
Im Mittelniederdeutschen bilden einige intransitive Verben das Perfekt sowohl mit wēsen als auch mit hebben. Im Beitrag wird gezeigt, dass die Hilfsverbvariation auf die Unterschiede in der Grammatikalisierung der wēsen- und hebben-Konstruktionen zurückzuführen ist. Die wēsen-Konstruktion grammatikalisiert sich langsamer, und wird v. a. in der Funktion Resultatsperfekt gebraucht, wobei der Nachzustand eines Ereignisses im Fokus steht. Die hebben-Variante ist weiter grammatikalisiert und wird häufiger zur Markierung der Vorzeitigkeit sowie in Kontexten verwendet, wo der Ereignisverlauf fokussiert wird. In diesen Kontexten wird wēsen tendenziell durch hebben ersetzt.
Im Beitrag stehen die Bemühungen Wilhelm von Humboldts im frühen 19. Jahrhundert im Mittelpunkt, sich im internationalen grammatikographischen Gelehrtennetzwerk zur Dokumentation indigener Sprachen Nordamerikas zu positionieren. Diskutiert wird diese Frage auf der Basis von Humboldts Korrespondenz mit Peter Stephen Duponceau und John Pickering im Hinblick auf die Verfügbarkeit von David Zeisbergers Grammatik des Delawarischen. Grundsätzlich werden dabei zum einen die Herausforderungen des Wissenstransfers durch geografische Distanzen, kulturelle und sprachliche Barrieren und die Beschaffenheit der handschriftlichen Materialien herausgearbeitet. Zum anderen wird gezeigt, wie stark der Wissensaustausch von einzelnen Akteur:innen und ihrer jeweiligen Agenda im sich etablierenden Wissenschaftssystem abhing, und auch politische Interessen, wie das zunehmend selbstbewusste Auftreten der American Philosophical Society, den Wissenstransfer beeinflussten. Grundlegend für den Beitrag sind die Präsentationen auf der Tagung „Hallescher und Herrnhuter Pietismus“ (November 2023) und der GGSG2024.
Der Beitrag behandelt am Beispiel der Präpositionalgruppe des ältesten Deutsch (750–1000) die Rolle diagrammatischer Darstellungen in der Grammatikschreibung historischer Sprachstufen. Durch sprachhistorische Korpora gewinnt die Darstellung der Variation eines belegten grammatischen Phänomenbereichs an Bedeutung gegenüber der reduktiven sprachhistorischen Regel. Gleichzeitig soll eine Hypertrophie der Variation vermieden werden. Hierfür werden diagrammatische Darstellungsformen vorgeschlagen und unter der Perspektive eines neuen grammatischen Bildwissens diskutiert. Der Beitrag zeigt auf, wie eine exhaustive, variationsorientierte Grammatikschreibung zum Althochdeutschen gelingen kann und plädiert dafür, in der unerlässlichen Trias aus Korpus, Grammatik und Darstellung die Darstellungskomponente mit zeitgemäßen Verfahren zu stärken, sie aber auch einer bildwissenschaftlichen Kritik zu unterwerfen.
In diesem Beitrag befassen wir uns mit dem Potential der Kombination unterschiedlicher Datengrundlagen zum Zwecke der Untersuchung diachroner Entwicklungen, illustriert am Beispiel der nominalen Flexionsmorphologie im Gebiet des (historischen) Westdeutschen. Unsere Untersuchung stützt sich dabei auf zwei Datensets: erstens auf historische Korpusdaten der Referenzkorpora des Verbunds Deutsch Diachron Digital, einschließlich des Referenzkorpus Mittelhochdeutsch, des Referenzkorpus Frühneuhochdeutsch und des Referenzkorpus Mittelniederdeutsch/Niederrheinisch; zweitens auf Fragebogendaten der sogenannten „Willems-Enquête“, die Ende des 19. Jahrhunderts unter anderem in der ehemaligen Rheinprovinz erhoben wurden. Zur Prüfung der Vergleichbarkeit und Anschlussfähigkeit der beiden Datentypen werden exemplarisch Mitglieder der vokalischen Deklination (a-, ō-, i-, u-Deklination) im Hinblick auf ihre Pluralmarkierung analysiert.
