
Der Beitrag beleuchtet die Spannung zwischen der Erforschung wohnungsloser Menschen und der wirksamen Bekämpfung von Wohnungslosigkeit. Am Beispiel der Wohnungslosentreffen und Peer-Projekten wird gezeigt, wie wohnungslose Menschen zunehmend als Erfahrungsexpert*innen auftreten und politische Debatten mitgestalten. Die Analyse macht deutlich, dass partizipative Formate und Empowerment-Strategien nicht nur individuelle Selbstwirksamkeit fördern, sondern auch strukturelle Veränderungen anstoßen können. Gleichzeitig werden die Risiken von Tokenismus und symbolischer Beteiligung kritisch reflektiert. Der Beitrag argumentiert, dass eine konsequente Orientierung am Menschenrecht auf Wohnung und die Anerkennung von Erfahrungswissen zentrale Voraussetzungen für eine nachhaltige und inklusive Wohnungslosenhilfe sind.
Peer-Bildung wird im deutschsprachigen sozialpädagogischen Diskurs überwiegend als didaktisch strukturierte Vermittlungsform verstanden. Damit geraten ihre politischen Entstehungskontexte sowie ihre Einbettung in kollektive Praxiszusammenhänge weitgehend aus dem Blick. Der Beitrag unternimmt eine kritische Relektüre des Begriffs und fragt, welche Formen von Subjektivierung und Weltbezug im hegemonialen Verständnis von Peer-Bildung bislang unsichtbar bleiben. Ziel ist es, ihr bildungstheoretisches und politisches Potenzial neu zu bestimmen. Empirische Grundlage bildet die theoriegeleitete Rekonstruktion von drei Fallbeispielen aus Schwarzen und diasporischen Community-Kontexten in Berlin, die als kontrastive Lesarten zum dominanten Diskurs analysiert werden. Theoretisch stützt sich die Untersuchung auf Gert Biestas (2022) Konzept der Subjektivierung, das Bildung als Frage des In-der-Welt-Seins begreift und gegenüber Qualifizierung und Sozialisierung in den Vordergrund stellt. Die Analyse rekonstruiert vier miteinander verschränkte Modi der Subjektivierung: kollektive Subjektivierung, politische Selbstverortung, Sorgebeziehungen und Erinnerungspraxis. Peer-Bildung erscheint in diesen Kontexten als relationale Praxis der Subjektivierung, in der Weltbezüge, Sorge, Erinnerung und kollektiver Handlungsfähigkeit gemeinsam hervorgebracht werden. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Praktiken hegemoniale Bildungsverständnisse überschreiten, indem sie verkörperte, genealogische und nicht-lineare Formen des Weltbezugs sichtbar machen. Zugleich wird deutlich, dass die Verengung von Peer-Bildung auf didaktische Vermittlungsformen Ausdruck kolonial geprägter Wissensordnungen ist, in denen relationale, gemeinschaftliche und historisch situierte Bildungspraktiken systematisch marginalisiert werden. Peer-Bildung erweist sich damit als kollektive Praxis der Subjektivierung, die ein Bildungsverständnis erfordert, das Relationalität, Körperlichkeit, historische Situiertheit und die Kritik kolonialer Wissensordnungen als konstitutive Dimensionen von Bildung begreift.
Im Jahr 2004 erschien eine gemeinsame Broschüre von drei Betroffeneninitiativen, die bezogen auf ihre Arbeit einen betroffenenkontrollierten Ansatz formulierten: die antipsychiatrische Einrichtung Weglaufhaus „Villa Stöckle“ Berlin; Tauwetter Berlin – Anlaufstelle, für Männer* und TIN*[trans-, inter-, und nonbinäre Menschen], die in Kindheit, Jugend oder als Erwachsene sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren und die Selbsthilfe und Beratung von Wildwasser Berlin – Arbeitsgemeinschaft gegen sexualisierte Gewalt an Mädchen. Die Initiativen hatten gemeinsam, dass sie aus Selbsthilfeansätzen hervorgegangen waren. In den Mittelpunkt wurde die Erfahrung psychiatrischer und sexualisierter Gewalt und die Orientierung an einer Beteiligung und Kontrolle seitens der Nutzer*innen gestellt. Johanna Christ fragt 20 Jahre später im Gespräch mit Martina Hävernick (ehemals Wildwasser heute Tauwetter Berlin), Judith Neubauer (Tauwetter Berlin), Sandra Herrera Müller und Hannah Schallenberg (Weglaufhaus „Villa Stöckle“ Berlin) nach, was von dem gemeinsamen Ansatz geblieben ist, was Betroffenenkontrolle bedeutet und bedeuten könnte und was den betroffenenkontrollierten Ansatz auch heute noch besonders macht.
