
Die Verordnung von Arzneimitteln zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wird inzwischen durch eine Vielzahl gesetzlicher Vorschriften derart detailliert geregelt, dass die Auswirkungen auch den Gesetzgeber verblüffen. Grundsätzlich hat der GKV-Versicherte Anspruch auf eine Versorgung gemäß des Standes der medizinischen Erkenntnisse (§ 2 SGB V) und dies gleichmäßig und bedarfsgerecht (§ 70). Das gilt auch für die Versorgung mit Arzneimitteln. Dabei ist den besonderen Bedürfnissen psychisch Kranker Rechnung zu tragen (u.a. § 27 und § 92 SGB V). Wie wichtig dem Gesetzgeber der Stand der medizinischen Erkenntnisse ist, ergibt sich aus der Fortbildungspflicht der Ärzteschaft (§ 95d SGB V).
In der Diagnose und Therapie der Somatisierungsstörung wurden bereits deutliche Fortschritte erzielt. Ethnische und kulturelle Aspekte bringen jedoch eine andere Dimension in die Psychopathologie dieses Krankheitsbildes. Insbesondere die Komorbidität spielt in der Pathologie, beim klinischen Erscheinungsbild, der Behandlung und Prognose eine große Rolle. Es wird vermutet, dass bei einer therapieresistenten Somatisierungsstörung zumindest eine psychiatrische Komorbidität vorliegt. Für den Fall, dass eine Komorbidität vorliegt, wird empfohlen, zunächst die Komorbidität zu behandeln, damit es auch zu einer Heilung bzw. Linderung der Somatisierungsstörung kommen kann. Obwohl bereits viele Publikationen über Somatisierung und Ethnizität vorliegen, gibt es bedauerlicherweise nur wenige Publikationen über Somatisierungsstörung und Komorbidität, insbesondere über psychiatrische Komorbidität bei Migranten, hier speziell bei türkischen Patienten. Diese Studie beabsichtigt die, psychiatrische Komorbidität zu erfassen und die Aufmerksamkeit auf die sozialen und kulturellen Besonderheiten bei türkischen Patienten mit einer Somatisierungsstörung in Deutschland zu richten.
Die zeitgemäße berufliche Wiedereingliederung psychisch kranker Erwerbstätiger – mit und ohne Behinderung – ist dringend reformbedürftig, da unter anderem die Arbeitsunfähigkeitstage und die Frühberentungszahlen gerade bei den psychisch erkrankten Menschen überproportional ansteigen. Obwohl die Ursachen kontrovers diskutiert werden, gibt es zunehmend Hinweise darauf, dass depressive Störungen häufiger und früher auftreten als noch vor einigen Jahren.
Die Multiple Sklerose ist sowohl die häufigste chronische Entzündung als auch die am meisten auftretende atraumatische Erkankung des Zentralnervensystems, die bereits im jungen Erwachsenenalter zu persistierenden Defiziten führt. Die letzten Jahre sind gekennzeichnet durch zum Teil bahnbrechende Erkenntnisse im Verständnis der Pathophysiologie, aber auch durch die Neugestaltung der MS-Diagnosekriterien und des Therapiemanagements. Von klinischer Seite ist es insbesondere der Erkenntniszuwachs im Bereich der „weichen Symptome”, wie Fatigue, neuropspychologischer Defizite oder urogenitaler Funktionsstörungen, die sowohl quantitativ als auch qualitativ eine viel größere Bedeutung bei der MS haben als noch vor wenigen Jahren angenommen.
