
Organisationen müssen in dynamischen, komplexen Umwelten handlungsfähig bleiben. Die verbreitete Strategie der Komplexitätsreduktion erhöht jedoch nicht automatisch Steuerbarkeit, sondern kann Anpassungsfähigkeit mindern. Auf Basis systemtheoretischer Ansätze (Beer, Parsons, Luhmann) zeigt der Beitrag, dass Steuerbarkeit durch funktionale Differenzierung entsteht: durch die Balance von standardisierten Kernprozessen und offenen Strukturen für Lernen und Innovation. Daraus werden Implikationen für Organisationsberatung und HR abgeleitet.
Berufliche Übergänge rund um die Mutterschaft stellen für viele Frauen eine besonders sensible Phase der Neu- und Umorientierung ihres Berufs- und Privatlebens dar. Der Beitrag untersucht Einsatz und Wirkung der narrativen Methode „Heldinnenreise“ als Coachinginstrument in unterschiedlichen Übergangsphasen berufstätiger Mütter. Die Ergebnisse aus 15 Methodeneinsätzen mit qualitativer Analyse zeigen, dass die Methode, besonders durch ihre klare, narrative Struktur und den Einsatz von Metaphern, Selbstreflexion und Selbstwirksamkeit bei den untersuchten Frauen fördert sowie zur Ableitung konkreter Handlungsimpulse führt. Allerdings wird auch festgestellt, dass die verwendeten Metaphern sehr sensibel eingesetzt und die Methodendurchführung möglichst flexibel und fallbezogen gestaltet werden sollten.
Der lakonisch erzählte Film von Ari Kaurismäki handelt von Henri Boulanger, einem französischen Außenseiter in einem sich marktwirtschaftlich wandelnden London der Thatcher-Ära. Nach 15 Jahren als kleiner Angestellter wird er entlassen und erlebt Einsamkeit, Isolation und seine Ablehnung als Nicht-Brite. Er hat seine Tötung durch einen angeheuerten Killer geplant, als die Begegnung mit Margaret seinen Wunsch zu Leben neu erweckt. Kann er nun seine Tötung verhindern? Der Film thematisiert Einsamkeit, moralische Mehrdeutigkeit und die Kosten von Modernisierung. Ironisch endet er damit, dass der Killer sich selbst tötet – ebenfalls ein Verlierer. Die Analyse greift psychologische Theorien zu Melancholie und Suizidalität auf und diskutiert Folgen von gesellschaftlichem Wandel und Modernisierung. Berater, Coaches und Supervisoren können mit ihren Interventionen dazu beitragen, Kosten dieses Wandels zu minimieren.
Supervision in der Flüchtlingshilfe findet in einem gesellschaftlich stark debattierten Feld statt. Zugleich kann sie auf eine in den vergangenen Jahren gewachsene Normalisierung und Professionalisierung von Flüchtlingshilfe in der Gesellschaft aufbauen. In einer Vertiefung der Verbindung von Praxis und Lernen können die Mitarbeitenden die in ihrer Arbeit aufgekommenen Fragen, Gefühlslagen und Herausforderungen anzeigen, besprechen und an ihnen lernen. Dadurch installieren sie zugleich, gehalten vom Supervisor, selbst Elemente eines „transkulturellen Übergangsraums“. Diese Elemente wirken wiederum in einer Hin-und-Her-Bewegung auf die Arbeit zurück.