Gewalt im höheren Lebensalter ist ein vielschichtiges, zugleich aber auch ein schweigsames Phänomen. Denn in der polizeilichen Kriminalstatistik sinkt das Risiko von Menschen im höheren Lebensalter, von Gewalt betroffen zu sein, zugleich heißt dies aber nicht, dass sie keine Gewalt erfahren. In Forschungen zu Gewalt im Alter überwiegen zudem Studien, die Gewalt in der Pflegebeziehung zwischen älteren Menschen und Pflegekräften erforschen, Studien zu Gewalt im Alltag sind hingegen kaum vorhanden. Vor diesem Hintergrund plädieren wir in diesem Beitrag dafür, die Verengung von Gewalt im Alter über den Pflegekontext hinaus zu weiten. Damit wollen wir der grundlegenden Indexikalität von Gewalt Rechnung tragen, der zufolge Deutungen von Handlungen als Gewalt in spezifischen Situationen und sozialen Bezügen von Beteiligten und Beobachter:innen situativ ausgehandelt werden. Dieser Beitrag stellt Erfahrungen zu Gewalt in unterschiedlichen Alltagssituationen in öffentlichen, halböffentlichen und privaten Räumen von älteren Menschen vor, die sie in Gruppendiskussionen eingebracht haben. Ihre Deutungen und Erklärungen zu Gewalt haben wir als Ergebnisse von Praktiken der Grenzziehung analysiert. Die Ergebnisse sprechen für ein Gewaltverständnis, das von einer erweiterten, relationalen und prozessualen Handlungsträgerschaft der in einer Gewaltsituation beteiligten Akteur:innen ausgeht, das daher 1) nicht auf den Menschen begrenzt ist, sondern darüber hinaus auch materielle und temporale Elemente als Akteur:innen in Gewaltsituationen einschließt, 2) die prozessualen Wechselwirkungen zwischen involvierten menschlichen und nichtmenschlichen Akteur:innen berücksichtigt und 3) die Grenzziehungen um Gewalt als Teil einer sozialen Differenzierungspraxis versteht. Aus diesen Ergebnissen leiten wir abschließend wissenschaftliche und praktische Implikationen für unterschiedliche Zielgruppen ab.
Der Beitrag rekonstruiert professionelle Handlungsorientierungen von Fachkräften der Sozialen Arbeit, die während oder in Folge der Flutkatastrophe 2021 im Ahrtal und der Westeifel tätig waren. Auf Grundlage qualitativer Interviews werden mit Hilfe der Dokumentarischen Analyse vier Typen herausgearbeitet: (1) der biografisch orientierte Typ, (2) der adressat*innenorientierte Typ mit Fokus auf Hilfsbedürftigkeit, (3) der adressat*innenorientierte Typ mit Fokus auf Handlungsfähigkeit und (4) der organisational orientierte Typ. Die Ergebnisse zeigen, dass sich das professionelle Handeln unter Bedingungen gesteigerter Ungewissheit im Kontext der Katastrophe spezifisch ausdifferenziert. Während auf organisationaler Ebene zunächst Handlungsunsicherheiten bestehen und neue Strukturen wie Fluthilfe-Teams unter Zeitdruck etabliert werden, erleben sich Fachkräfte in der unmittelbaren Praxis tendenziell als handlungssicher. Diese Sicherheit beruht wesentlich auf berufsbiografisch erworbenen Kompetenzen und einem professionellen Habitus. Zugleich wird deutlich, dass eigene biografische Betroffenheiten von Katastrophen sowohl Ressource als auch Herausforderung sind und etablierte Grenzziehungen zwischen Fachkräften und Adressat*innen brüchig werden lassen. Zentrale Bedeutung kommt der unterschiedlichen Perspektive auf Adressat*innen im Spannungsfeld von hilfsbedürftig und handlungsfähig zu und einem hiermit verbundenen reflektierten Rollenverständnis. Der Artikel versteht sich als qualitativ-empirischer Beitrag zur Professionsforschung im Kontext von Katastrophen und verweist auf die Bedeutsamkeit, professionelle Handlungskompetenzen und entsprechende Bildungsinhalte weiterzuentwickeln.