Sprachliche Variation wird unter anderem durch situative und funktionale Faktoren gesteuert, die in ihrem Zusammenspiel das grammatische System Register bilden. Auswirkungen dieses grammatischen Systems können anhand von rekurrierenden Konstellationen sprachlicher, funktionaler und situativer Merkmale beobachtet werden. Der Artikel präsentiert einen methodischen Goldstandard der historischen Registerermittlung, der auf der Grundlage von Otfrids Evangelienbuch entwickelt und an einem Textkorpus Martin Luthers erprobt wurde. Als Startpunkt fungiert ein intraindividueller Ansatz, der eine Fokussierung auf den Faktor „Register“ erlaubt. Mit Hilfe eines mehrschrittigen korpusbasierten bottom-up-Clusterverfahrens werden in Kombination mit qualitativen Methoden Kategorien im Evangelienbuch Otfrids von Weißenburg und in einem Korpus aus Luthertexten ermittelt. Ziel ist die Nutzbarmachung des Faktors „Register“ für die variationistische Forschung.
Es gilt als unbestritten, dass die Grammatik der historischen Sprachstufen im Allgemeinen und des Mittelhochdeutschen im Besonderen durch ihre Nähe zur „Mündlichkeit“ geprägt ist. Die „orale Syntax“ des Mittelhochdeutschen in der Grammatikschreibung zu berücksichtigen, ist jedoch trotz intensiver Forschung im Bereich historischer Mündlichkeit immer noch eine große Herausforderung, da unklar ist, wie sich die heterogenen Phänomene, die als mündlich angesehen werden, auf systematische Weise erfassen lassen. Schwierigkeiten ergeben sich dabei insbesondere vor der Frage, wie das allgemeine Bedingungsgefüge von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in den älteren Sprachstufen empirisch untersucht werden kann. Der Beitrag nähert sich dieser Frage, indem er einen Ansatz zur automatisierten Erkennung konzeptioneller Mündlichkeit auf das Mittelhochdeutsche überträgt, der von Ortmann & Dipper (2024) für die Sprachstufe zwischen 1700 und 1900 angewendet wurde. Bei der Übertragung auf das Mittelhochdeutsche zeigt sich im Vergleich, dass die Korrelation zwischen manueller und automatisierter Bewertung von Nähetexten sowie der Voraussagewert der einzelnen Merkmale geringer ist als für die neuhochdeutsche Sprachstufe. Dieses Ergebnis bildet die Basis für eine Diskussion, welche Implikationen daraus für die historische Grammatikschreibung gezogen werden können.
Der Beitrag adressiert die Frage nach einer adäquaten Modellierung der Grammatik historischer Sprachstufen unter Berücksichtigung einschlägiger variationslinguistischer Faktoren. Die Variationsdimension ‚Nähe-Distanz‘ kann inzwischen als etablierter Parameter zur Beschreibung sprachlichen Wandels angesehen werden. Nachdem Ágel/Hennig (2006) einen Ansatz zur Bestimmung der Nähesprachlichkeit eines beliebigen (historischen oder gegenwartssprachlichen) Textexemplars vorgestellt haben, der allerdings eine aufwändige manuelle Textanalyse erfordert, wird im vorliegenden Beitrag vor dem Hintergrund des Fortschritts im Bereich der maschinellen Sprachverarbeitung und des ebenso fortschreitenden fachlichen Wandels im Bereich der Methoden ein neues Modell vorgestellt: Schon die Skala selbst wird durch statistische Vereinfachung aus den in der Textanalyse zugrunde gelegten Merkmalen abgeleitet. Die Merkmale der Textanalyse wiederum basieren nähe-seitig auf den evaluierten, maschinell stabil analysierbaren Merkmalen nach Ágel/Hennig (2006) und werden um Vorschläge zu statistisch relevanten Merkmalen der konzeptionellen Schriftlichkeit ergänzt. Aufbauend auf einer maschinellen Analyse der Merkmale werden weitere Texte entsprechend statistisch verortet, sodass auch eine sehr große Textmenge auf dem Nähe-Distanz-Kontinuum verortet werden kann. Ein solches Verfahren kann nicht nur für den Korpusaufbau und die Zusammenstellung genutzt werden, sondern auch direkt für eine Korrelation mit Analysen zu Wandelphänomenen auf verschiedenen sprachlichen Ebenen. Der Beitrag illustriert Möglichkeiten anhand ausgewählter grammatischer Phänomene aus dem Bereich der Nominalgruppensyntax.
