
Oral-History-Interviews werden zunehmend digital archiviert und als Forschungsdaten für eine zukünftige Nachnutzung bereitgestellt. Die FAIR-Prinzipien sollen garantieren, dass die Interviews für andere Forschende auffindbar, zugänglich, verknüpfbar und nachnutzbar sind. Während es dabei vor allem um die Nutzbarkeit für Sekundärauswertungen geht, werden ethische Fragestellungen und Machtdynamiken seit kurzem im Zusammenhang mit den CARE-Prinzipien diskutiert. Diese für den Umgang mit indigenen Forschungsdaten entwickelte Abkürzung steht für Kollektiver Nutzen, Kontrolle über die Daten, Verantwortung und Ethik. Der Beitrag stellt beide Konzepte vor und diskutiert ihre Anwendbarkeit auf die deutschsprachige Oral History, insbesondere die Archivierung und Zugänglichmachung von Interview-Sammlungen. Die bislang noch wenig bekannten CARE-Fragen nehmen dabei einen größeren Raum ein. Die FAIR-Prinzipien bieten eine gute Orientierungshilfe für die Erschließung, Publikation und Archivierung von Oral-History-Interviews. Auch wenn für ihre Umsetzung vielfach die Kapazitäten fehlen, gibt es inzwischen unterstützende Infrastrukturen und Werkzeuge. Allerdings stellen sich dabei ethische Fragen, die für die Oral History nicht neu sind, sich im digitalen Zeitalter aber neu stellen. Dafür geben wiederum die CARE-Prinzipien hilfreiche Anstöße, auch wenn sie nur begrenzt übertragbar und schwer umsetzbar sind. Insgesamt können FAIR- und CARE-Prinzipien dazu beitragen, eine nachhaltige Nutzbarkeit der Interviews zu sichern und sich dabei der Bedeutung von Machtverhältnissen und Communities bewusst zu sein.
Der Text untersucht, ob und in welcher Form es in der Sowjetunion Vorläufer der Oral History gab. Zwar fand die Methode der Oral History erst nach dem Ende der Sowjetunion in den 1990er Jahren breitere Verwendung und wurde meist als westlicher Import verstanden. Allerdings existierte insbesondere in der sowjetischen Ethnographie, die damals Teil der Geschichtswissenschaften war, interviewbasierte Forschung. Seit den frühen 1950er Jahren wurden in größeren Projekten zur Transformation der Landwirtschaft, in der sogenannten „Kolchosforschung“, die ländliche Bevölkerung zu ihren Lebensweisen und Erfahrungen befragt. Ziel war es, den sozialistischen Umbau der Gesellschaft zu dokumentieren und damit zugleich auch zu forcieren. Den Forschenden wurde im Sinne der Doktrin des „Sozialistischen Realismus“ die Rolle von „Sozialingenieuren“ zugeschrieben, was entsprechend auch das Machtverhältnis zu den Befragten prägte. In der „Kolchosforschung“ der 1950er Jahre wurden Interviews handschriftlich festgehalten, oft thematisch geordnet und redaktionell bearbeitet. Obwohl diese Gespräche keine narrativen biographischen Interviews im heutigen Sinn waren, enthielten sie überraschend offene Erinnerungen, auch zu konfliktreichen Themen wie der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft seit 1929 und damit verbundene Repression. Gleichzeitig wuchs allmählich die Einsicht, dass Vertrauen und dialogische Gesprächsführung entscheidend für verlässliche Aussagen waren. In den 1970er und 1980er Jahren führten Feldforschungen besonders in der Ukraine trotz ideologischer Einschränkungen zu intensiven Konfrontationen mit tabuierten biographischen Erfahrungen, etwa mit dem Holodomor. Diese Interviewerfahrungen trugen dazu bei, dass Ethnograph*innen nach 1991 zu Pionier*innen der Oral History im postsowjetischen Raum wurden. So kommt der Artikel zu dem Schluss, dass Oral History nicht nur ein Westimport war, sondern auch an ethnographische Praktiken in der Sowjetunion anknüpfen konnte.
