Der demografische Wandel stellt die sozialen Sicherungssysteme in Zukunft vor große He-
Dieses Working Brief widmet sich den Methoden die sich für eine Bedarfsanalyse in besonders hohem Maße eignen. Hierbei wird von einer Bedarfsanalyse ausgegangen, die zum Zweck eines optimierten Innovationsprozesses durchgeführt wird. In diesem Sinn und mit dieser Zielsetzung ist im Projekt WiMi-Care eine Bedarfsanalyse durchgeführt worden die Ergebnisse werden in einem der nächsten Working Briefs vorgestellt werden. Der Zweck und die damit zusammenhängende erhoffte Wirkung einer Bedarfsanalyse, die als Grundlage einer neu zu entwickelnden Technik dienen soll, ist in einem vergangenen Working Brief bereits dargestellt worden (vgl. Working Brief 2). Hier soll es folglich ausschließlich um Grundüberlegungen bezüglich der Vorgehensweise und den einzusetzenden Methoden gehen.
Im Zusammenhang mit der Entwicklung und Ermittlung bestehender Verfahren einer partizipativen Technik- entwicklung ist eine Eruierung des Bedarfs hinsichtlich des Einsatzes von Servicerobotik in einer Pflegeein- richtung durchgeführt worden. In diesem Working Paper werden erste Befunde dieser Bedarfsanalyse vor- gestellt. Hierbei wird einerseits zwischen den relevanten Personengruppen innerhalb der untersuchten Ein- richtung unterschieden als auch spezifische Faktoren der Arbeitsorganisation berücksichtigt. Die im Folgen- den zusammengefassten Ergebnisse des ermittelten Bedarfs dienen als Grundlage für die Generierung von Einsatz-Szenarien, die ihrerseits die Grundlage für die technische Weiterentwicklung von zwei Servicerobo- ter darstellen, die schließlich in Pilotanwendungen zum Einsatz kommen sollen.
To a large extent usability-research and acceptance-studies are designed retrospectively. Thus technical products and applications are to be legitimized afterwards, in order to guarantee their social acceptance. First empirical research findings show that it requires an early and active promotion of the knowledge-transfer between users and developers, in order to measure up to the requirements of micro-system technology in the service sector. The typical situational use is difficult to convert into concrete requirements in its complexity and therefore it remains mostly inadequate. The research of the needs of potential users proved particularly in the early phase of the requirement analysis that "soft" research instruments (qualitative methods) as rather suitable and successful. In the second step the special challenge is the “translation” of the requirements of the users and of the developers to achieve well-balanced reconcilements of the technically possible and the socially desirable. Narrative instruments serve in this way as a "joint", in order to illustrate the needs and wishes of the customers as well as to deduce the surrounding (technical) conditions and its concrete technical requirements. 1 Demografischer Wandel, Mikrosystemtechnik und nutzerzentrierte Technikentwicklung Das Forschungsvorhaben "Förderung des Wissenstransfers für eine aktive Mitgestaltung des Pflegesektors durch Mikrosystemtechnik" (WiMi-Care) möchte in erster Linie innovative Verfahren für eine Nutzerzentrierte Technikent1 Gefördert durch das BMBF (Förderkennzeichen: 01FC08024-27). wicklung im Pflegesektor zur Anwendung kommen lassen mit der Zielsetzung diese zu optimieren. Hintergrund dieser Schwerpunktsetzung sind die zukünftigen Herausforderungen im Pflegebereich, welche die demografische Entwicklung in Deutschland sowie in den meisten Mitgliedsländern der EU mit sich bringt. Die durch eine stetig verbesserte medizinische Versorgung längere Lebenszeit und die gestiegenen Ansprüche an die Lebensqualität sowie insbesondere die auf einem niedrigen Stand stagnierende Fertilitätsrate stellen die sozialen Sicherungssysteme und die Integrationsfähigkeit der Gesellschaft vor große Herausforderungen [5,3]. Davon ausgehend, dass der demografische Wandel erhebliche Chancen für Wirtschaft und Beschäftigung in sich birgt, stellt sich die Frage, wie durch