This article examines how experiential knowledge—i.e., knowledge based on personal experiences of overcoming social and psychological challenges—can be systematically integrated into social work education. The focus is on an innovative model known as gap-mending courses, in which students learn alongside service users who have previously faced similar challenges. The goal is to reduce institutionalized power and knowledge gaps between professionals and service users. Three central aspects are addressed: (1) the development and institutional embedding of peer support structures in training, (2) the recognition of students’ own vulnerability and experiential knowledge as a resource for reflection and professional practice, and (3) the challenges and contradictions that arise when attempting to overcome traditional role models and academic hierarchies. Drawing on examples from Sweden, Norway, and the Netherlands, the article demonstrates that such teaching practices open up new forms of mutual recognition and participatory knowledge production while simultaneously generating organizational and emotional tensions. Finally, the article proposes ways in which universities can develop sustainable structures for integrating experiential knowledge into teaching and research.
Um sich als Subjekt mit einem Geschlecht und einem Begehren (an‑)erkennen zu können und sozial (an‑)erkannt zu werden, bedarf es eines Wissens über die normativen Erwartungen, die diese soziale Position konstituieren. Dieses Wissen über Geschlechts- und Begehrensnormen wird in Sozialisationsinstanzen vermittelt, ausgehandelt und transformiert. Die queere Jugendarbeit verfolgt den Anspruch, heteronormative Vorstellungen von Geschlecht und Begehren kritisch zu reflektieren und neue Möglichkeiten der Intelligibilität zu eröffnen. In ihr sollen sich junge Menschen mit bestehenden Ordnungen auseinandersetzen können und Unterstützung bei der (Aus‑)Bildung einer geschlechtlichen Identität und sexuellen Orientierung erhalten. Die Jugendgruppe wird damit zu einem Ort der (Re‑)Organisation eines Wissens über Geschlechter- und Begehrensnormen, das queere Subjektbildungsprozesse ermöglicht. In diesem Artikel wird der Frage nachgegangen, wie sich dieses Wissen unter Peers konstituiert und welche Selbstverhältnisse die Teilnehmenden individuell und kollektiv dazu ausbilden. Hierzu wird der Begriff des (Peer‑)Wissens entwickelt und dessen Bedeutung für Prozesse der Subjektbildung entfaltet. Anhand ausgewählter Szenen einer ethnographischen Forschung werden zentrale Dimensionen der Hervorbringung und Aushandlung von (Peer‑)Wissen und dessen Bedeutung für Subjektbildungsprozesse herausgearbeitet. Das Fazit hebt die Bedeutung von pädagogisch gerahmten Räumen für die Organisation von (Peer‑)Wissen hervor, das es jungen (queeren) Menschen ermöglicht, ein positives Selbstverhältnis auszubilden.