Der Artikel untersucht die Besonderheiten der Oral-History-Forschung in Belarus. Die sich seit 2020 verschärfende politische Situation beeinflusst die Archivierung und Nutzung von Zeitzeugeninterviews und wirft zahlreiche rechtliche und ethische Fragen auf. Sowohl Oral-Historians als auch Zeitzeug*innen geraten unter Druck, da abweichende Narrative von der offiziellen Ideologie strafrechtliche Konsequenzen haben können. Dies betrifft zahlreiche Themen der belarussischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Offizielle Institutionen versuchen zudem, Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg zur Legitimation des bestehenden Regimes zu instrumentalisieren. Das seit 2011 bestehende Belarussische Oral History Archiv ist ein einzigartiges Zeugnisarchiv, das ebenfalls von der politischen Lage beeinflusst wird. Die Verhaftung seines Koordinators im Jahr 2021 führte zur Entscheidung, den öffentlichen Online-Zugang zum Archiv zu schließen. Um die Materialien und die unabhängige Forschung zu bewahren, setzten die beteiligten Historiker*innen ihre Arbeit außerhalb von Belarus fort. Dies stellt neue Herausforderungen für die Weiterentwicklung des Archivs und den sicheren Zugang zu den Daten. Als vergleichsweise sichere Strategie gilt, Interviews mit bereits emigrierten Personen zu führen, was jedoch die Themenvielfalt einschränkt. Zugleich eröffnet die Dokumentation der Erfahrungen von Emigrant*innen nach den Protesten von 2020 die Möglichkeit, die größte Auswanderungswelle aus Belarus seit der Nachkriegszeit zu erforschen. Die Bewahrung solcher Narrative ist im Land selbst unmöglich, aber von großer zukünftiger Bedeutung. Dank digitaler Kommunikationsmöglichkeiten können räumliche Barrieren überwunden werden. Besondere Aufmerksamkeit erfordert jedoch der Schutz der Interviewten durch Anonymisierung und Zugangsbeschränkung, bis sich die politische Situation ändert.
Der Beitrag untersucht den Aufbau und die Nutzung des Oral-History-Archivs am Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie lebensgeschichtliche Interviews im musealen Kontext systematisch erhoben, archiviert und eingesetzt werden können. Dabei wird gezeigt, wie individuelle Erinnerungen mit Objektgeschichten verknüpft und in Ausstellung, Dokumentation und Vermittlung integriert wurden. Anhand ausgewählter Fallbeispiele wird das Potenzial von Oral History als Zugang zur Darstellung von Zwangsmigration und deren Folgen deutlich. Zugleich thematisiert der Beitrag Herausforderungen wie begrenzte Ressourcen, ethische Verantwortung, Fragen der Repräsentativität und die Auswahl geeigneter Präsentationsformen. Die Anbindung an die Plattform Oral-History.Digital wird als strategische Lösung für Archivierung, wissenschaftliche Erschließung und Zugänglichkeit vorgestellt. Der Beitrag liefert praxisnahe Impulse für den Umgang mit biographi-schen Quellen im musealen Raum und plädiert für eine reflektierte, vielstimmige und kontextualisierte Nutzung von Oral History in zeithistorischen Ausstellungen.
The research assistants’ roles towards supporting visiting European researchers in Namibia was understudied and their recognitions remain in the side-lines of acknowledgement sections of the research outputs, sometimes in pseudonym names only but this has changed. Researchers now question their past practices and suggest the need to explore deeper the central roles of research assistants in the making of ethnographic data collection process and outputs. This paper followed a qualitative approach of engaging in oral interviews but also on a self-reflexive approach which supports analysis of personal experiences of individuals to discuss the experiences of research assistants in supporting western researchers in Namibia. Centrally the following questions were asked: what were the motivations for becoming research assistants; what were the central roles or responsibilities of research assistants in shaping the field workspace, data collection process and analysis; what relations existed between research assistants and researchers beyond the field work experiences and what is the future of the collected oral materials or voices of the African communities? The paper asserts that the acknowledgement and recognitions of research assistants’ roles and contributions by researchers fall short of expectations. Further, post- field work relations shed light on positive opportunities for research assistants to excel which is availed by researchers. The paper points to the need for policy reform that speaks to ensuring that western researchers deposit oral interview materials in the National Archives of Namibia or to relevant research institutions so as to benefit the present and future generation of the African communities from which these oral data were extracted.
