondere bei holistischen Urteilen eine gute Übereinstimmung mit menschlichen Ratings erreichen. Analytische Dimensionen (insbesondere Sprache) sind für LLMs schwieriger zu erfassen. Es zeigten sich modellabhängige Urteilstendenzen. Hinweise auf systematische Verzerrungen bei ausgewählten Hintergrundmerkmalen der Lernenden traten nicht auf. LLMs erscheinen somit potenziell nützlich für summative Rückmeldungen.
Die Verwendung standardisierter Diagnostikverfahren dient der Qualitätssicherung der Feststellungspraxis sonderpädagogischen Förderbedarfs. Dies setzt allerdings voraus, dass die für die Feststellungsverfahren empfohlenen und eingesetzten Testverfahren einschlägigen psychometrischen Standards entsprechen. Wie ist die Qualität dieser Verfahren zu bewerten? Und gibt es Unterschiede in der Bewertung? Anhand von 34 empfohlenen und 12 tatsächlich verwendeten Testverfahren aus 20 sonderpädagogischen Gutachten für fünf Förderschwerpunkte – Lernen, Geistige Entwicklung, Sprache, Emotionale und soziale Entwicklung und Autismus – wird dies überprüft. Es zeigten sich insbesondere Schwächen bei der Reliabilität und der Normierung infolge veralteter bzw. unzureichender Normen vieler Testverfahren. Diskutiert werden Desiderate und Entwicklungsbedarfe für Testverfahren zur Qualitätssicherung zukünftiger Feststellungspraktiken sonderpädagogischen Förderbedarfs.
Das Experiment untersucht, inwiefern die Lehrkraft-Schüler:innen-Beziehung (LSB) den Einfluss von Role Models (RM) auf das Fähigkeitsselbstkonzept (FS) moderieren könnte. N=836 Schüler:innen (49,6% weiblich) aus 40 vierten Klassen erhielten einen kurzen Text über die mathematischen Erfolge eines Mädchens, die auf die Anstrengungsbereitschaft attribuiert wurden. Per Zufall wurde die Protagonistin als Lisa - ein unbekanntes Kind - oder als die eigene Mathematiklehrerin bezeichnet. Vor und nach der Präsentation des Stimulusmaterials wurden das FS und die LSB erhoben. Bei Betrachtung der Gesamtstichprobe zeigt sich, dass eine positive LSB den Effekt der Lehrkraft als RM auf das FS nicht begünstigte. Eine Analyse von n=160 Risikoschüler:innen (55,0% weiblich), die innerhalb ihrer Klasse und den beiden Manipulationsbedingungen das geringste FS aufwiesen, bestätigt hingegen eine Verstärkung des positiven Effekts auf das FS durch die erlebte Nähe zur Lehrkraft. In beiden Gruppen erhöhte sich außerdem die Nähe zur Lehrkraft, wenn die Protagonistin als diese bezeichnet wurde.
Die Bedeutung unterschiedlicher Professionalisierungsmaßnahmen für die Weiterentwicklung der Anregungsqualität ist bislang nicht hinreichend geklärt. Zudem sind die Wirkmechanismen von Fortbildung und Coaching von der Veränderung der Kompetenzen auf die Weiterentwicklung der Anregungsqualität kaum untersucht. In einer experimentellen Prä-Post-Studie mit randomisierter Zuordnung von pädagogischen Fachkräften (N=132) wurde untersucht, wie sich Coaching, Fortbildung und die Kombination beider Formate auf das fachdidaktische Wissen und die Anregungsqualität auswirken. Zudem wurden direkte und indirekte Effekte auf die Anregungsqualität über das fachdidaktische Wissen fokussiert. Multiple Regressionsanalysen zeigen, dass das Coaching der Fortbildung hinsichtlich des fachdidaktischen Wissens überlegen ist, nicht aber dem kombinierten Format, und dass das Coaching der Wartekontrollgruppe hinsichtlich der Anregungsqualität überlegen ist, nicht aber dem kombinierten Format oder der Fortbildung. Strukturgleichungsmodelle deuten darauf hin, dass es einen indirekten Effekt des Coachings und einen direkten Effekt der Fortbildung auf die Anregungsqualität gibt. Die Ergebnisse legen nahe, dass unterschiedliche Professionalisierungsformate mit Fokus auf Interaktionsstrategien zu vergleichbaren Effekten auf die Anregungsqualität führen, jedoch zwei unterschiedliche Wirkmechanismen identifiziert werden können. Die geringe Varianzaufklärung der Modelle wird diskutiert.
