
Dieser Beitrag thematisiert die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte einiger früher Schriften zur Psychologie des Konzentrationslagers, welche zwischen 1943 und 1954 in deutscher oder englischer Sprache veröffentlicht wurden. Vorgestellt werden die Arbeiten von Bruno Bettelheim, Curt Bondy, Elie Cohen, Ernst Federn, Viktor Frankl und Emil Utitz, die eine Haftzeit von mehreren Wochen bis zu sieben Jahren in verschiedenen nationalsozialistischen Konzentrationslagern überlebten. Nach ihrer Befreiung analysierten sie die psychischen Reaktionen auf die Verhaftung und Deportation, die Selektion und Aufnahme in das Lager sowie die tiefgreifenden Veränderungen in der Persönlichkeit und im Verhalten der Inhaftierten im Zuge der Anpassung an das Lagerleben. Neben den zentralen Thesen dieser Schriften wird ihre Rezeption innerhalb der Sozial- und Politikwissenschaften, der Psychotherapie und Psychiatrie sowie die ab den 1970er-Jahren wachsende Kritik an der Psychologie des Konzentrationslagers in den Geschichtswissenschaften und der Holocaustforschung diskutiert. Abschließend werden einige methodische und ethische Probleme eines psychologischen Zugangs zum Konzentrationslager sowie mögliche Ansatzpunkte für eine weiterführende psychologisch-historische Rekonstruktion der Psychologie des Konzentrationslagers skizziert.
Im Jahr 1926 erschien ein Artikel des Frankfurter Nervenarztes Kurt Goldstein unter dem Titel „Das Symptom, seine Entstehung und Bedeutung für unsere Auffassung vom Bau und von der Funktion des Nervensystems“, der ein Jahr nach Goldsteins Tod vom sowjetischen Neurologen und Neuropsychologen Alexander Lurija als eigentlicher Beginn der Neuropsychologie gewürdigt wurde. Der vorliegende Beitrag stellt die zentralen Thesen von Goldsteins Artikel vor und setzt sie in Beziehung zu Lurijas Einschätzung, dessen Gründe sich als wenig überzeugend herausstellen. Nichtsdestotrotz lassen sich aus dem Symptom auch für die heutige Neuropsychologie und Neurowissenschaften wichtige Schlussfolgerungen ableiten, insbesondere aus Goldsteins Betonung einer ganzheitlichen, systemischen Perspektive bei gleichzeitiger Würdigung einzelheitlicher, mechanistischer Herangehensweisen. Mit dieser erkenntnistheoretisch wie klinisch begründeten Reflexion hat Goldstein eine eigene Denkkultur der Neuropsychologie zu etablieren versucht, die unter anderem in die philosophische Phänomenologie hineinwirkte, und die man als „responsive Neuropsychologie“ bezeichnen könnte.
Cultural memory studies have revealed that the choice of medium can significantly affect the manner in which memories are recalled. This article investigates reflexive engagement with opposing perspectives on past military conflicts (agonistic memory) from the methodological standpoint of literary studies. Are there specific forms of representation that encourage readers to engage with multiple perspectives on the past? Focusing on verbal and visual narratives that shape war memory for young people, this article presents a comparative case study of two graphic novels: The Expelled Children (Odsunuté děti, 2021) from the Czech Republic and War vs. Childhood (Voina vs Detstvo, 2021) from Russia. This case study broadens the concept of multiperspectival memory to include not only a variety of lived experiences but also their multiple mediations and remediations. Furthermore, the article argues that comics, a form that is defined by its use of fractured images and a creative tension between words and images, is particularly suited to an agonistic approach to memory.
This article examines the works of the Cameroonian author Joyce Ash as a quest for the pulse of the community that experiments with potential sites for building intersubjective relations in both traditional and modern societies. In a critical engagement with her poetry collections A Basket of Flaming Ashes and Beautiful Fire, as well as her co-written (with Eric Chinje) memoir Lockdown Chronicles, I argue that her writings constitute an archaeology of modern social media, giving insights into its current practices as well as its antecedents. Through long-distance nationalism, Joyce Ash mobilises social media in order to re-imagine an inclusive and equitable postcolonial nation as well as to bear witness to experiences of resilience, personal and collective, especially in contexts of political exclusion and lack of freedom of expression. I therefore make recourse to the concepts of the public sphere and popular culture via the Internet as crucial avenues in understanding her works as forms of self-re-memberment and collective quest for healing in times of crisis.