Maschinelle Methoden zur Inhaltserschließung dienen nicht nur dazu, statistische Ergebnisse zu erzielen. Die quantitativen Ergebnisse können auch qualitativ genutzt werden, um Muster und Themenverläufe in den untersuchten Texten aufzufinden. Dieser Aufsatz dokumentiert, wie aus einem Korpus lebensgeschichtlicher Interviews, zusammengestellt aus Sammlungen des Portals Oral-History.Digital (oh.d), mithilfe von Topic Modeling – einer Methode des maschinellen Lernens – ein Themenverzeichnis für alle in oh.d repräsentierten Interviews erstellt wurde. Dieses Themenverzeichnis dient einerseits als Register zur archivübergreifenden Suche, andererseits ist es Grundlage automatisch generierter Inhaltsverzeichnisse für die Interviews. Nach einem Überblick über die gängigsten Methoden zur automatischen Inhaltserschließung von Texten, wird der gesamte Prozess von der Zusammenstellung des Korpus bis zum fertigen Themenverzeichnis und exemplarischen Inhaltsverzeichnissen transparent dargestellt. Die Voreinstellung aller Parameter, von der Größe der Abschnitte bis zur Anzahl der Topics, stellt bisher eine große Herausforderung dar. Automatisierte Prozesse konnten keine eindeutigen Ergebnisse liefern, weshalb ein qualitativer Ansatz vorgeschlagen wird, bei dem die Annäherung an die optimale Anzahl der Topics über ein Zoom-in- und Zoom-out-Verfahren (Scalable Reading) evaluiert wird. Eine Gruppe erfahrener Oral Historians labelte anschließend die einzelnen Topics und führte ähnliche Topics zu Clustern zusammen. Abschließend wurden die gelabelten Topics als Register in die oh.d-Plattform implementiert. Auf dieser Grundlage können Inhaltsverzeichnisse für alle Interviews erstellt werden.
Der Beitrag untersucht Oral-History-Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeiter*innen und Holocaust-Überlebenden aus gesprächsanalytischer Perspektive und versteht diese Interviews als multimodale Interaktionsereignisse. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass extrem belastende Erfahrungen von den Zeitzeug*innen häufig als kaum sagbar oder „unvorstellbar“ markiert werden. Auf der Basis audio- und videografierter Interviews analysieren wir, wie Erzähler*innen Sprache, Stimme und Körper koordinieren, um dennoch Bedeutung herzustellen. Methodisch stützt sich der Beitrag auf die Konversationsanalyse sowie auf multimodale Transkriptionsverfahren (GAT2, Mondada), die Pausen, Prosodie, Blick und Gesten in ihrer zeitlichen Feinabstimmung erfassen. An exemplarischen Fallanalysen – insbesondere zu Erzählungen der ersten Begegnung mit Toten in Konzentrationslagern – zeigen wir, dass das vermeintlich Unsagbare nicht primär im Schweigen, sondern in intensiver Formulierungsarbeit und verkörperten Ausdrucksweisen sichtbar wird. Abbrüche, Zögern, Atemführung, Blickabwendungen oder ikonische Gesten fungieren dabei als zentrale Ressourcen der Sinn- und Evidenzherstellung. Der Beitrag argumentiert, dass eine multimodale gesprächsanalytische Perspektive die Oral History methodisch ergänzt, indem sie Zeugenschaft als interaktiven, leiblich eingebetteten Prozess rekonstruierbar macht und textzentrierte Auswertungen systematisch erweitert.
