
In der Literatur der extremen und der Neuen Rechten spielt der Rechtsstaat eine immer größere Rolle. Kritik am liberalen Rechtsstaatsverständnis wird vor allem im Kontext der Migrations- und Sozialpolitik geäußert. Am Beispiel ausgewählter extrem rechter und neurechter Publikationen werden die darin vertretenen Rechtsstaatsverständnisse diskutiert und erläutert, wie diese als Scharniere in den radikalisierten Konservatismus fungieren. Eine Untersuchung des Rechtsstaatsverständnisses und der Rechtspolitik der extremen und Neuen Rechten wird somit als relevanter Forschungsgegenstand der Rechtsextremismusforschung begründet.
Die vorliegende, von Mai bis Juni 2023 durchgeführte quantitative explorative Studie untersucht, wie weit Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bei Studierenden der Sozialen Arbeit und Kindheitspädagogik verbreitet ist. Hierzu wurde eine Kurzskala der Mitte-Studie genutzt. Daten von insgesamt N=482 Studierenden, davon 351 Studierende der Sozialen Arbeit (72,8%) und 131 Studierende der Kindheitspädagogik (27,2%) konnten ausgewertet werden. Es ließen sich insbesondere Abwertungen gegenüber Arbeits- und Obdachlosen sowie gegenüber Asylsuchenden und muslimischen Mitbürger:innen feststellen. Eine Clusteranalyse zeigte, dass 4,5% der Studierenden der Sozialen Arbeit und 7,9% der Studierenden der Kindheitspädagogik deutlich ausgeprägt abwertende Einstellungen vertreten. Diese Ergebnisse verweisen zum einen auf Herausforderungen für die Lehre an Hochschulen, da davon auszugehen ist, dass Studierende mit autoritär-abwertenden Einstellungen in den untersuchten Studiengängen vertreten sind. Zum anderen stellt sich der Praxis die Aufgabe, die professionsethische Haltung angehender Fachkräfte stärker zu adressieren. Für zukünftige Forschung ist es sinnvoll, zielgruppenspezifischere Erhebungsinstrumente zu entwickeln und ein längsschnittliches Studiendesign anzustreben.
Die Neue Rechte und auch die Alternative für Deutschland (AfD) befinden sich in einem Konflikt zwischen sozial-patriotischen und rechts-libertären Richtungen. Auch einzelne Autoren sind durch ein Spannungsverhältnis zwischen Staatsabsolutierung und Staatskritik geprägt. Diese Ambivalenz ist nicht zufällig, sondern zeigt sich auch bei Rechtsintellektuellen der Weimarer Republik, besonders bei Oswald Spengler, auf den sich die Neue Rechte explizit bezieht. Spengler prägte das Schlagwort des preußischen Sozialismus, wendete sich gegen Liberalismus und Finanzkapitalismus, kritisierte aber zugleich die Steuerbelastung von Unternehmen, den Sozialstaat und die Gewerkschaften. Durch eine Rekonstruktion von Spenglers Begründungsversuchs seines autoritären Wirtschaftsdenkens, das durch sich widersprechende Aspekte geprägt ist, lassen sich wirtschaftspolitische Positionen der Vertreter der Neuen Rechten historisch-systematisch einordnen und die Konflikte innerhalb der AfD besser einschätzen.
Zivilgesellschaftliches Engagement gegen Rechtsextremismus in ländlichen Räumen trifft auf eine provinzielle politische Kultur. Provinzielle politische Kultur ist dadurch charakterisiert, dass „jede:r jede:n kennt“ und ist, daraus folgend, geprägt durch personenzentrierte Politik, Konformitätsdruck, Konsens- und Harmonieorientierung, Misstrauen gegenüber und Ablehnung von Fremden und insgesamt eine reaktionäre lokale Identität. Im Beitrag wird analysiert, wie sie sich auf das Engagement gegen die umtriebigen extrem rechten Akteur:innen in zwei Nachbardörfern auswirkt. Basierend auf qualitativen Interviews und Beobachtungen wird gezeigt, wie die provinzielle politische Kultur das Engagement gegen Rechtsextremismus in einem Dorf behindert, im anderen jedoch befördert.
