
Eine Kombination von hohen in- und ausländischen Schulden und einer politisch instabilen Situation verunmöglichten es der jungen Weimarer Republik die schon am Ende des Ersten Weltkrieges hohen Budgetdefizite und Staatsschulden zu reduzieren. Als Versuche misslangen, den Wechselkurs zu stabilisieren und das Vertrauen in die Mark zusammenbrach, entwickelte sich eine kumulative Abwertungs-Lohn-Preis-Abwertungs-Spirale, die 1923 zum gänzlichen Zusammenbruch des Geldsystems führte. Gespeist wurden Kapitalflucht und Abwertung durch eskalierende über die Zentralbank finanzierte Budgetdefizite und hohe Kredite an den Unternehmenssektor, welche die Zentralbank als Lender of Last Resort refinanzierte. Die Analyse der deutschen Hyperinflation 1923 zeigt, dass auch heute selbst entwickelte Länder in Perioden hoher Inflation oder gar in eine Hyperinflation geraten können. Beunruhigend sind in diesem Zusammenhang die in den letzten Jahrzehnten stark angestiegenen öffentlichen und privaten Schulden im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, welche die Fragilität des ökonomischen Systems erhöhen und bei entsprechenden politischen Turbulenzen Hyperinflationen grundsätzlich möglich machen. Die deutsche Hyperinflation zeigt auch Schwachstellen der Modern Monetary Theory (MMT) auf.
Die Zentralbanken versuchen gegenwärtig mit dem Instrument der Zinsschraube beides zu erreichen: Inflationsabschwächung und Finanzmarktstabilisierung. Sie geben auch vor, separate Instrumente für beide Probleme zu haben. Aber ist das wirklich so? Unbestreitbar ist, dass die fiskalischen und geldpolitischen Rettungsmaßnahmen in der Corona-Krise enorme Liquidität bei Firmen, Haushalten und Finanzinstituten geschaffen haben. Strittig ist indes, ob diese Liquidität zu übergroßer Nachfrage geführt und damit die Inflation angeheizt hat. Energie, Rohstoffe und Lebensmittel waren die zentralen Preistreiber. Dennoch wird die Lohn-Preis-Spirale, obwohl noch nicht in Gang gekommen, bereits durch beispiellose Zinserhöhungen mit dem Ziel der Schwächung der Arbeitsmärkte bekämpft. Wenn die Zinssätze weiter hoch bleiben, aber externe Kräfte mit persistenter Wirkung auftreten und die Inflationsrate dauerhaft hochhalten, ist mit erheblichen „Kollateralschäden“ zu rechnen, sowohl im Bankensektor wie auch auf den Arbeitsmärkten. In den USA sind im Bankensektor bereits die ersten „Opfer“ der Aktiva-Deflation zu „beklagen“. Jeder Zinsschritt erhöht als zusätzlicher Kostenfaktor direkt den Preisdruck, erschwert die Aufnahme von Krediten, macht die Investitionen in Dekarbonisierung und Klimaschutz teurer, erhöht so das Risiko der Unterlassung der notwendigen Investitionen, und schwächt insbesondere die Verhandlungsmacht der besonders vulnerablen Beschäftigungsgruppen. Alternativen Maßnahmen der Inflationsbekämpfung, z. B. mehr Investitionen in Kapazitäten zur Beseitigung sektoraler Engpässe schenkt weder die Wissenschaft noch die Politik die notwendige Aufmerksamkeit. Die Zentralbanken aber scheinen durch die schnelle und starke Zinserhöhung zwei Ziele gleichzeitig zu verfehlen – die Inflationsrate zu verringern und die Finanzmärkte stabil zu halten. Kreditbedingungen verschlechtern sich, Insolvenzen nehmen zu und insbesondere Deutschland ist bereits in die Rezession gerutscht.
Die Corona-Pandemie und der Russland-Ukraine-Konflikt haben die ökonomischen Rahmenbedingungen in der EWU grundlegend und unerwartet geändert. Der europäische Finanzsektor spürt die beginnende Zeitenwende insbesondere durch die massiven Zinserhöhungen der EZB seit Juli 2022. Die erforderlichen Anpassungen beeinflussen nicht nur die mittel- und langfristigen Geschäftsstrategien der Finanzintermediäre, sondern auch die Versorgung der realen Wirtschaftssektoren mit Fremdkapital. Dabei werden zum wiederholten Male die unterschiedlichen Marktstrukturen in den EWU-Ländern offensichtlich, die einer von der EZB und der europäischen Bankenaufsicht gewünschten Harmonisierung entgegenstehen. Die Bekämpfung der Inflation und die gleichzeitig initiierten Veränderungen der regulativen Ordnung innerhalb der Bankenunion stellen die Kreditinstitute vor Herausforderungen, die erhebliche Verwerfungen auslösen können.
