
Die Reiseliteratur ist im Allgemeinen eine literarische und dokumentarische Erzählform, in der ein Reisender seine Beobachtungen und Erfahrungen festhält. Reisende haben im Laufe der Geschichte dazu beigetragen, ihre persönlichen Erlebnisse widerzuspiegeln und Informationen über die soziale und kulturelle Struktur, die Geographie sowie die zwischenmenschlichen Beziehungen der bereisten Regionen zu vermitteln. Aus diesem Grund zählen Reiseberichte zu den Textgattungen, auf die Disziplinen wie Geographie, Geschichte, Literaturwissenschaft, Soziologie und Anthropologie zurückgreifen. Reiseberichte spiegeln die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Merkmale des geografischen Raumes des bereisten Landes oder der Stadt im Kontext der jeweiligen Zeit wider und geben die Erfahrungen in einem individuellen Stil wieder. Die Reiseliteratur spiegelt die räumlichen Konzepte und kulturellen Interaktionen wider, die sich im Geist des Autors vollziehen. Demnach haben Reiseberichte ihren Platz in den Wissenschaften als individuelle Berichte, kollektive Erinnerungen und kulturelle Archive eingenommen. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert bildeten die Wahrnehmungen westlicher Reisender vom Orient die Grundlage für durch orientalistische Einflüsse geprägte Bilder, während gleichzeitig die Blicke östlicher Intellektueller auf den Westen zur Herausbildung eigener literarischer Ausdrucksformen führten.
In der Geschichte des kulturellen Austauschs zwischen Deutschland und China im 20. Jahrhundert stellt die Übersetzungstätigkeit des deutschen Missionars und Sinologen Richard Wilhelm (1873–1930) eine Brücke zwischen den beiden Zivilisationen dar. Durch die umfangreiche Übertragung chinesischer Klassiker aus Philosophie, Geschichte und Literatur in die deutsche Sprache hat er einen maßgeblichen Beitrag zum zivilisatorischen Dialog zwischen West und Ost geleistet. Er hegt eine tiefe Verehrung für Johann Wolfgang von Goethe und stimmt nicht nur Goethes Konzept der Weltliteratur zu, sondern versucht es auch in die Tat umzusetzen. Er vertritt die Ansicht, dass die Literaturen verschiedener Nationen regionale Grenzen überschreiten und gemeinsam den geistigen Schatz der Menschheit bilden sollten. Obwohl die Erforschungen zu Richard Wilhelms Übersetzungen der klassischen chinesischen Werke aus den philosophischen Bereichen bereits recht umfangreich ist, hat seine Übertragung des Romans Die Geschichte der Drei Reiche (San Guo Yen I) bislang kaum Beachtung gefunden, da die einschlägigen Primärquellen nur äußerst schwer zugänglich sind. Doch diese Übersetzung stellt nicht nur eine sprachliche Übertragung, sondern auch einen bedeutsamen kulturell-intellektuellen Dialog mit hohem ideengeschichtlichem Wert dar, der eine nähere wissenschaftliche Betrachtung verdient.
