
In diesem Beitrag wird die Fortbewegung im Luftraum als ein den Menschen ganzheitlich herausforderndes sozio-technisches Phänomen skizziert. Der Beitrag fragt, wie angehende KampfpilotInnen in ihrem Training auf die mentalen, psychischen sowie körperlichen Herausforderungen (Stress) des Kampffliegens vorbereitet werden. In soziologisch-ethnografischen Analysen wird die Vorbereitung der PilotInnen am Boden entlang dreier empirischer Bezugspunkte fokussiert. Es wird (1) gezeigt, wie sich angehende KampfpilotInnen in der Flugplanung der Situation des Fliegens in zeitlichen Vorgriffen annähern und wie in dieser Annäherung Komplexität und Kontingenz ‚realer Situationen‘ gleichsam antizipiert und bearbeitet werden (Stressprävention), (2) wie Artefakte – bspw. Checklisten – als materielle Taktgeber der Praxis und Instrumente der Disziplinierung fungieren, welche die Funktionstüchtigkeit der PilotInnen auch in Notlagen sicherstellen (Stressmanagement). (3) Schließlich wird mit Blick auf die Materialität der Ausrüstung aufgezeigt, wie die PilotInnenkörper für die Praxis des Kampffliegens präpariert und im Zuge dessen in das Cockpit eingepasst werden (Stresstraining). Das Training der KampfpilotInnen zeigt sich in dieser phänomenologisch und praxeologisch inspirierten Perspektive als systematische Formung von Menschen.
Im Zusammenhang mit Konstellationen der Krise oder der Herausforderung von Stress zu sprechen, ist zunächst trivial. Weiterführend kann jedoch eine in der medizinisch-psychologischen Hirnforschung vorzufindende Differenzierung des Stress-Begriffs sein. Danach zeichnet sich toxischer Stress konzeptionell dadurch aus, dass eine zentrale Erwartungen betreffende Unsicherheit dauerhaft nicht durch Lernen auflösbar ist, wie dies bei adaptivem Stress der Fall ist. Derart toxischer Stress führt zu einer Konstellation, in der die erfolgreiche Stabilisierung einer bestimmten Erwartungsstruktur die Selbstirritationsfähigkeit des Systems gefährdet. Dieses Konzept verspricht einen Mehrwert für die Analyse des Sozialen, indem es bei der Untersuchung der Stabilisierung von Erwartungen die Möglichkeit schädigender, nämlich Irritationsfähigkeit einschränkender Wirkungen der Stabilisierung von Erwartungen zu berücksichtigen erlaubt: Im Anschluss an Goffmans Überlegungen zum Umgang mit doppelten Situationsrahmungen wird zunächst das Konzept des toxischen double-binds entwickelt. Es wird dann auf die Gesellschaftsebene gewechselt und nach den zentralen Erwartungen der modernen Gesellschaft sowie ihrem Modus der Irritationsbearbeitung gefragt. Abschließend werden diese Überlegungen verbunden und Perspektiven einer Untersuchung von toxischem Gesellschaftsstress aufgezeigt.
Anhand von Übungen zu Stressmanagement wendet sich der Aufsatz zentralen Konzepten der Leibphänomenologie von Hermann Schmitz und deren aktueller sozialwissenschaftlicher Rezeption zu. Die Analyse von Quellen aus Ratgeberliteratur zu Stress und physiologischer Stressforschung nimmt dabei drei Aspekte in den Blick: Zuerst wird das analytische Potential des Leibbegriffes aufgezeigt, dann wird auf universalistische Tendenzen in leibphänomenologischen Formulierungen eingegangen und die Verschränkung von Leibesinseln und Körperschema ausgeführt und schlussendlich wird eine Anlehnung an Wittgensteins gebrauchstheoretischen Bedeutungsbegriff vorgeschlagen. Somit kann aufgezeigt werden, dass die Körperbeobachtungen in Übungen zu Stressmanagement erst in Bezug auf ein Bild der Selbstregulation des Organismus verständlich werden.