Ansätze von Peer-Unterstützung sind häufig von einem Zusammenwirken zwischen Peer-Unterstützer*innen und Fachkräften ohne eigene Betroffenheit gekennzeichnet, wodurch unterschiedliche Formen von Wissensbeständen und Perspektiven aufeinandertreffen und im praktischen Unterstützungshandeln ausgehandelt werden müssen. Der vorliegende Beitrag nimmt dieses Phänomen aus einer qualitativ-empirischen Perspektive anhand eines konkreten Ansatzes in den Blick und rekonstruiert auf Basis von Einzelinterviews und Gruppendiskussionen mit Peer-Unterstützer*innen das Verhältnis zu Fachkräften der Sozialen Arbeit. Im Zuge des iterativ-zirkulären Forschungsprozesses konnte ein ambivalentes Verhältnis einer Minimierung von Grenzen zwischen den beiden Akteur*innengruppen auf der einen Seite und unterschiedlichen Formen der Grenzziehung auf der anderen Seite identifiziert werden. Einem Verständnis als gemeinsame Unterstützer*innengruppe stehen Praktiken der Profilierung der jeweiligen Gruppe gegenüber – beispielsweise im Sinne einer unterschiedlichen Anerkennung von Wissensbeständen, einer Legitimierung der eigenen Funktion innerhalb der Organisation oder durch wahrgenommene Konkurrenzverhältnisse zwischen Peer-Unterstützer*innen und Fachkräften. Aus theoretischer Perspektive von Multiprofessionalität und dem Verhältnis von Ehrenamt und Sozialer Arbeit kann das aufgefundene Spektrum als Ausdruck eines Spannungsfeldes zwischen der Herstellung von Differenz und Profilierung der eigenen, spezifischen Wissensbasis („boundary work“) auf der einen Seite und dem Bestreben nach Zugehörigkeit und einem gemeinsamen Teamverständnis zwischen den beiden Akteur*innengruppen auf der anderen Seite betrachtet werden. Dabei zeigen sich Machtdynamiken, die durch die Spezifik von Peer-Unterstützung und einer ehrenamtlichen Ausgestaltung verstärkt werden.
Der Beitrag gibt einen Einblick in ein Projekt zu „machtvollen Praktiken in der Wissenschaft“, das aus dem Netzwerk „Junge Wissenschaft der Sozialen Arbeit“ (JuWiSozA) initiiert und umgesetzt wird. Gegenstand ist eine empirische Dokumentation der Erfahrungen, die Wissenschaftler*innen jenseits unbefristeter Professuren mit machtvollen Praktiken im Kontext ihrer wissenschaftlichen Arbeit machen.
Spiel und Sport sind nach § 11 SGB VIII gesetzlich in der Jugendarbeit verankert, und Träger der Kinder- und Jugendhilfe nutzen vermehrt Sport und Bewegung als Arbeitsmethode im Rahmen der Aufsuchenden Kinder- und Jugendarbeit. Demgegenüber stellt Forschung, die explizit Spiel, Sport und Bewegung in der Aufsuchenden Arbeit in den Blick nimmt, ein Desiderat dar. Der vorliegende Beitrag begegnet diesem Desiderat, in dem er aus ethnographischen Daten verschiedene Ebenen von Spiel, Sport und Bewegung rekonstruiert, die für die Aufsuchende Kinder- und Jugendarbeit in einem marginalisierten Quartier von Bedeutung sind. Dabei werden neben 1) der diskursiven Ebene, 2) der Ebene vorstrukturierter Spiel‑, Sport- und Bewegungsräume im Quartier sowie 3) der Ebene informell organisierter Spiel‑, Sport- und Bewegungspraktiken auch 4) Spiel- und Sportangebote, die im Rahmen von Streetwork organisiert sind, diskutiert.
Queere junge Menschen sind einerseits mit spezifischen Bedarfen und Versorgungslücken konfrontiert, verfügen andererseits aber auch über zentrale Ressourcen außerhalb der professionalisierten Angebotsstruktur. Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, mittels der dokumentarischen Methode zu untersuchen, wie queere junge Menschen ihre Handlungspraxis bei Unterstützungs- und Informationsbedarf in diesem Spannungsfeld zum Ausdruck bringen. Grundlage der Analyse bilden fünf Gruppendiskussionen mit queeren jungen Menschen im Alter von 16 bis 27 Jahren, die in dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt QueerPar (2022–2024) erhoben wurden. Mittels der komparativen Vorgehensweise der dokumentarischen Methode wurde analysiert, wie die befragten Gruppen ihre Handlungspraxis bei Unterstützungs- und Informationsbedarf beschreiben und woran sie sich dabei orientieren. Es wurden drei übergeordnete kollektive Orientierungen herausgearbeitet, die sich insbesondere in ihren impliziten Perspektiven auf Fachkräfte und professionelle Angebote sowie auf Unterstützung im Peer-Kontext unterscheiden. Wie sich das Verhältnis peerbasierter und professioneller Unterstützung dabei jeweils ausdifferenziert, steht in einem engen Zusammenhang damit, ob die Gruppen relevantes hilfreiches Wissen eher bei sich selbst beziehungsweise innerhalb der eigenen Community oder bei Fachkräften verorten.