Der Titel mag auf den ersten Blick als zu weit und wenig aussagekräftig erscheinen; auf den zweiten Blick muss man der als Blei-Kennerin bekannten Herausgeberin unbedingt zustimmen: Franz Blei (1871–1942) sprudelte über vor Ideen, wie vorzüglich sein Briefwechsel mit Verlagen belegt; sein Werk ist formal und thematisch vielfältig: Lyrik und Prosa, Essays, Theaterstücke, Satire, Kulturgeschichte, Biographien, Feuilleton, Übersetzungen, Editionen; und schließlich das weitgespannte Netz von Korrespondenten, Bekannten, Freunden, Verlegern, kombiniert mit einem Gespür zur Einschätzung von Persönlichkeiten und Talenten, sowie der Fähigkeit, sinnvolle und erfolgreiche Kontakte und Verbindungen zu schaffen. Seinerzeit ein bekannter Schriftsteller, vielleicht auch weil viele seiner Arbeiten, besonders auch der herausgegebenen und übersetzten Werke, einen erotischen Anklang hatten, so war er schon Anfang der 1930er Jahre weitgehend passé; 1932 emigrierte er über Mallorca, Italien und Süd-Frankreich mit Hilfe seiner in Portugal lebenden Tochter in die USA, wo er bereits 1942 in East Meadow, Long Island, New York starb. Am bekanntesten ist heute von seinen Schriften am ehesten Das große Bestiarium der modernen Literatur (4. Aufl. 1922), in dem er das mittelalterliche Genre des Bestiariums in satirischer Weise für die Literaturkritik fruchtbar gemacht hat. So ist es schon fast erstaunlich, dass in den letzten Dekaden die literarhistorische Beschäftigung mit Blei zugenommen hat; unter den Publikationen sind in der Mehrzahl Briefausgaben und Sammelbände, wie auch der vorliegende Band, der auf ein Symposium an der Université libre in Brüssel 2022 zurückgeht, wo Frau Mitterbauer als Professorin tätig ist. So gibt es also noch Forschungsbedarf, denn viele Einzelfragen und Details sind noch ungeklärt; am Schluss ihrer Einleitung nennt die Herausgeberin überdies noch einige Themenbereiche, die weitere Untersuchung erfordern: das Spätwerk, etwa die Die Erzählung eines Lebens (1931) und die Romane Talleyrand (1932) und Das trojanische Pferd (1938), Bleis Beiträge zum Theater, seine Essays und Porträts, seine Verwendung der Maske und des Maskenspiels, der Satire und Ironie und schließlich der Erotik, die zeitweise gewissermaßen sein Markenzeichen war.
Die literarische Auseinandersetzung mit Texten aus einer geografischen Perspektive hat eine lange Tradition, da sie Aufschluss über die Geografien und Räume der jeweiligen Epoche geben kann. Literarische Werke sind eng mit der gelebten Geografie und den gesellschaftlichen Gegebenheiten verflochten, denn der Autor oder die Autorin eines literarischen Textes lebt nicht nur in einem bestimmten geografischen Raum, sondern bringt auch seine bzw. ihre Erfahrungen mit verschiedenen Räumen und Regionen in das Werk ein. Genau an diesem Punkt wird das literarische Werk entweder auf einer realen oder mitunter auf einer imaginären Geografie konstruiert. Anders ausgedrückt stehen literarische Werke in einem untrennbaren Zusammenhang mit den politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen der Zeit, in der sie entstanden sind, sowie mit deren geografischen Kontexten.
Abstract: Wortlänge ist ein grundlegender Indikator der quantitativen Sprachforschung und wird auch in digital gestützten Sprach- und Textanalysen häufig für die Lesbarkeitsanalyse, die Niveaustufung von Lernertexten sowie die Differenzierung von Textsorten herangezogen. Da Wortlänge jedoch je nach Maßeinheit unterschiedlich bestimmt wird, sind die daraus gewonnenen Werte oft nur eingeschränkt vergleichbar und führen zu unterschiedlichen linguistischen Interpretationen desselben Textmaterials. Die vorliegende Studie untersucht Wortlänge im Deutschen als Ergebnis digitaler Operationalisierung und fragt, wie stark sich die Befunde verändern, wenn dieselben Texte nach Buchstaben, Graphemen oder Silben vermessen werden. Als Datengrundlage wurden 47.195 Tokens aus dem Korpus Deutschen Textarchiv ausgewertet. Methodisch wurden die drei Maße parallel implementiert und verglichen, unter besonderer Berücksichtigung des Zusammenhangs zwischen Wortlänge und Worthäufigkeit, der Verteilungsform und Modellierbarkeit sowie der hierarchischen Relationen zwischen sprachlichen Ebenen. Die Ergebnisse zeigen ein konsistentes Muster. Im untersuchten Korpus liefert ausschließlich die silbenbasierte Messung stabile inverse Wortlänge-Häufigkeit-Zusammenhänge und zugleich robust modellierbare Wortlängenverteilungen. Buchstaben- und graphembasierte Messungen reagieren stärker auf orthographische Konventionen und Segmentationsannahmen und erweisen sich entsprechend als weniger stabil, auch wenn sie mit der Silbenlänge deutlich kovariieren und sich nicht ohne Weiteres ineinander überführen lassen. Darüber hinaus besitzen die Ergebnisse praktische Relevanz für sprachdidaktische und bildungsbezogene Kontexte. Als Bestandteil digitaler Textschwierigkeitsmaße kann silbenbasierte Wortlänge zur Entwicklung und Bewertung von Lehrmaterialien, zur Textniveauklassifikation sowie zur Erfassung von Sprachentwicklungs- und Kompetenzverläufen herangezogen werden.