Seit Juli 2022 hat die Europäische Zentralbank (EZB) die Geldpolitik nach anfänglichem Zögern in noch nie dagewesenem Tempo gestrafft. In diesem Beitrag betrachten wir diese Entwicklung aus drei Perspektiven. Erstens zeigen wir, wie deutlich erhöhte Inflationsraten und Leitzinsen die Rahmenbedingungen für den deutschen Versicherungssektor verändern und manche vermeintlichen Gewissheiten der letzten Jahre in Zweifel ziehen. So steigen einerseits Schadenssummen erheblich, andererseits verbessern sich die Möglichkeiten zur Kapitalanlage insbesondere für Lebensversicherer. Zweitens fassen wir mögliche Auswirkungen auf die Finanzstabilität zusammen. Drittens diskutieren wir, ob die geldpolitische Umkehr den Beginn einer Zeitenwende darstellt oder nur eine kurzzeitige Abweichung von einem langfristigen Trend zu niedrigeren Zinsen.
Zusammenfassung: Trotz rund sechs Jahren intensiver Forschung hat bisher keine Zentralbank der Industrienationen digitales Zentralbankgeld (Central Bank Digital Currency, CBDC) eingeführt. In diesem Artikel befassen wir uns mit den Gründen. Wir geben einen kurzen Überblick über den aktuellen Stand der Forschungsprojekte, welche Features sich als besonders kritisch herausstellen und über die ökonomische Wirkungsweise. Dabei konzentrieren wir uns auf die Substitutionsbeziehung von CBDC und bisher bestehenden liquiden Assets, den potentiellen Risiken und Chancen für die Finanzmarktstabilität und den potentiellen makroökonomischen Implikationen. Es zeigt sich, dass weder die theoretischen noch die empirischen Studien zu einem einheitlichen Ergebnis über die voraussichtlichen Auswirkungen kommen. Trotz aller Unsicherheiten resümieren wir: In 10 Jahren werden CBDCs weltweit etabliert sein.
Summary: The decline in the use of cash and the emergence of innovative digital payment systems have prompted the ECB, like many other central banks, to consider introducing its currency in digital form. The technological problems of introducing a digital euro do not appear unsurmountable. However, one issue that has received less attention is the demand for a digital euro. The digital euro will only be attractive if it offers individual users additional benefits compared to current payment systems. These benefits may relate to convenience, return, cost, transaction speed, risk, and data protection. The paper concludes that hardly any significant additional benefits are currently apparent in these areas. Hence, the case has still to be made that a digital euro is indeed welfare increasing. There are also open questions from a regulatory perspective, as the ECB may become a direct competitor of commercial banks and payment service providers.
Zusammenfassung: Die gestiegene Inflation und die daraufhin erfolgten Zinserhöhungen treffen einkommensschwache und verschuldete Haushalte besonders hart. Die Leitzinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) seit Juli 2022 wurden bei der Neukreditvergabe durch Banken auf einzelnen Teilmärkten in unterschiedlichem Ausmaß an Verbraucher:innen weitergegeben. Die Überwälzung war am stärksten auf den Märkten, auf denen die Kreditzinsen bereits vor der Leitzinserhöhung am höchsten waren (echte Kreditkartenkredite, revolvierende Kredite und Überziehungskredite, Konsumentenkredite mit Zinsbindung über 5 Jahre). Damit sind auch die an den Marktzinssätzen orientierten Zinsobergrenzen auf diesen Märkten am stärksten gestiegen. Um zu verhindern, dass einzelne Anbieter die Zinsen übermäßig anheben, müssen die Wuchergrenzen reformiert werden. Für einen effektiven Verbraucherschutz ist es notwendig, konkrete Zinsobergrenzen gesetzlich zu verankern und die derzeit praktizierten Grenzen abzusenken.
Zusammenfassung: Dieser Artikel beschäftigt sich mit der Frage, ob kleine Banken durch die in der Folge der Finanzkrisen intensivierte Regulierung der Banken überproportional belastet werden. Dazu untersuchen wir empirisch die Validität des häufig vorgebrachten Arguments, dass kleine lokale Banken die durch die verschärften Regeln seit Basel III induzierten Mehrbelastungen, insbesondere bezüglich Liquidity Coverage Ratio (LCR) und Net Stable Funding Ratio (NSFR), nicht durch Skaleneffekte reduzieren können und dadurch hinsichtlich der personellen und IT-Kosten übermäßig belastet werden. Wir nutzen Kosten- und Gewinndaten des deutschen Bankenmarktes, der durch eine hohe Heterogenität und die Aufteilung in die Sektoren Geschäftsbanken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken charakterisiert ist. In Panelregressionen mit verschiedenen Spezifikationen identifizieren wir signifikante Effekte von Größe und Typ der Institute sowie von regulatorischen Eingriffen auf die Entwicklung von Kosten und Gewinnen. Allerdings können wir keine größenspezifischen Regulierungseffekte auf Kosten oder Gewinne feststellen, d. h. unsere Analyse stützt Forderungen im Sinne einer Small Banking Box als Unterstützung für kleine, lokale Banken nicht.
