
Zusammenfassung Dieser Beitrag analysiert Schlaflaboruntersuchung und digitale Selbstvermessung als Formen soziotechnischen Modellierens, die den Schlaf als wissensförmiges Objekt hervorbringen. Aus praxeologisch-mikrosoziologischer Perspektive untersuchen wir, wie technische Affordanzen, skriptförmige Wissensbestände und situative Praktiken zusammenwirken, um die Kontingenz des Schlafs zu managen: epistemische Unbestimmtheit wird durch Messungen, Klassifikationen und Visualisierungen in beobachtbare Formen überführt. Diese Prozesse beruhen auf einer Infrastruktur ‚schlanker‘ Regeln, während ihre Anwendung im praktischen Vollzug als ‚füllige‘ Regelanwendung erfolgt. Während der Schlaf im Labor durch institutionelle Verfahren als medizinisches Objekt stabilisiert wird, erscheint er beim Self-Tracking als Gegenstand experimenteller Selbstgestaltung. Soziotechnisches Modellieren bietet sich als Analysekonzept für Felder an, in denen schwer zugängliche oder nur indirekt beobachtbare Phänomene durch technische Messverfahren, Klassifikationssysteme und Visualisierungen hervorgebracht und damit zugänglich werden.
Zusammenfassung Der Beitrag untersucht, wie sozial gerechter Klimaschutz an der Schnittstelle von Klima- und Sozialpolitik vermittelt wird. Aufbauend auf bewertungs- und organisationssoziologischen Prämissen werden die Valorisierungsstrategien eines bundesweiten Programms analysiert, das Energiesparberatungen für einkommensschwache Haushalte anbietet. Die Studie stützt sich auf 45 Interviews mit Projektmitarbeiter*innen sowie teilnehmende Beobachtungen, um aufzuzeigen, wie das Programm divergierende normative Erwartungen koordiniert und dadurch eine Form sozial gerechten Klimaschutzes herstellt, die in unterschiedliche organisationale Felder vermittelt werden kann. Zugleich werden strukturelle Grenzen des Programms sichtbar: Die Fokussierung auf individuelle Konsumpraktiken entkoppelt politische Klimaziele von der Alltagsrealität einkommensschwacher Haushalte und verliert strukturelle Ungleichheitsdimensionen aus dem Blick. Der Beitrag diskutiert abschließend Implikationen für soziale Ungleichheitsfragen und ökosoziale Politik, indem er die Spannungen zwischen institutionalisierten Ansprüchen, normativen Zielsetzungen und Alltagspraktiken kritisch reflektiert.
Abstract In this paper, I will try to make sense of the datafication of the music economy from a Bourdieusian perspective. In the first half two academic discourses will be reconstructed, discussed with regard to their desiderata and finally their relationship to each other. Here, I will focus firstly on attempts to transfer Bourdieu’s theoretical instruments to the digital sphere and secondly on studies on the datafication of the music industry. While the second discourse can benefit from a Bourdieusian framework, the case study of the datafied music industry also reveals the limitations of the theoretical approach in its current application. Therefore, the empirical part of the paper focuses on the negotiation processes around data as technological and symbolic capital.
Zusammenfassung Ostdeutsche gelten als besonders unzufrieden mit der Demokratie, migrationsfeindlich und dem Rechtspopulismus zugeneigt. Oft werden diese Orientierungen durch Sozialisationseffekte des DDR-Systems erklärt. Wir betrachten die Position im politischen System der DDR als wichtigen Differenzierungsfaktor. Konkret untersuchen wir, wie stark sich ehemalige Staatsnahe, Dissidenten & Protestierende und die schweigende Mehrheit hinsichtlich ihrer aktuellen Einstellungen zu Demokratie, Migration und Parteien unterscheiden. Mit Daten des Sozio-oekonomischen Panels können wir zeigen, dass Unterschiede zwischen den Gruppen eher graduell sind. Staatsnahe haben bis heute eine geringere Demokratiezufriedenheit und neigen stark zur Linkspartei. Dissidenten und Protestierende sind zufriedener mit der Demokratie und stärker an die CDU gebunden. Die schweigende Mehrheit neigt seltener einer spezifischen Partei zu, ist aber offener für die AfD und auch migrationskritischer eingestellt.
