
Aufgrund der ausgeprägten betrieblichen Mitbestimmung und des hohen Automatisierungspotenzials in Industriesektoren ist Deutschland ein besonders geeigneter Fall, um die Auswirkungen von Betriebsräten auf Automatisierungsrisiken zu untersuchen. Mehrere Studien argumentieren, dass Betriebsräte die Automatisierungsrisiken von Beschäftigten reduzieren (Belloc et al., 2022). Diese Studie repliziert die Regressionsanalysen von Belloc et al. (2022) anhand von detaillierteren und aktuelleren Daten (BIBB/BAuA, 2018) für den deutschen Arbeitsmarkt. Wir finden keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein von Betriebsräten in Unternehmen und dem Substitutionsrisiko der Beschäftigten auf Tätigkeitsebene. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Rolle von Betriebsräten bei der Abmilderung von Automatisierungsrisiken komplexer und kontextabhängiger ist als von Belloc et al. (2022) angenommen. Unternehmen mit Betriebsräten wehren sich nicht per se gegen die durch technologischen Wandel entstehende Automatisierung von Arbeitstätigkeiten, sondern widmen sich vor allem der Weiterbildung von Beschäftigten, die von Automatisierung bedroht sind. So können Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit durch Automatisierung bestimmter Tätigkeiten steigern und Betriebsräte die von der Automatisierung betroffenen Beschäftigten durch Umschulung vor dem Verlust ihres Arbeitsplatzes schützen. Die Mitbestimmung von Automatisierungsprozessen durch Betriebsräte wirkt somit über das Weiterbilden der Beschäftigten in den Betrieben, aber nicht durch das Gestalten von weniger automatisierbaren Tätigkeiten.
The study investigates how employees allocated their additional time arising from short-time work in the context of the COVID-19 pandemic.Short-time work is a radical form of working time reduction. In contrast to existing studies that focus on the use of this time for further training, the data from the WSI Labour Force Survey allow a broader analysis of individual, family and social time use. Our results show that the time gained was mainly used for household activities and media consumption, while outside activities such as volunteering or political participation were severely restricted due to pandemic-related restrictions. Workers with caring responsibilities, both women and men, spent significantly more time caring for children and relatives. It remains unclear whether these changes will have long-term effects on gendered time use. The analysis of further training during short-time work reveals disappointingly low participation rates, especially among employees in establishments without works councils. The findings have practical implications for future working time models. They highlight the need to create organisational frameworks that allow flexible use of time, especially for further training. E-learning and the integration of training mentors could play a supporting role.
Der Brexit hat erhebliche Auswirkungen auf Europäische Betriebsräte in multinationalen Unternehmen mit Niederlassungen im Vereinigten Königreich. Diese international vergleichende Fallstudie untersucht diese Auswirkungen anhand von 60 Fällen mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse, ergänzt durch quantifizierende Elemente zur Erstellung von deskriptiven Statistiken. Aufbauend auf Institutionentheorien sowie akteursbezogenen und strukturbezogenen Faktoren aus der bisherigen EBR-Forschung wurde der Schwerpunkt auf die (Neu-)Verhandlungen von Vereinbarungen und die damit verbundenen institutionellen Veränderungen durch den Brexit und insbesondere ein Fokus auf Deutschland gelegt. In den meisten Fällen blieb der EBR stabil, in einigen jedoch kam es zu Beschränkungen oder Ausschlüssen britischer Vertreter. Hierbei verdeutlichten sich zwei grundlegende Verhandlungsmuster, die sich unterscheiden: Stabilitätsfälle, in denen beide Seiten den EBR erhalten wollten, und konfliktreiche Verhandlungen, geprägt von widerstreitenden Interessen und Machtasymmetrien. Zentral für das Verhandlungsergebnis sind Faktoren wie nationale Institutionen, die Haltung der Unternehmensleitung, die Bedeutung britischer Standorte für die Gesamtstruktur des Unternehmens sowie das Engagement der Arbeitnehmervertreter*innen.
Starting from the idea that African industrial relation systems has been always organized around permanent and indefinite-term employment, this paper investigates the ability of unions to include or exclude the “new” informal workers in their field of action. Through the example of job outsourcing practices in the mining sector in Ghana and Côte d’Ivoire, the paper compares institutional arrangements, the unions’ particularities, but also the influence of formal institutional frameworks on unions’ strategies.