Die Untersuchung zielt darauf, Daten zur Genusresolution im Mittelhochdeutschen anhand des Quantors bėide ‚beide‘ aus dem Referenzkorpus Mittelhochdeutsch (1050–1350) explorativ zu untersuchen. Es bestätigt sich, dass bei der kombinierten Bezugnahme auf Personen mit demselben Genus die maskulin-feminine Form bėide verwendet wird, während bei unterschiedlichem Genus die neutrale Form bėidiu erscheint. Dies gilt auch, wenn sich bėide auf pronominale Referenten ohne overte Genusmarkierung wie ich oder du bezieht. Bei unbelebter Referenz wird ebenfalls die neutrale Form verwendet, unabhängig vom jeweiligen Genus der kombinierten Referenten. Schwankungen zwischen bėide und bėidiu treten auf, wenn der Quantor von einem intermediär auftretenden genusindifferenten Pronomen abhängt. Neben solchen Kontexten ohne eindeutige Kriterien zur formalen Genuskongruenz tritt Kongruenz ad sensum besonders deutlich bei gefloateten Quantoren hervor, was auf den Einfluss von Semantik auf Koindizierung außerhalb der Nominalphrase zurückgeführt wird.
Die präverbale Partikel afr. ne wird gemeinhin mit der Negation sowie ihrer Verdrängung durch nāwet im Zuge des Jespersen-Zyklus in Verbindung gebracht. Allerdings konnte ne zusätzlich auch als Exzeptivpartikel (‚es sei denn‘) und negierender Konnektor (‚weder ... noch‘) auftreten – ein Muster, das sich im gesamten Westgermanischen findet. Diese Studie soll nun mithilfe des Corpus Oudfries beweisen, dass ne auch im Friesischen jenseits der Negation Verwendung fand, und durch Analysen der raumzeitlichen Entwicklung sowie ausgewählter morphosyntaktischer und graphematischer Variablen sollen Strategien entwickelt und Faktoren gefunden werden, die eine Disambiguierung ambiger Wörter wie ne ermöglichen.
Die Deklinationsklasse der schwachen Maskulina hat vom Mittelhochdeutschen bis zum Neuhochdeutschen starke Veränderungen durchgemacht. Sie umfasste ursprünglich Substantive der ahd. n-Stämme. Im Gegenwartsdeutschen befinden sich darin – neben zahlreichen mehrsilbigen Fremdwörtern – beinahe ausschließlich Bezeichnungen für Personen und höhere Tiere, die mehrsilbig sind und auf Schwa auslauten (Weber & Hansen 2024: 29). Dieser Wandelprozess wurde im Verlauf der letzten knapp 200 Jahre vielfach untersucht. In diesem Artikel werden die Darstellungen aus der Deutschen Grammatik von Paul (1916–1920) mit der typenbasierten Analyse von Köpcke (2000a) verglichen, der Paul (1916–1920) als Datengrundlage nimmt. Zwei tokenbasierte Korpusstudien zeigen anschließend Unterschiede zwischen den beiden Ansätzen auf und evaluieren dabei die in Paul (1916–1920) und Köpcke (2000a) verwendeten Lemmalisten. Dabei zeigt sich, dass die Übernahme aller bei Paul (1968) verzeichneten Lemmata nur bedingt mit Köpckes (2000a) theoretischen Ausführungen übereinstimmen. Bei einer differenzierteren Auswahl der Lemmata eignet sich Paul (1916–1920) allerdings gut als Quelle und liefert überdies Hinweise auf weitere zu untersuchende Einflussfaktoren für die diachrone Deklinationsklassenzugehörigkeit von apokopierten Maskulina.