Zusammenfassung: Wir fordern eine Absicherung aller Sichteinlagen. Jederzeit kündbare, aber ungesicherte Depositen sind der Hauptgrund für Bankenruns. Deren Geschwindigkeit und Ansteckungsrisiken sind durch Digitalisierung und soziale Medien stark gestiegen. Wir argumentieren, dass Bankenruns, die traditionell als Instrument der Risikobegrenzung gesehen werden, diese Aufgabe aufgrund der impliziten Staatsgarantie bei potenziell systemischen Risiken heute nicht mehr leisten können. Stattdessen wurde in Europa eine eigene Klasse von Schuldinstrumenten geschaffen, sogenannte Bail-in Anleihen, die in einem geregelten Rahmen Marktdisziplin sicherstellen sollen. Für die Moral Hazard Begrenzung bieten MREL und Kosten der Einlagensicherung Gestaltungsmöglichkeiten. Wir erläutern unseren Vorschlag und gehen auf zahlreiche Gegenargumente ein, die in der öffentlichen Diskussion vorgebracht wurden.
Zwischen Juli und Dezember erhöhte die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Leitzins äußerst kräftig um 250 Basispunkte. Dieser Zinsschock stellte für die deutschen Genossenschaftsbanken wie auch für viele andere Kreditinstitute eine große Herausforderung dar. Infolgedessen mussten die Genossenschaftsbanken deutliche Ertragseinbußen hinnehmen. Diese äußerten sich überwiegend in einem hohen Bewertungsaufwand in den Wertpapierportfolien infolge des Zinsschocks und zu einem deutlich geringeren Teil im Bewertungsergebnis des Kreditgeschäfts angesichts der sich abschwächenden Konjunktur. Dennoch konnte operativ ein gutes Ergebnis erzielt und zusätzliches Eigenkapital aufgebaut werden. Mittelfristig dürfte die Rückkehr zu positiven Zinsen die Ertragslage deutlich verbessern. In den kommenden Jahren sind positive Effekte durch Wertaufholungen zu erwarten, da ein Großteil der Wertpapiere bis zur Endfälligkeit gehalten wird. Wichtig für die kommende operative Ertragsentwicklung ist die Frage, wie sich die Investitionstätigkeit in Deutschland perspektivisch entwickeln wird.
Eine lange Periode niedriger Zinsen und wachsender Zentralbankbilanzen hat nicht nur mehr Staatsausgaben, sondern auch hohe Vermögens- und schließlich Konsumentenpreisinflation nach sich gezogen. Gleichzeitig sind eine dichtere Regulierung, wachsende Tendenzen zu Deglobalisierung und überhitzte Arbeitsmärkte zu beobachten. Der Beitrag analysiert die Rolle der anhaltend lockeren Geldpolitiken der großen Zentralbanken mit Fokus auf die EZB für diese Entwicklungen. Es wird argumentiert, dass die EZB mehr Regulierung und anhaltend expansive Finanzpolitiken begünstigt hat, was maßgeblich zur Überhitzung des Arbeitsmarktes beigetragen hat. Der negative Einfluss der Geldpolitik auf die Globalisierung wird auf Überinvestition in China sowie die negativen Verteilungseffekte der Geldpolitik zurückgeführt. Das Ergebnis ist eine sich verfestigende Konsumentenpreisinflation. Zur Bekämpfung der Inflation wird eine Fortsetzung des Ausstiegs der EZB aus der ultra- lockeren Geldpolitik empfohlen, was mit fiskalischer Austerität und Deregulierung einhergehen müsste.