Das Tagebuch der Anne Frank (im Folgenden kurz als Das Tagebuch bezeichnet), in dem das deutsch-jüdische Mädchen Anne Frank ihr Leben sowie ihre persönlichen Gedanken und Gefühle während der zwei Jahre in ihrem Versteck in einem Hinterhaus in der Prinsengracht 263 in Amsterdam aufzeichnete, gilt als das einflussreichste und auflagenstärkste literarische Werk des Zweiten Weltkriegs. Es wurde 1947 in niederländischer Sprache unter dem Titel Het Achterhuis zum ersten Mal auf den Buchmarkt gebracht und wurde bis dato in mehr als 70 Sprachen übersetzt. Trotz Kontroversen um seine Authentizität wird Das Tagebuch heute international als einer der bedeutendsten Zeitzeugenberichte des Holocaust und eines der meistgelesenen Bücher der Welt betrachtet.
Im Rahmen der Ausstellung Bücher. Namen. Orte. 1933 stellten am 21. Juni 2023 drei Studentinnen der Universität Augsburg drei Autorinnen vor, zu denen sie in den Monaten zuvor in größeren Teams geforscht hatten. Bücher. Namen. Orte. 1933 präsentierte Lektüren und Spurensuchen der Gegenwart zu den Bücherverbrennungen von 1933 und ihren Folgen. Besucher:innen der Universitätsbibliothek Augsburg konnten einen Monat lang vier Ausstellungen unter einem Dach entdecken: die Posterpräsentation Verbrannte Orte , Magazin- und Plakatillustrationen unter dem Titel feuerfest , das Kunst- und Buchprojekt What Was Left sowie die Online-Ausstellung aktuell, poetisch, selbstbestimmt. Wir lesen: Karin Michaëlis, Gertrud Kolmar und Adrienne Thomas . Dieser Bericht handelt von der Entstehung dieser letzteren, die seit ihrer Eröffnung dauerhaft besucht werden kann.
Im Rahmen der ,,Kulturhauptstadt Europas ‐ Chemnitz“ 2025 adaptierten Jenny Erpenbeck (Libretto) und Ludger Vollmer (Komposition) den Roman Rummelplatz von Werner Bräunig (1934‐1976) erstmals für die Opernbühne. Uraufgeführt am 20. September 2025 im Auftrag von Die Theater Chemnitz , war das neu geschaffene Musiktheaterwerk der Höhepunkt des Rummelplatz -Projekts: einer kulturellen, sozialen und künstlerischen Initiative, die den Roman des aus Chemnitz stammenden Schriftstellers Werner Bräunig in den Mittelpunkt stellte.
Zu den jüngeren Einsichten der Germanistik sowie der Kulturwissenschaften im weitesten Sinne zählt, dass ,das‘ Mittelalter als (literarische) Epoche im Zuge von Rezeptions- und Aneignungsprozessen immer wieder neu konstituiert wird. Jede Zeit hat ihr ,eigenes‘ Mittelalter, ob mit Otto Gerhard Oexle ,nur‘ entzweit oder mit Umberto Eco sogar zehnfach aufgefächert zu lesen – dies gilt wissenschaftlich wie gesellschaftlich, politisch wie kulturell. Aus dieser Erkenntnis resultiert die Konsequenz, dass die Germanistik wie die kulturwissenschaftlichen Philologien insgesamt dem Fortwirken mittelalterlicher Themen, Stoffe und Texte seit 1500 neuerdings wieder verstärkt Beachtung schenken.
Das Thema dieser Abhandlung lautet: ,,Die Nietzsche-Übersetzungen und im weiteren Sinne die übersetzerischen Tätigkeiten von meinem ehemaligen (leider 2001 mit 70 Jahren verstorbenen) britischen Kollegen R. J. Hollingdale.“ R. J. hieß eigentlich Reginald John, und alle, die ihn kannten, nannten ihn einfach ,,Reg“. Reg Hollingdale also mag Ihnen vielleicht nicht so bekannt sein: soweit ich weiß, hat er nie in der deutschsprachigen Welt einen Vortrag gehalten, er hat keine Artikel auf Deutsch verfasst, und zumindest laut der Weimarer Nietzsche-Bibliografie sind keine von seinen Schriften, ob von ihm oder von fremder Hand ins Deutsche übersetzt worden. Trotzdem ist es durchaus keine Übertreibung, wenn ich sage, er war der britische Nietzsche-Übersetzer der Nachkriegszeit par excellence , und zusammen mit seinem US-amerikanischen Zeitgenossen Walter Kaufmann hat er entscheidend zur Rehabilitierung des inzwischen verpönten Nietzsche in der englischsprachigen Welt nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen.