Der Artikel untersucht die Erinnerungskämpfe verschiedener Akteur:innen in Leipzig, die zwischen 1990 und 2020 um das öffentliche Gedenken an Todesopfer rechter Gewalt geführt wurden. Der Artikel zeichnet die Entwicklung nach, in der sich die Erinnerung an rechte Gewalt von einer Marginalisierung zu einer wachsenden gesellschaftlichen Aufmerksamkeit verschoben hat. Die theoretische Grundlage bildet Jenny Wüstenbergs Konzept des Erinnerungsaktivismus, der zivilgesellschaftliche Akteur:innen in den Mittelpunkt stellt. Mithilfe der historischen Diskursanalyse nach Armin Landwehr wurden über 300 Zeitungsartikel, städtische Dokumente und Zeugnisse von Erinnerungsaktivist:innen analysiert. Die Ergebnisse zeigen: Rechte Gewalt wurde in den frühen 1990er-Jahren von Stadt und Medien entpolitisiert. Erste Formen gesellschaftlichen Protests wurden nach dem Mord an Achmed Bachir 1996 sichtbar. Ein Wendepunkt war die Ermordung Kamal Kilades 2010, die eine gesellschaftliche Mobilisierung und erinnerungsaktivistische Auseinandersetzung auslöste. Die Studie betont, dass das Erinnern an rechte Gewalt in Leipzig wesentlich durch den anhaltenden zivilgesellschaftlichen Erinnerungsaktivismus geprägt ist.
Right-wing extremism among young people often gets attributed to radicalisation on social media. This study examines how the use of various social media platforms affects extremist-leaning attitudes of young people in Germany. A particular focus is placed on TikTok, as the platform has grown rapidly among young people and is discussed in public debates as a potential influence on far-right orientations. Methodologically, the analysis is based on a representative online survey (n = 2,099; ages 16–27) with self-reported data on party sympathies, political self-placement, and social media usage intensity. The results show a positive association between the intensity of social media use and far-right attitudes. The findings also indicate that this relationship varies in strength across different platforms, and the platform TikTok does not stand out as a particularly strong accelerant of radicalization.
Ziel des Beitrags ist es, eine empirisch fundierte Bestimmung der spatial imaginaries Stadt und Land in den Erzählungen der radikal rechten Kleinstpartei Freie Sachsen vorzunehmen. Dafür wird die zur Partei gehörige Zeitschrift „Aufgewacht. Das Politikmagazin für Sachsen/Magazin des Widerstands“ aus einer humangeografisch informierten Perspektive von 2022 bis 2024 qualitativ inhaltsanalytisch ausgewertet. Als Ergebnis konnten vier Muster der Erzählungen über Stadt und Land identifiziert werden, die das Land zur Arena des radikal rechten Widerstandes gegen falsche gesellschaftliche Entwicklungen, die in der Großstadt ihren Ausgang nehmen, hervorbringen. Zur Analyse dieser Ergebnisse schlagen wir vor, Erzählungen über Stadt und Land als Ausdruck populistischer Kommunikationsstrategien und der Metaerzählung des Great Reset zu verstehen.
Es ist Ziel dieses Artikels, die Verwobenheit völkischen Denkens mit einer neuheidnischen Religion aufzuzeigen und die Funktion dieser Weltansicht in subjektorientierter Perspektive zu analysieren. Theoretisch an Luckmanns Konzept der Unsichtbaren Religion ausgerichtet, wird untersucht, wie sich dieser Glaube individuell stabilisiert und in Zeiten von Krisen und Verunsicherung bewährt. Geleitet durch den Grounded Theory-Ansatz wird der Fall eines „rechts-patriotischen Heiden“ untersucht. Als zentrales Ergebnis wird die Kontingenzbewältigung durch Unveräußerlichkeit herausgestellt. Dies entfaltet sich in folgender Dynamik: Durch Scheitern gewaltvoller Strategien und Läuterung zu einem authentischen Selbst wird über einen wesensgleichen Glauben, in der mittelbaren Kommunikation mit den Göttern, Trost und Gewissheit erfahren. Diese Analyse bietet Einblicke in interne Stabilisierungsmechanismen einer religiös gewandten völkischen Weltansicht über das Jugendalter hinaus.
