
Basierend auf 13 Interviews mit ehemaligen männlichen Mitgliedern rechtsextremer Kameradschaften untersucht der Beitrag, wie Individuen zu kollektiv agierenden Gewaltsubjekten im öffentlichen Raum werden. Anknüpfend an gegenwärtige Diskurse um eine kontextsensible Mikrosoziologie der Gewalt (Nassauer 2018, 2022'; Koepp/ Schattka 2022) verorte ich den Beitrag praxeologisch. Im Zentrum steht die Frage, durch welche Praktiken sich männliche Angehörige rechtsextremer Kameradschaften selbst und gegenseitig zur wiederholten Ausübung kollektiver physischer Gewalt im öffentlichen Raum befähigen. Die Befunde zeigen, dass Wege in die Gewalt eine voraussetzungsvolle Praxis darstellen (Roßmeißl 2025). Sie folgen weder einer Eskalationslogik (Kohlstruck/Münch 2024) noch sind sie als Sprung in die Gewalt zu verstehen (Hauffe 2025). Vielmehr lassen sich komplexe Verkettungen normativ grundierter und affektiv aufgeladener Praktiken rekonstruieren, die als Brücke zwischen diskursiven rechtsextremen Ideologien und dem Moment der Gewaltausübung fungieren. Die Studie schließt an die kontextsensible Mikrosoziologie der Gewalt an und macht prozessuale Verläufe von Vorbereitung, Befähigung und Einstimmung bis hin zur Ausübung von Gewalt empirisch sichtbar.
Personen, die strafrechtlich verurteilt werden und denen eine psychische Erkrankung attestiert wird, werden nach einer Verurteilung nach § 63 StGB/§ 64 StGB in der forensischen Psychiatrie untergebracht und dort mit den Zielen der „Besserung und Sicherung“ (§ 62 StGB) verwahrt. In diesem Beitrag wird der Maßregelvollzug nach § 64 StGB aus einer gesundheitssoziologischen Perspektive untersucht, wobei der Schwerpunkt auf der interaktiven Hervorbringung – dem Doing – von Gesundheit und Krankheit liegt. Dazu wurden im Rahmen einer qualitativen Studie neun Interviews mit Untergebrachten und Angestellten des Maßregelvollzugs geführt, die mittels der Grounded Theory ausgewertet wurden. Hierbei zeigte sich, dass die Untergebrachten für ein erfolgreiches Durchkommen komplexe performative Praktiken inkorporieren müssen.
Ausgehend von polizeigewerkschaftlicher Wissenschaftskritik beschäftigt sich der Beitrag mit der Frage, weshalb die Polizeigewerkschaften von der sozialwissenschaftlichen Forschung bisher stark vernachlässigt wurden, obwohl sie als machtvolle politische und ideologische Akteure agieren.
This workshop report zooms into methodological aspects of a concluded research in Cultural and Global Criminology, carried out in the field of scholarship on transnational policing and border-criminology. Herein I propose drawing as a methodological practice: as a method in field-research, as a tool for thinking and as a means for communicating research. I do so by sharing selected images from my PhD dissertation “policing-mobilities in the border-strip” (2021) and a resulting exhibition, which foregrounded methodological aspects for an academic audience. It titled “Splash page exhibition: visualization & visual engagement”. Situating this practice within the field of visual critical and cultural criminology and developments in creative ethnographic methods in anthropology, I reflect upon what drawing might offer to criminology as an epistemological as well as (re)presentational tool for (visual) knowledge production.
Mit der Ausbreitung von Technologien künstlicher Intelligenz verändern sich polizeiliche (Video)-Überwachungspraktiken. Der Beitrag fragt am Beispiel des Tests einer automatisierten Detektionssoftware für sog. atypische Bewegungsmuster in Hamburg nach den Rationalitäten und Legitimierungsweisen der neuen Techniken sozialer Kontrolle. Auf der Basis einer Kritischen Diskursanalyse der Mediendebatte wird dabei argumentiert, dass die Automatisierung auf eine Purifizierung der Videoüberwachung zielt, die einerseits einer veränderten Rationalität effizienter Machtausübung folgt und andererseits die legitimatorische Effizienz der Überwachung, d. h. ihre gesellschaftliche Durchsetzbarkeit, erhöht. Indem die KI-Technik als datenschutzsensibel und diskriminierungsfrei gerahmt wird, gewinnt sie nicht nur die Polizei als ordnungspolitische Diskursautorität, sondern auch Datenschutzbeauftragte und liberale Parteien für sich, die vormals kritische Positionen bezogen. Die Purifizierung der Überwachung bewirkt so neben der Veränderung von Kontrollpraktiken auch eine Neuordnung des diesbezüglichen Diskurses.