The experiment examines the extent to which the teacher-student relationship (TSR) might moderate the influence of role models (RM) on academic self-concept (ASC). N = 836 students (49,6 % female) from 40 fourth-grade classes received a short text about a girl's success in mathematics, which was attributed to her willingness to make an effort. The protagonist was randomly introduced either as Lisa-an unfamiliar child-or as the students' own math teacher. Before and after the presentation of the stimulus material, students' ASC and TSR were assessed. The analysis of the full sample shows that a positive TSR did not moderate the effect of the teacher as a RM on ASC. However, a subsample analysis of n = 160 at-risk students (55,0 % female), identified as those with the lowest ASC in their class and both experimental conditions, revealed that the positive effect on ASC depended on perceived closeness to the teacher. In both groups, perceived closeness also increased when the protagonist was introduced as the teacher.
Despite their importance in everyday school life, counselling and communication with parents are often neglected in teacher education. This study examines the professionalisation of teachers' counselling skills through training in the 'Gm & uuml;nder Modell zur Gespr & auml;chsf & uuml;hrung mit Eltern (GMG)'. Over two school years, the individual goals of N = 265 teachers were recorded using the Goal Attainment Scaling (GAS), and goal attainment was assessed at the end of the training. The goals resulted in three categories: communication skills, coping strategies and counselling knowledge. The average goal attainment was between 70 and 80 %. Participants emphasised the positive influence of the methodological alternation between theoretical input and practical exercises. The teachers reported positive effects of the training, particularly through the methodological alternation of theoretical input and practical exercises. The results show that the training contributes to improving teachers' counselling skills. However, additional measures such as supervision, case discussions and the long-term implementation of training formats such as the GMG training are needed to strengthen practical application in the long term and to further develop counselling skills.
The graphomotor self-concept is a rarely researched subdomain of the academic selfconcept, even though graphomotor activities constitute a significant proportion of learning in early school years. The objective of the present study was to develop and psychometrically evaluate a questionnaire for assessing the graphomotor self-concept in children of early school age. The investigation involved the analysis of a sample of 1,091 students, with the key quality criteria (objectivity, reliability, validity) being the primary focus of the analysis. Furthermore, the structure of the selfconcept was analyzed in accordance with the multidimensional, hierarchical model proposed by Shavelson et al. (1976). The findings demonstrate the psychometric quality of the developed instrument and indicate that even young schoolchildren possess the capacity to assess their graphomotor skills in a differentiated manner. Moreover, the findings confirm that the structure of self-concept is already multidimensional and hierarchical during early school age.
An experimental pre-post study with random assignment of educators (N= 132) examined the effects of coaching, training, and a combination of both formats on pedagogical content knowledge and instructional support quality. Direct and indirect effects of professional development (PD) formats on instructional support quality via effects on pedagogical content knowledge were also examined. Multiple regression analyses showed that coaching was superior to training in increasing pedagogical content knowledge, but not to the combined format. Coaching was also superior to the wait-list control group in increasing instructional support quality, but not to the combined format or training. Structural equation models indicated an indirect effect of coaching and a direct effect of training on instructional support quality. Our results suggest that different PD formats focusing on interaction strategies lead to comparable effects on instructional support quality, but that two distinct mechanisms of PD can be identified to improve instructional support quality. The low level of variance explained by the models is discussed.
Based on the theory of planned behaviour (TPB), the aim of this study was to determine the factors influencing teachers' willingness to adapt their teaching for pupils with dyslexia. For this purpose, the online questionnaire data of 313 teachers were analysed using structural equation modelling (SEM). It was found that perceived behavioural control in particular has a significant impact on the intention to adapt teaching, alongside attitudes and the subjective norm, while positive and negative beliefs influence teachers' attitudes. A further SEM showed that beliefs again had no significant additional influence on behavioural intention. The findings highlight the need for targeted intervention to promote behaviour intention through enhancing self-efficacy and other factors. Through the identification of specific influencing factors, it will be possible to develop better methods of support for pupils with dyslexia and to support the professional development of teachers.