Kognitive Störungen stellen neben Positiv- und Negativsymptomatik ein Hauptsymptom schizophrener Erkrankungen dar, wie es schon der von Kraepelin geprägte Begriff der 'Dementia praecox' nahelegt. Die große Bedeutung dieser Störungen kommt auch in Vorschlägen zum Ausdruck, kognitive Defizite als diagnostisches Kriterium in zukünftigen Klassifikationssystemen zu berücksichtigen. In der Gesamtgruppe schizophrener Patienten finden sich entsprechende Störungen für viele verschiedene kognitive Funktionen mit einem allerdings hohen Maß an interindividueller Heterogenität, was die vermutete Heterogenität in der Pathogenese und Pathophysiologie widerspiegelt. Klinische Relevanz kommt den kognitiven Beeinträchtigungen insofern zu, als sie den Verlauf der Erkrankung gerade im Hinblick auf das soziale Funktionsniveau und die Lebensqualität deutlich beeinflussen, einen Prädiktor des Outcomes darstellen und auch als Zielsymptom pharmakologischer und nichtpharmakologischer Therapien von Interesse sind. Die Erforschung verschiedener kognitiver Endophänotypen bietet darüber hinaus die Möglichkeit einer exakteren Charakterisierung von Patientensubgruppen mit dem Ziel einer spezifischeren und erfolgreicheren Behandlung.
Ungefähr ein Fünftel der deutschen Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund. In diesem Beitrag werden nationale und internationale Forschungsergebnisse bezüglich der Suizidraten von Migranten in verschiedenen Einwanderungsländern im Vergleich zu denen der jeweiligen einheimischen Bevölkerung vorgestellt und diskutiert. Epidemiologischen Studien zufolge zeichnet sich ein erhöhtes Suizidrisiko für Migranten ab, wobei die Suizidraten nach Einwanderung stark mit denen des Herkunftslandes assoziiert sind. National betrachtet sind die Suizidraten nichtdeutscher niedriger als die deutscher Bürger.
Arbeit im Schichtdienst ist eine Tätigkeit gegen die vom Körper vorgegebene Rhythmik. Etwa ein Viertel der Nachtschichtarbeiter klagen über Schlafstörungen und eine gestörte Vigilanz, den Leitsymptomen eines "Schichtarbeitersyndroms". Ein Schichtarbeitersyndrom liegt vor, wenn in Verbindung mit Schichtarbeit exzessive Schläfrigkeit (Hypersomnie) in den gewünschten Wach- bzw. Arbeitsperioden des Tages und/oder Schlaflosigkeit (Insomnie) in den gewünschten Ruhe- bzw. Schlafperioden über mehr als einen Monat lang auftreten. Die Prävalenz liegt bei etwa 2 bis 5 % der Bevölkerung. Mit der Schlafstörung sind eine erhöhte Unfallrate in Beruf, im Privatleben und bei Autofahrten und vermehrt gastrointestinale, metabolische und kardiale Gesundheitsstörungen vergesellschaftet. Die Ursache ist eine Kollision des durch äußere Zeitgeber, nämlich der Arbeitszeit, vorgegebenen Ruhe-Aktivitäts-Verhaltens mit der durch die zentralnervöse, innere Uhr bestimmten, zirkadianen Rhythmik des Menschen. Eine Therapie ist sinnvoll, wenn ein Dienstwechsel nicht umsetzbar ist, die Störung voll ausgeprägt ist und subjektiv ein erheblicher Leidensdruck besteht oder gesundheitliche Folgen der Störung (z.B. im Herz-Kreislauf-System oder im gastrointestinalen System) auftreten. Eine Beschwerdelinderung versprechen eine Optimierung von Schichtplan und -gestaltung, die Lichtanwendung am Arbeitsplatz sowie Maßnahmen zur Verbesserung der Schlafsituation. Pharmaka lassen sich erfolgreich einsetzen, wenn deren individuelles Nutzen-Risiko-Profil beachtet wird.
