
Die empirische Antisemitismusforschung beobachtet wiederholt, dass höher gebildete Personen seltener antisemitischen Aussagen zustimmen. Die vorliegende Studie prüft, ob dieser Befund ein Artefakt sozial erwünschten Antwortverhaltens darstellt. Auf Basis einer experimentellen Bevölkerungsbefragung in Nordrhein-Westfalen (n = 1.300) wird dazu die Theorie der Kommunikationslatenz für unterschiedliche Modi antisemitischer Artikulation empirisch getestet. Das experimentelle Design beruht auf der randomisierten Variation der Fragereihenfolge: In der Treatmentgruppe wird vor der Erhebung eigener antisemitischer Einstellungen kognitiv die wahrgenommene Meinung einer nahestehenden Bezugsperson aktiviert. Für den offenen Modus des modernen Antisemitismus wird der negative Bildungseffekt durch diese Aktivierung vollständig neutralisiert – nicht jedoch für camouflierte Formulierungen. Der Effekt ist milieuspezifisch: Er findet sich vornehmlich bei Befragten, die sich politisch der Mitte oder Linken zuordnen, sowie bei der oberen Mittelschicht. Beim israelbezogenen Antisemitismus bleibt eine experimentelle Neutralisierung weitgehend aus. Die Befunde legen nahe, dass Bildung antisemitische Einstellungen weniger abbaut als die Kommunikation dieser Einstellungen diszipliniert, und fordern eine stärker affektiv und milieusensibel ausgerichtete Antisemitismusprävention.
Im Europarecht vollzieht sich derzeit eine Umwälzung: Die in Artikel 2 EUV verankerten Unionswerte werden zu Rechtspflichten der Mitgliedstaaten gegenüber den Unionsorganen. Diese Artikel-2-Revolution strukturiert die Verteilung der Befugnisse im europäischen Mehrebenensystem ohne demokratische Delegationsakte grundlegend um. Der Beitrag rekonstruiert Anlässe und Argumentationslinien dieser Entwicklung und diskutiert ihre Tragweite für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Legitimität.
Wir untersuchen KI-Resignation unter Jugendlichen anhand von mehr als 20 Workshops an deutschen Schulen. KI-Resignation ist eine soziotechnische Befindlichkeit, geprägt von Ohnmacht und pessimistischen Zukunftsaussichten. Wir skizzieren vier Dimensionen und argumentieren, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt, das eine kollektive Repolitisierung von KI und digitalem Kapitalismus erfordert.
Der Artikel beschreibt eine historisch neue Dimension technologischer Fehlerhaftigkeit, die seit den späten 1960er-Jahren hochtechnisierte Gesellschaften prägt. An zwei Fallbeispielen wird diskutiert, ob diese Gesellschaften über eine ausreichende Error Literacy verfügen und welche Folgen deren Fehlen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene haben kann. Ziel des Aufsatzes ist es, deutlich zu machen, wie zentral eine Error Literacy für digitalisierte Gesellschaften ist sowie ihre Bedingungen und Grenzen zu reflektieren.
Der Beitrag untersucht, wie pädagogisch-therapeutische Programme sexuelle Selbstbestimmung als Ethopolitik wechselseitiger Verantwortung gestalten. Subjektivierungsanalytisch zeigt er, wie die Figuren der grenzkompetenten Gefährdeten und der Noch-nicht-Täter hervorgebracht werden, die durch Selbstreflexion und Begrenzung die Selbstbestimmung des Anderen sichern.
Jürgen Habermas war ein zutiefst demokratischer Denker. Die Öffentlichkeit war für ihn das Lebenselixier von Vernunft überhaupt. Mit seiner formalen Sprachpragmatik schlug er eine Brücke zwischen Philosophie und Gesellschaftstheorie. Für diese suchte er nach einem kritischen Maßstab, der unseren gesellschaftlichen Praktiken selbst innewohne. Seine Kritik zielte auf die Verzerrung von Verständigungsverhältnissen. Seine Stimme wird fehlen, jetzt, da der von ihm verabscheute Nationalismus wieder auflebt und reine Willkür die Weltpolitik beherrscht.
