
Der Beitrag beleuchtet die Spannung zwischen der Erforschung wohnungsloser Menschen und der wirksamen Bekämpfung von Wohnungslosigkeit. Am Beispiel der Wohnungslosentreffen und Peer-Projekten wird gezeigt, wie wohnungslose Menschen zunehmend als Erfahrungsexpert*innen auftreten und politische Debatten mitgestalten. Die Analyse macht deutlich, dass partizipative Formate und Empowerment-Strategien nicht nur individuelle Selbstwirksamkeit fördern, sondern auch strukturelle Veränderungen anstoßen können. Gleichzeitig werden die Risiken von Tokenismus und symbolischer Beteiligung kritisch reflektiert. Der Beitrag argumentiert, dass eine konsequente Orientierung am Menschenrecht auf Wohnung und die Anerkennung von Erfahrungswissen zentrale Voraussetzungen für eine nachhaltige und inklusive Wohnungslosenhilfe sind.
Peer-Bildung wird im deutschsprachigen sozialpädagogischen Diskurs überwiegend als didaktisch strukturierte Vermittlungsform verstanden. Damit geraten ihre politischen Entstehungskontexte sowie ihre Einbettung in kollektive Praxiszusammenhänge weitgehend aus dem Blick. Der Beitrag unternimmt eine kritische Relektüre des Begriffs und fragt, welche Formen von Subjektivierung und Weltbezug im hegemonialen Verständnis von Peer-Bildung bislang unsichtbar bleiben. Ziel ist es, ihr bildungstheoretisches und politisches Potenzial neu zu bestimmen. Empirische Grundlage bildet die theoriegeleitete Rekonstruktion von drei Fallbeispielen aus Schwarzen und diasporischen Community-Kontexten in Berlin, die als kontrastive Lesarten zum dominanten Diskurs analysiert werden. Theoretisch stützt sich die Untersuchung auf Gert Biestas (2022) Konzept der Subjektivierung, das Bildung als Frage des In-der-Welt-Seins begreift und gegenüber Qualifizierung und Sozialisierung in den Vordergrund stellt. Die Analyse rekonstruiert vier miteinander verschränkte Modi der Subjektivierung: kollektive Subjektivierung, politische Selbstverortung, Sorgebeziehungen und Erinnerungspraxis. Peer-Bildung erscheint in diesen Kontexten als relationale Praxis der Subjektivierung, in der Weltbezüge, Sorge, Erinnerung und kollektiver Handlungsfähigkeit gemeinsam hervorgebracht werden. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Praktiken hegemoniale Bildungsverständnisse überschreiten, indem sie verkörperte, genealogische und nicht-lineare Formen des Weltbezugs sichtbar machen. Zugleich wird deutlich, dass die Verengung von Peer-Bildung auf didaktische Vermittlungsformen Ausdruck kolonial geprägter Wissensordnungen ist, in denen relationale, gemeinschaftliche und historisch situierte Bildungspraktiken systematisch marginalisiert werden. Peer-Bildung erweist sich damit als kollektive Praxis der Subjektivierung, die ein Bildungsverständnis erfordert, das Relationalität, Körperlichkeit, historische Situiertheit und die Kritik kolonialer Wissensordnungen als konstitutive Dimensionen von Bildung begreift.
Im Jahr 2004 erschien eine gemeinsame Broschüre von drei Betroffeneninitiativen, die bezogen auf ihre Arbeit einen betroffenenkontrollierten Ansatz formulierten: die antipsychiatrische Einrichtung Weglaufhaus „Villa Stöckle“ Berlin; Tauwetter Berlin – Anlaufstelle, für Männer* und TIN*[trans-, inter-, und nonbinäre Menschen], die in Kindheit, Jugend oder als Erwachsene sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren und die Selbsthilfe und Beratung von Wildwasser Berlin – Arbeitsgemeinschaft gegen sexualisierte Gewalt an Mädchen. Die Initiativen hatten gemeinsam, dass sie aus Selbsthilfeansätzen hervorgegangen waren. In den Mittelpunkt wurde die Erfahrung psychiatrischer und sexualisierter Gewalt und die Orientierung an einer Beteiligung und Kontrolle seitens der Nutzer*innen gestellt. Johanna Christ fragt 20 Jahre später im Gespräch mit Martina Hävernick (ehemals Wildwasser heute Tauwetter Berlin), Judith Neubauer (Tauwetter Berlin), Sandra Herrera Müller und Hannah Schallenberg (Weglaufhaus „Villa Stöckle“ Berlin) nach, was von dem gemeinsamen Ansatz geblieben ist, was Betroffenenkontrolle bedeutet und bedeuten könnte und was den betroffenenkontrollierten Ansatz auch heute noch besonders macht.
