
Zusammenfassung: In den vergangenen Jahren haben deutsche Universitäten verstärkt die Aufgabe übernommen, ihr Wissen gesellschaftlich nutzbar zu machen und Forschung gemeinsam mit außeruniversitären Akteuren durchzuführen. Auch das Fach Psychologie hat sich dieser Entwicklung angeschlossen und versteht sich zunehmend in der Pflicht, durch Forschung und Lehre einen möglichst hohen gesellschaftlichen „Impact“ zu erzielen. Trotz dieser erheblichen Erweiterung des Aufgabenprofils, die ohne entsprechende materielle Kompensation erfolgt ist, fehlt eine kritische Auseinandersetzung mit den möglichen Auswirkungen dieses Wandels auf das Fach selbst. Der vorliegende Beitrag weist auf die Gefahr hin, dass die Dritte Mission die grundlagenwissenschaftliche Ausrichtung der Psychologie langfristig schwächen könnte. Erstens gehört es seit jeher zum Selbstverständnis der Psychologie, neben Grundlagenforschung auch anwendungsorientierte Forschung zu betreiben, die dem Individuum und der Gesellschaft zugutekommt; einer grundlegenden Neuausrichtung bedarf es daher in dieser Hinsicht nicht. Zweitens wird aufgezeigt, über welche oftmals wenig wahrnehmbaren Mechanismen die Idee der Dritten Mission langfristig zu einer Verschiebung der Gewichtung innerhalb der psychologischen Teildisziplinen führen kann. Drittens birgt die Verpflichtung, durch Forschung mit außeruniversitären gesellschaftlichen Akteuren einen unmittelbaren praktischen Beitrag zu leisten, das Risiko einer Erosion wissenschaftlicher Standards. Eine starke Nutzenorientierung darf die zentrale Aufgabe der Psychologie, verlässliche wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, nicht schmälern. Zugleich wird argumentiert, dass Psychologinnen und Psychologen, die außerhalb von Universitäten – etwa an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften oder in außeruniversitären Forschungseinrichtungen – tätig sind, besser für Aufgaben der Dritten Mission geeignet sind. Der Beitrag schließt mit konkreten Empfehlungen zum Umgang mit diesen Herausforderungen.
Zusammenfassung: Dieser Übersichtsartikel stellt eine Bestandsaufnahme der Differentiellen und Persönlichkeitspsychologie dar, indem er zentrale Errungenschaften der letzten Jahre skizziert bezüglich (a) Inhalten (kognitive Leistungsunterschiede, Strukturmodelle von Basistendenzen, Dynamiken und Prozesse, Persönlichkeitsveränderungen, Biologie, soziale Beziehungen, Kultur, Gesundheit/Wohlbefinden, Pathologie/Störungen), (b) Methoden (neue Technologien, groß angelegte Umfragen) und (c) meta-wissenschaftlichen Aspekten (Open Science, Synthesen, Kausalität, Nomothetik–Idiographik). Anhand eines Fokus v. a. auf die aktuellste Literatur in diesen drei Bereichen erfolgt eine Einordnung von rezenten Entwicklungen im Fach sowie ein Ausblick. Der Überblick verdeutlicht, dass einerseits ein großer Reichtum an Ansätzen und Methoden vorhanden ist, das Fach andererseits von einer stärkeren Koordination, Integration und konzeptuell-terminologischen Konsistenz profitieren würde.
Zusammenfassung: Künstliche Intelligenz (KI) gewinnt in der Klinischen Psychologie und Psychotherapie (KLIPPT) zunehmend an Bedeutung, etwa wenn Menschen mit psychischen Störungen KI-Tools zur sozialen Unterstützung oder als Mentalcoach nutzen. Es ist absehbar, dass sich an der Schnittstelle von KI und KLIPPT neue Forschungsfelder und vielfältige Anwendungen etablieren werden. Bislang fehlt jedoch ein konzeptioneller Rahmen, der therapeutische Beziehung, Ziele, Prozesse, relationale Dimensionen und praktische Implementationsformen integriert. Dessen Entwicklung stellt angesichts begrenzter Kontrollierbarkeit, fehlender Replizierbarkeit individueller KI-Interaktionen und komplexer ethischer Fragen eine zentrale Herausforderung dar. Da in der KLIPPT hohe Anforderungen an Zuverlässigkeit, Datenschutz und Patientensicherheit bestehen, ist eine differenzierte bis kritische Betrachtung aktueller Entwicklungen notwendig. Dieses Positionspapier diskutiert Chancen und Risiken von KI-Anwendungen in Forschung, Lehre und Praxis.