In Ermangelung von Diskussionsgruppen in der Geschichtswissenschaft, wurde in einem Experiment eine KI-Diskussionsgruppe entwickelt, die Nutzende bei der Interpretation von Interviews unterstützen soll. Die KI soll Gegenentwürfe präsentieren und darüber hinaus neue Denkanstöße liefern, um Wissenschaftler:innen eine Selbstkontrolle der eigenen Interpretation zu ermöglichen. Der initiale Versuch mit ChatGPT lieferte überraschend gute Ergebnisse. Für die Nutzung mit sensiblen Daten sind die (bis vor kurzem nur) cloudbasierten Services von OpenAI keine Option in der Oral History. Trotz intensiver Beschäftigung mit Prompt-Engineering und dem Vergleich mehrerer lokal nutzbarer Small- und Large Language Models (SLMs und LLMs), konnte die Qualität von GPT-5 in einer offline-Variante der KI-Diskussionsgruppe nicht erreicht werden. Googles Gemma 3, das kurz vor Redaktionsschluss veröffentlicht wurde, macht allerdings einen guten ersten Eindruck. Nach einer positiv aufgenommenen Performance, bei der reale Personen die KI-Diskussion im Rahmen einer Tagung vorgetragen haben, wird die Arbeit an der KI-Interpretationsgruppe fortgesetzt und insbesondere Fokus auf konkrete Fragestellungen gelegt, die die KI-Diskussionsgruppe bearbeiten soll.
Oroibidea is an online archive dedicated to victims and based on primary sources in which oral history plays a crucial role through the use of information technology. The project also seeks to harness technological advances in artificial intelligence while adhering to the original concept that underpins the archive, driving its growth and evolving it into a more interactive tool so as to continue working on the transmission of memory. This article presents the historical context in the autonomous region of Navarre, where the collective memory of the Spanish Civil War is being kept alive through the inter-generational transmission of public memory policies and broader promotional efforts. To continue this work on remembrance, the Navarrese Institute of Memory has committed to the widespread use of information technology with memory collections and has created the Oroibidea portal to encompass all sorts of documents – including interviews – around one central pillar (the victims). The institute intends to maintain its commitment to growing this portal not only from a quantitative point of view by incorporating new collections but also by integrating such disruptive technologies as artificial intelligence, which are going to bring about a paradigm shift in terms of both the management of such collections and also how this project in particular interacts with its users. Given the current state of this technology, the first steps will involve the oral memory collections and the initial results are expected in 2026.
Der Beitrag untersucht Potenziale und Grenzen der automatischen Spracherkennung (ASR) für Oral-History-Interviews. Die manuelle Transkription audiovisueller Aufzeichnungen ist zeit- und kostenintensiv; dieser „Transkriptionsflaschenhals“ hemmt die Erschließung und Bereitstellung umfangreicher Bestände. Das Projekt „ASR4Memory“ entwickelte eine datenschutzkonforme Open-Source-Transkriptionspipeline auf Basis von WhisperX, die auf lokalen Servern betrieben wird. Als zentrale Herausforderung zeigt sich die von ASR-Modellen bewirkte Glättung gesprochener Sprache, durch die Dialekte, Füllwörter und nonverbale Äußerungen verlorengehen – für wissenschaftliche Analysen oft essenzielle Elemente. Der Einsatz automatischer Spracherkennung wirft zudem ethische und rechtliche Fragen auf, insbesondere hinsichtlich des Datenschutzes sowie potenzieller Verzerrungen durch Trainingsdaten. Die ASR-Anwendung erzeugt verschiedene, zeit-alignierte Transkriptformate mit Sprechererkennung und unterstützt multimodales Arbeiten sowie Volltextsuche. Trotz erheblicher Zeitgewinne bleibt eine Nachbearbeitung häufig erforderlich. Durch domänenspezifisches Fine-Tuning mit 300 Stunden anonymisierter Interviews wurden sowohl die Wortfehlerrate als auch die Erkennung historischer Begriffe deutlich verbessert. Die Studie plädiert für eine transparente, kritisch reflektierte ASR-Nutzung unter Berücksichtigung fachspezifischer Anforderungen und ethischer Standards, um audiovisuelle Forschungsdaten gemäß den FAIR-Prinzipien nachhaltig zu erschließen.