Die grammatikographische Beschreibung von Sprachsystemen nicht-normierter Sprachstufen ist mit zahlreichen Herausforderungen verbunden. Neben der grundlegenden Frage nach einer geeigneten Materialbasis, die idealerweise alle Zeiträume und Regionen einer Sprachstufe sowie sämtliche Formen der Schriftlichkeit berücksichtigt, müssen Überlegungen angestellt werden, wie Datenmuster zu möglichen Regeln zusammengeführt und Variationen bewertet werden können. Die Beschreibung der Lautung historischer Sprachstufen zeigt hierbei eine besondere Aufgabe, deren Bewältigung andere Anforderungen an die Bearbeitenden stellt als die Morphologie oder die Wortbildung. Der vorliegende Beitrag bietet einen Einblick in die Erarbeitung des Teilbandes I der neuen Mittelhochdeutschen Grammatik zur Phonologie und Graphematik und befasst sich insbesondere mit den Herausforderungen und Lösungsansätzen, historische Lautsysteme aus schriftlichen Quellen zu rekonstruieren. Im Grammatikband werden dabei sowohl graphie- als auch phonembezogene Perspektiven berücksichtigt, um eine möglichst präzise Analyse der mittelhochdeutschen Lautstruktur zu ermöglichen. Variabilität ist ein zentrales Merkmal dieser Sprachstufe, dies ist bedingt durch diachrone Entwicklungen, regionale Besonderheiten und individuelle Schreibkonventionen. Der vorliegende Beitrag bietet einen Einblick in die Analyse, die Erfassung der Daten (Graphem-Phonem- und Phonem-/Graphem-Übersichten) und die Nutzung verschiedener Möglichkeiten der Ergebnisdarstellung im gedruckten Band.
Idiomatisierung als Bezugsgröße spielt in der geltenden Normierung der Schreibung von Adjektiv-Verb-Verbindungen eine zentrale Rolle. Sie wurde erstmals in der zweiten Auflage des Buchdrucker-Dudens aus dem Jahre 1907 als schreibrelevant eingeführt und wird seitdem auch für den Schreibgebrauch als konstitutiv angenommen, eine systematische Überprüfung fand zu keinem Zeitpunkt statt. Die Pilotstudie setzt hieran an. Sie erhebt den Schreibgebrauch im Zeitraum von 1871 bis 1915 für eine Auswahl an Adjektiv-Verb-Verbindungen und setzt ihn mit der zeitgenössischen Normierung ins Verhältnis. Aus der Interpretation der Daten zeigt sich, dass in den Anfängen der Zusammenschreibung von Adjektiv-Verb-Verbindungen nicht ein etwaiger metaphorischer Gebrauch, sondern grammatische Kriterien wirksam werden.
Im Laufe der frühen Phase des Neuhochdeutschen hat im Bereich der Adjektivflexion -en die ältere s-Flexion abgelöst (z.B. frohe s Mutes → frohe n Mutes). Untersucht wird in diesem Zusammenhang die Frage, welchen Einfluss sprachreflexive Werke des 17. und 18. Jahrhunderts auf diese Entwicklung genommen haben. Die Gegenüberstellung von korpuslinguistischen Daten aus dem historischen Korpus Deutsches Text Archiv + Erweiterungen und ausgewählten Werken aus den zwei genannten Jahrhunderten ergibt, dass sich die n-Flexion nicht nur ohne Zutun der Sprachtheoretiker, sondern gegen deren Empfehlungen bzw. normativen Setzungen durchgesetzt hat. Vor dem Hintergrund des Spannungsverhältnisses zwischen realem Sprachgebrauch und Normsetzung werden mögliche Gründe dafür diskutiert, warum sich der allgemeine, überindividuelle Sprachgebrauch und die metasprachlichen Aktivitäten der Sprachtheoretiker in entgegengesetzte Richtungen bewegten.
Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit Grammatiklehrwerken des 19. Jahrhunderts, die im Deutschunterricht an Gymnasien der Habsburgermonarchie verwendet wurden. Anhand ausgewählter zeitgenössischer Schulgrammatiken wird der Frage nachgegangen, inwieweit regionale Varianz thematisiert, wie sie bewertet wurde und welche Rolle historische Varietäten des Deutschen in diesen Lehrwerken spielten. Die Analyse von vier Schulgrammatiken hat gezeigt, dass die sprachdidaktischen Konzepte dieser Zeit stark von der Vorstellung einer einheitlichen, standardisierten deutschen Sprache geprägt waren. Dementsprechend wird in den untersuchten Lehrwerken das „richtige“ Hochdeutsch als bevorzugte Sprachform dargestellt, da es mit höherem Bildungsniveau assoziiert wird und allgemein verständlich ist. Im Gegensatz dazu werden Mundarten als trennend und überregional nicht verständlich betrachtet und als Abweichung von der einheitlichen deutschen Sprache angesehen. Diese Ansätze dürften in der Praxis oft an ihre Grenzen gestoßen sein, vor allem in den mehrsprachigen Regionen der Monarchie, wie z. B. Galizien.
Zusammenfassung Ziel dieses Beitrags ist es, den Phonemzusammenfall der in der fnhd. Diphthongierung entstandenen Laute ai – au mit den Altdiphthongen ei – ou in der Mündlichkeit zu rekonstruieren. Untersucht werden die velaren Reihenglieder der beiden Lautreihen. Die Analyse wird anhand von vereinfacht nachgezeichneten Sprachkarten der Dialekte in Hessen auf der Grundlage des Sprachatlas des Deutschen Reichs von Georg Wenker durchgeführt. Es soll dargelegt werden, dass sich der Phonemzusammenfall der beiden Diphthongreihen, entgegen der ursprünglichen Annahme der Sprachgeschichtsforschung, in der Mündlichkeit vorbereitet hatte, um sich in der Schrift- und Standardsprache durchzusetzen.
Zusammenfassung Regionale Sprachgeschichtsschreibung mit dem Ziel einer Überblicksdarstellung muss konkurrierende Einteilungskriterien berücksichtigen, ohne den regionalen Fokus aus dem Blick zu verlieren. Einzelvarietäten- und mehrsprachigkeitsorientierte Ansätze stehen sich gegenüber und lassen die Frage der sprachräumlichen Einteilung sekundär erscheinen gegenüber der Entscheidung zur Darstellung bestimmter Varietäten und ihrer Datenquellen. Das vorhandene Material wird zu einer möglichst konsistenten Sprachgeschichtserzählung geformt. Abhängig von umgebenden gesellschaftlichen Diskursen erweisen sich diese Sprachgeschichtserzählungen als zeitgebunden. Eine wechselhafte politische und territoriale Entwicklung lässt die Region Schleswig-Holstein für eine Diskussion zur Strukturierung und Adressierung regionaler Sprachgeschichtserzählungen prädestiniert erscheinen.