Bisher standen in Deutschland fast ausschließlich typische Neuroleptika in Depotform zur Verfügung. Seit 2002 ist in Deutschland und Europa mit Risperidon in Depotform (Risperdal® Consta®) das erste atypische Neuroleptikum in Depotformulierung erhältlich. Die Zulassung eines weiteren langwirksamen atypischen Neuroleptikums (Olanzapin long–acting Injection, OLAI) ist nun ebenfalls erteilt. Erste Langzeitdaten stellte Holland C. Detke et al. auf dem 26th Collegium Internationale Neuro–Psychopharmacologicum (CINP) im Juli 2008 in München vor. Eine Übersichtsarbeit zu Wirksamkeit und Sicherheit von OLAI ist vor Kurzem im International Journal of Clinical Practice erschienen. Direkte Vergleichsdaten zwischen den Substanzen stehen noch aus. Angesichts der grundsätzlichen Bedeutung langwirksamer Injektionsformen von atypischen Neuroleptika ist jedoch eine frühe Betrachtung der beiden Substanzen in Depotformulierung schon jetzt wichtig. Vergleicht man die Ergebnisse unter OLAI mit den vorliegenden Ergebnissen unter Risperidon in Depotform, ist eine erste vorsichtig vergleichende Abschätzung sowohl hinsichtlich Wirksamkeit als auch Verträglichkeit und spezifischer Nebenwirkungen durchaus möglich.
Aktuelle Belastungen, Fehlverhalten oder falsche Erwartungshaltungen können zu gelegentlichen Ein- und Durchschlafstörungen führen. Hierbei besteht das Risiko einer Chronifizierung mit der Ausbildung behandlungsbedürftiger Insomnien und ihren Folgeerkrankungen. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken sind präventive Maßnahmen erforderlich. Hierzu geeignet sind die informative Aufklärung von Zielpersonen aber auch der Mediatoren, d.h. der Ärzte, Apotheker und Therapeuten, die Einhaltung schlafhygienischer Regeln und die Etablierung von Strategien zur Stressbewältigung. Diese sollten in allgemeinverständlicher Art vermittelt und eingeübt werden, um so rechtzeitig die Entstehung einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung zu verhindern.
Die transkulturelle Psychiatrie ist zunehmend im Blickpunkt der psychiatrischen Praxis, Forschung und Lehre. Psychische Störungen können durch den Glauben und die Kultur der Minderheit der ethnischen Gemeinschaften verstärkt werden. Die türkische Bevölkerung in Deutschland bildet die größte ethnische Minderheit. Mangelnde Sprachkenntnisse und Unwissenheit über das deutsche Gesundheits-, Sozial- und Rechtssystem waren in den letzten 45 Jahren hohe Barrieren, die eine Inanspruchnahme von Institutionen, die Diagnose und die Therapie psychischer Störungen verhinderten und damit unnötige Kosten verursachten.
The biological therapy of schizophrenia is based on psychopharmacology. In this paper two novel approaches are presented which might contribute to future treatment of patients with schizophrenia. Exercise might improve negative symptoms and cognitive impairment through increased synaptic plasticity. Repetitive transcranial magnet stimulation is already used for the treatment of negative symptoms and acustic hallucinations. For both treatments the rationale and the current state of evidence is reviewed.
Antipsychotika haben sich in der medikamentösen Behandlung der Schizophrenie sowohl in der Akutphase als auch in der Langzeitbehandlung als wirksam erwiesen. Mit der Einführung der Antipsychotika der 2. (und 3.) Generation („Atypika”) stehen dem Behandler differenzierte Therapieoptionen hinsichtlich eines günstigeren Nutzen-Risiko-Verhältnisses zur Verfügung. In der vorliegenden Übersicht werden die empfohlenen medikamentösen Behandlungsstrategien in den einzelnen Krankheitsphasen dargelegt und auf der Basis der vorhandenen Evidenz kritisch diskutiert.
Wie wir alle wissen, steuert die Alterspyramide in Deutschland in die falsche Richtung, d. h. wir haben es mit einer zunehmend alten Gesellschaft zu tun. Dies bedeutet andererseits aber auch, dass wir – Neurologen und Psychiater – in der Bedeutung der Krankenversorgung einen ständig zunehmenden Einfluss und einen hohen Stellenwert einnehmen.
Stellen Sie sich vor, sie lesen in einer Zeitung folgende Nachricht: „Es gibt eine Krankheit, an der ca. 20 Millionen Bundesbürger leiden, an der pro Jahr 40 000 Menschen sterben und die jährlich in Deutschland Kosten von 10 Milliarden Euro verursacht. Diese Krankheit ist seit Jahrzehnten bekannt, man weiß auch, wie man sie effektiv behandeln kann, doch eine Behandlung wird hierzulande nicht angeboten, weil die Kostenträger sie nicht bezahlen”.