Dieser Artikel untersucht die Auswirkungen des zunehmenden politischen Drucks auf russische Akademikerinnen und Akademiker nach der Invasion in der Ukraine im Jahr 2022 und konzentriert sich darauf, wie Universitäten zu Orten ideologischer Kontrolle und Durchsetzung von Loyalität geworden sind. Die Studie stützt sich auf zwei Wellen von halbstrukturierten Interviews mit 15 WissenschaftlerInnen (durchgeführt im Winter 2022/Frühjahr 2023 und im Sommer 2024) und verfolgt einen qualitativen narrativen Ansatz, um Verschiebungen in den individuellen Erfahrungen und Anpassungsstrategien im Laufe der Zeit nachzuzeichnen. Die Ergebnisse deuten auf eine deutliche Verschlechterung des akademischen Umfelds hin, die durch systematische Risiken, zunehmende Selbstzensur und die Erosion der Doppelidentität als Form latenten Widerstands gekennzeichnet ist. Darüber hinaus zeigen die Daten Fälle von Rationalisierung der Teilnahme an staatlich geförderten Aktivitäten und zunehmende Muster des politischen Konformismus – einschließlich bemerkenswerter Verschiebungen in den politischen Positionen der InterviewpartnerInnen, von oppositionell zu neutral oder den Krieg unterstützend. Durch die Hervorhebung dieser Transformationen trägt die Studie zu einem tieferen Verständnis bei, wie autoritärer Druck akademisches Verhalten und berufliche Identitäten verändert.
Der Angriff der Trump-Regierung vom Januar 2025 auf Programme für mehr Diversität, Gleichheit und Fairness sowie Inklusion (DEI) ist durch ein Urteil des US Supreme Court von 2023 eingeleitet und unterstützt worden. Das Urteil untersagte Zulassungsverfahren von Elite-Universitäten (wie Harvard), in denen People of color im Sinne der affirmative action ein Bonus gegeben und das Ziel der Inklusion verfolgt wurde. Der Artikel zeigt, wie der Gleichheitsgrundsatz selbst, die Equal Protection Clause, sowie die einschränkende Interpretation der Richtermehrheit die Versuche ausbremsen, mehr Chancengleichheit für Angehörige von benachteiligten Minderheiten zu erreichen.
In diesem Aufsatz argumentiere ich für die These, dass Geld und Geldpolitik nicht als „entsprachlichte“ Phänomene verstanden werden sollten, sondern vielmehr in Formen von Kommunikation eingebettet sind, die sich mit Habermas als systematisch verzerrt beschreiben lassen. Diese Sichtweise wird anhand der geldpolitischen Debatten plausibilisiert, welche die Inflation zu Beginn der 2020er Jahre begleiteten.
Claus Offe (1940–2025) ist einer der bedeutendsten Sozialwissenschaftler der Bundesrepublik gewesen. In seinen Untersuchungen des kapitalistischen Wohlfahrtsstaates und der liberalen Demokratie integrierte er Politikwissenschaft und Soziologie. Der Beitrag würdigt sein wissenschaftliches Werk entlang der universitären Wirkungsstätten, seine Rolle als politischer Intellektueller und stellt auch sein besonderes akademisches Ethos heraus.
Der Beitrag analysiert die auf den Bildungsbereich fokussierte (Exekutiv-)Politik der beiden Amtszeiten Donald Trumps aus einer genealogischen Perspektive, die sich auf die anti-intellektuellen Traditionen im US-amerikanischen Konservatismus ab den 1950ern und insbesondere auf ihre race-Bezüge konzentriert. Dies macht die tiefe Verankerung bestimmter Rationalisierungsmuster und Kontestationsinitiativen sichtbar, die in der Trump-Regierung reartikuliert, radikalisiert und rekombiniert werden, um ihr autokratisches, anti-modernes politisches Projekt zu legitimieren.