Gegenwärtig wird der Studiengang Germanistik an über 120 Universitäten in China angeboten, wobei mehr als tausend Fachkräfte in Lehre und Forschung der deutschen Sprache tätig sind. Jährlich werden über 4000 Absolventinnen und Absolventen ausgebildet. In den zurückliegenden 70 Jahren hat sich Deutsch von einer ehemals als ,weniger verbreitet‘ geltenden Fremdsprache zu einer ,großen‘ Sprache gewandelt, die hinsichtlich ihrer Bedeutung unmittelbar hinter Englisch rangiert und mit Sprachen wie Japanisch, Französisch und Russisch vergleichbar ist. Dies ist für die Germanistik in China auf der einen Seite eine bedeutende Chance zur Weiterentwicklung, auf der anderen Seite jedoch eine Herausforderung.
Abstract: Der berühmte deutsche Denker Johann Gottfried Herder (1744‐1803) macht sich auch aufschlussreiche Gedanken über das Übersetzen. Er gilt als genialer Erneurer und Initiator der literarischen Übersetzung. Herders theoretische Überlegungen vom Übersetzen verstreuen sich hauptsächlich in Fragmenten über die neuere deutsche Literatur (1766‐1768). Um die deutsche Literatur auf ein höheres Niveau zu heben, ist es erforderlich, die deutsche Sprache zu bereichern. Sie lässt sich durch Übersetzen aus sinnlicheren Sprachen bereichern. Damit die Bereicherung erlangt wird, spricht sich Herder für ein anpassendes Übersetzungsverfahren mit Ton-Treue aus. Der Übersetzer muss den Ton des Originals heraushören und in der Lage sein, die Ton-Treue beim Übersetzen zu ermöglichen. Herders Volksliedersammlungen sind als eine seiner großen Übersetzungsleistungen zu betrachten. Ein auffälliger Teil davon sind die Übersetzungsproben von Shakespeares Dramen. Durch die tongetreuen Übersetzungen versucht Herder, Bereicherung der deutschen Sprache und Literatur zu erlangen.
Neben Werken der etablierten Migrantenliteratur bzw. Literatur der sogenannten ,Secondos‘, wie in der Schweiz bezeichnet wird, (Kamm/et al. 2010) tauchen häufig auf denselben Buchhandlungsregalen auch Texte von jungen Schriftsteller:innen auf, die laut den aktuellsten Studien als Autor:innen der post-migrantischen Literatur bezeichnet werden. Sie richten die Aufmerksamkeit auf typische Themen der Migrantenliteratur wie Identität, Integration und soziale Beziehungen, die in ihrem literarischen Schaffen sowohl aus der Perspektive der ersten als auch der zweiten Generation der Ausgewanderten betrachtet werden. In folgender kurzer Passage vom Beginn des Romans Tauben fliegen auf werden diese Themen angedeutet:
Zu Goethes Zeit existierte bereits das Papiergeld als frühere Form der virtuellen Ökonomie. In poetischer Weise erörterte Goethe in Faust II Entstehungshintergründe, Schaffungstechnik und Ausgabemethode des Papiergeldes, wobei er insbesondere auf dessen positive und negative Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben hinwies. Die Frage, wie das Risiko der wirtschaftlichen Virtualisierung zu vermeiden ist, überließ Goethe der Nachwelt. Nach mehr als zweihundert Jahren hat die Virtualisierung in der Wirtschaft mit der Finanzialisierung und Digitalisierung zwar ein neues Gesicht angenommen, aber ihre Funktionslogik, ihr Vorteil und ihr Risiko stehen noch immer in enger Verwandtschaft mit dem Papiergeld der Goethezeit. Chinas Konzept, durch angemessene Regulierung des Finanzwesens und technologische Verbesserungen des digitalen chinesischen Yuan (e-CNY) den Risiken der virtuellen Wirtschaft zu begegnen, kann als eine Antwort auf die von Goethe hinterlassene Frage gesehen werden. Ferner beweist die vorausschauende Thematisierung der Währungsproblematik in Faust den transkulturellen Wert und die transdisziplinäre Bedeutung der Literatur im Zeitalter der neuen Technologien.