„Wirkstoff aktuell” wird ausgewiesen als Informationsorgan der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) „in Zusammenarbeit mit der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft” (AkdÄ). Die AkdÄ identifiziert sich mit den Aussagen, wie daraus zu schließen, dass „Wirkstoff aktuell” auch bei www.akdae.de bereitgestellt ist. Die AkdÄ ist eine gemeinsame Organisation der Bundes– und Landesärztekammern, der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und ihrer Mitglieder. Satzungsgemäß „berät die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ) seit 1952 als wissenschaftlicher Fachausschuss der Bundesärztekammer diese in allen Fragen der Arzneibehandlung und Arzneimittelsicherheit”. Der Gemeinsame Bundesausschuss finanziert die Gutachtertätigkeit der AkdÄ für seinen Unterausschuss Arzneimittel. Für das Fachgebiet Psychiatrie und Psychotherapie hat sie 1 ordentliches und 12 außerordentliche Mitglieder. Ihr Name legt nahe, dass die AkdÄ beansprucht, im Namen aller deutschen Ärzte zu sprechen.
Dieser Artikel ist eine Übersicht über Anwendung und Evaluation der Dialektisch–Behavioralen Therapie (DBT) in der Behandlung der Borderline–Persönlichkeitsstörung (BPS) auf der Grundlage einer Literaturrecherche. Die DBT wurde in den letzten Jahren im ambulanten und stationären Setting zur Behandlung der BPS etabliert und evaluiert. Auch bei anderen psychischen Erkrankungen wurden erfolgreiche Anwendungen der DBT beschrieben. Es liegen jedoch nur wenige Vergleichsstudien zu störungsspezifischen Psychotherapien der BPS vor. Nach der aktuellen Studienlage ist die DBT ein gut evaluiertes und wirksames Psychotherapieverfahren in der Behandlung der BPS, eine eindeutige Überlegenheit der DBT gegenüber anderen störungsspezifischen Psychotherapieformen kann jedoch nicht postuliert werden.
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, seit unserem letzten Schwerpunktheft Grenzgebiete der Neurologie und Psychiatrie im Januar 2006 wurde ich oft auf die Problematik der Facharztausbildung beider Fächer angesprochen. Dabei zeigte sich, dass diese Problematik nach wie vor sehr emotional geführt wird und sich wahrscheinlich auch keine sachliche Lösung finden wird. Auffällig war, dass die Sichtweisen der niedergelassenen Kollegen und der Klinikärzte sehr unterschiedlich sind. In diesen Gesprächen forderten Klinikärzte in der Neurologie mehrheitlich, das Pflichtjahr Psychiatrie abzuschaffen. Psychiater in der Klinik hatten eine ambivalente Einstellung und niedergelassene Neurologen befürworteten mehrheitlich dieses „Pflichtjahr”.
Die Behandlung des Morbus Parkinson ist derzeit rein symptomatisch orientiert. Nach mehreren vergeblichen Anläufen, eine krankheitsmodifizierende Wirkung für verschiedene Medikamente nachzuweisen, hat man jetzt mit einem für diese Fragestellung optimierten Studiendesign mit dem MAO–B–Hemmer Rasagilin (Azilect®) erste „harte” Daten einer krankheitsmodifizierenden Wirkung erhalten. Wir baten Prof. Günther Deuschl, Kiel, um eine Interpretation der Ergebnisse.
Depressive Erkrankungen und Arbeitsunfähigkeiten nehmen deutlich zu. Durch das gegliederte Gesundheitssystem gibt es viele Schnittstellen. Zurzeit existieren jedoch keine konkreten Vorgaben in Form von Leitlinien, wie sektorenübergreifend eine Behandlung – quasi als Fallmanagement – der Patienten durchgeführt werden sollte. Ebenso wenig gibt es dazu eine ausreichende praxisrelevante Versorgungsforschung.