geeignete mikrosystemtechnische Anwendungen nicht nur die Risiken und Problemlagen ausbalanciert, sondern ebenso die Potenziale der alternden Gesellschaft genutzt werden können. Senioren werden in dieser Sicht als wirtschaftlich bedeutsame, erfahrungsund kompetenzreiche Gruppe unserer Gesellschaft angesehen, deren Bedeutung in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird [8]. Hinsichtlich einer besseren Integration durch einen höheren Grad an Selbständigkeit, aber auch einer Entlastung von Pflegeeinrichtungen stellt im Rahmen mikrosystemtechnischer Innovationen der Bereich der Servicerobotik eine viel versprechende Entwicklung dar [2]. Die international steigenden Absatzzahlen von Servicerobotern und die prognostizierte positive Entwicklung lassen vermuten, dass in diesem Segment erhebliches Potenzial liegt [6]. Die sich auf die Entwicklung von Servicerobotern spezialisierten Forschungseinrichtungen sowie die noch jungen unternehmerischen Aktivitäten auf diesem Gebiet sehen sich allerdings mit einer Reihe von Schwierigkeiten konfrontiert: Auf der einen Seite bedarf es einer stärkeren Vernetzung zwischen Forschung, Entwicklung, Produktion und Vertrieb, auf der anderen Seite fehlt es an verbindlichen Normen und Standardisierung [9,13]. Des Weiteren bedarf es einer intensiven Zusammenarbeit mit den Betroffenen, also Senioren und Pflegediensten, die erst eine "bedarfsadäquate" Entwicklung erlaubt. Diese ist jedoch weitestgehend abhängig von einem angemessenen Instrumentarium zur Ermittlung von Desideraten und Bedienfreundlichkeit durch darauf abgestimmte Usabilityund Nutzerforschung [1]. Eine erfolgreiche Entwicklung von Servicerobotik für den Einsatz im Pflegebereich ist also maßgeblich von einer gelungenen Abstimmung zwischen dem technisch Machbaren und dem sozial Erwünschten abhängig [4,11]. Auf der Grundlage intensiver empirischer Forschung können fundierte Aussagen bezüglich der Eignung des "Szenariobasierten Designs" [10] für die erfolgreiche Entwicklung von Servicerobotik (SR) und Fahrerlosen Transportsystemen (FTS) für den Einsatz in einer stationären Pflegeeinrichtung für Senioren getroffen werden. Durch eine umfassende Bedarfsanalyse in einer Pflegeeinrichtung für Senioren und dem Abgleich des so erzielten spezifischen Bedarfs mit den Forschungs& Entwicklungsabteilungen von SR und FTS sind konkrete Szenarien entwickelt worden, die die Grundlage für die Weiterentwicklung der Artefakte darstellen. Dadurch ist auch der Austausch und Know-How-Transfer zwischen SR und FTS ermöglicht worden. Die Verbindung dieser ansonsten getrennt verlaufenden Entwicklungslinien autonomer mobiler Systeme hat sich als sehr fruchtbar und viel versprechend für den Einsatz im Pflegesektor gezeigt. 2 Das Szenariobasierte Design als Instrument einer nutzerzentrierten Technikentwicklung Der Kern des Szenariobasierten Designs (SBD) sind kleine Geschichten menschlicher Aktivitäten, so genannte Szenarien. Diese Szenarien werden aus Sicht des potenziellen Nutzers und dessen sozialen, emotionalen und motivationalen Hintergrunds beschrieben. Sie bestehen aus einer Anwendungssituation, einem oder mehreren Akteuren mit persönlichen Zielen und Werkzeugen, sowie Objekten, mit denen die beschriebenen Akteure bzw. Nutzer umgehen. Ein Szenario beschreibt dementsprechend eine Abfolge von Handlungen und Ereignissen, die zu einem Ergebnis führen. Das SBD läuft parallel zum User Centered Design Process ab. Durch schrittweise und iterative Anpassung der Abstraktionsund Detailtiefe der Szenarien begleiten und modellieren diese die gesamte Analyseund Konzeptionsphase und bilden die Grundlage zur Realisierung und Evaluation. Dabei können Szenarien sowohl einen bereits bestehenden Nutzungskontext beschreiben oder aber auch Visionen für die Zukunft kommunizieren. Szenariobasiertes Design legt den Fokus auf den Nutzer und dessen innere und äußere Faktoren bei der Durchführung seiner Aufgaben mit dem zu gestaltenden Produkt. Rosson & Caroll beschreiben dies folgendermaßen: „Like other user-centered approaches