
Zusammenfassung Verhaltensökonomische Ansätze sind heute fest in der Wirtschaftspolitik verankert. Wie Malte Dewies und Lucia A. Reisch argumentieren, hat die Verhaltenspolitik eine zweite, reifere Phase erreicht – mit stärkerer Evidenz, fester institutioneller Einbettung sowie hohen Anforderungen an Governance und Ethik. Mega-Studien und Evidenzübersichten relativieren anfängliche, manchmal überzogene Wirksamkeitserwartungen. Die Empirie zeigt: Verhaltensbasierte Instrumente wirken, wenn sie richtig geplant und angewendet werden. Besonders wichtig sind ein testbasierter Politikprozess, die frühe Einbindung der Zielgruppen sowie die kontinuierliche Evaluation der Wirkungen und Nebenwirkungen. Besonders wirksam sind verhaltensbasierte Interventionen, unter anderem Nudges, in Kombination mit klassischen regulativen und ökonomischen Maßnahmen. Die Digitalisierung ergänzt das Instrumentarium um personalisierte und dynamische Interventionen, birgt jedoch auch neue Risiken. Eine „Verhaltenspolitik 2.0“, so das Plädoyer in diesem Beitrag, sollte pragmatisch, evidenzbasiert, fallabhängig, kosten-nutzenorientiert, transparent und unideologisch sein.
Zusammenfassung Um gesellschaftliche Herausforderungen zu bewältigen, können politische Entscheidungsträger*innen systemische Politikmaßnahmen einführen – beispielsweise Steuern, Verbote oder Regulierungen. Allerdings stoßen solche Maßnahmen oftmals auf geringe öffentliche Akzeptanz. Dieser Widerstand ist jedoch nicht statisch: Studien zeigen, dass die Akzeptanz systemischer Politikmaßnahmen nach ihrer Einführung oftmals zunimmt. In diesem Beitrag geben Robert Böhm, Christoph Fuchs, Armin Granulo und Leonhard Reiter einen Überblick über die verhaltensökonomische und psychologische Forschung zur zeitlichen Dynamik der Akzeptanz systemischer Politikmaßnahmen. Die Autoren stellen psychologische Reaktanz als Treiber des öffentlichen Widerstandes vor, fassen empirische Befunde zur Entwicklung von Widerstand vor und nach der Maßnahmeneinführung zusammen und erläutern verschiedene Mechanismen, die diese Dynamik erklären können – beispielsweise die Übergangsheuristik, hedonistische Adaptation und Rationalisierung. Abschließend erörtern sie Implikationen für die evidenzbasierte Politikgestaltung sowie offene Forschungsfragen.
Zusammenfassung Matching-Märkte – beispielsweise für Schul- oder Studienplätze – kommen ohne den Preismechanismus aus und basieren stattdessen auf Präferenzlisten. Die Matching-Theorie hat leistungsfähige Werkzeuge entwickelt, die faire und stabile Zuordnungen versprechen, so die strategiesicheren Verfahren wie der Deferred-Acceptance-Algorithmus. Die empirische Evidenz zeigt jedoch, dass Bewerber:innen selbst in strategiesicheren Verfahren systematisch suboptimale Ranglisten abgeben. In diesem Beitrag beleuchten Christian Basteck, Dorothea Kübler und Vincent Meisner solche Abweichungen aus verhaltensökonomischer Perspektive, insbesondere im Hinblick auf unzureichende strategische Versiertheit und referenzabhängige oder unbekannte Präferenzen. Sie plädieren für ein verhaltensökonomisch fundiertes Marktdesign, das strategiesichere Algorithmen mit verständlichen Verfahrensbeschreibungen, mehr Zeit für Entscheidungen zwischen Angeboten sowie bereitgestellten Informationen kombiniert, um die Qualität und Fairness von Zuordnungen zu verbessern.