Zusammenfassung: Die Biologische Psychologie und Neuropsychologie (BNP) untersucht die biologischen Grundlagen psychischer Prozesse – von molekularen Mechanismen bis hin zu endokrinen Regulationssystemen. Sie steht dabei in einer wechselseitigen Beziehung zur künstlichen Intelligenz (KI): BNP-Forschung inspirierte frühe KI-Modelle, während KI heute zunehmend die BNP beeinflusst. Dieser Beitrag beleuchtet KI aus Sicht der BNP entlang dreier Dimensionen: Grundlagen, Anwendungen und Grenzen. Als Analysewerkzeug ermöglicht NeuroKI/NeuroAI in der BNP-Forschung die Auswertung hochdimensionaler, multimodaler biologischer Datensätze sowie eine individualisiertere Diagnostik. Künstliche neuronale Netze dienen darüber hinaus als mechanistische Modelle neuronaler Informationsverarbeitung: Das Feld der NeuroAI vergleicht interne Repräsentationen von Gehirn und künstlichen neuronalen Netzen systematisch, um wechselseitig bessere Modelle und empirisch prüfbare Hypothesen zu entwickeln. Im Bereich der Anwendungen eröffnet KI als Stimulusgenerator, Interaktionspartner und Schnittstelle in körpernahen Technologien (z.B. Brain-Computer-Interfaces) neue experimentelle und therapeutische Möglichkeiten. In der BNP-Lehre kann KI als Coding-Assistent und individueller Tutor den Kompetenzerwerb beschleunigen. Gleichzeitig bestehen zentrale Grenzen und Risiken: mangelnde Transparenz (Black Box), Bias in Trainingsdaten, eingeschränkte Reproduzierbarkeit sowie ethische Fragen zu Autonomie, Verantwortlichkeit und Nachhaltigkeit. In der Lehre droht zudem ein Verlust wissenschaftlicher Kernkompetenzen. Die BNP kann umgekehrt zur menschenzentrierten KI-Entwicklung beitragen, indem biopsychologische Erkenntnisse zu kognitiven Grenzen, interindividuellen Unterschieden, Stressreaktivität und Embodiment in KI-Design und -Regulierung einfließen und allzu einfache Analogien zwischen biologischer und künstlicher Intelligenz korrigiert werden.
Zusammenfassung: Dieser Überblicksartikel beschäftigt sich mit der Frage, welche individuellen Faktoren mit Wohlbefinden zusammenhängen – und wie sich die Relevanz dieser Faktoren zwischen kulturellen Kontexten unterscheidet. Um sich dieser Frage zu nähern, werden zunächst zentrale Komponenten des Wohlbefindens beschrieben und voneinander abgegrenzt. Neben der Unterscheidung verschiedener Komponenten des Wohlbefindens richtet sich das Interesse der aktuellen Forschung verstärkt auf individuelle Determinanten des Wohlbefindens. Der vorliegende Überblicksartikel fasst Befunde zusammen, die zeigen, dass diese Determinanten in allen kulturellen Kontexten nicht gleichermaßen relevant sind. Anhand dreier besonders häufig untersuchter Determinanten (Familienstand, sozioökonomischer Status und Religiosität) wird aufgezeigt, dass diese zwar mit Wohlbefinden konsistent assoziiert sind, ihre Relevanz jedoch stark davon abhängt, welche soziale Bedeutung ihnen im jeweiligen kulturellen Kontext zugeschrieben wird. Ziel des Artikels ist es, ein differenzierteres Verständnis des Zusammenspiels zwischen individuellen und kulturellen Determinanten von Wohlbefinden zu ermöglichen.
Zusammenfassung: Basierend auf früheren Studien und theoretischen Überlegungen zu Testcoaching und -training untersuchten wir in zwei experimentellen Studien die Wirksamkeit regelbasierter Lernvideos zur Vorbereitung auf Aufgaben des schlussfolgernden Denkens im Studieneignungstest Psychologie (BaPsy). Insgesamt 265 Schüler_innen der gymnasialen Oberstufe betrachteten zufällig entweder ein relevantes oder ein irrelevantes Lernvideo. In Studie 1 (verbal-logisches Schlussfolgern) und Studie 2 (figural-logisches Schlussfolgern) zeigten sich nachfolgend jeweils substanziell höhere Leistungen in der Experimental- gegenüber der Kontrollgruppe. Die Effektstärken waren groß ( d = 0.99) bis sehr groß ( d = 2.19). Die Ergebnisse legen nahe, dass bereits das einmalige Ansehen eines regelbasierten Videos korrespondierende Aufgabenleistung fördern kann. Die Befunde ergänzen bestehende Evidenz zu Testtraining und -coaching. Wir diskutieren die Bedeutung und potenzielle Herausforderungen frei zugänglicher, qualitätsgesicherter Vorbereitungsmaterialien, u. a. im Hinblick auf eine Erhöhung von Chancengleichheit beim Hochschulzugang.