This article looks at the formation of structures of collective organizing among Lagos’ metal scrap dealers since the early 2010s. While the development of their activities from the 1990s has been premised on the commodification of labor and secondary metals, scrap dealers have attempted to develop means to control labor competition, limit market volatility, and protect themselves from corporate (as well as public) encroachments. At the same time, the efforts at developing a monopoly over the trade have served the stabilization and intensification of inter-worker exploitation, reflecting the broader heterogenization of living conditions among Lagos’ popular classes. Rather than as a union, I argue the organization developed by metal scrap dealers is better accounted for as a guild-like organization. Indeed, at the same time as it integrates elements of union culture, its core features align with the historical forms of guilds in urban Nigeria, which dominated labor organizing until the mid-20th century. By tracing the history of Nigerian guilds, the article highlights their enduring relevance as an institutional repertoire from which urban workers borrow to counter pressing problems related to labor competition, capitalist encroachments and volatile commodity markets. Within a complexifying landscape of labor mobilization and industrial relations, guild-like institutions offer analytical leverage in accounting for the specific forms taken by worker organizing in contexts marked by high urbanization and long histories of municipal involvement in labor regulation.
Diskussionen über die Rolle des Sudan im geopolitischen Raum des Roten Meers fokussieren häufig auf dessen strategische Lage und damit zusammenhängende Aushandlungen um Machtverhältnisse in der Region. Arbeiter*innen allgemein und Hafenarbeiter*innen im Besonderen sind zentrale Akteure und beeinflussen nicht nur die Stadt Port Sudan, sondern auch die politischen Verhältnisse im Osten des Sudan. Die indigene Bevölkerungsgruppe der Beja bleibt in dieser geopolitischen Diskussion meist unbeachtet. Der Beitrag untersucht die Widersprüche innerhalb der Gewerkschaft der Beja-Hafenarbeiter*innen in Port Sudan und analysiert, wie Umweltveränderungen, koloniale Arbeitspolitiken und wirtschaftliche Veränderungen nach der formalen Unabhängigkeit die Entstehung der Kella-Bewegung geprägt haben. Das System der Kella entwickelte sich als Antwort auf durch Trockenheit ausgelöste Migration, im Kontext der von Großbritannien im Kolonialismus oktroyierten Arbeitsteilung und der Marginalisierung der Beja Bevölkerung. Die Kella entwickelten sich schrittweise in eine ethnisch organisierte Institution, die als Sicherheitsnetz für vertriebene Viehzüchter*innen fungierte, denen sie den Zugang zu Lohnarbeit sicherte. Die Kella wurden ein fester Bestandteil der politischen Ökonomie. Mit der Zeit pendelte sich die Institution der Kella zwischen Widerstand gegen staatliche und kapitalistische Vereinnahmung auf der einen Seite und Komplizenschaft mit ethnischen Patronagestrukturen auf der anderen Seite ein. Der Artikel zeichnet die Entwicklung der Kella von kolonialer indirekter Herrschaft bis zu ihrer Rolle in den Arbeiter*innenbewegungen des Sudan, neoliberalen Reformen und regionalen bewaffneten Kämpfen nach. Er zeigt, wie grundlegende politische und soziale Veränderungen die Bewegung wiederholt umgestalteten und die Arbeiter*innen dazu zwangen, sich für ethnische Solidarität oder klassenbasierte Organisierung zu entscheiden. Die Revolution im Sudan 2018 und der Beginn des Krieges im April 2023 haben diese Spannungen zusätzlich verschärft. Beja-Autoritäten schließen sich mit militärischen Fraktionen zusammen, während Arbeiter*innen dem Plan der Privatisierung des Hafens zum Trotz weiterhin für ihre Lebensgrundlage kämpfen. Vor dem Hintergrund dieser historischen und strukturellen Bedingungen reflektiert der Artikel die Resilienz von Systemen gemeinschaftlicher Arbeit und die ambivalente Rolle der Beja-Autoritäten, die sich einerseits in der Beschränkung und andererseits in der Erhaltung der Enklaven von ethnisch basiertem Widerstand äußert.