Ziel dieser Studie war es, basierend auf der Theorie des geplanten Verhaltens (TPB) die Einflussfaktoren der Bereitschaft von Lehrkräften, ihren Unterricht für Schüler:innen mit einer Lese-Rechtschreibstörung (LRS) anzupassen, zu erfassen. Hierzu wurden die online erhobenen Fragebogendaten von 313 Lehrkräften aus ganz Deutschland mittels Strukturgleichungsmodellen (SEM) analysiert. Es zeigte sich, dass insbesondere die wahrgenommene Verhaltenskontrolle neben den Einstellungen und der subjektiven Norm einen signifikanten Einfluss auf die Absicht der Unterrichtsanpassung hat, während positive und negative Überzeugungen die Einstellung der Lehrkräfte beeinflussen. Ein weiteres SEM zeigte, dass die Überzeugungen wiederum keinen bedeutsamen zusätzlichen Einfluss auf die Verhaltensintention haben. Die Ergebnisse betonen die Notwendigkeit gezielter Interventionsmaßnahmen, um die Verhaltensintention durch die Stärkung der Selbstwirksamkeit und weiterer Faktoren zu fördern. Durch die Identifizierung spezifischer Einflussfaktoren wird es ermöglicht, bessere Unterstützungsmethoden für Schüler:innen mit LRS zu entwickeln und die professionelle Entwicklung von Lehrkräften zu unterstützen.
Beratung und Gesprächsführung mit Eltern werden trotz ihrer Relevanz im Schulalltag in der Lehrkräftebildung oft vernachlässigt. Die vorliegende Studie untersucht die Professionalisierung der Beratungskompetenz von Lehrkräften durch das Training „Gmünder Modell zur Gesprächsführung mit Eltern“. Über einen Zeitraum von zwei Schuljahren wurden die individuellen Ziele von N=265 Lehrkräften mittels Goal Attainment Scaling (GAS) erhoben und die Zielerreichung nach Abschluss der Fortbildung von den teilnehmenden Lehrkräften bewertet. Aus den Zielen ergaben sich drei Kategorien: Gesprächsführungs-Skills, Coping-Strategien und Beratungswissen. Die durchschnittliche Zielerreichung lag zwischen 70 und 80%. Die Lehrkräfte berichteten von positiven Effekten des Trainings, insbesondere durch den methodischen Wechsel von theoretischem Input und praktischen Übungen. Die Ergebnisse zeigen, dass das Training zu einer Verbesserung der Beratungskompetenz von Lehrkräften beiträgt. Um die praktische Anwendung langfristig zu stärken und die Beratungskompetenz weiter zu entwickeln, sind jedoch zusätzliche Maßnahmen wie Supervision, Fallbesprechungen und eine langfristige Implementierung von Fortbildungsformaten wie das Training GMG erforderlich.
Das grafomotorische Selbstkonzept stellt einen bislang kaum erforschten Teilbereich des akademischen Selbstkonzepts dar, obwohl grafomotorische Tätigkeiten im frühen Schulalter einen hohen Anteil des schulischen Lernens ausmachen. Ziel der vorliegenden Studie war die Entwicklung und psychometrische Überprüfung eines Fragebogens zur Erfassung des grafomotorischen Selbstkonzepts bei Kindern im frühen Schulalter. Anhand einer Stichprobe von 1091 Zweitklasskindern wurden die zentralen Gütekriterien (Objektivität, Reliabilität, Validität) getestet. Darüber hinaus wurde die Struktur des Selbstkonzepts im Sinne des multidimensionalen, hierarchischen Modells von Shavelson et al. (1976) überprüft. Die Ergebnisse belegen die psychometrische Qualität des entwickelten Instruments und zeigen, dass Kinder im frühen Schulalter ihre grafomotorischen Kompetenzen differenziert einschätzen können. Zudem bestätigen die Befunde, dass die Struktur des Selbstkonzepts in dieser Altersgruppe mehrdimensional und hierarchisch aufgebaut ist.
