
Seit einigen Jahrzehnten wird in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit vermehrt von „Diskursen“ gesprochen. Dies trifft auch auf sozial- und geisteswissen-schaftliche Forschungsbeiträge zu, die dort zu verzeichnenden Gebrauchsformen stehen dabei, mit den populär-öffentlichen Gebrauchsvarianten dieses Ausdrucks in einer gewissen Korrespondenz. Der Ausdruck wird in der weiteren Öffentlichkeit eher unspezifisch gebraucht, in den einschlägigen Wissenschaftsbereichen hingegen geschieht dies mit Bezug auf wichtige Traditionen der zugehörigen Theoriebildung. Was bezeichnet aber dieser zunehmend Relevanz gewinnende Ausdruck nun eigentlich? Ganz allgemein und einer weitergehenden Spezifikation an dieser Stelle vorgreifend, im Sinne eines noch sehr abstrakten gemeinsamen Nenners der variierenden Gebrauchsweisen und damit zunächst noch mehr oder weniger vage: Mit Diskurs werden in der Regel öffentlich geführte und von verschiedenen Medien getragene Debatten von größerem Umfang und längerer Dauer bezeichnet, die sich einschlägigen Themenbereichen und Problemstellungen von gesellschaftlich und/oder kulturellem Belang widmen. Derartige Debatten brauchen nicht den gesamten Bereich einer Gesellschaft in Gänze zu erfassen, sondern können auf gesellschaftliche Teilbereiche und somit auf bereichspezifische „Teilöffentlichkeiten“ beschränkt sein.
Geschichtsschreibung im Mittelalter verfolgte viele Absichten.1 Diese sind kaum in klaren Funktionalitäten zu erfassen (Goetz 1999). Neben den Wunsch, das Gedächtnis durch Schrift zu sichern, trat der Wille zur Komposition von Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft. So erwuchs die Aktualisierung von Erinnerung zum gezielten Kampf gegen das Vergessen (Geary 1994) wie zur Kreation von Vergangenheit aus changierenden Sehnsüchten der Geschichtsfreunde. Die wachsende Einsicht, dass es keine eindeutig objektivierbare Historie gibt, sondern sich diese nur in bunter Vielfalt aus den subjektiven Wahrnehmungen und Deutungen vergangener Texte, Bilder und Imaginationen öffnet, verändert in neuester Zeit das Selbstbewusstsein der professionellen Geschichtswissenschaft. Die methodische Spannbreite des Fachs bewegt sich derzeit in einem ziemlich weiten Koordinatensystem. Es wird abgesteckt vom bewährten Vertrauen, durch immer subtilere Formen der Quellenkritik zur eindeutigen historischen Quelle und von dieser zur historischen Wirklichkeit zu gelangen (Brandt 1992), und dem Fiktionalitätsverdacht, nach dem sich Vergangenheit nur als literarischer Text präsentiere (Spiegel 1997).
Obgleich die Beschäftigung mit dialektsoziologischen Forschungen schon Anfang des 19. Jahrhunderts einsetzte, formulierte erst die moderne Dialektsoziologie systematische Forschungsfragen zu der gesellschaftlichen Positionierung und Verbreitung des Dialekts. Von einigen ‘early birds’ (Hard 1968) abgesehen finden sich derartige Untersuchungen erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Dialektsoziologie ist dabei einzuordnen in den Forschungsbereich der Varietätenlinguistik des Deutschen, neben die Erforschung anderer Varietäten, etwa der Jugendsprache. Die Varietätenlinguistik wiederum ist ein Teilbereich der Soziolinguistik des Deutschen und steht dort neben der Kontaktlinguistik, die sich mit mehrsprachigen Konstellationen in den Sprachgemeinschaften beschäftigt. Die Dialektsoziologie ihrerseits ist nun wiederum aufzugliedern in drei deutlich voneinander zu trennende Forschungsfelder: Erstens die Dialektsoziologie ganzer Sprachgemeinschaften, wie etwa die Varietätenstatistik des Deutschen, also die Verteilung von Dialekt, Standard und Regionalsprache innerhalb des deutschen Sprachraumes. Zweitens die Dialektsoziologie der einzelnen Sprecher bzw. Sprecherinnen — also etwa die Regeln des Varietätenwechsels — und drittens die Dialektsoziologie der Kommunikationsgemeinschaften, also etwa innerhalb von Dörfern oder kleineren städtischen Regionen, deren Mitglieder wichtige Sprech- und Sprachverhaltensregeln gemeinsam haben.