Die digitale Erschließung und Bereitstellung von Oral-History-Interviews eröffnet neue Perspektiven für die Sekundäranalyse qualitativer Forschungsdaten. Noch fehlen jedoch erprobte methodische Ansätze und klare Rahmenbedingungen für den Umgang mit älteren Interviewbeständen. Der Beitrag diskutiert anhand eines Fallbeispiels die Chancen und Herausforderungen einer solchen Zweitauswertung: Die Soziologin Cordia Schlegelmilch und der Historiker Clemens Villinger reflektieren gemeinsam die Nachnutzung von Interviews aus der Wurzen-Studie (1990–1996), die Villinger rund zwanzig Jahre später in seiner Forschung zur Konsumgeschichte der DDR erneut ausgewertet hat. Im Fokus steht dabei das Zusammenspiel von Primär- und Sekundärforschung. Anhand ihrer eigenen Zusammenarbeit wird aufgezeigt, wie eine enge Kommunikation zwischen ursprünglicher Datenerhebung und späterer Analyse neue Erkenntnisse, aber auch spezifische methodische Schwierigkeiten hervorbringen kann. Abschließend werden Vorschläge formuliert, wie künftige Kooperationen und Archivierungspraktiken ausgestaltet werden können, um Sekundäranalysen qualitativer Interviews besser zu unterstützen.
Der Beitrag beschreibt, wie sich die Oral History im Zuge der digitalen Transformation grundlegend verändert und welche Rolle Standards, Vokabulare und KI-Technologien dabei spielen. Ausgangspunkt ist die stark gewachsene Menge an Oral-History-Interviews, die über Portale wie Oral-History.Digital (oh.d) besser zugänglich wird. Skizziert werden drei Digitalisierungsschübe: Erstens die technisch erleichterte Aufzeichnung. Zweitens die Etablierung von Forschungsinfrastrukturen und die automatisierte Transkription mittels Spracherkennung, die Interviews als „Forschungsdaten“ in größerem Umfang nutzbar macht. Drittens schließlich der KI-getriebene Schub mit neuen Möglichkeiten der Entitätserkennung und kontextualisierten, qualitativen Auswertungen. Dazu wird vor allem der Workflow der Digitalisierung nachgezeichnet, der idealtypisch von der Digitalisierung über die (automatisierte) Transkription und die Erkennung von Texteinheiten/Entitäten (z. B. über NER) sowie die Identifikation und Disambiguierung dieser Entitäten und ihre Verknüpfung mit Normdaten und kontrollierten Vokabularen bis zur Langzeitarchivierung und Lizenzierung nach den FAIR- und CARE-Prinzipien reicht. Der Text beleuchtet die Rolle von Vokabularen und Taxonomien in diesem Prozess, die sich vom bibliothekarischen Ordnungsinstrument zur Wissensbasis für Entitäten mit analytischen Kategorien und Messkriterien gemausert haben. Über Linked Open Data und Normdaten ermöglichen sie Informationsanreicherung, z. B. durch Geokoordinaten plus historische Kontextdaten oder berufliche Klassifikationen.