This article reviews quantitative research on unions and collective bargaining in Sub-Saharan Africa. It discusses the consequences of unions for wages, inequality, economic performance and employer-employee relations. The article also highlights the role of unions in society, a role that goes beyond the economic sphere. Moreover, the article discusses evidence on how the specific situation in Sub-Saharan Africa influences unionization and collective bargaining. The informal sector, ethnic divide and globalization entail serious threats to workers' unionization. The increasing influence of China and neoliberal policy prescriptions by the International Monetary Fund and the World Bank are challenging factors, too.
This paper documents and analyses the demise of works councils in Germany in the period 2007–2022. Using representative panel data, we show that the share of plants with a works council has fallen in the private but not in the public sector in Germany. Almost two-thirds of employees in the private sector are not covered anymore by co-determination at the plant level. We present first evidence that entries and exits of firms have contributed to the reduction in works council coverage. Multivariate analyses indicate that plants’ decreasing coverage by collective bargaining agreements, the growing relevance of alternative forms of worker representation, and the owner-management of a plant play important roles in explaining the (non-)existence and the dissolution of works councils. As our results paint a bleak picture for the future of plant-level co-determination in Germany, we critically discuss a number of policy measures to stabilize works council prevalence.
The socio-ecological transformation is a key issue on the political agenda of the EU and its member states, as seen in the Green Deal. However, despite joint declarations, there are differences in the national transition paths. The UNDP Development Report 2015 calls for a transition to sustainable work, defined as work that promotes human development and reduces or eliminates negative impacts for both present and future generations. The approaches deal in different ways with elements of industrial relations as systemic orientations or ideologies that are more or less shared nationally by the specific actors (politics, business, trade unions and civil society). This article examines the extent to which there is a normative consensus in the member states on the ideas and objectives of a Green Deal or sustainable work as well as how industrial relations are addressed. The analysis is based on various literature reviews on sustainable work, socio-ecological transformation and just transition. The perspective is contextualised by industrial relations theories, which assess the inclusion of the topos of sustainable work in the Green Deal and whether it goes beyond it. To this end, the article presents different development paths preferred by actors from specific country clusters, and concludes by discussing the embedding of civil society movements in industrial relations. The result is that trade unions and civil society actors in particular must shape the content of a just transition and ensure its implementation.
Personalräte sind die Vertretung der Arbeitnehmer*innen und Beamt*innen im öffentlichen Dienst und wichtige Akteure der Mitbestimmung. Dennoch haben sie sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Forschung zu den Arbeitsbeziehungen bisher wenig Beachtung gefunden. Basierend auf einer empirischen Studie, die zahlreiche Interviews und eine standardisierte Befragung umfasst, werden in diesem Beitrag Erkenntnisse zur Arbeit und zum Charakter von Personalräten in deutschen Kommunen vorgestellt. Es findet sich ein Spektrum unterschiedlicher Praktiken. Regelmäßigkeiten lassen sich jedoch finden und in einer Typologie bündeln. Gesetze und sektorale Tarifverträge sind wichtige Machtquellen für die Personalräte. Doch obwohl Personalvertretungsgesetze eine konstitutive Rolle für das Bestehen von Personalräten und ihre Mitbestimmungsrechte spielen, sind die Unterschiede zwischen den Personalräten auch bei Gültigkeit desselben Personalvertretungsgesetzes, also innerhalb eines Bundeslandes, erheblich.
The ecological and digital transformation presents companies with the challenge of changing business models and innovation paths. The dual system of industrial relations in Germany has so far offered few opportunities for trade unions and works councils to have a say in these processes of corporate strategic change. In recent years, however, approaches to strategic co-determination have developed that enable works councils to influence business models and production strategies. This article examines the potential of these approaches to steer the ecological and digital transformation in the interest of workers. Based on 15 interviews with 25 experts in 7 companies, it uses three cases in the automotive supply industry and the retail sector to reconstruct the organisation of strategic co-determination and the conflicts surrounding its direction in the companies. The article concludes that the cases analysed indicate a local reconfiguration of industrial relations, because ecological and digital upheaval situations are used by works councils to expand economic democratic participation. The orientation of these institutions is contested above all along the lines of whether they are bodies of corporatist co-management or employee-driven interest politics.