Gewalt im höheren Lebensalter ist ein vielschichtiges, zugleich aber auch ein schweigsames Phänomen. Denn in der polizeilichen Kriminalstatistik sinkt das Risiko von Menschen im höheren Lebensalter, von Gewalt betroffen zu sein, zugleich heißt dies aber nicht, dass sie keine Gewalt erfahren. In Forschungen zu Gewalt im Alter überwiegen zudem Studien, die Gewalt in der Pflegebeziehung zwischen älteren Menschen und Pflegekräften erforschen, Studien zu Gewalt im Alltag sind hingegen kaum vorhanden. Vor diesem Hintergrund plädieren wir in diesem Beitrag dafür, die Verengung von Gewalt im Alter über den Pflegekontext hinaus zu weiten. Damit wollen wir der grundlegenden Indexikalität von Gewalt Rechnung tragen, der zufolge Deutungen von Handlungen als Gewalt in spezifischen Situationen und sozialen Bezügen von Beteiligten und Beobachter:innen situativ ausgehandelt werden. Dieser Beitrag stellt Erfahrungen zu Gewalt in unterschiedlichen Alltagssituationen in öffentlichen, halböffentlichen und privaten Räumen von älteren Menschen vor, die sie in Gruppendiskussionen eingebracht haben. Ihre Deutungen und Erklärungen zu Gewalt haben wir als Ergebnisse von Praktiken der Grenzziehung analysiert. Die Ergebnisse sprechen für ein Gewaltverständnis, das von einer erweiterten, relationalen und prozessualen Handlungsträgerschaft der in einer Gewaltsituation beteiligten Akteur:innen ausgeht, das daher 1) nicht auf den Menschen begrenzt ist, sondern darüber hinaus auch materielle und temporale Elemente als Akteur:innen in Gewaltsituationen einschließt, 2) die prozessualen Wechselwirkungen zwischen involvierten menschlichen und nichtmenschlichen Akteur:innen berücksichtigt und 3) die Grenzziehungen um Gewalt als Teil einer sozialen Differenzierungspraxis versteht. Aus diesen Ergebnissen leiten wir abschließend wissenschaftliche und praktische Implikationen für unterschiedliche Zielgruppen ab.
Der Beitrag rekonstruiert professionelle Handlungsorientierungen von Fachkräften der Sozialen Arbeit, die während oder in Folge der Flutkatastrophe 2021 im Ahrtal und der Westeifel tätig waren. Auf Grundlage qualitativer Interviews werden mit Hilfe der Dokumentarischen Analyse vier Typen herausgearbeitet: (1) der biografisch orientierte Typ, (2) der adressat*innenorientierte Typ mit Fokus auf Hilfsbedürftigkeit, (3) der adressat*innenorientierte Typ mit Fokus auf Handlungsfähigkeit und (4) der organisational orientierte Typ. Die Ergebnisse zeigen, dass sich das professionelle Handeln unter Bedingungen gesteigerter Ungewissheit im Kontext der Katastrophe spezifisch ausdifferenziert. Während auf organisationaler Ebene zunächst Handlungsunsicherheiten bestehen und neue Strukturen wie Fluthilfe-Teams unter Zeitdruck etabliert werden, erleben sich Fachkräfte in der unmittelbaren Praxis tendenziell als handlungssicher. Diese Sicherheit beruht wesentlich auf berufsbiografisch erworbenen Kompetenzen und einem professionellen Habitus. Zugleich wird deutlich, dass eigene biografische Betroffenheiten von Katastrophen sowohl Ressource als auch Herausforderung sind und etablierte Grenzziehungen zwischen Fachkräften und Adressat*innen brüchig werden lassen. Zentrale Bedeutung kommt der unterschiedlichen Perspektive auf Adressat*innen im Spannungsfeld von hilfsbedürftig und handlungsfähig zu und einem hiermit verbundenen reflektierten Rollenverständnis. Der Artikel versteht sich als qualitativ-empirischer Beitrag zur Professionsforschung im Kontext von Katastrophen und verweist auf die Bedeutsamkeit, professionelle Handlungskompetenzen und entsprechende Bildungsinhalte weiterzuentwickeln.