Ein Paradoxon frei nach Martin Luther: Die Sprache ist der Sprache größter Feind und tut ihr unablässig Schaden. Die Sprache ist der mächtigste Freund der Sprache und erhält sie allein.1 Denn spricht man nicht jeden Tag und hört man nicht andere sprechen, so geht einem die Sprache verloren. Wer längere Zeit im Ausland ist und keine Gelegenheit hat, seine Muttersprache zu üben, erfährt, dass sie ihm mit der Zeit teilweise abhanden kommt, dass sie sich aber unmittelbar wieder einstellt, sobald er sie hören und mit anderen sprechen kann. Nur die aktive Teilhabe an der Sprache erhält dem Einzelnen die Sprache. Er lernt sie nicht ein für allemal (und sei es als Muttersprache), um sie dann stets gleichbleibend zu beherrschen, sondern muss den Spracherwerb jeden Tag, ja jeden Augenblick im Kleinen wiederholen. Entsprechend verfügt jeder Mensch über einen ausgeprägten Nachahmungstrieb, um sich das ihm von allen Seiten Vorgesprochene und auch Vorgeschriebene immer wieder von Neuem anzueignen. Eben darin aber gründet die Wandelbarkeit der Sprache, denn was man im faustischen Sinne täglich erobern muss2, ist kein sicherer Besitz, sondern "wintschaffen" (Gottfried von Straßburg, Tristan, V. 15740), also schwankend und keinen Augenblick sich selbst gleich. Wer, um bei der Sprache zu bleiben, anderen nachspricht, die ihrerseits anderen nachsprechen, die ihrerseits... — der bleibt bei der Sprache, ohne bei der Sprache zu bleiben, denn die Sprache, bei der er bleibt, bleibt nie dieselbe Sprache.
Fangen wir mit etwas ganz Grundsätzlichem an — mit der Liebe. Die Liebe zwischen Menschen, die Liebe zur eigenen oder zu einer nicht mehr fremden Kultur, die Liebe zu einer Stadt, Region oder einem Land, die Liebe zur Musik, Kunst, Literatur oder vielem anderem mehr und letztlich — besonders wichtig — die Liebe zur Sprache.
(1) „Das Pausenbrot im Papierkorb oder der Kaviar im Abfalleimer kann getrost Wohlstandsmull genannt werden. Arbeitsunwillige und sogar Arbeitsunfahige mit dieser Vokabel zu belegen, wie es sich ein Konzernmanager in einem Interview geleistet hat, missachtet jedoch jede Schamgrenze“ (Schlosser 2000a:48) (2) „‚It’s your Heimspiel!—Make it real‘, ei[n] vollig unverstandliche[r] Appell von freischwebender Kernigkeit, aber verheerender Vorbildwirkung auf junge Menschen, die sich, hatten sie bessere Vorsprecher, vielleicht doch irgendwann aus ihrer ‚Voll der Hammer‘-Sprache herausackern konnten“ (Schrelber 2006:185). (3) „‚Wir haben zum 1. Januar diesen Jahres die Steuern gesenkt‘, verkundet die Regierung stolz. Das ist naturlich erfreulich, auch wenn es leider nicht richtig ist [...]. Die inflationare Ausbreitung der falschen Fallbildung vor dem ‚Jahres‘-Wort erregt Besorgnis und sorgt fur Erregung“ (Sick112004:90,92). (4) „Worter sind nicht unschuldig, konnen es nicht sein, sondern die Schuld der Sprecher wachst der Sprache selber zu, fleischt sich ihr gleichsam ein. [...] Das Wort, Lager‘, so harmlos es einmal war und wieder werden mag, konnen wir doch auf Lebenszeit nicht mehr horen, ohne an Auschwitz zu denken“ (Sternberger/Storz/Suskind 31968:7). (5) „[Es] herrscht unter Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftlern daruber, das Frauen und Manner in der Sprache unterschiedlich behandelt werden, Einverstandnis. Es gibt zahlreiche Arbeiten, die sich damit befassen, das Frauen in der Sprache uber Manner definiert werden oder das die weiblichen Formen zu mannlichen Bezeichnungen fehlen, [...] das Manner die Norm sind und Frauen die Ausnahme“ (Tromel-Plotz 1982: 71f.).