Blickt man auf den real existierenden Konservatismus der (deutschen) Gegenwart, dann gewinnt man zum einen den Eindruck, dass Konservatismus und Kapitalismus eine natürliche Allianz bilden und zum anderen, dass die Figur der schwäbischen Hausfrau konservativ-kapitalistische Tugenden auf ideale Weise verkörpert. Im vorliegenden Beitrag werden beide vermeintlichen Selbstverständlichkeiten einer kritischen Überprüfung unterzogen, indem zunächst mit Verweis auf den US-amerikanischen Neokonservatismus gezeigt wird, dass das Verhältnis zwischen Konservatismus und Kapitalismus durchaus spannungsreicher ist, als es zunächst den Anschein hat. Im Folgenden wird auf der Grundlage einer pointierten Konzeptionalisierung eines zweipoligen Konservatismus als anti-revolutionäres Präventionsregime argumentiert, dass die Kombination aus Schwarzer Null und Schuldenbremse im Geist der schwäbischen Hausfrau mitnichten als ideal konservativer Politik gelten kann, sondern, im Gegenteil als ideologische Rechtfertigung einer zutiefst unkonservativen Politik des Zehrens von der Substanz auf Kosten der Zukunft diente.
Wie entsteht und reproduziert sich eine kapitalistische Arbeitsgesellschaft? Diese Fragen bearbeitet der Aufsatz im Rekurs auf die wenig beachteten Vorlesungen Foucaults aus den frühen 1970er-Jahren. Die Konstitution von Arbeitskraft und der Begriff der Institution der Beschlagnahme (institution de séquestration) werden mit Foucault historisch rekonstruiert und anhand eigener Forschung zu Pflege und Landwirtschaft auf ihre Aktualität geprüft. So möchte der Text dazu beitragen, die poststrukturalistische Arbeitssoziologie zu reaktivieren.
Immer wieder wird durch den Staat ein vernünftiges Handeln zugunsten seiner Bürger behauptet. Insbesondere in Kommunen verfolgen Gemeinderäte vermeintlich „vernünftige“ Anliegen, die jenseits der juristischen Kompetenzverteilung des Grundgesetzes liegen. Der Beitrag problematisiert dieses Handeln im Spannungsfeld zwischen kommunaler Selbstverwaltungskompetenz und anmaßendem staatlichen Paternalismus. Die These ist, dass ein explizit vernunftbezogenes Staatshandeln in Konflikt mit dem Staats- und Menschenbild des Grundgesetzes gerät, da dieses dem Staat eine dienende Funktion beimisst und ihn nicht als Verwirklichung höherer Vernunft betrachtet.
Vor Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns in Deutschland im Jahr 2015 war sich die deutsche Arbeitsmarktökonomik weitgehend darin einig, dass dieses ‚soziale Experiment‘ mit erheblichen Arbeitsplatzverlusten bezahlt werden müsste. Die Begleitforschung zur Mindestlohneinführung konnte dann aber die prognostizierten Beschäftigungsverluste nicht nachweisen und musste auch für Deutschland – wie überall, wo Mindestlöhne existieren und deren Effekte erforscht werden – die ‚Flüchtigkeit des Beschäftigungseffekts‘ zugeben. In diesem Beitrag wird die Diskussion um die Einführung des Mindestlohns nachgezeichnet und die Reaktion der Wissenschaftlergemeinschaft auf die Abweichung der tatsächlichen Beschäftigungsentwicklung von den modellgestützten Prognosen – was wissenschaftstheoretisch als ‚Anomalie‘ oder ‚Krise‘ verstanden werden kann – auf der Grundlage der Fleckschen Denkstil-Theorie analysiert. Dazu werden 2 Phasen – die Phase der Einführung des Mindestlohns und die Phase der drastischen Erhöhung des Mindestlohns im Jahr 2022 – unterschieden, um einerseits Lernprozesse, andererseits aber auch die Resilienz eines herrschenden Paradigmas untersuchen zu können.