Innerhalb der Sozialberufe interagiert die Soziale Arbeit mit besonders vulnerablen Gruppen. Gleichzeitig gehören gesellschaftliche und politische Einflussnahmen zum normativen Selbstanspruch der Disziplin. Beides setzt entsprechende Wertorientierungen voraus, die über individuelle Einstellungen und Motivationen hinausgehen. Doch eben jene Werte sind bisher kaum erforscht, auch wenn (inter)nationale Befunde altruistische Motivationen bei der Berufswahl belegen, was zumindest auf eine gewisse Grundhaltung hindeutet. Inwieweit es eine solche Wertorientierung gibt und wie sich Soziale Arbeit in dieser Hinsicht von anderen Berufen unterscheidet, wird in diesem Artikel betrachtet, anhand von Daten des European Social Survey (2002 bis 2010; 2012 bis 2023). Verwendet wird die Human Values Scale von Shalom Schwartz, in der 19 Fragen zu 9 Werten und 4 Werten höherer Ordnung aggregiert werden. Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter (n = 151) zeigen unter den betrachteten 18 Berufen Höchstwerte in den Dimensionen Selbst-Transzendenz (Werte: Humanismus, Universalismus) sowie Offenheit für Wandel (Selbstbestimmung, Stimulation) und Tiefstwerte für Bewahrung des Bestehenden (Sicherheit, Konformität, Tradition). Bemerkenswert ist, dass die Distanz zu anderen Berufen in der höheren Altersgruppe bei Selbst-Transzendenz und Offenheit für Wandel noch deutlicher ausgeprägt ist als bei Jüngeren. Der Berufsgruppe kann somit eine Grundhaltung attestiert werden, die dem professionellen Selbstverständnis (z. B. Menschenrechtsorientierung) entspricht und gerade im Umgang mit vulnerablen Gruppen förderlich ist. Die unterdurchschnittliche Ausprägung von Macht- und Leistungswerten bei gleichzeitiger hoher Selbst-Transzendenz bietet einen Erklärungsansatz für das Spannungsfeld zwischen individuellem Fallbezug und der oft konstatierten Lücke in der makropolitischen advokatorischen Einflussnahme.
Der Beitrag zeigt den Prozess der Instrumentenentwicklung für quantitative Befragungen am Beispiel einer Skalenentwicklung zur Messung von Forschungseinstellungen von Studierenden der Sozialen Arbeit (FE-SozA). Neben der Einordnung von Skalen im Kontext quantitativer Forschung sowie der inhaltlichen Begründung der Notwendigkeit der Skalenentwicklung liegt der Schwerpunkt auf dem methodischen Vorgehen. In der abschließenden Diskussion wird der dargestellte Prozess kritisch reflektiert.
Die aktuellen Veränderungen im Bildungssystem und in der Kinder- und Jugendhilfe wie der Ausbau ganztägiger Bildungs- und Betreuungssettings sowie die Sensibilisierung für Inklusion werden bislang überwiegend getrennt in der empirischen Bildungsforschung und der sozialpädagogischen Forschung betrachtet. Dabei sind Kindheiten eng mit der Transformation von Sozial- und Bildungsinfrastrukturen verbunden, deren alltägliche Mitgestaltung durch Kinder, Eltern und Fachkräfte noch weitgehend unerforscht ist. Der vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur sowie der Volkswagen Stiftung geförderte Wissenschaftsraum „Sozial- und Bildungsinfrastruktur: Sozialpädagogisches Prozessieren von Kindheiten (SOBIS)“ widmet sich diesem Desiderat. In vier Teilprojekten werden die Gestaltung von Ganztagsschularrangements, die Rechte und Schutzkonzepte in transorganisationalen Strukturen, die Fachkräftequalifizierung an Fachschulen sowie die Responsibilisierungen im Kontext von Inklusion als Prozesse der Herstellung und Aushandlung von Kindheiten untersucht. Ziel ist die theoretische und methodologische Weiterentwicklung einer sozialpädagogischen Bildungsforschung der Kindheiten.