Zusammenfassung Obwohl in aktuellen Zeitdiagnosen oftmals von einer Krise des Vertrauens in politische Institutionen ausgegangen wird, gibt es kaum empirische Studien, die untersuchen, inwiefern sich die Determinanten politischen Vertrauens in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Mit Daten des ALLBUS 1980–2021 und des ALLBUS 2023 wird im Folgenden gezeigt, dass es zwar zu keiner Veränderung des allgemeinen Niveaus politischen Institutionenvertrauens gekommen ist, sich aber die Ursachen für Vertrauen bzw. Misstrauen in politische Institutionen verändert haben. Zum einen entfremden sich vor allem Personen mit formal niedriger Bildung zusehends von politischen Institutionen, da sie eine immer größere symbolische Distanz zu politischen Eliten wahrnehmen, während jene mit höheren Bildungsniveaus politischen Institutionen immer stärker vertrauen. Zum anderen misstrauen Personen mit kulturell konservativen Einstellungen politischen Institutionen immer stärker, da sie diese zusehends als Agenten widernatürlicher Liberalisierungsprozesse ansehen. Im Fazit werden die Implikationen dieser Transformationen für politische Konfliktdynamiken in liberalen Demokratien diskutiert.
Zusammenfassung Kollektive Interessenvertretung galt lange als randständig im Kultursektor, hat sich in den letzten Jahren jedoch etabliert. Der Beitrag führt den Kultursektor am Beispiel der darstellenden Künste als arbeitspolitisches Konfliktfeld in die soziologische Debatte ein und untersucht Formen der Regulierung von Arbeit in diesem Feld. Auf Grundlage einer feldtheoretischen Perspektive wird Arbeitspolitik als symbolisch vermittelter Machtkampf konzeptualisiert. Die Analyse basiert auf 30 leitfadengestützten Interviews mit Akteur:innen des öffentlich finanzierten und des freien Theaterfeldes sowie mit Vertreter:innen kulturpolitischer und arbeitgeberseitiger Positionen und wird durch teilnehmende Beobachtungen ergänzt. Entlang der Achsen Klassifikations- und Deutungsmacht, Aufmerksamkeit und Amtskapital zeigt der Beitrag, wie kollektive Durchsetzungsfähigkeit entsteht. Der Beitrag macht deutlich, dass die Regulierung von Arbeit ein feldspezifischer, symbolisch vermittelter Prozess ist.
Zusammenfassung Der Beitrag plädiert für eine begriffliche Neujustierung des Gewaltbegriffs und argumentiert, dass situationalistische und reflexive Konzepte zwar wichtige Einsichten liefern, jedoch insbesondere die sog. ‚reflexive Gewaltforschung‘ das Phänomen des Gewalthandelns aus dem Blick verliert. Zentraler Kritikpunkt ist die Annahme, Gewalt existiere ausschließlich als soziale Zuschreibung. Im Anschluss an Emile Durkheim wird eine alternative Perspektive entwickelt und mittels eines Ausschlussverfahrens ein enger Gewaltbegriff vorgeschlagen: Gewalt als Handlung ist das unmittelbare und zielgerichtete, (schmerzhafte) Verletzen eines Körpers. Im weiteren Argumentationsgang werden verbreitete Gewaltkonzepte mit diesem engen Gewaltbegriff verglichen, systematisch geprüft und zurückgewiesen. Der Beitrag schließt mit der These, dass eine analytisch scharfe Definition die Voraussetzung für eine theoretisch konsistente und empirisch tragfähige Gewaltsoziologie darstellt, die Gewalthandeln erklärt, ohne dessen gesellschaftliche Einbettung auszublenden.
Anhand einer heterodoxen Annäherung an Karl Marx, an Ágnes Heller, aber auch an Niklas Luhmann – ganz im Sinne einer Kritischen Theorie sozialer Systeme – wird der Begriff des Bedürfnisses gesellschaftstheoretisch und mit Fokus auf die hier definierten systembezogenen Grundbedürfnisse thematisiert. Dabei geht das Bedürfnis in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft mit dem Versprechen einer allgemeinen Inklusion, d. h. einer grundlegenden Befriedigung in allen sozialen Systemen einher. Trotz dieses Versprechens, das sich aufseiten der Individuen in einem allgemeinen Inklusions- bzw. Befriedigungsanspruch manifestiert, bleiben dennoch solche Bedürfnisse aufgrund von ebenso zu beobachtenden Konzentrationsdynamiken für die große Mehrheit der Gesellschaft unerfüllt. Letzteres wirft die Frage nach transzendierenden Auswegmöglichkeiten aus der bestehenden Gesellschaftsordnung auf und führt am Ende zur Reflexion über einige Konsequenzen für das kritische Denken.