In der Geschichtswissenschaft und ihren Nachbardisziplinen wächst das Interesse an einer Zweitauswertung lebensgeschichtlicher Interviews. Allerdings sind die Quellenbestände der Oral History über viele Einrichtungen verstreut und schlecht erschlossen, was die sammlungsübergreifende Recherche und digital unterstützte Analyse erschwert. Daher hat eine DFG-geförderte Projektgruppe nun die Erschließungs- und Rechercheplattform „Oral-History.Digital“ aufgebaut. Im Sinne der FAIR-Prinzipien macht dieses Interviewportal bislang schlecht verfügbare Sammlungen von Zeitzeug*inneninterviews auffindbar, zugänglich, verknüpfbar und nachnutzbar. Die Infrastruktur ist seit September 2023 online und verzeichnet derzeit (12/2025) etwa 5.400 Interviews aus drei Dutzend Einrichtungen mit einer großen thematischen Bandbreite lebensgeschichtlicher Erzählungen. Der Beitrag skizziert die Ziele, Funktionen, Inhalte und Perspektiven des Interviewportals und lädt ein zum Stöbern oder gezielten Recherchieren in „Oral-History.Digital“.
Das Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies der Yale University ist eine 1979 gegründete Sammlung von mehr als 4.400 Videoaufnahmen von Zeug*innen der Shoah. In diesem Beitrag wird dargestellt, in welcher Weise neue Technologien implementiert werden und wie dabei die potenziellen Risiken eingeschätzt und adressiert werden. Die Herangehensweise des Archivs an digitale Technologien ist von dem Bemühen geprägt, die Traditionen des Archivs zu bewahren, insbesondere den ethischen Verpflichtungen den Zeitzeug*innen gegenüber nachzukommen und gleichzeitig den Bedürfnissen der Forschungscommunity zu entsprechen und damit die Nutzung der Sammlung zu befördern. Das Fortunoff Archive befindet sich damit in einem Spannungsverhältnis zwischen empathischem Zuhören und digitaler Technologie. Am Beispiel zweier digitaler Projekte wird gezeigt, wie das Archiv mit diesem Spannungsverhältnis in der Praxis umgeht.
Der Aufsatz untersucht, wie sich das Gedenken an den Holocaust und das Lernen über den Nationalsozialismus unter den Bedingungen algorithmisch kuratierter Kurzvideoplattformen wie TikTok verändern. Ausgehend von kontrovers diskutierten Trends wie der #POVHolocaustChallenge und KI-generierten Videos wird analysiert, inwiefern Plattformlogiken, Affordanzen und Empfehlungsalgorithmen historische Vorstellungen prägen oder verzerren. Zugleich zeigt der Beitrag, dass TikTok neue Formen partizipativer Erinnerungskultur ermöglicht, etwa durch digitale Zeugenschaft von Holocaust-Überlebenden und die Vermittlungsarbeit von Gedenkstätten. Anhand verschiedener plattformspezifischer Modi des Gedenkens wird aufgezeigt, wie emotionales, fragmentiertes und informelles Lernen in Kurzvideos stattfindet. Abschließend diskutiert der Aufsatz mit der Bildungsplattform SHOAH STORIES einen Ansatz, der algorithmisch strukturierte Inhalte in einen kuratierten, pädagogisch begleiteten Lernraum überführt und so die Chancen digitaler Erinnerung mit den Anforderungen historisch-politischer Bildung verbindet.
In this interview, Charles Briggs recapitulates his academic career and his scholarly “maturation process,” beginning with his early research experiences. Two particularly influential works – Learning how to ask (1986) and Voices of modernity (Bauman/Briggs 2003) – are highlighted as milestones, and their biographical, research-practical, and theoretical underpinnings are illuminated. The experienced disruption of the methodological premises of interview research and the resulting reflection on its cultural and power-based nature repeatedly emerge as groundbreaking themes. Among other things, Briggs reports in detail on his experiences with community-based research in a Latinx community in New Mexico, and in an Indigenous area of Venezuela during two epidemics. His perspective on interviews and interview research is characterized by their use as “empowerment tools” with which public discourses can be “decolonized,” allowing the voices and perspectives of those who rarely receive this privilege to become public. In this process, he emphasizes that researchers must continually sensitize themselves to the diverse communication styles of their research subjects and cultivate a flexible approach to established methods. At the same time, Briggs underlines the omnipresence of the question-answer scheme in the most diverse interaction contexts of mediatized, Western societies, which makes interviews an unavoidable research instrument for social science.