Zusammenfassung Die Sparneigung ist, geprägt durch multiple Krisen, schon mehrere Jahre überdurchschnittlich hoch. Anja Bauer, Rolf Bürkl und Katharina Gangl untersuchen auf der Grundlage von Online-Befragungen in Deutschland und den Vereinigten Staaten die motivationalen Gründe dafür, insbesondere die Einstellungen der Menschen zur Inflation sowie den Pessimismus. Die Ergebnisse zeigen, dass in beiden Ländern Personen mit vorhandenen Ersparnissen eine höhere Sparneigung berichten als Personen ohne Ersparnisse. In Deutschland beeinflusst bestehende Ersparnis die Sparneigung über das Motiv, das eigene Vermögen vor Inflation zu schützen; in den Vereinigten Staaten ist es die Wahrnehmung staatlicher Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung als fair. In beiden Ländern spielen inflationsbezogene Einstellungen eine größere Rolle als Pessimismus. Der Beitrag schließt mit einer Erörterung verhaltensökonomischer Maßnahmen, die Menschen dabei unterstützen können, ihre Sparneigung von Bankeinlagen auf renditestärkere Investitionen zu verlagern.
Zusammenfassung In diesem Beitrag quantifizieren Andreas Baur und Lisandra Flach die ökonomischen Potenziale einer europäischen Freihandelsoffensive für die EU-Mitgliedstaaten. Angesichts der Erosion des multilateralen Handelssystems und einer protektionistischen Handelspolitik der Vereinigten Staaten kommt dem Ausbau des europäischen Netzwerks an Handelsabkommen eine doppelte Bedeutung zu: Zum einen können sie helfen, einen regelbasierten Handelsraum jenseits der WTO zu sichern und strategische Partnerschaften zu vertiefen. Zum anderen können Handelsabkommen Wachstumsimpulse generieren und negative Effekte der US-amerikanischen Zollpolitik kompensieren. Mithilfe eines quantitativen allgemeinen Gleichgewichtsmodells simulieren die Autoren die wirtschaftlichen Auswirkungen von Handelsabkommen mit sieben Partnerländern beziehungsweise Ländergruppen. Abkommen mit diesen Ländern könnten demnach die negativen Folgen der US-amerikanischen Zölle nicht nur ausgleichen, sondern in einen positiven Wachstumsimpuls umkehren: Je nach Tiefe der Abkommen steigt das reale BIP der EU um 0,22 bis 0,47 Prozent, wobei alle EU-Mitgliedstaaten profitieren.
Zusammenfassung Um die nationalen Klimaziele zu erreichen, ist ein weiterer Ausbau der Windenergie an Land unabdingbar. Um ihn schneller voranzubringen, hat der Gesetzgeber Möglichkeiten geschaffen, Standortgemeinden und Bürger*innen finanziell an der Windenergie zu beteiligen. Basierend auf einer repräsentativen Befragung von etwa 7.000 Personen untersuchen Stephan Sommer, Chiara Weickardt, Paul Lehmann, Philipp Breidenbach, Erik Gawel und Felix Heuer in diesem Beitrag die Zustimmung zum Ausbau der Windenergie in Deutschland sowie zu unterschiedlichen Formen finanzieller Beteiligung in den Standortkommunen. Die Ergebnisse zeigen, dass feste jährliche Zahlungen an Gemeinden, vergünstigte Stromtarife und die Möglichkeit, Anteile zu erwerben, positiv mit der Zustimmung zum Ausbau der Windenergie korrelieren, feste jährliche Kompensationszahlungen an Anwohnende hingegen negativ. Dies deutet darauf hin, dass feste jährliche Zahlungen diejenigen Bürger*innen, die den Windenergieausbau aktuell nicht gutheißen, spezifischer erreichen als andere Formen der Beteiligung. Letztere erreichen mit höherer Wahrscheinlichkeit Personen, die den Ausbau ohnehin befürworten.
Zusammenfassung Nahezu die Hälfte des deutschen Handels mit Ländern außerhalb der EU erfolgt mit Hilfe des maritimen Transports. Ein großer Teil dieses Handels wird über wenige globale Umschlagzentren abgewickelt. Von Störungen dieser Umschlagzentren oder auch der Passage von Meerengen ist Deutschland daher stark betroffen. Philip Bodenschatz, Lukas Eberth, Katharina Erhardt und Lisandra Flach quantifizieren in diesem Beitrag die Abhängigkeit Deutschlands und der EU von sechs bedeutenden maritimen Engpässen. Im Jahr 2023 passierten nahezu 10 Prozent der deutschen Importe den Suezkanal. Eine ähnlich hohe Abhängigkeit besteht von den Straßen von Bab-al-Mandab, Malakka und Taiwan; von der Straße von Hormus liegt sie indes unter 1 Prozent. Ähnliche Ergebnisse ergeben sich auf Ebene der EU. Die Abhängigkeit variiert stark zwischen Sektoren, Produkten und Handelspartnern.