ZusammenfassungEs gibt einige Eigenschaften des Spracherwerbs, die man bei näherem Hinsehen erstaunlich finden kann: seinen frühen Beginn noch im Säuglingsalter, seine Dauer über viele Jahre, die Vielschichtigkeit dessen, was erworben werden muss — neben einem Wortschatz und der zugehörigen Grammatik auch das Lautsystem seiner Muttersprache, darüberhinaus viele Prinzipien der Verwendung von Sprache.
Zu den zentralen Aufgaben der Sprachwissenschaft gehört die Beantwortung der Frage, welche Rolle die Sprache in einer bestimmten Kultur spielt und welche Stellung sie bei der Beschreibung dieser Kultur innehat. Gegenstand der Forschung sind die verschiedenen Einzelsprachen der Welt und ihre je unterschiedlichen Darstellungs- und Ausdrucksformen. Dies zielt auf die aktuelle Gegenwart einer Sprachgemeinschaft, gleichermaßen aber auch auf die historische Entwicklung einer Sprache, die für das Verständnis einer jeden Gegenwartssprache grundlegend ist. Für die Sprachgeschichtsschreibung ergeben sich daraus verschiedene Tätigkeitsfelder, die einerseits autonom sind, andererseits aber aufeinander aufbauen und zu immer komplexeren Fragestellungen führen. Wir unterscheiden zunächst vier Aufgaben: 1. Den Sinn von Texten verständlich machen. 2. Die Struktur der (in den Texten verwendeten) Sprache verständlich machen. 3. Die Funktion der Texte und Diskurse sowie der in ihnen verwendeten Sprache verständlich machen. 4. Die Bedeutung der Sprache für die untersuchte Sprach- und Kulturgemeinschaft verständlich machen.
Dieser Beitrag widmet sich dem Phänomen der Ikonisierung komplexer Sprachzeichen in massenmedialen Texten: Jedes Schulkind lernt, dass (Schrift-) Sprache aus Wörtern besteht, welche grammatisch zu Sätzen kombiniert sind, die wiederum zu Texten verknüpft werden. Im Zuge des Vordringens der Bildlichkeit in die massenmediale Kommunikation wird diese Beschreibung für viele Textsorten zunehmend problematisch: In Comics, Werbeanzeigen, Karikaturen, Infografiken und vielen wissenschaftlichen Bild-Texten, um nur die wichtigsten einschlägigen Gebrauchstextsorten zu nennen, sind einzelne Sprachzeichen zu komplexen Sprachzeichen nicht oder nicht nur nach Regeln verknüpft, welche man gewohnt ist, als grammatische Regeln zu bezeichnen — vielmehr funktioniert die Sinnzuschreibung an solche komplexen Zeichen zumindest auch im Rekurs auf Konventionen, die sich im Bereich des Umgangs mit Bildern ausgeprägt haben. Das soll im Folgenden am Beispiel der Infografik gezeigtwerden. Zur Beschreibung der zur Rede stehenden Verknüpfungsregeln greife ich erstens auf den Terminus, Kontextualisierung (Gumperz 1982) und zweitens auf semiotische Grundannahmen nach Charles Sanders Peirce (1960) zurück.
Dieser Beitrag ist nicht für diejenigen meiner Fachkollegen geschrieben, die Experten für Lexikographietheorie sind. Als den Adressatenkreis betrachte ich vielmehr akademische Kollegen, die Lust und ab und zu ein wenig Zeit haben, sich darüber zu informieren, was die Kollegen in anderen Fächern oder anderen fachzugehörigen Forschungsfeldern denn eigentlich so treiben, was sie bewegt und wie sie argumentieren. Lexikographietheoretische Kenntnisse werden im Folgenden nicht vorausgesetzt, sondern gelegentlich en passant eingeführt. Allerdings muss ich mathematische und logische Kenntnisse auf Abiturniveau voraussetzen. Der folgende Text hat allenfalls ein mittleres Abstraktionsniveau; das bedeutet, dass öfters Vereinfachungen auftreten und manche Argumentation verkürzt ist.