Die Debatte um eine Theoretische Empirie hat der Diskussion des Verhältnisses von Sozialtheorie und Empirie in der qualitativen Sozialforschung wichtige Impulse gegeben. Der Artikel schließt an diesen Diskurs an und führt ihn fort: Er arbeitet forschungspraktische Implikationen und Potenziale Theoretischer Empirie heraus und leistet damit einen systematisierenden Beitrag zur Frage, wie diese praktiziert werden kann. Im Zentrum steht die Diskussion dreier zentraler Bezugsprobleme: (1) die Frage nach Theorieverwendung und/oder -irritation, (2) der Prozess der theoretischen Gegenstandskonstitution sowie (3) die Abstimmung zwischen Theorie und methodischer Praxis. Für jedes dieser Probleme werden konkrete Strategien und Szenarien skizziert, durch die Theoretische Empirie als Forschungsstrategie profiliert und vermittelt werden kann. Erst durch eine methodologische Explikation ihrer praktischen Möglichkeiten, so die Stoßrichtung des Beitrags, wird sie für die qualitative Forschung handhabbar und produktiv nutzbar.
Gerichtsverhandlungen sind maßgeblich durch mündliche Kommunikation geprägt. Um sicherzustellen, dass insbesondere Angeklagte ohne ausreichende Deutschkenntnisse gleichberechtigt an der Verhandlung teilnehmen können, wird auf Dolmetschung zurückgegriffen. Doch auch diese birgt Herausforderungen. Gedolmetschte Verhandlungen sind – noch mehr als einsprachige – komplexe soziale Interaktionen, die gesellschaftliche Machtverhältnisse widerspiegeln. Der vorliegende Text rückt das Dolmetschen als eine verhandlungsrelevante und fairnessbezogene Praxis in den Mittelpunkt. Er geht der Frage nach, wie sich Dolmetschen konkret auf den Ablauf einer Gerichtsverhandlung auswirkt. Die Grundlage für die Analyse bilden ethnografische Beobachtungsprotokolle von Gerichtsverfahren, die sich mit sogenannten Alltagsdelikten befassen. Die Untersuchung zeigt, dass Dolmetschen die ohnehin angespannte Situation einer Gerichtsverhandlung weiter verdichten kann und diskutiert, inwiefern es gerichtlichen Fairnessansprüchen gerecht wird. Sie zeigt ferner auf, dass soziale Faktoren wie Zugehörigkeit, Anpassungsdruck und soziale Hierarchien in gedolmetschten Verhandlungen in besonderer Weise wirksam werden.
Dieser Beitrag untersucht gemeinsames Töten als kommunikatives Handeln. Im Zentrum stehen Situationen, in denen mehrere Akteure in körperlicher Ko-Präsenz absichtsvoll Leben beenden. Aufbauend auf dem Kommunikativen Konstruktivismus werden Tötungen als kommunikative Formen begriffen, die durch Interaktionen zusammengehalten werden und spezifische Probleme der Koordination adressieren. Anhand der Videoanalyse zweier Fallbeispiele – eines assistierten Suizids in der Schweiz und einer Massenexekution im syrischen Bürgerkrieg – werden drei Dimensionen kommunikativen Handelns herausgearbeitet: Legitimation, Handlungsorientierung und Ästhetik. Der Vergleich zeigt, dass diese Dimensionen je unterschiedlich ausgeprägt sind: Während sich Legitimation im Suizidfall auf Autonomie und rechtliche Verfahren stützt, beruht sie im Bürgerkrieg auf Gewaltwissen und Feindmarkierung; während die Handlungsorientierung im medizinischen Kontext kooperativ erfolgt, ist sie im Bürgerkriegsfall in weiten Teilen hierarchisch organisiert; und während die Ästhetik in der Umsetzung des assistierten Suizids eine Inszenierung von Würde und Ruhe umfasst, dient sie in der Exekution der Täterinszenierung und Machtdemonstration. Der Beitrag verdeutlicht damit, dass Töten nicht als punktuelles Ereignis, sondern als kommunikativ strukturierter Prozess zu verstehen ist, in dem Wissen über Tod und Gewalt in spezifischer Weise wirksam wird.
This study examines how institutionalized performance signals, namely teacher recommendations and grades, are associated with parental expectations at the end of primary school in Germany. We investigate whether these associations vary by families' immigrant background and refugee status as well as across institutional settings that differentially regulate educational transitions. Analyses drew on data from the IQB-Bildungstrend 2021. Linear probability models showed significant associations between both performance signals and parental expectations. However, the link between grades and expectations was weaker among immigrant families relative to non-immigrant families. More strongly regulated institutional settings, such as those with binding teacher recommendations or formal grade thresholds, were associated with lower parental expectations. Yet, no consistent interaction patterns emerged between immigrant background, institutional setting, and performance signals. Overall, the findings indicate that institutionalized performance signals are linked to parental expectations, but that the strength of these associations can differ across family groups.
