
Das Berliner Maxim Gorki Theater wurde 2013 unter der Intendanz von Shermin Langhoff als postmigrantisches Theater bekannt, das marginalisierte Perspektiven auf der Bühne eines Stadttheaters repräsentiert. Anhand von Interviews und Aufführungsanalysen zeigt Johanna Munzel erstmals, wie am Maxim Gorki Theater gegen strukturellen Rassismus, Sexismus und Antisemitismus Widerstand geleistet wird. Zusätzlich gibt ein Interview mit der Schauspielerin Ruth Reinecke Einblicke in die Rolle des Theaters zur Zeit der politischen Wende 1989. Die Ergebnisse machen eine hegemoniekritische Perspektive in den deutschen Theaterwissenschaften sichtbar, die in die kolonialen Kontinuitäten in den deutschen Theaterwissenschaften interveniert.
Wie kann autobiografisches Theater zur Selbstbildung beitragen? Ausgehend vom dokumentarisch-autobiografischen Theaterstück »Days on the Way« fragt Sama Mousavi, wie die performative Darstellung eigener Lebensgeschichten Bildungsprozesse anstößt. Dabei verbindet sie künstlerisches Arbeiten mit wissenschaftlicher Reflexion und pädagogischem Denken und nutzt eine autoethnografische Herangehensweise. Basierend auf Hans-Christoph Kollers Konzept transformativer Bildung und ergänzt durch Ansätze von Ricœur, Butler, Schulze, Dewey, Schön, Buck und Waldenfels ergeben sich so neue Perspektiven auf das autobiografische Theater als Raum ästhetischer Erfahrungen, Selbstreflexion und gesellschaftlicher Erkenntnis.
How do the visible and the invisible interact in aesthetic experience? Kati Röttger connects phenomenology and intermediality to engage with orders of looking in theatrical events, and thus offers a multifaceted methodological approach to performance analysis. The study balances theory and methodology in combination with extensive case studies encompassing different histories, cultures and media from dance, to postdramatic theatre, film and theatre texts. The reader gains a deep insight into the relevance of theatrical performances as poison and cure in (hyper)industrial societies, because of theatre's capability to theorize critically the not least violent interrelationship of seeing and being seen.
Zwischen 1870 und 1930 institutionalisierte sich die Schauspielausbildung und es entstanden eigene pädagogische Ansätze. Wolf-Dieter Ernst erzählt die Geschichte der Schauspielschulen als Theater- und Bildungsreform. Mit Fallstudien zu Ernst Possart, Louise Dumont, Elsie Fogerty und Leopold Jessner verdeutlicht er erstmals die Bandbreite des Schauspieltrainings und beleuchtet das Spannungsverhältnis zwischen den zunehmend institutionell und pädagogisch vermittelten Vorschriften und deren affektiver Überschreitung – eine detaillierte Analyse, die die Institutions- und Bildungsgeschichte künstlerischer Berufe um neue Perspektiven erweitert.
Inwieweit sind in Theatern der Gegenwart erwünschte Darstellungen von Geschlechterrollen zu beobachten und wie werden diese von Darsteller*innenseite erlebt? Welche Kritik muss im Dispositiv des Theaters formuliert werden? Und wie können Affekt und Kritik in diesem Kontext in Verbindung gebracht werden? Zwischen Kunst und Wissenschaft widmet sich Katrin Ackerl Konstantin aus transdisziplinärer Perspektive Stereotypen, Sexismen und Hierarchien am Theater. Dazu etabliert sie den Begriff des »affektiven Queerings« und nutzt ihn als ästhetische Strategie, um die Selbstverständnisse in Bezug auf Normierung kritisierbar zu machen – und zwar durch den Subjektivierungsprozess selbst.