Der redliche Prediger in Venstädt kam an einem warmen Nachmittage aus seinem Gärtchen hinter dem Hause, wo er einen sehr lieben Theil seiner irdischen Schätze, seine Blumen, besehen und bewundert hatte. Blumen waren seit mehr als funfzehn Jahren seine Beschäftigung in Nebenstunden, sein immer neuer Zeitvertreib, sein Spiel, das ihm nichts kostete, und dessen er nicht überdrüssig ward.So beginnt die 1790 entstandene Erzählung Der Blumenfreund in Venstädt des Dichters und Theologen Gotthelf Wilhelm Christoph Starke (1762–1830), die sich um einen Landprediger und seine Blumenliebe, um seine von materiellen Sorgen geplagte Gattin, seine schöne Tochter und einen ebenfalls blumenzüchtenden Brautwerber dreht. Als heimliche Hauptfigur, die in der erzählten Ereignisfolge ,,einen Unterschied macht“, erscheint indessen der Feuerfax – eine historische Nelkensorte, über die es im Taschenbuch für bildende, dichtende und historische Kunst von 1804 heißt: ,,Wer, wenn er auch übrigens kein Blumenkenner wäre, kennt den Feuerfax nicht aus dem ,Blumenfreunde in Venstädt‘ von Starke?‘“
Literatur steht in einem direkten Verhältnis zu sozialen, politischen und historischen Prozessen. Sie fungiert als Medium, in dem kollektive Erfahrungen, Machtstrukturen und kulturelle Deutungsmuster erkennbar werden. Jede literarische Produktion enthält ein System von Bedeutungen, das über sprachliche Formen hinausgeht und gesellschaftliche Ordnungen reproduziert oder in Frage stellt. Der literarische Text wird damit zu einem Ort, an dem die Wahrnehmung von Identität, Differenz und Fremdheit verhandelt wird. Innerhalb dieses Diskurses nimmt die Darstellung des ,,Anderen“ eine zentrale Funktion ein. Sie markiert Grenzziehungen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung und eröffnet die Möglichkeit, kulturelle Hierarchien zu rekonstruieren. Die türkische Kultur, Geschichte und soziale Struktur hingegen werden in zahlreichen deutschsprachigen und internationalen Werken thematisiert. Diese Texte erzeugen Bilder, die politische und kulturelle Machtverhältnisse widerspiegeln. Autoren aus unterschiedlichen Kontexten greifen auf Narrative zurück, in denen sich Konstruktionen des ,,Türkischen“ als Gegenbild zum Eigenen manifestieren. Solche Repräsentationen tragen zur Bildung kollektiver Vorstellungen bei, die den Diskurs über Migration, Zugehörigkeit und nationale Identität bestimmen. Edward Said hat in Orientalism (1978) gezeigt, dass diese Darstellungsformen Teil eines kulturellen Systems sind, in dem Wissen und Macht ineinandergreifen. Seine Theorie bildet einen methodischen Ausgangspunkt für die Analyse literarischer Texte, die kulturelle Differenz thematisieren und dadurch politische Bedeutung erzeugen.
Der Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann (1862–1946) ist von zentraler Bedeutung sowohl für die deutsche als auch für die Weltliteratur. Hauptmanns geniales Schaffen wird nicht nur von seinen Zeitgenoss*innen wie z. B. Käthe Kollwitz (1867–1945), Heinrich (1871–1950) und Thomas Mann (1875–1955) ausdrücklich gewürdigt, sondern wirkt sich auch zugleich nachhaltig auf nachfolgende Dichtergenerationen sowie ausländische Schriftsteller*innen aus.