Collective organization and representation were long considered marginal in the cultural sector but have become more established in recent years. Using the performing arts as an example, the article introduces the cultural sector as a field of labor-political conflict and examines forms of labor regulation within this field. Drawing on Bourdieu's field theory, labor politics is conceptualized as a symbolically mediated struggle for power. The analysis is based on 30 semi-structured interviews with actors from publicly funded and independent theatre as well as representatives of cultural policy and employers, complemented by participant observation. Along the axes of classificatory and interpretive power, attention, and institutional capital, the article shows how collective capacity for action emerges. The article demonstrates that labor regulation constitutes a field-specific and symbolically mediated process.
While many recent analyses point to a fundamental crisis of trust in political institutions, there are hardly any empirical studies that examine key changes in the determinants of political trust. Using data from the ALLBUS 1980-2021 and the ALLBUS 2023, we show that while the general level of trust in political institutions has not changed, the causes of trust and distrust in political institutions have undergone a significant transformation. On the one hand, individuals with lower levels of formal education have become increasingly skeptical of political institutions as they perceive a growing symbolic distance from political elites, while those with higher levels of education place ever greater trust in political institutions. On the other hand, individuals with culturally conservative attitudes are also becoming increasingly alienated from political institutions, as they increasingly perceive them as agents of unnatural liberalization processes. The paper concludes by discussing the implications of these changes for the current dynamics of political conflict in liberal democracies.
East Germans are considered to be particularly dissatisfied with democracy, hostile to migration, and inclined toward right-wing populism. These attitudes are often explained by the socialization effects of the GDR system. We consider the position in the political system of the GDR to be an important differentiating factor. Specifically, we examine how strongly former pro-government individuals, dissidents and protesters, and the silent majority differ in their current attitudes toward democracy, migration, and political parties. Using data from the German Socio-Economic Panel (GSOEP), we show that differences between the groups are rather gradual. Pro-government individuals still have lower satisfaction with democracy and tend strongly toward the Left Party. Dissidents and protesters are more satisfied with democracy and more strongly attached to the CDU. The silent majority is less likely to lean toward a specific party, but is more open to the AfD and also more critical of migration.
The article advocates a conceptual readjustment of the term "violence" and argues that although situationalist and reflexive concepts provide important insights, so-called "reflexive violence research" in particular loses sight of the phenomenon of violent behavior. The central point of criticism is the assumption that violence exists exclusively as a social attribution. Following Emile Durkheim, an alternative perspective is developed and a narrow concept of violence is proposed by means of a process of exclusion: violence as an act is the immediate and deliberate, (painful) injury of a body. In the further course of the argument, widespread concepts of violence are compared with this narrow concept of violence, systematically examined, and rejected. The article concludes with the thesis that an analytically precise definition is a prerequisite for a theoretically consistent and empirically viable sociology of violence that explains violent behavior without ignoring its social context.
This article examines collective killing as communicative action. It focuses on situations in which several actors, in bodily co-presence, intentionally end life. Drawing on Communicative Constructivism, killings are conceptualized as communicative forms that are sustained by interaction and address specific problems of coordination. Using video analysis of two case studies - an assisted suicide in Switzerland and a mass execution in the Syrian civil war - the article identifies three dimensions of communicative action: legitimation, action orientation, and aesthetics. The comparison shows that these dimensions are articulated in distinct ways: while legitimation in the assisted suicide relies on autonomy and legal procedures, in the civil war context it rests on violence knowledge and enemy framing; while action orientation is cooperative in the medical context, it is mainly hierarchical in war; and while the aesthetics of dying in assisted suicide emphasize dignity and calm, in execution they serve self-staging and displays of power. The article demonstrates that killing is not a singular event but a communicatively structured process in which knowledge of death and violence becomes effective in specific ways.
Court proceedings are primarily shaped by oral communication. In order to ensure that defendants without sufficient knowledge of German can participate in the trial on equal terms, interpretation is used. However, this also presents challenges. Interpreted trials are, even more so than monolingual ones, complex social interactions that reflect societal power dynamics. The present text focuses on interpreting as a practice relevant to negotiation and fairness. It investigates how interpretation specifically affects the course of a trial. The analysis is based on ethnographic field notes from court proceedings that deal with so-called everyday crimes. The study shows that interpreting can further exacerbate the already tense situation of a court hearing and discusses the extent to which it meets judicial standards of fairness. It also shows that social factors such as belonging, pressure to conform, and social hierarchies have a particular impact in interpreted hearings.