Die Schulsozialarbeit steht, insbesondere vor dem Hintergrund des starken personellen Ausbaus in den vergangenen Jahr(zehnt)en, vor der Herausforderung, ihre fachliche – und im Falle einer Jugendhilfeträgerschaft auch organisatorische – Einbindung in das System der Kinder- und Jugendhilfe mit der Einbindung in das Schulsystem als vorrangigen Erbringungskontext zu verbinden. Ausgehend von dieser theoretischen Verortung der Schulsozialarbeit als in eine Organisation mit anderen Primärzielen (Schule) eingebettetes Arbeitsfeld wird in diesem Beitrag die Frage aufgeworfen, welche Relevanz organisationale Unterstützungsstrukturen in beiden Kontexten – Kinder- und Jugendhilfe sowie Schule – für die Ausgestaltung der Schulsozialarbeit besitzen. In Bezug auf diese Ausgestaltung werden sowohl die innerschulische Kooperationspraxis der Fachkräfte als auch deren sozialräumliche Orientierung über den Schulstandort hinaus berücksichtigt. Die empirische Grundlage bildet eine Teilpopulation (Fachkräfte in Jugendhilfeträgerschaft, n = 2591) einer bundesweiten Befragung von Schulsozialarbeiter*innen (n = 5070), für die ein Strukturgleichungsmodell berechnet wird. Die Analysen zeigen, dass das Agieren der Schulleitung für die Ausgestaltung der Schulsozialarbeit – insbesondere für die innerschulische Kooperation – von hoher Relevanz ist, während sich die Unterstützung der Jugendhilfeträger zwar auch förderlich auswirkt, jedoch nur mit marginalem Effekt auf die innerschulische Kooperation bzw. mit einem schwachen Effekt auf die sozialräumliche Orientierung. Entsprechend bedarf es auch bei einer in der Jugendhilfe verorteten Trägerschaft von Schulsozialarbeit der sozialpädagogischen Expertise am Ort Schule, idealerweise auf der Schulleitungsebene, um Schulsozialarbeit in ihren inner- und außerschulischen Bezügen nachhaltig unterstützen zu können.
Gesundheitsförderung und Prävention gehören in vielen Organisationen der offenen Kinder- und Jugendarbeit zum Auftragsverständnis. Damit ihre Maßnahmen und Aktivitäten möglichst wirksam sind, ist eine Vernetzung mit den verschiedenen Akteur*innen der Gemeinde angezeigt. Wegen ihrer hohen Mitgliederzahlen im Kindes- und Jugendalter gehören die lokalen Sportvereine zu den wichtigsten Kooperationspartnerinnen in den Bereichen der Gesundheitsförderung und Prävention. Dem vielfach geäußerten Wunsch nach mehr Kooperation steht eine Forschungslücke gegenüber, wie Kooperationen mit Sportvereinen aufgebaut werden können und welche Erfolgs- und Risikofaktoren vorhanden sind. Diese Studie macht den ersten Schritt zur Schließung dieser Lücke, indem der Stand des heute verfügbaren Wissens aufgearbeitet wird. Die Ergebnisse der literaturbasierten Scoping Studie zeigen, dass diverse Verbindungslinien zwischen den beiden Kooperationspartner*innen vorhanden sind. Demgegenüber stehen stark divergierende Organisationslogiken, für die die potenziellen Kooperationspartner*innen ein gegenseitiges Verständnis und eine erhöhte Toleranz aufbringen müssen. Abschließend werden sechs Chancen und drei Risiken für eine Kooperation identifiziert und einen Ausblick für die zukünftige Forschung gemacht.