The article analyses the climate policy of the German Trade Union Federation over the last 30 years. It defines a new form of eco social partnership unionism where unions use existing institutions to adapt to the challenges of climate change without embarking on more transformative avenues questioning the status quo. We show that unions climate policy has been subject to little change over the past three decades: German trade unions have fairly consistently been promoting a vision of what we call state-driven ecological modernisation, an affirmation of the given socio-economic order of German welfare state capitalism and calling upon the state to enable technological innovation to mitigate and adapt to climate change, protect national economies from green dumping, and ensure that workers negatively affected by climate action are compensated. In voicing this position, unions see themselves as a mouthpiece of their members, and they perceive these demands as dictated by the interests they represent.
In diesem Aufsatz schlage ich vor, emotionale Macht in bestehende Machtressourcenansätze zu integrieren und diese zu reformulieren. In der Gewerkschaftsforschung haben Emotionen bislang keine systematische Aufmerksamkeit erlangt. Während einige vielversprechende arbeitssoziologische Ansätze (z.B. zur subversiven Rolle des Humors oder zur Care-Ethik) existieren, weist die Industrial Relations Literatur in dieser Hinsicht eine eklatante Leerstelle auf. Basierend auf einer relationalen sozialtheoretischen Perspektive wird emotionale Macht (1) als strukturelle Position innerhalb kollektiv-emotionaler Ungleichheitsrelationen verstanden, die (2) durch (kollektive) Akteur*innen in spezifischer Weise wahrgenommen und bewertet oder ins Unbewusste verdrängt wird und (3) als Ressource für kollektives Handeln potenziell mobilisierbar ist. Um die Motivation und Ressourcenlagen für kollektives Handeln besser zu verstehen, müssen die jeweiligen Machtrelationen (z.B. strukturell, assoziativ, institutionell, emotional) und ihre empirisch variierenden Verschränkungen berücksichtigt werden. Anhand einer Analyse ausgewählter Literatur zum Thema Emotionen und kollektives Handeln im Feld der Care-Arbeit wird die Plausibilität des erweiterten Machtressourcenansatzes diskutiert.
Der Artikel diskutiert Vorschläge zur veränderten Regulierung der nach wie vor weit verbreiteten atypischen Beschäftigungsverhältnisse. Wir unterscheiden dabei nach den Formen Minijobs, Midijobs, Befristungen, Leiharbeit und beziehen auch Solo-Selbstständigkeit ein. Wir behandeln Vorschläge zur Reduzierung und Vermeidung der spezifischen kurz- und langfristigen Risiken in Bezug auf Einkommen und Integration in die Systeme sozialer Sicherung, vor allem der Renten- und Arbeitslosenversicherung.
Öffentlichkeit spielt jenseits des Framing- und des Machtressourcenansatzes in der Erforschung industrieller Beziehungen kaum eine Rolle. Ein neuerer Diskursstrang plädiert allerdings für eine genauere Analyse der Wechselwirkung von Arbeitswelt und Öffentlichkeit. Vor dem Hintergrund des Repräsentationsverlusts von klassenpolitischen Anliegen in der Gegenwart gehen wir der These nach, dass gewerkschaftliche Bewegungen einen Kampf um Öffentlichkeit austragen. Auf Basis einer Fallstudie eines Arbeitskampfs in einem sächsischen Niedriglohnbetrieb können wir zeigen, dass dadurch Demokratisierungseffekte innerhalb des Betriebs, innerhalb der Gewerkschaft und innerhalb der medialen Debatte provoziert werden können. Denn in der Praxis des Veröffentlichens werden arbeitsweltliche Konflikte entprivatisiert und damit einer allgemeinen Aushandlung zugänglich gemacht. Dies spiegelt sich in der Einschränkung privater Herrschaft im Betrieb, in der kollektiven Meinungsbildung innerhalb der Streikversammlung und in interessenspolitischen Artikulationen in den Medien wider. In unserer Fallstudie gerät diese Veröffentlichung allerdings bei der Übertragung in die breitere politische Öffentlichkeit an Grenzen.