Zusammenfassung: Prosoziales Verhalten – verstanden als Handlungen zum Wohle anderer, die oft mit persönlichen Kosten einhergehen – ist allgegenwärtig und ein zentraler Bestandteil des sozialen Miteinanders. Allerdings sind nicht alle Personen gleichermaßen gewillt, prosozial zu handeln; ebenso werden nicht alle Personen gleichermaßen prosozial behandelt. Der vorliegende Artikel beleuchtet diese systematischen Unterschiede aufseiten der Akteur_innen und Rezipient_innen prosozialen Verhaltens. Zum einen können interindividuelle Unterschiede, wie Persönlichkeitsmerkmale, erklären, warum manche Menschen bereitwillig Kosten auf sich nehmen, um anderen zu helfen, während andere primär ihren eigenen Nutzen verfolgen. Zum anderen beeinflussen Charakteristika wie physische Attraktivität oder Gruppenzugehörigkeit, ob und in welchem Ausmaß Menschen prosoziales Verhalten erfahren. Beispielsweise wird attraktiven Personen und Mitgliedern der eigenen Gruppe tendenziell mehr Prosozialität entgegengebracht als anderen Personen. Insgesamt liefert der Artikel Einblicke in die Rolle stabiler Personenmerkmale und sozialer Dynamiken für prosoziales Verhalten und bietet Ansatzpunkte für zukünftige Forschung.
Zusammenfassung: Die vorliegende Arbeit untersucht die Inhalte der Methodenlehre im Bachelorstudiengang Psychologie an deutschen staatlichen Universitäten. Dabei wird die Frage aufgeworfen, ob es einen impliziten Konsens gibt, der sich durch die Lehrinhalte zeigt. Das mittelfristige Ziel ist es, Lehrkooperationen zwischen Universitäten mit ähnlichen Schwerpunkten zu fördern. Ebenso wird indirekt untersucht, inwieweit aktuelle Methodendebatten in der Psychologie, wie die Diskussion über den Einsatz des Bayesianischen Ansatzes, in der Lehre reflektiert werden. Um den aktuellen Stand der Methodenlehre in Deutschland umfassend zu erheben, wurden im Sommersemester 2023 Professuren von 51 verschiedenen Universitäten kontaktiert. In einer Onlineumfrage wurden Informationen zu verwendeter Literatur, behandelten Themenkomplexen und verwendeter Statistiksoftware im Bachelorstudium abgefragt. Die Datenanalyse berücksichtigt vollständige Angaben von 34 Universitäten. Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass R als Statistiksoftware an 32 der 34 Universitäten etabliert ist. Zudem werden neun Themenkomplexe von allen Universitäten abgedeckt. Dieser gemeinsame Kanon umfasst Skalenniveaus, Lage- und Streuungsmaße, einfache lineare Regression, t-Tests für abhängige sowie unabhängige Stichproben, Poweranalyse, Konfidenzintervalle, Effektgrößen und die ANOVA für unabhängige Stichproben. Hier könnte eine Standardisierung von Lehrmaterialien, wie einheitliche Übungs- und Klausuraufgaben, sinnvoll sein. Andererseits variieren andere Themen stark, wodurch Lehr-Kooperationen zwischen bestimmten Universitäten möglicherweise effektiver sind als andere. Eine Distanzmatrix zeigt, welche Universitäten hinsichtlich der behandelten Themen am ähnlichsten sind. Diese Matrix könnte auch für Studierende relevant sein, die von einer Universität zu einer anderen wechseln, da sie möglicherweise zusätzliche Methodenkenntnisse erwerben müssen, um den Anschluss nicht zu verlieren.
This review article seeks to take stock of personality psychology by sketching major accomplishments from recent past regarding (a) topics studied (cognitive abilities, structural models of basic tendencies, dynamics and processes, personality changes, biology, social relationships, culture, health/well-being, pathology/disorders), (b) methodologies (new technologies, large-scale surveys), and (d) meta-scientific aspects (Open Science, syntheses, causality, nomothetics-idiographics). Recent developments in the field and prospects are put into context regarding these accomplishments via reviews of the current literature. Our survey of the field suggests that there is great richness of approaches and methods, but also that more coordination, integration, and conceptual-terminological consistency is needed.