Die Beiträger Innen dieses Bandes [d.h. Linke/Ortner/Portmann-Tselikas (Hg.) (2003): Sprache und mehr — Anm. des Herausgebers] sind gebeten worden, mit Vorschlägen an der Profilierung einer wünschenswerten zukünftigen Linguistik teilzunehmen; gemeint ist vor allem die germanistische Linguistik, die Sprachgermanistik. Diese ist derzeit in mancher Hinsicht reformwürdig, das ergibt sich aus der Konstatation ihrer Defizite, wie sie der Beitrag von Ortner/Sitta (2003) aufzählt. Insgesamt versäumt es danach die Sprachgermanistik nicht nur, sich der sie umgebenden und tragenden Gesellschaft als eine für deren Fragen und Probleme einschlägige Wissenschaft zu präsentieren, sondern auch — und das ist das Entscheidende — sich selbst, so gut sie kann, dazu zu machen. Insbesondere sträubt sie sich oft geradezu dagegen, für andere Wissenschaften und für die Gesellschaft nützlich sein zu sollen, d.h. „angewandt“ zu werden (Antos 2003). Zu den so benannten Defiziten soll hier hinzugefügt werden, dass die Linguistik, wie sie heute ist und sich selbst darstellt, einen ihrer großen Trümpfe, eine ihrer stärksten Karten, noch so gut wie gar nicht ausspielt. Nämlich, dass sie — und zwar essenziell — Verstehenswissenschaft ist: Hermeneutik. Der Sinn dieses Beitrags ist es, darauf hinzuweisen, dass dies in der Tat der Fall ist, sowie dafür zu plädieren, dass Sprachgermanistinnen und-germanisten sich verstärkt bemühen sollten, bei der Selbstdarstellung ihres Faches darauf hinzuwirken, dass die Linguistik nicht mehr kontrafaktisch wahrgenommen werden kann als eine Linguistik, die zu Fragen und Problem des Verstehens nichts zu sagen hat, d. h. als Linguistik ohne Hermeneutik und daher als Linguistik ohne Belang für die Hermeneutik.
Die Schweiz ist dasjenige hochentwickelte und demokratisch verfasste Land, in dem weltweit auf nationalstaatlicher Ebene am häufigsten direktdemokratisch abgestimmt wird. Die wichtigsten politischen Akteure wie Regierung, Parlament, Parteien und Verbände geben meist zu jeder Volksabstimmung eine Abstimmungsparole ab, von der sie hoffen, dass die Wählerschaft sie befolgt. Wenn also eine Streitfrage dem Volk zur Abstimmung vorgelegt wird, etwa zum Beitritt der Schweiz zur Europäischen Union, zu Fragen der Wirtschaftspolitik wie etwa der Strommarktliberalisierung oder zur Abschaffung der Schweizer Armee geben die politischen Parteien und die wichtigsten Interessengruppen eine Abstimmungsempfehlung. Abstimmungsparolen sind somit Teil der Überzeugungsstrategien aller politischen Akteure bis hinunter zu den kantonalen Parteien und ihren Untergliederungen. In Abbildung 1 sind zwei Beispiele der konservativen Schweizer Volkspartei (SVP) und der Christlichdemokratischen Volkspartei (CVP) fur die plakative Umsetzung dargestellt. Doch wem gelingt es, seine Interessen am besten durchzusetzen? Der Exekutive, der Legislative, den großen, stimmenstarken Parteien, den bürgerlichen Parteien der Mitte, den kleinen Parteien oder den Verbänden? Sind die Arbeitgeberinteressen, die Gewerkschaften, der Bauernverband oder der Gewerbeverband besonders erfolgreich? Oder spielen Parteiparolen bei den Abstimmungen vielleicht überhaupt keine Rolle, weil sie sich womoglich gegenseitig neutralisieren oder die Abstimmenden sich nur an Sachargumenten orientieren? Ist es also letztlich der aufgeklärte, rationale politische Diskurs, der zu einer weitgehend rationalen Entscheidung fuhrt?