scenario-based design changes the focus of design work from defining system operations (i.e. functional specification) to describing how people will use a system to accomplish work tasks and other activities [...] However, unlike approaches that consider human behavior and experience through formal analysis and modeling of well-specified tasks, scenariobased design is a relatively lightweight method for envisioning future use possibilities“ [10]. Da Szenarien in den meisten Fällen ohnehin generiert werden, ist es nur konsequent diese explizit zu machen und niederzuschreiben. Der Vorteil von Szenarien liegt in ihrer Greifbarkeit und Lebendigkeit, die sich aus der Nähe zum Nutzer ergibt und die Kommunikation über die Thematik erleichtert. Dies ermöglicht, Konzepte zu diskutieren, zu reflektieren und zu überprüfen, sowie neue Aspekte und Problematiken aufzudecken. Szenarien verbessern die Kommunikation nicht nur in der Zusammenarbeit im engeren bzw. auch mehrere Gruppen übergreifenden Projektteam, sie helfen auch dabei, Kunden und andere Akteure (Stakeholder) einzubinden und zu überzeugen. Der Vorteil von Szenarien gegenüber der Darstellung von Use Cases liegt in ihrer leichteren Verständlichkeit auch für Laien. Des Weiteren gehen Use Cases oftmals schon von einer festen Sequenzabfolge von Aktio2 User Centered Design Process (Nutzerzentriertes Design): Die Entwicklung eines Produktes wird an den Bedürfnissen des Nutzers ausgelegt. Der Prozess gliedert sich in mehrere, aufeinander aufbauende Phasen, die iterativ durchlaufen werden können. nen und Reaktionen zwischen Nutzer und einem System aus, dessen Eigenschaften schon relativ feststehen. Für die Lösung von Problemstellungen sind somit die flexibleren Szenarien besser geeignet. Auch komplexe Themen können mit Szenarien erfasst werden, da sie erlauben, eine Gewichtung auf die Hauptthematiken zu legen und von dort Nebenthematiken einzubinden oder neue Fragestellungen zu entdecken. Die Hauptvorteile des SBD sind somit die Nähe zum Nutzer und dessen Bedürfnissen, die Kommunizierbarkeit und der Umgang mit Komplexität sowie die Überprüfbarkeit der Szenarien. Des Weiteren umgeht das SBD Probleme, die im Zusammenhang mit Entscheidungen nach dem Prinzip „Solution First“ entstehen und nach dem in Gestaltungsprozessen oftmals vorgegangen wird. Da Szenarien zwar konkret, aber dennoch unvollständig und somit auch in gewissem Maße offen sind, werden immer neue Perspektiven des Designs ermöglicht und eine frühzeitige Fixierung auf eine Lösung wird damit umgangen. Zudem gilt, dass konkrete Inhalte, wie sie beispielsweise in Szenarien beschrieben sind, einfacher und tiefer analysiert werden als abstraktes Material. Außerdem sind Szenarien unvollständig, was psychologisch eine weitere Elaboration, d.h. eine vertiefte Verarbeitung des Inhalts, nach sich zieht (siehe Gestaltungspsychologie). Dies fördert wiederum die Analyse alternativer, eventuell besser geeigneter Gestaltungslösungen. Durch schrittweise und iterative Anpassung der Abstraktionsund Detailtiefe modellieren die Szenarien die gesamte Analyseund Konzeptionsphase. Dabei lassen sich fünf Szenariotypen unterscheiden, die den Prozess kennzeichnen: Problem-Szenario, Aktivitäts-Szenario, InformationsSzenario, Interaktions-Szenario und DokumentationsSzenario. Ein erster wichtiger Schritt im Rahmen des SBD ist die Analyse involvierter Personen, wichtiger Themen, verwendeter Gegenstände und der damit auszuführenden Aufgaben (Nutzungskontextanalyse, Feldstudie). Diese Phase sollte möglichst gründlich durchgeführt werden, da sie als Basis für alle weiteren
Empfohlene Zitierung / Suggested Citation: Compagna, D., Derpmann, S., Mauz, K., & Shire, K. A. (2009). Zwischenergebnisse der Bedarfsanalyse für den Einsatz von Servicerobotik in einer Pflegeeinrichtung: Einstellung pflegebedürftiger Senioren. (Working Brief, 9). Duisburg: Universität Duisburg-Essen Campus Duisburg, Fak. für Gesellschaftswissenschaften, Institut für Soziologie. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-216955