: Tests administered before the actual learning process can significantly enhance memory - a phenomenon known as the pretesting effect. This effect has been demonstrated in the learning of vocabulary, key facts, and even prose passages. This review summarizes the rapidly growing body of research on this effect, with a particular focus on the cognitive processes underlying it. There is increasing evidence that both deeper semantic processing of the study material and heightened attention during learning play a central role in the pretesting effect. In addition, the article discusses the potential relevance of pretests for educational practice in schools and universities. Existing findings suggest that the pretesting effect generalizes across different types of learning materials and populations and is especially effective in realistic educational settings. Moreover, the effect exhibits characteristics that make it particularly attractive for classroom use. Its benefits may even increase with longer retention intervals or when learners face competing content. One possible limiting factor, however, is that pretests appear to produce only limited positive transfer effects to untested material. Finally, the review explores why the traditional notion of errorless learning may not always be the most effective learning strategy and argues that pretests can be understood as a form of desirable difficulty.
Building on previous studies and theoretical considerations regarding test coaching and training, we examine the effectiveness of rule-based videos for tasks involving reasoning skills in the BaPsy (a psychology admission test at universities). In two experimental studies, we randomly assigned 265 upper secondary school students to either watch a relevant or an irrelevant instructional video. Study 1 targeted verbal reasoning, while Study 2 addressed figural reasoning tasks. In both studies, participants in the experimental groups subsequently showed substantially higher performance than controls. The effect sizes were large (d = 0.99) to very large (d = 2.19). The results suggest that even a single exposure to a rule-based instructional video can enhance performance in corresponding test tasks. These findings add to the existing evidence on test training and coaching. We discuss the implications and potential challenges of providing free, high-quality preparation materials to promote fairness and equal opportunities in university admissions.
This study examines the content of research methods courses in undergraduate psychology programs at public universities in Germany. It explores whether an implicit consensus exists in the teaching content across universities. A key objective is to facilitate teaching collaborations among institutions with similar methodological approaches. Additionally, it investigates the extent to which contemporary methodological debates, such as the discourse on Bayesian approaches, are reflected in the teaching of psychology. To comprehensively assess the current state of methods instruction, we contacted professors from 51 universities during the summer semester of 2023. An online survey collected information on the literature used, topics covered, and statistical software employed in undergraduate programs. The final analysis includes complete responses from 34 universities. The results indicate that R is the predominant statistical software, used at 32 of the 34 universities. Moreover, all institutions covered nine core topics, forming a shared foundation of instruction. These include scales of measurement, measures of central tendency and variability, simple linear regression, t-tests for dependent and independent samples, power analysis, confidence intervals, effect sizes, and ANOVA for independent samples. Standardizing teaching materials, such as unified exercises and exam questions, could be beneficial for these topics. However, considerable variation exists in other areas, suggesting that teaching collaborations may be more effective among certain universities than others. A distance matrix indicates which universities are most similar in terms of the topics they cover. This matrix could also be relevant for students transferring from one university to another, as they may need to acquire additional methodological knowledge to keep up.
Prosocial behavior - defined as actions undertaken for the benefit of others that often come at a personal cost - is ubiquitous and a central component of social interaction. However, not all individuals are equally prosocial; similarly, not all individuals are treated equally prosocially. This article highlights the systematic differences between the actors and recipients of prosocial behavior. On the one hand, interindividual differences, such as personality traits, can explain why some people willingly incur costs to help others, whereas others primarily pursue their own benefit. On the other hand, characteristics such as recipients' characteristics physical attractiveness or group affiliation influence whether and to what extent people experience prosocial behavior. For example, attractive people and members of one's own group tend to be met with more prosociality than others. Overall, the article offers valuable insights into the role of stable personal characteristics and social dynamics in promoting prosocial behavior, providing potential starting points for future research.
This review article examines the relationship between individual factors and psychological well-being, and how the relevance of these factors varies across different cultural contexts. To approach this question, I first describe key components of psychological well-being and distinguish them from one another. In addition to the differentiation of various components of well-being, current research increasingly focuses on individual determinants of well-being. This article summarizes findings showing that these determinants are not equally relevant in all cultural contexts. I focus on three particularly widely studied determinants of well-being: marital status, socioeconomic status, and religiosity. While these determinants are typically found to be associated with well-being, recent evidence suggests that their relevance strongly depends on the social meaning attributed to them within the respective cultural context. This article aims to enable a more differentiated understanding of the interplay between individual and cultural determinants of well-being.
The psychotherapist as a person is an important factor in therapeutic work. Self-reflection is a central competence for therapists, contributing both to better patient care and the long-term health of the therapist. Promoting self-reflection is a key component of psychotherapy education, though there are still few standardized definitions and concepts for its implementation. This article presents the current research on the similarities and differences between self-reflection and mandatory personal therapy after graduation. It also proposes a definition of self-reflection and the associated skills. It identifies the challenges and implications for teaching self-reflection in psychotherapy programs. Further practical considerations must consider factors such as the university setting, the relationships between students, and their stage of development. For instance, self-reflection training should introduce and encourage self-reflective processes like self-observation and perspective-taking. In contrast, as part of further training, mandatory personal therapy sessions should address more profound biographical experiences.