Seitdem die Manessische Liederhandschrift im Jahre 1888 aus ihrem Pariser Exil nach Deutschland zurückgekehrt und damit der Forschung leichter zugänglich geworden war, vollends aber, seit die hervorragende Faksimileausgabe des Inselverlages 1927 vorlag, sah sich die Fachwelt vor die Aufgabe gestellt, neben einer kritischen Interpretierung des Textes auch den reichen Bildschmuck der Handschrift in seiner Funktion als wichtige illustrative Aussage zur Ergänzung des geschriebenen Wortes zu erkennen und zu deuten. Diesem Bemühen verdanken wir einige bedeutsame Gesamtanalysen des Bildzyklus, wobei je nach dem Blickpunkt des Bearbeiters mehr die historisch-biographischen oder die kunstgeschichtlichen Aspekte in den Vordergrund traten.
Unter den deutschen medizinischen Handschriften des ausgehenden Mittelalters nimmt die in der Universitätsbibliothek Heidelberg verwahrte Sammlung1) des Pfälzer Kurfürsten Ludwig V.2) in mehrfacher Hinsicht einen besonderen Rang ein. Schon ihre aufwendige Ausstattung und ihr außergewöhnlicher Umfang von fast 3000 Pergamentblättern heben sie weit über den Kreis ähnlicher Sammlungen hinaus. Ihr Inhalt, der sich nicht auf die Überlieferung von mehr als 16 000 Rezepten beschränkt, sondern weitere große Teile der Humanmedizin, der Volksheilkunst und der Kräuterkunde, aber auch solche des naturwissenschaftlichen, des medizinisch-astrologischen und selbst des okkulten Wissens der Zeit mit einbezieht, macht dieses „monumentalste Werk der altdeutschen Fachprosa und wohl der gesamten älteren deutschen Literatur überhaupt“ 3) zu einem hervorragenden Kompendium medizinischer Praxis aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Die Auswahl und Bearbeitung des Materials ist, wie die Quellen eindeutig erkennen lassen, von Ludwig selbst vorgenommen. Eine große Zahl noch vorhandener Konzepte - vom kleinen Exzerpt bis hin zur Niederschrift umfangreicher Consilia und Traktate - zeugt von dem Sammeleifer des Kurfürsten. Was aber besonders beeindruckt und dem Werk einen eigenartigen Reiz verleiht, ist die aufgrund von zeitgenössischen Belegen gewonnene und durch schriftvergleichende Untersuchungen gesicherte Erkenntnis, daß die Sammlung in ihrem ganzen Umfang von Ludwig eigenhändig mit kalligraphischer Sorgfalt niedergeschrieben wurde.