In einer sich schnell verändernden Welt, in der laufend neue Anforderungen an den Menschen gestellt werden, gewinnt das selbstregulierte Lernen zunehmend an Bedeutung. Bisher liegen jedoch nur wenige Studien vor, welche selbstberichtete selbstregulierte Lernaktivitäten von Schülerinnen und Schülern der 5./6. Klasse differenziert untersuchten. Die vorliegende Studie analysierte, inwiefern 11–12-jährige Lernende (N=757) zustimmen, selbstreguliert zu lernen, und ob diese Zustimmung je nach selbstregulativer Aktivität variiert. Zudem wurden interindividuelle Unterschiede (Geschlecht, Erstsprache, Klassenstufe) sowie der Zusammenhang zwischen selbstberichteten selbstregulierten Lernaktivitäten und dem Leseverständnis geprüft. Hierbei zeigten sich bei sämtlichen Variablen signifikante Unterschiede. Zwischen dem selbstregulierten Lernen und dem Leseverständnis ließ sich bei gleichzeitiger Kontrolle von kognitiven Fähigkeiten kein signifikanter Zusammenhang nachweisen. Die vorliegende Studie stellt einen bedeutenden Beitrag zur Untersuchung von selbstberichteten selbstregulierten Lernaktivitäten von Lernenden der 5./6. Klasse dar und bietet Impulse für zukünftige Forschung sowie praxisrelevante Erkenntnisse für die Schule.
Wirkungsforschung wird in der Familienökonomie als Evaluation kausaler Maßnahmeneffekte mit Bezug auf die interessierenden Outcomes bei Kindern, Jugendlichen oder Eltern verstanden. Angewendet auf den Kinderschutz geht es entweder um präventive Maßnahmen zur Vermeidung von Kindeswohlgefährdung oder um Interventionen mit dem Ziel, bei bereits eingetretener Kindeswohlgefährdung Schaden vom Kind abzuwenden. Der Beitrag hat zwei Ziele. Erstens legt er einen konzeptionellen Erfassungsrahmen gesamtgesellschaftlicher Kosten und Nutzen von präventiven bzw. interventiven Kinderschutzmaßnahmen in der Lebensverlaufsperspektive vor. Eine valide Nutzenmessung als integraler Bestandteil eines solchen Konzepts erfordert Methoden, die kausale Inferenz erlauben, mithin einen Kontrollgruppenansatz mit zufälliger Zuteilung der Personen in die Interventions- und Kontrollgruppe. Da der Zufallsmechanismus aus verschiedenen Gründen in der Kinderschutzpraxis und -forschung selten anwendbar ist, stellt der Beitrag zweitens zwei in der Ökonomie einschlägige quasi-experimentelle Verfahren vor, die exogene Variation in Raum und Zeit ausnutzen, und diskutiert mögliche Anwendungsbezüge auf den Kinderschutz sowie damit verbundene Datenanforderungen.
Gewalt und Vernachlässigung haben eine Vielzahl von negativen und weitreichenden Auswirkungen unmittelbar auf die betroffenen Kinder und Jugendlichen (Carr, Duff & Craddock, 2020), aber auch im Hinblick auf die gesellschaftlichen Kosten (Habetha, Bleich, Weidenhammer & Fegert, 2012). Kinder und Jugendliche vor (wiederholter) Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung zu schützen, ist eine wichtige gesellschaftliche und staatliche Aufgabe. Hierzu haben die meisten Länder gesetzliche und institutionelle Rahmenbedingungen geschaffen, um Gewalt und Vernachlässigung vorzubeugen und vor allem bei Gewalt und Vernachlässigung entsprechend einzugreifen, um diese zu beenden und zukünftig positive Entwicklungsbedingungen zu fördern (Berrick, Gilbert & Skivenes, 2023). Diese Bemühungen werden meist unter dem Begriff von Kinderschutz zusammengefasst, für den ganz oder teilweise staatliche Kinderschutzsysteme verantwortlich sind (Berrick et al., 2023, Kindler, 2013). In Deutschland besteht das Kinderschutzsystem aus einem Netz unterschiedlicher Institutionen, welches sich historisch entwickelt hat (Witte, Miehlbradt, van Santen & Kindler, 2019).