Der Beitrag untersucht am Beispiel des Ruhrgebiets, wie sich soziale Ungleichheit historisch im urbanen Raum verdichtet, symbolisch auflädt und dauerhaft stabilisiert. Im Zentrum stehen dabei nicht die vielfach erforschten „Problemviertel“, sondern Villenviertel und „gute Adressen“ als Schlüsselräume sozialräumlicher Abgrenzung und Distinktion. Anhand einer mikrohistorischen Fallstudie zur Stadt Essen wird gezeigt, wie sich seit dem Kaiserreich privilegierte Wohnlagen herausbildeten, wie sie sich aber auch verschieben konnten und wie sie trotzdem Generationen von Eliten verbanden und bis heute als Orte sozialer Positionierung und Vermögenssicherung wirken. Der Beitrag verbindet Stadtgeschichte mit Fragen nach Eigentum und symbolischer Ordnung. Er plädiert dafür, Adressen nicht nur als neutrale Ortsangaben zu verstehen, sondern als zentrale soziale Ordnungselemente, die Ungleichheit formen und verfestigen. So leistet der Aufsatz einen Beitrag zu einer historischen Stadtforschung, die exklusive Wohnlagen als aktives Element sozialer Polarisierung ernst nimmt.
„Doch von größeren Zusammenhängen, Strukturen oder Machtverhältnissen hatte ich keine Ahnung. Da fehlten mir die einfachsten Erkenntnisse – zum Beispiel die, dass mein Leben auch anders hätte sein können. [...] Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich dachte: Fuck! Wenn meine Eltern woanders gewohnt hätten, hätten wir einen anderen Küchenfußboden gehabt.“ In diesen Worten fasst Resi, die Protagonistin in Anke Stellings Roman Schäfchen im Trockenen (Verbrecher-Verlag 2018), den Klassenund Milieubezug des Wohnens in Gegenwartsgesellschaften in pointierter Form zusammen. Wohnen ist nicht nur zur neuen sozialen Frage geworden, sondern auch zum Manifestationsort von Klassenund Milieuunterschieden:
Der Beitrag unternimmt grundlegende Überlegungen zur Konzeption eines sozialpädagogischen Blicks auf Armut und verdichtet diese ausgehend von bestehenden armutsbezogenen Forschungsarbeiten zu einem programmatischen Vorschlag für eine sozialpädagogische Armutsforschung. Es wird eine sozialpädagogische Perspektive auf Armut entfaltet, die auf sozialpädagogischen Theoriebeständen basiert und dabei die Chiffre vom Subjekt zugrunde legt. Darüber hinaus werden zentrale Blickrichtungen einer sozialpädagogischen Armutsforschung herausgearbeitet und systematisiert.
Armut bildet historisch eine zentrale Referenz für die Entwicklung der Profession Soziale Arbeit und die lokalen Strukturen der Wohlfahrtspflege. Zugleich liegen Befunde aus unterschiedlichen Bereichen vor, die aufzeigen, dass Fachkräfte Sozialer Arbeit Armut nicht (mehr) durchgängig als Problem adressieren, für deren Bearbeitung sie eine Zuständigkeit oder Expertise reklamieren können. Auch die Möglichkeiten und Instrumente kommunaler Armutspolitiken wurden in den letzten Jahrzehnten sukzessive durch Programmatiken der Aktivierung ersetzt. Gegenwärtig sind neben Kontinuitäten aber Revitalisierungsinitiativen in der wissenschaftlichen und handlungspraktischen Bearbeitung von Armut zu erkennen, die sich auch in der (Neu‑)Gründung kommunaler Bündnisse gegen Armut niederschlagen. Der Beitrag diskutiert strukturelle Probleme in der Reklamation kommunaler Zuständigkeiten und stellt Schlaglichter aus der explorativen Analyse von Selbstverständnissen kommunaler Bündnisse gegen Armut vor.