
Die Histaminintoleranz stellt ein komplexes und multifaktorielles Beschwerdebild dar, das in den vergangenen Jahren sowohl in der ernährungstherapeutischen Praxis zunehmend an Bedeutung gewonnen hat als auch Gegenstand kontroverser wissenschaftlicher Diskussionen ist. Der westliche Therapieansatz basiert vor allem auf der Reduktion beziehungsweise dem Meiden histaminreicher Lebensmittel. Die chinesische Diätetik ergänzt diesen Ansatz, indem sie nicht die Karenz in den Vordergrund stellt, sondern die Behandlung des zugrunde liegenden Disharmoniemusters mit dem Ziel, die individuelle Verträglichkeit langfristig zu verbessern. Der vorliegende Beitrag verbindet den aktuellen Kenntnisstand zur Histaminintoleranz mit den Prinzipien der chinesischen Diätetik. Neben dem Pathomechanismus aus Sicht der Chinesischen Medizin werden häufige Symptomkonfigurationen, diätetische Therapieempfehlungen sowie ein strukturiertes therapeutisches Vorgehen für die Praxis dargestellt. Zwei Fallbeispiele veranschaulichen die praktische Umsetzung des komplementären Behandlungskonzepts.
In der chinesischen Kultur und in der chinesischen Medizin besteht eine enge Verschränkung von Lebensmitteln und Arzneimitteln, sie wird als yao shi tong yuan („Medizin und Ernährung haben denselben Ursprung“) bezeichnet. In diesem Artikel wird in drei Abschnitten diese Verwobenheit von Lebensmitteln und Arzneimitteln erörtert und ihre klinische Bedeutung illustriert: Zunächst wird auf eine Tradition von Kochrezepten eingegangen, die Lebensmittel und Arzneimittel zur Förderung der Gesundheit und der Konstitution kombinieren. Anschließend wird die Wichtigkeit von Lebensmitteln in der Aufbereitung von Arzneimitteln (paozhi) detailliert besprochen. Der letzte Teil zeigt anhand von Beispielen von Arzneimitteln, die auch Lebensmitteln sind, wie wichtig Lebensmittel für unsere Gesundheit und Gesundung sein können.
In diesem Beitrag möchte ich Essensverbote in der chinesischen Diätetik analysieren und ihren medizinischen Hintergrund beleuchten, indem ich sie vor allem in Hinblick auf ihre Unterteilung in verschiedene Kategorien untersuche. Zunächst gehe ich auf den Begriff „Essensverbot“ shijin 食禁 oder shiji 食忌 ein und nenne die frühen, oft verloren gegangenen Texte. Die Kapitel 24 und 25 aus Zhang Zhongjings „Wichtigen Besonderheiten aus der goldenen Schatulle“ (Jingui yaolüe 金匱要略) aus der Zeit um 196–200 weisen eine auffällige Ähnlichkeit mit diesen verlorenen Fragmenten auf und dienen als eine Grundlage der Analyse, wie auch die deutlich späteren „Richtlinien über Essen und Trinken“ (Yinshan zhengyao 饮膳正要, von Hu Sihui, um 1330). Als sechs Hauptunterscheidungskriterien für diese Kategorien sind zu nennen: zeitliche Kriterien, einseitiger und exzessiver Genuss, bestehende Krankheiten, Schwangerschaft, schädliche, toxische Mittel sowie Inkompatibiltäten. Für jede Kategorie werden typische Beispiele aufgeführt. Generell lässt sich feststellen, dass Essensverbote in der chinesischen Diätetik viele Vorsichtsmaßnahmen, Hinweise auf die Zubereitung der Speisen und rituelle Bezüge beinhalten. Außer Empfehlungen zur Essensaufnahme haben sie soziale, symbolische und religiöse Funktionen und spielen im Entsprechungssystem der Chinesischen Medizin mit ihren kosmologischen Bezügen eine wichtige Rolle.