Aldo Legnaro für die Redaktion, den Herausgeber:innenkreis und den wissenschaftlichen Beirat des Kriminologischen Journals. Im Gedenken an Fritz Sack (26. Februar 1931 – 18. August 2025)
In der Maßregelvollzugsforschung steht zunehmend im Fokus, wie eine Resozialisierung von nach § 63 StGB und § 64 StGB untergebrachten Personen erfolgreich gelingen kann. Die vorliegende Studie ergründet mittels qualitativer, leitfadenbasierter Interviews, inwiefern Patienten des Maßregelvollzugs Stigmatisierung erleben, welche Probleme sich daraus für die Resozialisierung ergeben und wie dadurch eine Inanspruchnahme weiterer freiwilliger externer Angebote gehemmt wird. Die Resultate geben einen Einblick in die Erlebniswirklichkeit von Patienten des Maßregelvollzugs und haben Implikationen für Resozialisierungsmaßnahmen.
Die aktuelle Netflix-Serie Adolescence löste in Großbritannien Debatten um sozialmedial vermittelte Männlichkeit und Tötungen von Mädchen durch Jungen bzw. junge Männer aus. Die Serienproduzenten, besorgte Eltern und Politiker:innen forderten, die Serie in Schulen zu zeigen, und diskutierten ein Verbot Sozialer Medien für unter 16-Jährige. Der Diskussionsbeitrag zeichnet die Debatte nach und problematisiert, wie das Re-Framing als (reine) Genderfrage bei gleichzeitiger Engführung auf Denkweisen als Problem und Verbote als Lösung, weitere soziale und v. a. materielle Faktoren verdeckt. Er schlägt stattdessen eine sozialpsychologische Lesart des Phänomens der Incels vor.
Der Beitrag aktualisiert die Forschungslandschaft zu islamistischer Radikalisierung in Bezug auf die ausgeprägte Logik der Versicherheitlichung im Feld und den damit einhergehenden Bearbeitungsimperativ für eine sozialpädagogische Prävention. Er führt einige von uns an anderer Stelle entwickelte Thesen sowohl theoretisch als auch empirisch weiter, indem er frühere empirische Befunde aus qualitativen Interviewstudien mit Fachpraktiker:innen der Radikalisierungsprävention aufgreift und mit Interviewdaten aus einer aktuellen Studie kontrastiert. Dadurch können wir exemplarisch zeigen, wie sich die Islamismusprävention über die Zeit professionalisiert hat und zugleich nun andere soziale Probleme mit thematisiert, um islamistische Radikalisierung weiterhin aktuell zu halten.
Wir nehmen den 15. Jahrestag des Erscheinens von Goldsmiths (2010) Analyse zur neuen Sichtbarkeit der Polizei zum Anlass, seine Thesen aufzugreifen und einer erweiternden, visualitätssoziologisch informierten Analyse zu unterziehen. Wir argumentieren, dass der Annahme von Goldsmith, der zufolge polizeiliche Arbeit durch neue Videotechnologien stetig einer größeren gesellschaftlichen Sichtbarkeit unterworfen wird, zwar weiterhin bzw. noch stärker als zuvor zuzustimmen ist. Allerdings sind Erweiterungen seiner Argumentation angezeigt: Die neue Sichtbarkeit wirkt weniger direkt und auch weniger eindeutig als von ihm angenommen, sondern wird sowohl von polizeilichen Akteur:innen als auch von den betroffenen Bürger:innen und zivilgesellschaftlichen Beobachter:innen reflexiv aufgenommen und bearbeitet. Damit führt sie zu einer Veränderung von Praktiken und der Herausbildung neuer kommunikativer Formen. Wir diskutieren dies auf drei unterschiedlichen Ebenen – Situationen, strukturelle Veränderungen und reflexive Ausfomung –, die wir jeweils anhand eines empirischen Beispiels – polizeiliche Bodycams, Vernehmungen, Digitales Community Policing – plausibilisieren.