
Angesichts des demografischen Wandels und verlängerter Erwerbsphasen rückt selbstständige Tätigkeit in der zweiten Lebenshälfte zunehmend in den Fokus sozialwissenschaftlicher Diskussionen. Der Beitrag nähert sich diesem Phänomen nicht aus arbeitsmarktpolitischer Perspektive, sondern versteht spätere Selbstständigkeit als biografische Praxis, in der Fragen von Sinn, Passung und subjektiv befriedigender Tätigkeit neu verhandelt werden. Theoretischer Bezugspunkt ist das Konzept der „idealen Tätigkeit“, das Arbeit unter anderem über subjektiv erlebte Kriterien wie Autonomie, persönliche Bedeutsamkeit, Entwicklungsmöglichkeiten und Übereinstimmung mit eigenen Wertvorstellungen definiert. Auf dieser Grundlage wird untersucht, inwiefern selbstständige Tätigkeit im dritten Lebensalter als Annäherung an eine solche ideale Tätigkeit interpretiert werden kann. Empirisch stützt sich der Beitrag auf eine explorative Onlinebefragung selbstständig tätiger Personen, die über das Netzwerk „Silberpreneure“ rekrutiert wurden. Die Analyse ist in Konzepte des „Third Age“ und des reflexiven Alterns eingebettet und versteht späte Selbstständigkeit als ressourcenabhängige, reflexive Praxis. Der Beitrag plädiert für eine differenzierte Betrachtung, die sowohl die Potenziale später Selbstständigkeit als auch ihre sozialen Voraussetzungen berücksichtigt.
Dieser Beitrag geht der Frage nach, wie sich die parlamentarische Verhandlung von Teilhabe in den vergangenen 77 Jahren in drei Feldern Sozialer Arbeit empirisch verschoben hat und wie sich die im Frühjahr 2026 öffentlich gewordenen Sparvorschläge zu Eingliederungshilfe und Kinder- und Jugendhilfe in dieser langfristigen Bewegung verorten lassen. Ausgewertet wird computergestützt ein Korpus aller Plenarprotokolle des Deutschen Bundestages zwischen 1949 und 2026 (4639 Protokolle, 568.662 Reden). Den theoretischen Bezugsrahmen bildet Robert Castels Begriff der ‚Internalitätsnorm‘, also die Tendenz, Ursachen sozialer Problemlagen wie auch deren Lösung den Einzelnen selbst zuzuschreiben. Gerahmt wird er durch den Komplementärbegriff der ‚sozialen Entkopplung‘. Die Ergebnisse zeigen, dass der Diskurs zunächst klar von einer Rechte-affinen Steuerungssemantik dominiert wird und sich eine New-Public-Management-affine (NPM) Semantik erst ab Mitte der 1960er-Jahre und bis in die Gegenwart zunehmend darüberlegt, ohne die erste zu verdrängen. Die drei Hauptfelder Sozialer Arbeit bilden dabei drei verschiedene Adressierungsmodi aus, also unterschiedliche Weisen, ihre Adressat*innen anzusprechen und deren Lage zu deuten, in denen die Internalitätsnorm systematisch unterschiedlich stark wirksam wird. Damit lässt sich die Aktivierungsdiagnose der Sozialen Arbeit nicht pauschal, sondern nur feldspezifisch lesen. Zugleich stützen die Befunde empirisch die fachgesellschaftliche Forderung, soziale Leistungen an Rechten und Teilhabe und nicht an der Haushaltslage zu bemessen.