Zusammenfassung Der vorliegende Beitrag präsentiert die Ergebnisse einer Pilotstudie zur dialektometrischen Auswertung von Material des „Wörterbuchs der bairischen Mundarten in Österreich“ (WBÖ). Dabei handelt es sich ursprünglich um eine Sammlung von ca. 3,6 Millionen Handzetteln aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, von denen ein Großteil in den letzten Jahrzehnten digitalisiert wurde und mittlerweile als XML/TEI-Datenbank vorliegt (vgl. Bowers & Stöckle 2018).Der Beitrag verfolgt dabei zwei Ziele: Zum einen soll das WBÖ-Material vorgestellt und insbesondere kritisch im Hinblick auf seine Verwendbarkeit für dialektometrische Analysen diskutiert werden. Da die Daten für ein Wörterbuchprojekt erhoben wurden und daher anderen empirischen Standards entsprechen als etwa Sprachatlas-Daten, besteht eine Herausforderung in der Aufbereitung und Evaluation des Materials. Das zweite Ziel besteht in der Präsentation der dialektometrischen Analyse und der sich daraus ergebenden dialektalen Raumstrukturen. Diese sollen mit bekannten traditionellen Einteilungen der bairischen Dialekte (vgl. z. B. Wiesinger 1983a), aber auch mit neueren alltagssprachlichen Gliederungen (vgl. Pickl et al. 2019) verglichen und dabei sowohl methodisch als auch sprachgeographisch verortet werden.
Zusammenfassung Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, die räumliche Ausbreitung des possessiven Dativs und funktional ähnlicher Konstruktionen (possessive Genitivkonstruktionen) zu unterschiedlichen Zeiten auf einer breiten Datenbasis zu beleuchten. Dafür wurde anhand des Deutschen Textarchivs und seiner Ergänzungen eine Korpusstudie durchgeführt, deren Ergebnisse anschließend mittels Georeferenzierung visualisiert wurden. Voraussetzung hierfür war die zeitintensive manuelle Verortung sämtlicher Texte des Deutschen Textarchivs. Die Visualisierung der Gesamttextmenge des DTA hat dabei offenbart, dass der zeitliche und räumliche Zuschnitt des DTA für Fragestellungen nach Raum und Zeit nur bedingt geeignet ist: So finden sich einerseits nur sehr wenige Texte/Belege vor 1500 und für die Zeit danach sind die Texte im deutschen Sprachraum eigentlich zu heterogen verteilt. Mit aller Vorsicht kann dennoch eine Tendenz zur Raumbildung ausgemacht werden: Possessive Dative finden sich bis 1700 v. a. im Westoberdeutschen, Genitivkonstruktionen mit Possessivpronomen hingegen im Ostmitteldeutschen.
Zusammenfassung Die Schreibsprache der Reichsstadt Nürnberg in der Frühen Neuzeit kennzeichnet eine enge Verwobenheit dialektgeographischer und soziokultureller Einflüsse. Im vorliegenden Beitrag werden zunächst die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu der Schreibsprache der Nürnberger Briefbücher um 1400 vorgestellt, um Fragen von Regionalität und Überregionalität nordostoberdeutscher Schriftlichkeit zu klären. Das hohe Prestige der Nürnberger Kanzleisprache ist durch politische und wirtschaftliche Faktoren beeinflusst wie später ebenso der deutlich erkennbare Wechsel zum gemeinen Teutsch bairischer Prägung. Nach dem Übertritt zur Reformation orientierte sich die offizielle Schriftlichkeit weitgehend am ostmitteldeutschen Vorbild Martin Luthers, während Privatbriefe der Zeit in Abhängigkeit von Bildung und Wirkungskreis der Schreibenden eine Vielzahl (über-)regionaler Varianz aufweisen. Durch die bewusste Entscheidung zu einer am Protestantismus orientierten Schreibsprache wird die öffentliche Schriftlichkeit in der Zeit der Glaubensspaltung zunehmend zum Mittel konfessioneller Positionierung im Sinne von „Enregisterment“ oder „Stancetaking“. Die Studie hat zum Ziel, Regionalität und Kulturalität für die Frühe Neuzeit neu zu bewerten.
Zusammenfassung Der Beitrag zeigt anhand der g -Spirantisierung, wie eine Kombination aus mündlichen und schriftlichen Quellen aus den letzten Jahrhunderten die Präsenz eines Merkmals im gesprochenen Hochdeutsch in einem bestimmten (hier: ostfälischen) Sprachraum nachweisen kann. Er plädiert für eine Ausweitung der Methodik, um die Entwicklung des landschaftlichen Hochdeutsch zu den heutigen Regiolekten nachzuzeichnen.