»[…] wenn ›die Quelle‹ die Reliquie historischen Arbeitens ist – nicht nur Uberbleibsel, sondern auch Objekt wissenschaftlicher Verehrung –, dann ware analog ›das Archiv‹ die Kirche der Geschichtswissenschaft, in der die heiligen Handlungen des Suchens, Findens, Entdeckens und Erforschens vollzogen werden.« Achim Landwehr wirft in seinem geschichtstheoretischen Essay den Historikern ihren »Quellenglauben« vor – diese Kritik liese sich im digitalen Zeitalter leicht auf die Heilsversprechen der Apostel der »Big Data Revolution« ubertragen. Zwar regen sich mittlerweile vermehrt Stimmen, die den »Wahnwitz« der digitalen Utopie in Frage stellen, doch wird der offentliche Diskurs weiterhin von jener Revolutionsrhetorik dominiert, die standardmasig als Begleitmusik neuer Technologien ertont. Statt in der intellektuell wenig fruchtbaren Dichotomie von Gegnern und Befurwortern, »First Movers« und Ignoranten zu verharren, welche die Landschaft der »Digital Humanities« ein wenig uberspitzt auch heute noch kennzeichnet, ist das Ziel dieses Beitrages eine praxeologische Reflexion, die den Einfluss von digitalen Infrastrukturen, digitalen Werkzeugen und digitalen »Quellen« auf die Praxis historischen Arbeitens zeigen mochte. Ausgehend von der These, dass ebenjene digitalen Infrastrukturen, Werkzeuge und »Quellen« heute einen zentralen Einfluss darauf haben, wie wir Geschichte denken, erforschen und erzahlen, pladiert der Beitrag fur ein »Update« der klassischen Hermeneutik in der Geschichtswissenschaft. Die kritische Reflexion uber die konstitutive Rolle des Digitalen in der Konstruktion und Vermittlung historischen Wissens ist nicht nur eine Frage epistemologischer Dringlichkeit, sondern zentraler Bestandteil der Selbstverstandigung eines Faches, dessen Anspruch als Wissenschaft sich auf die Methoden der Quellenkritik grundet.