Die Wahrnehmung, Thematisierung und Bewertung von Bedrohungen gegen zivilgesellschaftliche Akteur:innen der Demokratiearbeit stellt einen Kompass für gesellschaftspolitische Entwicklungen und deren diskursive Rahmungen dar. Dabei steht die Frage im Fokus, wie Inklusions- und Exklusionsmechanismen zur Konstruktion einer erwünschten zivilgesellschaftlichen Demokratiearbeit beitragen. Als zentraler Referenzpunkt kann hier die Verortung von Akteur:innen in und außerhalb der gesellschaftlichen Mitte dienen. Die politische Markierung ‚links(‐extrem)‘ spielt dabei eine bedeutsame Rolle. Dieser Beitrag analysiert auf Basis von 20 qualitativen Interviews mit Personen aus dem Feld der Demokratiearbeit gegen Rechts Prozesse der Vermittung, Verrandständigung und Auftrennung des Engagements. Die Ausführung leistet einen Beitrag zur Analyse von Bedrohungen als Marker für gesellschaftliche Ordnungen und erweitert folglich den Fokus über die individuelle Betroffenheit hinaus.
Vor dem Hintergrund eines weltweiten „Authoritarian Turn“ wird gefragt, inwieweit sozialwissenschaftliche Autoritarismus-Konzeptionen den gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen gerecht werden bzw. inwieweit es sich lohnt, nach ergänzenden Erklärungen zu suchen? Nach einem Blick in die bekannte Geschichte der Autoritarismusforschung werden verschiedene Autoritarismus-Konzeptionen diskutiert: Der „Right-Wing Authoritarianism“ von Altemeyer, die Autoritarismus-Konzeption von Decker und Kolleg:innen, die „Theorie der sozialen Dominanz“ von Sidanius und Pratto, das „duale Prozessmodell“ von Duckitt sowie die Konzeption des „libertären Autoritarismus“ von Amlinger und Nachtwey. Schließlich wird das Konzept des „Group Narcissism“ von Erich Fromm mit dem „Social Identity Approach“ von Tajfel und Kolleg:innen verglichen. Für Erich Fromm ist der Gruppen-Narzissmus ein relativ stabiles Moment eines Gesellschafts-Charakters. Autoritär eingestellte Gruppen-Narzisst:innen kümmern sich ausschließlich und ohne Skrupel um ihre eigene (und gruppenbezogene) Einzigartigkeit, ihre Macht und ihr Geld und diskriminieren deshalb schamlos schwache und unterlegene Gruppen. Vorgeschlagen wird deshalb, darüber zu diskutieren, ob der Gruppen-Narzissmus nicht ein nützlicher und theoretischer Ansatz sein kann, um in Ergänzung zu den bisherigen Autoritarismus-Konzeptionen auch den Elitarismus der Trumpist:innen und ihrer Unterstützer:innen beobachten und analysieren zu können.
Verschwörungsideologien sind oftmals mit völkisch-autoritären Weltanschauungen verknüpft und können zu einem gefährlichen gesellschaftlichen Klima führen. Im vorliegenden Artikel werden quantitative Forschungsergebnisse des Projekts „RaisoN“ dargestellt, in dem u. a. Auswirkungen von Verschwörungsideologien auf soziale Nahräume erforscht werden. Hierzu wurden Fachkräfte der Beratungs- und Bildungsarbeit mittels quantitativer Fragebogenerhebung befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass Verschwörungsideologien negative Auswirkungen auf das soziale Miteinander und die psychische Gesundheit von Betroffenen haben und zu Radikalisierungsprozessen in diesen sozialen Räumen führen können. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit spezialisierter Bildungsund Beratungsangebote für Fachkräfte, um kompetent und nachhaltig auf die Herausforderungen im Umgang mit Verschwörungsideologien zu reagieren. Zusätzlich sind Informations- und Austauschplattformen für Betroffene nötig, um die psychischen und sozialen Folgen besser zu bewältigen. Die Analyse zeigt, dass Verschwörungsideologien zur Radikalisierung von Gemeinschaften und zur weiteren gesellschaftlichen Fragmentierung führen können.