Der vorliegende Beitrag wendet das Konzept der betrieblichen Öffentlichkeit exemplarisch auf arbeiter*innengeführte Genossenschaften an und stellt die Frage, wie sich die Arbeitsbeziehungen innerhalb einer genossenschaftlichen Öffentlichkeit in der Praxis abbilden. Dazu wird nachfolgend zuerst ein normatives Theoriegerüst erarbeitet und anschließend mit der arbeitspolitischen Praxis eines Fallbeispiels kontrastiert. Zu Beginn wird der besondere Charakter der genossenschaftlichen Betriebe erläutert und ihre Eigenheiten bezüglich der Arbeitsbeziehungen mithilfe des Jenaer Machtressourcenansatzes betrachtet. Anschließend wird das theoretische Modell der betrieblichen Öffentlichkeiten rekapituliert und die spezifische genossenschaftliche Öffentlichkeit skizziert. Diese wird im zweiten Teil des Beitrags anhand des empirischen Beispiels der Genossenschaften der Fagor Group im Mondragon-Verbund überprüft. Dafür werden empirische Studien neu synthetisiert, welche einen detaillierten Einblick in die Lebensrealität der Arbeiter*innen ermöglichen. Anhand dessen werden die Räume genossenschaftlicher Öffentlichkeit mithilfe von Kriterien analysiert. Abschließend wird ein Fazit unter die Befunde gezogen und drei Thesen als theoretischen Ausblick aufgestellt. Es zeigt sich, dass die Genossenschaften zwar umfangreiche betriebliche Öffentlichkeiten durch Eigentumsbeteiligung ermöglichen, diese aber aufgrund des Marktdrucks nicht zwangsläufig emanzipatorisch sein müssen.
In dem Beitrag werden anhand eines Transformationskonfliktes Bedeutung und Dynamiken von arbeitspolitischen Öffentlichkeiten herausgearbeitet. Um den Besonderheiten arbeitspolitischer Mobilisierungen und Konflikte gerecht zu werden, wird das Konzept der betrieblichen Öffentlichkeit prozessual betrachtet und um drei arbeitspolitische Teilöffentlichkeiten ergänzt. Indem Beschäftigte, Betriebsräte, Vertrauensleute und ihre Gewerkschaft diese (mit) konstituieren und in dieser Sphäre (Gegen-)Öffentlichkeit organisieren, eröffnet sich die betriebliche Öffentlichkeit als ein Kampffeld, in dem unternehmerische Entscheidungen, die die Zukunft von Standorten, Beschäftigung und sogar Produkten betreffen, zum Verhandlungsgegenstand von Interessenkonflikten werden können. Grundlage des Beitrags bildet die Untersuchung eines standortübergreifend geführten Abwehrkampfs der IG Metall in einem international aufgestellten Automobilzuliefererkonzern. In diesem konnte einem Antrag auf tarifliche Abweichung nach „Pforzheim“ erfolgreich mit der Forderung nach einem Sozial- und Zukunftstarifvertrag entgegnet werden. Der Fall steht in besonderer Weise für den strategischen Weg einer konflikt- und beteiligungsorientierten (offensiven) Gewerkschaftspolitik in der Transformation der Industrie. Zu deren Kern gehörte neben der strategischen Arbeitskampfführung, die das rechtlich Mögliche ausschöpfte und zu erweitern versuchte, der systematische Aufbau einer betrieblichen Gegenöffentlichkeit und der Versuch ihrer Verstetigung über den Arbeitskampf hinaus.
In den letzten zwei Jahrzehnten ist Care-Arbeit zu einem wichtigen Thema öffentlicher Debatten geworden, in denen vor allem Krisendiagnosen und Modernisierungspotentiale von Care verhandelt werden. Der Artikel analysiert, wie Care-Arbeitende in unterschiedlichen Kontexten – Bildung, Pflege und Freiwilligenarbeit – auf die durch Krisen- und Modernisierungsprozesse und -diskurse entstandenen Herausforderungen reagieren. Durch eine empirische Analyse dreier Fallstudien wird das Wechselverhältnis zwischen Subjektivierung, Anrufungen und den individuellen wie kollektiven Positionierungsmöglichkeiten der Care-Arbeitenden beleuchtet. Der Beitrag zeigt, dass Care-Arbeitende die Anrufungen der arbeitspolitischen Öffentlichkeiten und teils die Anforderungen des Marktes kreativ umdeuten und an ihre Bedürfnisse anpassen, dabei jedoch gleichzeitig mit der Widersprüchlichkeit ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation konfrontiert sind. Der Artikel schließt mit der Feststellung, dass eine stärkere Vernetzung der Care-Arbeitenden über die einzelnen Bereiche hinaus ein bisher ungenutztes Potential einer gemeinsamen Stimme in der arbeitspolitischen Öffentlichkeit bergen könnte.