Kliniken setzen unter hohem ökonomischem und strukturellem Druck tiefgreifende organisationale Veränderungsprozesse um. Deren Erfolg hängt maßgeblich von psychologischen Mechanismen, wie der Wahrnehmung und Reaktionen der Mitarbeitenden, ab. Die Studie untersucht, wie Change-Prozesse im Klinikkontext psychosoziale Belastung, Zufriedenheit, Engagement und Commitment beeinflussen und welche Rolle organisationale Anforderungen und die Qualität der Prozessgestaltung spielen. Auf Basis etablierter Modelle zeigen die Ergebnisse, dass Arbeitsengagement (Vigor), affektives Commitment und Kündigungsintention aus dem Zusammenspiel von Wertschätzung (Reward), Verausgabung (Effort), Veränderungsbewertung (Valenz), Veränderungsausmaß und Prozessqualität entstehen. Transparente Kommunikation, Partizipation und Vertrauen erweisen sich als zentrale Gestaltungsfaktoren.
Die Führungskräfteentwicklung kann mithilfe systemischer und prozessorientierter Ausbildungsprogramme dafür sorgen, dass Führungskräfte auf die Führungsanforderungen von Change und Transformationssituationen vorbereitet sind. Im Rahmen von integrierten Führungsausbildungen können unterschiedliche Formen der Selbstreflexion als inhaltliches Merkmal zur Individualisierung der Ausbildung und zum evidenzbasierten Arbeiten genutzt werden. Im vorliegenden Praxisfall wird gezeigt, wie über unterschiedliche Führungsausbildungen hinweg die zu Beginn der Ausbildung notwendigen Selbstreflexionen (Standortbestimmung) dazu benutzt werden können, nicht nur die individuelle Ausbildung zu begleiten, sondern generelle Herausforderungen von Führungskräften herauszuarbeiten. Dabei wurde die besondere Herausforderung, den Fach- und Führungsaufgaben gleichermaßen gerecht zu werden, einer detaillierten Analyse unterzogen.
Der Autor befasst sich mit den notwendigen Wandlungsprozessen, die sich durch den Übergang aus dem Berufsleben in den Altersruhestand bzw. in die Nachberufszeit ergeben. Wie alle größeren Übergänge im Lebensverlauf ist auch dies von Krisen begleitet oder bedroht, und manche Personen suchen dabei Unterstützung in einer Beratung. Auf dem Hintergrund des Modells zur psychosozialen Entwicklung der menschlichen Identität von Erikson werden anhand von Erfahrungen aus der Coachingpraxis verschiedene Probleme und Fragestellungen beleuchtet, die mit diesem Übergang verbunden sind. Weiterhin werden die sich verändernden Sinnressourcen für diese Lebensphase dargelegt, um deren eigene Wertigkeit zu unterstützen.
Bei ihrer Beratungstätigkeit setzen sich Organisationsberater, Supervisoren und Coaches mit Menschen in ihrem gelebten Alltag auseinander. Ganzheitlich betrachtet sind sie somit auch mit den sozio-psycho-biologischen Rückkopplungsmechanismen der Klienten konfrontiert, die den Beratungsprozess beeinflussen können. Dies zu erforschen, liegt im Interesse der neuen Forschungsrichtung der Psychoneuroimmunologie (PNI). Die PNI betrachtet jeden Menschen als untrennbare Einheit von sozialen, psychischen, neuronalen, hormonellen und immunologischen Aktivitäten. Ein zentraler Bereich der PNI betrifft den Einfluss von psychosozialem Stress auf das Immunsystem. Metaanalysen legen jedoch nahe, dass gängige Methoden der PNI – wie randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) und Laborexperimente – der Komplexität dieses Forschungsgebiets nicht gerecht werden können. Wir haben daher einen alternativen Forschungsansatz entwickelt: die integrative Einzelfallstudie. Diese ermöglicht es, die biopsychosoziale Komplexität unter sich ständig ändernden Alltagsbedingungen – „das Leben, wie es gelebt wird“ – zu untersuchen. Die hier vorgestellten Ergebnisse deuten auf einen Paradigmenwechsel im methodischen Ansatz der Stressforschung hin, der auch für die beratende Praxis von Bedeutung ist.