Es ist kein Geheimnis, dass das gesprochene Deutsch eine äußerst vielfältige und variantenreiche Sprache ist. In verschiedenen Regionen des deutsch sprachigen Raums spricht man nicht nur unterschiedliche Dialekte, Regional- und Umgangssprachen, sondern es gibt auch regionale Unterschiede und Varianten in der gesprochenen deutschen Standardsprache. Diese Varianten sind gängige, in einer bestimmten Region übliche Realisierungen der Standardsprache im Alltag. Das im Alltag gesprochene typische Regionaldeutsch ist an verschiedenen Merkmalen erkennbar. Vor allem ist es die Aussprache, also die lautlichen Merkmale, an denen die Unterschiede am auffälligsten sind. Man denke z. B. an das österreichische oder das schweizerische Hochdeutsch. Diese beiden Sprachformen weisen viele sprachliche Merkmale auf, insbesondere im lautlichen Bereich, durch welche sie sich von der orthoepischen (kodifizierten) Norm des Standarddeutschen unterscheiden. Sie werden neuerdings als „nationale Varietäten“ des Deutschen aufgefasst und auch gesondert kodifiziert (Ammon 1995). Aber auch innerhalb der einzelnen deutschsprachigen Staaten — sowohl in Österreich und in der Schweiz als auch innerhalb Deutschlands — sind die Akzentunterschiede und Aussprachebesonderheiten allgegenwärtig und nicht überhörbar. Man kann sie tagtäglich im Fernsehen wahrnehmen. Durch eindeutig identifizierbare, gut bekannte Aussprachemerkmale können Sprecher des Deutschen bestimmten Sprach- bzw.
Ein großer Teil unseres individuellen Wissens basiert auf der Rezeption von Sprachzeichen, wie sie in sprachlichen Äußerungen mündlicher und schriftlicher Art verbreitet werden. Die Basis unseres Erfahrungsschatzes und der Ausgangspunkt unserer Wissensbildungsprozesse sind Interaktionen, die zwischen Individuen oder innerhalb von Gruppen oder in Massenmedien stattfinden. Die auf diese Weise gewonnenen Wissensbestände und Erfahrungen werden in kommunikativen Formulierungsroutinen reproduziert und dadurch teilweise zu „kollektiven“ Wissensbeständen bzw. Erfahrungsmustern verdichtet — genauer gesagt, sie werden als kollektiv gültig eingeschätzt; so beispielsweise im Herbst 2008 die als kollektiv gültig unterstellte Annahme, die Welt befinde sich in einer globalen Finanzkrise. Das Bewusstsein für die Grenze zwischen einerseits empirisch-individuell und andererseits kommunikativ erfahrenen Wirklichkeitskomponenten muss in der Vielzahl der Rezeptions- und Perzeptionsvorgänge verschwimmen. Damit ist auch nicht mehr klar bestimmbar, welche Wissens- und Erfahrungsbestände überwiegend sprachlich in Rezeptionsakten wahrgenommen wurden und welche auf unmittelbar empirischsinnlichen Wahrnehmungen fußen. Beide Formen der Wahrnehmung münden in Wissensbestände. Da allerdings auch die nicht sprachlich wahrgenommenen Sinneseindrücke zum Zwecke der Kommunikation sprachlich erfasst werden müssen, kann man mit Recht von Sprache als dem zentralen Medium unserer Erfahrungsbasis und unserer Wissenskonstitution (Wygotski 1934/1971) sprechen.1
Ob im privaten Bereich, in der Schule, in den schreibenden Berufen oder in der Wissenschaft: die Orthographie ist ein stark polarisierendes Thema. Die Diskussion um die seit 2008 gültige reformierte Schreibung zeigt daher ein großes Aussagenspektrum und einen hohen Emotionalitätsgrad.