Die Gedächtnisforschung, nationale und kollektive Erinnerungsformen einerseits, individuelle Formen der Erinnerung andererseits, stellen in den letzten Jahrzehnten einen relevanten Untersuchungsgegenstand dar. Dabei spielt das Medium Film bzw. Kinofilm aufgrund seiner Anziehungskraft eine wichtige Rolle. Dies ist vornehmlich an der signifikanten Anzahl von Filmen zu erkennen, die sich mit diversen Formen der Erinnerung auseinandersetzen. Der Film zeichnet sich hierbei als relevante Ausdrucksform für kollektive Erinnerungen aus, da er u. a. einschneidende historische Ereignisse wie den Ersten und Zweiten Weltkrieg oder Flucht, Vertreibung und Exil thematisiert und somit als Medium im Rahmen der Vergangenheitsbewältigung anhand von audiovisuellen Erinnerungsprozessessen geschichtspolitische Diskurse entfachen, anregen oder aktualisieren kann. Erinnerungsfilme übernehmen dabei die Funktion eines Verbreitungsmediums des kollektiven Gedächtnisses. Fiktionale Spielfilme, Dokumentationen und Doku-Dramen verbreiten auf nationaler wie internationaler Ebene Repräsentationen der Vergangenheit.
In den letzten Jahren erschien eine Reihe von literarischen Werken des bedeutenden deutschsprachigen Autors W. G. Sebald erstmals in chinesischer Übersetzung, was durchgehend eine positive Würdigung und sogar ein enthusiastisches Echo auslöste. Zum ersten Mal mögen nicht wenige chinesische Leser bemerken, dass Sebald in seinem 1995 erschienenen Prosawerk Die Ringe des Saturn – einer Erzählung über eine mehrtägige Fußwanderung durch die östliche englische Grafschaft Suffolk, die Landschaft und Globalgeschichte kunstvoll verknüpft – China über zwanzig Seiten hinweg ausführlich beschreibt und sich dabei mit ,,d[er] Geschichte von China“, insbesondere der späten Qing-Dynastie (1840‐1912), auseinandersetzt. Doch diese literarische Auseinandersetzung, die durch detaillierte Schilderung des Opiumkriegs, des Taiping-Aufstands sowie der Herrschaft von Kaiser Guangxu und der Kaiserinwitwe Cixi Sebalds fundierte Kenntnisse über China offenbart, wurde in der Sebald-Forschung zwar häufig erwähnt, aber bislang kaum erforscht. Trotzdem oder gerade deswegen drängt sich die Frage auf, auf welche Quelle Sebalds Chinabeschreibung zurückzuführen ist? Eine solche Quelle lässt sich zwar nicht immer mit Sicherheit eruieren, aber man kann zumindest, wie der Titel des vorliegenden Beitrags zeigt, eine intertextuelle Spurensuche unternehmen, da sich Sebalds Werke bekanntermaßen durch eine Poetik der Intertextualität auszeichnen. In diesem Sinne soll im Folgenden den Spuren der möglichen intertextuellen Bezüge in Sebalds Chinabeschreibung nachgegangen werden.
Feedback zu Lernertexten spielt eine wichtige Rolle beim Fremdspracherwerb und fördert besonders die Verbesserung der Schreibkompetenz der Lernenden. KI-gestütztes Feedback kann Einschränkungen des Lehrerfeedbacks teilweise überwinden. Allerdings weisen gegenwärtige intelligente Feedbacksysteme für deutschsprachige Texte Mängel auf, wie beispielsweise unzureichende Feedbackinhalte mit bedingter Exaktheit, einseitige Feedbackstrategien sowie die Unfähigkeit, differenziertes Feedback für Lernende mit unterschiedlichem sprachlichem Hintergrund und Lernstufen bereitzustellen. In unserem Forschungsprojekt wurde daher der Versuch unternommen, auf der Grundlage des CDLK (Chinesisches Deutschlernerkorpus) ein intelligentes Feedbacksystem speziell für chinesische Deutschlernende zu entwickeln, wobei LLMs (große Sprachmodelle) zum Einsatz kommen. Das entwickelte System definiert auf fünf Ebenen Fehler beim Schreiben: Orthografie, Morphosyntax, Syntax, Lexik und Semantik. Basierend auf der konstruktivistischen Lerntheorie bietet das System durch interaktive Mehr-Runden-Dialoge präzises und personalisiertes Feedback für Lernende auf verschiedenen Lernstufen. Der vorliegende Beitrag präsentiert den Hintergrund, die theoretische Grundlage sowie den technischen Ablauf der Systementwicklung, einschließlich des Fehlerklassifizierungssystems, der Annotationsprinzipien und des Trainingsprozesses mit einem großen und einem speziellen Sprachmodell. Zudem werden Perspektiven für zukünftige empirische Forschungen auf Grundlage des entwickelten Systems skizziert.