Gesellschaftliche Transformationsprozesse machen eine stärkere Einbindung von Anwohner*innen in die kommunale Sozialplanung notwendig. Vor diesem Hintergrund untersucht eine Forschungsperspektive aus dem DFG-Forschungsimpuls eParT, inwiefern digitale Beteiligungsformate geeignet sind, individuelles räumliches Erfahrungswissen systematisch in sozialplanerische Entscheidungsprozesse einzubinden. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Geoinformationssysteme (GIS) in der Sozialplanung bislang vor allem zur Analyse und Visualisierung sozialstruktureller Daten genutzt werden, ihr Potenzial für partizipative Prozesse jedoch nur begrenzt erforscht ist. An diese Forschungslücke knüpft der Ansatz des Public Participation GIS (PPGIS) an, der Anwohner*innen aktiv in die Erhebung und Kartierung raumbezogener Informationen einbezieht. Im Mittelpunkt steht die Frage, welchen Beitrag GIS-basierte Beteiligungsverfahren zur Förderung gesellschaftlicher Beteiligung leisten können. Zur Untersuchung wird ein Mixed-Methods-Design vorgestellt, das eine bundesweite Befragung und qualitative Interviews mit Sozialplaner*innen mit der Entwicklung und Erprobung eines multimodalen PPGIS in Kooperation mit der Stadt Fulda verbindet.
Der Beitrag beleuchtet die Spannung zwischen der Erforschung wohnungsloser Menschen und der wirksamen Bekämpfung von Wohnungslosigkeit. Am Beispiel der Wohnungslosentreffen und Peer-Projekten wird gezeigt, wie wohnungslose Menschen zunehmend als Erfahrungsexpert*innen auftreten und politische Debatten mitgestalten. Die Analyse macht deutlich, dass partizipative Formate und Empowerment-Strategien nicht nur individuelle Selbstwirksamkeit fördern, sondern auch strukturelle Veränderungen anstoßen können. Gleichzeitig werden die Risiken von Tokenismus und symbolischer Beteiligung kritisch reflektiert. Der Beitrag argumentiert, dass eine konsequente Orientierung am Menschenrecht auf Wohnung und die Anerkennung von Erfahrungswissen zentrale Voraussetzungen für eine nachhaltige und inklusive Wohnungslosenhilfe sind.
Peer-Bildung wird im deutschsprachigen sozialpädagogischen Diskurs überwiegend als didaktisch strukturierte Vermittlungsform verstanden. Damit geraten ihre politischen Entstehungskontexte sowie ihre Einbettung in kollektive Praxiszusammenhänge weitgehend aus dem Blick. Der Beitrag unternimmt eine kritische Relektüre des Begriffs und fragt, welche Formen von Subjektivierung und Weltbezug im hegemonialen Verständnis von Peer-Bildung bislang unsichtbar bleiben. Ziel ist es, ihr bildungstheoretisches und politisches Potenzial neu zu bestimmen. Empirische Grundlage bildet die theoriegeleitete Rekonstruktion von drei Fallbeispielen aus Schwarzen und diasporischen Community-Kontexten in Berlin, die als kontrastive Lesarten zum dominanten Diskurs analysiert werden. Theoretisch stützt sich die Untersuchung auf Gert Biestas (2022) Konzept der Subjektivierung, das Bildung als Frage des In-der-Welt-Seins begreift und gegenüber Qualifizierung und Sozialisierung in den Vordergrund stellt. Die Analyse rekonstruiert vier miteinander verschränkte Modi der Subjektivierung: kollektive Subjektivierung, politische Selbstverortung, Sorgebeziehungen und Erinnerungspraxis. Peer-Bildung erscheint in diesen Kontexten als relationale Praxis der Subjektivierung, in der Weltbezüge, Sorge, Erinnerung und kollektiver Handlungsfähigkeit gemeinsam hervorgebracht werden. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Praktiken hegemoniale Bildungsverständnisse überschreiten, indem sie verkörperte, genealogische und nicht-lineare Formen des Weltbezugs sichtbar machen. Zugleich wird deutlich, dass die Verengung von Peer-Bildung auf didaktische Vermittlungsformen Ausdruck kolonial geprägter Wissensordnungen ist, in denen relationale, gemeinschaftliche und historisch situierte Bildungspraktiken systematisch marginalisiert werden. Peer-Bildung erweist sich damit als kollektive Praxis der Subjektivierung, die ein Bildungsverständnis erfordert, das Relationalität, Körperlichkeit, historische Situiertheit und die Kritik kolonialer Wissensordnungen als konstitutive Dimensionen von Bildung begreift.