Die Schriften Joseph von Eichendorffs enthalten Texte zu Heidelberg und seiner Romantik, die bis heute unsere Vorstellung der Heidelberger Romantik mitbestimmen. Eichendorff, der im Bewusstsein der Öffentlichkeit neben Heinrich Heine als einziger Dichter der Romantik noch lebendig ist, sieht bereits im Stadtbild eine blühende Romantik. In seiner „Betrachtung“ über Halle und Heidelberg heißt es: „Heidelberg ist selbst eine prächtige Romantik; da umschlingt der Frühling Haus und Hof und alles Gewöhnliche mit Reben und Blumen, und erzählen Burgen und Wälder ein wunderbares Märchen der Vorzeit, als gäb’ es nichts Gemeines auf der Welt.“1 Dazu passt die Beschreibung eines „einsiedlerischen Zauberers“ und zwei ihm beigesellten „fahrenden Schülern“, die nach seiner Darstellung die romantische Bewegung in Heidelberg tragen, namentlich: Joseph Görres, Achim von Arnim und Clemens Brentano: „Es hauste dort ein einsiedlerischer Zauberer, Himmel und Erde, Vergangenheit und Zukunft mit seinen magischen Kreisen umschreibend — das war Görres“, schreibt er zunächst, und dann heißt es: „Neben ihm standen zwei Freunde und Kampfgenossen: Achim von Arnim und Clemens Brentano, welche sich zur selben Zeit nach mancherlei Wanderzügen in Heidelberg niedergelassen hatten. Sie bewohnten im ‚Faulpelz‘, einer ehrbaren aber obskuren Kneipe am Schloßberg, einen großen luftigen Saal, dessen sechs Fenster mit der Aussicht über Stadt und Land die herrlichsten Wandgemälde, das herüberfunkelnde Zifferblatt des Kirchturms ihre Stockuhr vorstellte; sonst war wenig von Pracht oder Hausgerät darin zu bemerken.
AuszugDas 12. Kapitel des Romans Ahnung und Gegenwart von Joseph von Eichendorff schildert einen Besuch des Protagonisten, des Grafen Friedrich, in einem Salon, in dem ästhetische Normen der Romantik gelten. Es ist nicht möglich, diese Romanpassage eindeutig auf ein historisches Vorbild zu beziehen. Im Hintergrund stehen wohl Erfahrungen, vor allem aber Beschreibungen von Salons in Berlin und Wien. Unzweifelhaft aber bezieht sich dieses Kapitel auf Erlebnisse Eichendorffs in seinen Heidelberger Jahren 1807/08. Denn mehrere Personen, die hier auftreten, besitzen Züge von Bekannten und Freunden Eichendorffs aus dieser Zeit. Dabei handelt es sich um Otto Heinrich Graf von Loeben (1786–1825), Gerhard Friedrich Abraham Strauß (1786–1863) und Heinrich Wilhelm Budde (1786–1860). Dies ist auch umgehend bemerkt worden. Loeben wendet sich in einem Brief an Eichendorff und fordert ihn auf, zuzugeben, dass mit einer Figur dieses Kapitels, die „der Schmachtende“ genannt wird, er selbst gemeint sei. Eichendorff antwortet darauf etwas gewunden — „wenn ich dabei bisweilen wirklich an Dich, wie Du damals schienst, dachte“ — fügt dann aber in Klammern das klare Eingeständnis hinzu: „verzeihe es mir, lieber guter Freund! denn ich will es nicht leugnen“.1 Ebenso erkennt Loeben, dass mit der Figur des sogenannten „Dithyrambisten“ Strauß gemeint ist, und auch das gibt Eichendorff zu.2 Interessant ist allerdings eine Ergänzung, die er vornimmt: Er habe bei der Konzeption dieses Kapitels ebenso oft sich selber gemeint wie die Freunde, und er kann dies auch begründen.
Mit dem Erscheinen dieses Bandes können die Heidelberger Jahrbücher auf eine Geschichte von zweihundert Jahren zurückblicken. Kaum eine andere wissenschaftliche Zeitschrift hat dieses Alter erreicht.
Naturforschung und Medizin im Zeitalter der Romantik stehen für eine spezifische Phase oder Strömung der Wissenschaftsgeschichte, die ihren zeitlichen Höhepunkt um 1800–1815 und ihren räumlichen Schwerpunkt in Deutschland besitzt.1 Keineswegs hat die gesamte europäische Wissenschafts- und Medizingeschichte eine romantische Phase durchlaufen; selbst in den deutschen Ländern war diese Richtung nicht dominierend. Wer sich mit der Naturforschung und Medizin der Romantik beschäftigt, wird über die historische Analyse hinaus stets zu allgemeinen und aktuellen Reflexionen angeregt: über Wesen und Wirkung der Naturwissenschaften und Medizin, über die Verantwortung des Naturforschers und Mediziners für Natur, Mensch und Gesellschaft, über die wechselseitigen Beziehungen zwischen den Naturwissenschaften und der Medizin einerseits und den Künsten, der Theologie und Philosophie andererseits.