Zusammenfassung Matthias Fauth und Benjamin Jung analysieren in diesem Beitrag die außenwirtschaftlichen Verwundbarkeiten Deutschlands im Kontext globaler Spannungen. Sie beleuchten das Spannungsfeld zwischen Effizienzgewinnen und ökonomischer Sicherheit auf Basis klassischer und neuer Außenhandelstheorien sowie aktueller geoökonomischer Ansätze. Aus ihrer empirischen Analyse ergibt sich, dass sich die strategische Risiken Deutschlands auf der Importseite punktuell auf wenige, schwer substituierbare Vorprodukte konzentrieren.
Zusammenfassung Die Globalisierung hat ihre Selbstverständlichkeit verloren. Statt ökonomischer Integration unter dem Schutz eines ordnenden Hegemonen ist mittlerweile ein Wettbewerb imperialer Ansprüche zu beobachten, der nicht auf kooperative globale Lösungen hoffen lässt. Nachdem die Illusionen des Jahres 1991 zerstoben sind, dass sich Märkte fortschreitend öffnen und Staaten kooperieren, fragmentiert sich die Welt nicht nur politisch, sondern ebenso ökonomisch. In diesem Spannungsfeld argumentieren Michael Hüther und Simon Gerards Iglesias, dass Europas Antwort nicht in abstrakten Vorstellungen einer gemeinsamen Staatlichkeit liegen kann. Stattdessen plädieren sie in diesem Beitrag für pragmatische, aber wirksame „Zweckverbände funktionaler Integration“ (nach Ipsen), die den Bürgern einen erkennbaren Nutzen stiften und gleichzeitig klare geopolitische Signale senden.
Zusammenfassung In diesem Beitrag beschreiben Christian Gréus, Philipp Heil, Niklas Potrafke, Ramona Schmid und Tuuli Tähtinen, wie Wirtschaftsfachleute geopolitisches Risiko und Verteidigungsausgaben sowie deren ökonomische Auswirkungen einschätzen. Die Daten hierfür wurden im Rahmen des Economic Experts Surveys (EES) des ifo Instituts im Jahr 2025 erhoben. Die Auswertung zeigt, dass das geopolitische Risiko im globalen Norden deutlich höher eingeschätzt wird als im globalen Süden. Die nationalen Verteidigungsausgaben sollten aus Sicht der Wirtschaftsfachleute in vielen Ländern höher sein, als sie es tatsächlich sind. Die von der NATO anvisierte Erhöhung der nationalen Verteidigungsausgaben auf 5 Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts würde dessen Wachstumsrate aus Sicht der Expertinnen und Experten in der mittleren Frist um rund einen halben Prozentpunkt erhöhen.
Zusammenfassung Die Anzahl von in Kraft befindlichen Wirtschaftssanktionen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. In diesem Aufsatz stellen Gabriel Felbermayr, Heider Kariem und Yoto V. Yotov die Version 5 der Global Sanctions Database (GSDB) vor – der umfassendsten globalen Datenbank zu Sanktionen, die den Zeitraum von 1950 bis 2025 abdeckt und erstmals Details zu Finanzsanktionen sowie eine monatsgenaue zeitliche Abgrenzung enthält. Auf dieser Grundlage werden stilisierte Fakten dargestellt, die Determinanten von Wirtschaftssanktionen mit Hilfe einfacher Regressionsanalysen untersucht und die neuen Dimensionen der GSDB deskriptiv analysiert.
Zusammenfassung Frauen verdienen im Durchschnitt nach wie vor weniger als Männer. Obwohl in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte in der Gleichstellung von Männern und Frauen gemacht wurden, gibt es immer noch Ungleichheiten. Matthias Sutter wirft einen verhaltensökonomischen Blick auf mögliche Ursachen für die ungleichen Gehälter von Männern und Frauen. Dabei konzentriert er sich auf Geschlechterunterschiede im Wettbewerbsverhalten, im Verhandlungsverhalten und in der Wahl der Branchen, in denen jemand arbeiten möchte. All diese Faktoren können einen wichtigen Teil der Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen erklären, entziehen sich aber einfachen politischen (beziehungsweise gesetzlichen) Interventionen. Abschließend erörtert Sutter auch die Bedeutung von Kindern für Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern.