Zusammenfassung: Für die Transformation der europäischen Wirtschaft mit dem Ziel der Klimaneutralität bis 2050 hat die Europäische Union in den letzten Jahren weitreichende Nachhaltigkeitsverordnungen beschlossen. Diese sollen insbesondere den Privatsektor in die Richtung nachhaltiger wirtschaftlicher Aktivitäten lenken. In diesem Zusammenhang wurde ein neues Finanzierungsinstrument entwickelt, das die Nachhaltigkeitstransformation eines Unternehmens finanzieren soll: die Sustainability-Linked (SL) Anleihe. Diese Arbeit untersucht, inwiefern der SL-Anleihemarkt besonders diejenigen Unternehmen anzieht, die für eine erfolgreiche Nachhaltigkeitstransformation notwendig sind. Dies sind Unternehmen aus emissionsintensiven Industrien und Unternehmen, die mit ihrer Nachhaltigkeitstransformation im Rückstand sind, sogenannte Nachhaltigkeitsnachzügler. Mithilfe eines Probit-Regression Modells analysiert diese Arbeit die Marktstrukturen und zeigt, dass der SL-Anleihemarkt zwar Unternehmen aus emissionsintensiven Industrien anzieht, aber nicht die ebenfalls erforderlichen Nachhaltigkeitsnachzügler. Basierend auf den Ergebnissen definiert die Arbeit zudem vier Erfolgsfaktoren, um die Attraktivität und Glaubwürdigkeit des SL-Anleihemarktes zu verbessern.
Die vorliegende Studie analysiert Dimensionen und Determinanten von umfragebasierten Maßen zur Verankerung von Inflationserwartungen. Wir analysieren 82 Volkswirtschaften über einen Zeitraum von 1995 bis 2022 und zeigen, dass verschiedene Dimensionen der Inflationsverankerung grundsätzlich stark korreliert sind; die Standardabweichung der Inflationsvorhersagen zeigt jedoch zum Teil eine andere Dynamik. Unsere Ergebnisse deuten zudem an, dass die Verankerung von Inflationserwartungen stark mit der realisierten Inflationsrate korreliert und kaum von der Position einer Volkswirtschaft im Dreieck der Internationalen Finanzmarktarchitektur beeinflusst wird.
Zusammenfassung: Nicht nur die digitale und ökologische Transformation greifen tief in die Gewohnheiten der ökonomischen Akteure und in die gesamtwirtschaftliche Arbeitsteilung ein, sondern auch der demografische Wandel und eine drohende Deglobalisierung. In Verbindung mit den Nachwirkungen aus exogenen Schocks – wie der Corona-Pandemie oder des Kriegs in der Ukraine – droht der deutschen Volkswirtschaft eine längere Stagflationsphase. Dabei können kurzfristig Verlustandrohungen dominieren und die mittel- bis langfristig realisierbaren Anpassungserträge überdecken. Der Sozialpartnerschaft fällt in diesem Umfeld die Rolle zu, den notwendigen Wandel zu flankieren und für einen fairen Interessenausgleich zu sorgen. Das setzt eine enge Zusammenarbeit mit den betrieblichen Akteuren voraus. Tatsächlich erfassen Tarifbindung und betriebliche Mitbestimmung aber nur einen Teil der Beschäftigten. Wo dieser "duale Charakter" des deutschen Modells der Arbeitsbeziehungen nicht verankert ist, muss der Interessenausgleich über alternative, informelle Partizipationsformen gesteuert werden. Laufen institutionalisierte Prozesse erfolgreicher als informelle Prozesse ab, könnte es im Zuge der Transformation zu einer Revitalisierung von betrieblicher Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft kommen.
Zusammenfassung: Das traditionelle deutsche Modell der Sozialpartnerschaft hat durch Spaltung des Arbeitsmarktes Risse bekommen. Die zentrale Frage dieses Beitrags ist, ob die Transformation eine "critical juncture" (Thelen 1999) zur Revitalisierung der Sozialpartnerschaft ist. Die Auswertung der Zukunftstarifverträge in der Metall- und Elektroindustrie zeigt einen Übergang von einer "nachsorgenden" Mitbestimmung hin zu einer strategischen Mitgestaltung der Transformation nur in den Bereichen mit starken Gewerkschaften und starker Mitbestimmung. In den tarif- und mitbestimmungsfreien Zonen des Arbeitsmarkts muss die Sozialpartnerschaft durch eine Erhöhung der Tarifbindung erst wieder Fuß fassen. Das wichtigste Instrument dazu, die Allgemeinverbindlichkeitserklärung, wird jedoch von den Arbeitgebern blockiert. Ob sich über das angekündigte Tariftreuegesetz hinaus für weitergehende Lösungen eine politische Mehrheit finden lässt, ist gegenwärtig nicht absehbar. Die Transformation und die Digitalisierung waren Auslöser wichtiger Reformen in der Tarif- und Betriebspolitik und auch der staatlichen Politik im Bereich der Arbeitsmarktpolitik und der Auftragsvergabe. Sie lieferten die "Erzählung" für die Notwendigkeit einer neuen Politikagenda mit einer starken Beteiligung der Sozialpartner.