Auf eine im 21. Jahrhundert herausragende Weise ist die Corona-Pandemie in der Plötzlichkeit ihres Auftretens akut erfahrbar. Sie zwingt uns dazu mit routinierten Verfügungsweisen zu brechen und wir sehen uns dazu gezwungen, unsere Umgangsweisen mit uns selbst, den anderen und der Welt von jetzt auf gleich umzustellen. Auf Basis einer leib-phänomenologischen und wissenssoziologischen Perspektive unterbreitet der Beitrag den Vorschlag, die komplexe Dialektik von Brucherfahrung und dem Zwang-anschließen-zu-müssen als Anschlussdynamiken im Angesicht des Unverfügbarwerdens von Welt zu konzeptualisieren. Ruptive Brucherfahrungen erzeugen Stress, insofern Akteure nicht länger über praktische Routinen verfügen, um gewichtigen Handlungsherausforderungen zu begegnen. Sprichwörtlich werden diesen ihre Weltzugänge unverfügbar. Einer schwindenden Erwartungssicherheit ausgesetzt, sehen sie sich gleichzeitig mit dem Problem konfrontiert, weiterhin anschließen-zu-müssen. Diese Konstellation tritt eine ambivalente Bruch/Zwang-Dialektik mit unbestimmtem, transformativem Potential los. Am Beispiel der Corona-Pandemie entwickeln wir in Adaption der Mertonsschen Anomietheorie eine Typologie von Anschlussdynamiken im Angesicht der Erfahrung des Unverfügbarwerdens von Welt. Auf diesem Weg unterbreiten wir einen Beitrag zur Analyse der Stressdynamiken der Corona-Pandemie im Speziellen und zur Konzeptualisierung von Dynamiken des Unverfügbarwerdens von Welt im Allgemeinen.
In spezifischen sozialen Kontexten ist Stress nicht unintendierte Nebenfolge überbordender Anforderungen oder mangelhafter Organisation, sondern beabsichtigtes und erwünschtes Ergebnis organisationalen Handelns. Mit dem US-amerikanischen Gefangenenlager Guantánamo widmet sich der vorliegende Aufsatz einem extremen Fall von „organisiertem Stress“. Ausgehend von Erfahrungsberichten ehemaliger Guantánamo-Insassen untersucht die Studie zunächst die Organisationsstrukturen, welche die Verletzungserfahrungen im Lager prägen. Analysiert werden die im Lager gültigen Programme (Bestrafungs- und Ermittlungsprogramme), die Kommunikationswege (nach außen und lagerintern) sowie das Personal (die Lagerleitung und ihre Strategien zur Spaltung der Häftlinge). Im Anschluss werden zwei allgemeinere Implikationen der vorgetragenen Analyse diskutiert. Zum einen wird gezeigt, dass sich die Verletzungsstrukturen im Lager Guantánamo nicht ohne ihre Wurzeln in der psychologischen Stressforschung verstehen lassen. Zum anderen wird argumentiert, dass die Untersuchung des Gefangenenlagers die soziologische Wahrnehmung auch im Hinblick auf andere organisationale Kontexte für Verletzungsstrukturen sensibilisieren kann.
Dieser Beitrag will einige Spuren der sich immer deutlicher artikulierenden Skepsis gegenüber dem in den Geistes- und Sozialwissenschaften dominanten Sinn- und Poiesis-Paradigma nachzeichnen. Er nimmt seinen Ausgang bei der weitgehend in Vergessenheit geratenen Studie Zur Soziologie der katholischen Ideenwelt aus dem Jahr 1927. Darin formuliert Gustav Gundlach bereits früh sein Ungenügen an einem ausschließlich auf Zweckrationalität und Intellektualität setzenden Verständnis von Handlung und nimmt damit bereits manche gegenwärtige Kritik an soziologischen Handlungstheorien vorweg. Da Gundlach jedoch nicht der einzige Autor ist, der in seiner Kritik am aktivistisch-poietischen Handlungsverständnis dezidiert auf das Katholische rekurriert, will dieser Beitrag am Beispiel der Arbeiten von Bruno Latour, Michel de Certeau, Victor Turner und Mario Perniola nach möglichen konfessionellen Bedingungen bestimmter handlungstheoretischer Ansätze fragen, die eine Umstellung von Intellektualität, Reflexivität und Intentionalität stärker hin auf Praxis, Ritualität und Körperlichkeit betrieben haben. This paper will trace some tracks of a growing scepticism towards the still dominant paradigm of meaning and poiesis in humanities and social sciences. It starts with the largely forgotten study On the Sociology of Catholic Ideas of 1927, in which early on Gustav Gundlach expresses his dissatisfaction with concepts of action that overemphasize rationality and intellectuality and anticipates some current critique of sociological theories of action. As Gundlach is not the only author who is criticizing a volitive and actionistic understanding of action and is thereby referring to the catholic, this paper is asking for possible confessional preconditions of certain theories of action, in which a shift was made from intellectuality, reflexivity, and intentionality to practice, rituality, and corporeality. The works of Bruno Latour, Michel de Certeau, Victor Turner, and Mario Perniola will serve as examples.