Zusammenfassung Die WTO macht seit vielen Jahren Krisen durch. Seit der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump in den Vereinigten Staaten haben diese existenzielle Züge angenommen. In diesem Beitrag analysiert Rolf J. Langhammer die Gründe hierfür. Er unterscheidet zwischen endogenen Ursachen, die im Vertragswerk liegen, und exogenen Gründen, die auf ein nicht-kooperatives Verhalten der Vereinigten Staaten und Chinas zurückzuführen sind. Letztere wiegen schwerer, vor allem die Aufkündigung des Meistbegünstigungsgebots durch Trump. Wege aus der Krise sieht Langhammer weniger in der Richtung eines radikalen Neubeginns ohne die Vereinigten Staaten außerhalb des WTO-Vertragswerks als darin, innerhalb der WTO einen Kern von reformwilligen Mitgliedern zu finden, der groß genug ist, um eine kritische Masse im Welthandel zu bilden. Auf die EU und China als größte Partner käme dabei besondere Verantwortung zu, die sie aber wegen gegenseitiger Blockaden gegenwärtig nicht wahrzunehmen bereit sind. So bleibt nur eine Politik der kleinen Schritte als realistische Option, ohne dass sich die WTO aus dem Krisenmodus wird befreien können.
Zusammenfassung Die Verbindung der Geoökonomik mit der Theorie internationaler Beziehungen und der Geopolitik ist, wie Richard Sturn in diesem Beitrag argumentiert, ein Gebot der Stunde. Seit langem existieren bedeutende geopolitische Paradigmen, die mit methodischen Zugängen und Annahmen der modernen Ökonomik eher harmonieren – und andere, die dazu in markantem Widerspruch stehen. Letztere dominieren heute. Die Weiterentwicklung der zur Ökonomik affinen Ansätze im Sinne des Forschungsprogramms einer Geo-politischen Ökonomik ist sowohl theoriestrategisch als auch im Hinblick auf ihren Beitrag zu möglichen Problemlösungen vielversprechend. Wie so oft lohnt es sich auch hier, Adam Smith zu Rate zu ziehen, der als früher Vertreter eines solchen Forschungsprogramms auch für heute relevante Implikationen für die Richtung institutioneller Reformen erarbeitete.
Zusammenfassung In diesem Beitrag erörtern Klaus M. Schmidt, Levent Neyse, Marianne Saam, Doreen Siegfried, Lars Vilhuber und Joachim Winter Open Science in den Wirtschaftswissenschaften als Bündel von Praktiken zur Verbesserung von Transparenz, Reproduzierbarkeit und Zugänglichkeit wissenschaftlicher Forschung. Sie zeigen, dass Präregistrierungen und Registered Reports, Open Data und Open Code sowie Open Access die Glaubwürdigkeit empirischer Forschung stärken können, aber disziplinspezifische Grenzen und Zielkonflikte berücksichtigen müssen. Für die Wirtschaftswissenschaften und die Forschungsförderung folgt daraus die Notwendigkeit einer verlässlichen Infrastruktur, klarer Standards und nachhaltiger institutioneller Unterstützung, insbesondere für nicht-kommerzielle Open-Access-Modelle wie Diamond Open Access.
Handelskonflikte, geopolitische Spannungen, digitale Disruption und Klimakrise stellen Deutschland und Europa vor große Herausforderungen. Wie beispielsweise im Draghi-Bericht gefordert, können die Staaten in Reaktion darauf industriepolitische Maßnahmen ergreifen, um die Ökonomie neu auszurichten und damit die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern und die Resilienz zu stärken. In diesem Beitrag weisen Tomaso Duso und Martin Peitz Wege, wie sich die Wettbewerbspolitik im Blick auf industriepolitische Ziele neu ausrichten lässt. Sie präsentieren Optionen, wie Gesetzgeber und Wettbewerbsbehörden auf die aktuellen Herausforderungen reagieren, Zielkonflikte entschärfen und den Entscheidungsrahmen anpassen können. Anschließend betrachten sie Elemente einer wettbewerbsorientierten Industriepolitik, die sie als einen evidenzbasierten zielgerichteten Ansatz verstehen, in dem der Wettbewerb sowohl als Leitbild als auch als Steuerungsgröße dient.