Der Film „Good Night, And Good Luck“ blickt in die US-amerikanische Vergangenheit des McCarthyismus der 1950er-Jahre und zugleich in eine weltpolitische Gegenwart, in der Demokratien in Bedrängnis geraten und autoritäre Staatsführungen an Macht gewinnen. Der Beitrag zeigt die bestehenden, teils beklemmend wirkenden Parallelen auf und erinnert an die schon vor Jahren und jetzt erneut und dringlicher ausgesprochenen Warnungen vor dem Wiedererstarken faschistischer Tendenzen und Handlungsweisen. Zwar gab es schon seit den Anfängen ein Bemühen, psychoanalytisches Denken auch auf gesellschaftliche Prozesse anzuwenden, jedoch bleibt es eine romantisierende Vorstellung, Psychoanalyse als politisch „revolutionäre Theorie“ anzusehen. Die psychoanalytische Stärkung des Ichs kann jedoch ein Weg sein, Individuen davor zu bewahren, antidemokratischen oder gar faschistischen Tendenzen anheim zu fallen.
Empathie ist essenziell für eine erfolgreiche Beratung. Dieser Beitrag fasst als narratives Review aktuelle Erkenntnisse zur Trainierbarkeit von Empathie zusammen und diskutiert deren Relevanz für Beratungskontexte, insbesondere im Umgang mit vulnerablen Zielgruppen. Die Analyse von fünf Metaanalysen und elf systematischen Reviews zeigt, dass Trainings kognitive und verhaltensbezogene Empathie wirksam fördern können, insbesondere bei Zielgruppenbezug und Vielfalt der eingesetzten Methoden. Basierend auf diesen Befunden wird ein Trainingsablauf vorgeschlagen, der subjekt-, objekt- und sozialorientierte Methoden integriert und sich praxisnah umsetzen lässt.
Der Beitrag beschreibt, wie die systemische Unternehmensberatung qoodos den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) zum Anlass nahm, ethische Leitlinien für die eigene Beratungsarbeit zu entwickeln. Anhand von acht Spannungsfeldern wird gezeigt, wie technologische Innovation zu einem kollektiven Lernprozess wurde. Der Artikel verbindet systemische Theorie mit Praxisreflexion und zeigt, dass Ethik in Organisationen nicht durch Regeln entsteht, sondern im Dialog, zwischen Algorithmus und Resonanz.
This study examines how workplace coaches make sense of their career-work experience in their coaching work with senior leader clients and whether it contributes to qualities perceived as distinctively human when compared with AI coaching agents. Semi-structured interviews were conducted with thirteen coaches from seven countries across three continents and analysed using Interpretative Phenomenological Analysis (IPA) with cross-case integration. Four themes were developed: (1) using experience for sharpening insight and rapport, (2) balancing shared experience with universal leadership realities, (3) strategic sharing through story and metaphor and (4) coaching maturity guiding decisions on when to use lived experience. Participants described credibility and shared language as accelerating trust, while also emphasising restraint, permission and self-regulation to avoid advice giving and assumption. Coaches also reported that distance from a former domain can protect curiosity. Findings inform coach selection and matching and highlight the importance of context-sensitive judgement when integrating experience.
Embodiment markiert einen grundlegenden Paradigmenwechsel in Coaching und Führung: weg von kognitiv dominierten Steuerungsmodellen hin zu einem Verständnis von Führung als verkörpertem, situativ eingebettetem Prozess emotionaler Selbst- und Fremdregulation. Der Beitrag integriert zentrale Ansätze der modernen Emotions- und Embodiment-Forschung und verknüpft diese mit aktuellen Führungskonzepten. Auf dieser theoretischen Grundlage wird das strategisch-behavioral-emotionsaktivierende Training (SBEAT®) anhand eines Fallbeispiels vorgestellt. Es handelt sich um ein körperbasiertes Coachingformat, das emotionale Überlebensstrategien sichtbar macht, primäre Emotionen zugänglich werden lässt sowie verkörperte Selbstregulation fördert.