
Jeder Mensch lebt von der ihn umgebenden Welt (der „Umwelt“), d. h. von seiner individuellen physiko-chemischen bzw. ökologischen sowie psycho-sozio-kulturellen Umwelt. Jede Energie für sein Überleben bezieht er aus dieser Umwelt – seiner spezifischen „Lebenswelt“ – die ihn auch prägt. Ohne Kenntnis dieser individuellen Lebenswelt ist kein Mensch hinreichend verstehbar. Für die psycho-sozialen wie medizinischen Wissenschaften gilt es, dieser Komplexität besser gerecht zu werden und das gängige Konzept „Der Mensch als komplexe Maschine“ zu überschreiten. Es braucht die Erweiterung auf einen Ansatz, der den Menschen als bio-psycho-soziales Wesen fasst, das untrennbar mit seinen physiko-chemischen und sozio-kulturellen Lebenswelten verbunden ist und auch die, die „Innenwelt“ des Menschen mitprägenden, „Außenwelten“ umfasst. Am Beispiel des systemtheoretisch fundierten bio-psycho-sozialen Modells – in der aktuellen Fassung besser als body-mind unity theory benennbar – werden die Implikationen für den Wirkungsbereich der Humanmedizin erörtert: Dysfunktionales Denken, Fühlen und Handeln sind wirkmächtige Einflussgrößen für gesundheitliche bzw. krankhafte Prozesse und zugleich genuines Arbeitsfeld der Psychotherapie. Die Behandlung mit psychologischen Mitteln – also „Psycho-Therapie“ – ist demnach eine unverzichtbare Leistung einer zeitgemäßen Gesundheitsversorgung. Ohne Psychotherapie wäre eine „Human-Medizin“ unvollständig.
In der psychotherapeutischen Arbeit im digitalen Setting verschiebt sich das Spannungsfeld von Körper und Psyche, da körperliche Resonanzen in neuer Weise vermittelt und erlebt werden. Eine psychoanalytische Einzelfallanalyse im Gruppensetting untersucht, wie körperbezogene und unbewusste Prozesse im digitalen Gruppenraum wirken. Die Ergebnisse zeigen, dass Online-Gruppentherapie nicht primär zu einem Verlust von Körperlichkeit führt, sondern diese transformiert: Fragmentierte Sichtbarkeit, kontrollierbare Teilnahme und veränderte Resonanz schaffen einen Raum graduierter Nähe. Gleichzeitig entsteht ein „blinder Fleck“, da Bereiche des Erlebens im virtuellen Setting unsichtbar bleiben oder durch technische Vermittlung verschoben werden. Aspekte, die in Präsenz atmosphärisch spürbar sind, erscheinen online differenziert oder gar nicht. Die Studie verdeutlicht, dass Online-Gruppen ein eigenständiges therapeutisches Setting darstellen, das Chancen für Schutz, Zugänglichkeit und Symbolisierung bietet, jedoch bewusste Reflexion von Körperlichkeit, Distanz und Sicherheit erfordert.
Der Einbezug des Körpers hat in der Psychotherapie in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung gewonnen. Dennoch ist wenig darüber bekannt, wie Patient:innen körperbezogene Aspekte im therapeutischen Prozess erleben. Zur Untersuchung dieser Frage wurden 42 leitfadengestützte Interviews mit Patient:innen aus privaten psychotherapeutischen Praxen durchgeführt und im Rahmen einer Sekundäranalyse mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet. Ergänzend erfolgte eine deskriptive Betrachtung der Kategorien anhand der Anzahl kodierter Zitate sowie der Anzahl berichtender Patient:innen. Die psychotherapeutischen Verfahren der Konzentrativen Bewegungstherapie und der Integrativen Therapie sind in der Stichprobe überrepräsentiert und werden aufgrund ihrer spezifischen Körperorientierung gesondert berücksichtigt. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Patient:innen eine Herangehensweise wünschen, die über das Gespräch hinausgeht und körperliche Dimensionen einbezieht, diese jedoch zugleich als herausfordernd erleben. Körperlichkeit zeigt sich im Therapieverlauf bei nahezu allen Patient:innen auf verschiedenen Ebenen: als Thema, in Interventionen, in der therapeutischen Beziehung sowie in der Atmosphäre des physischen Raums. Therapeutische Veränderungen werden bei etwa der Hälfte der Patient:innen als körperlich spürbare, ganzheitliche Erfahrungen beschrieben. Zudem zeigen sich deskriptive Unterschiede zwischen den Verfahren, insbesondere hinsichtlich des Einbezugs des Körpers in Interventionen. Die Ergebnisse verdeutlichen die zentrale Rolle des Körpers aus Patient:innenperspektive und legen nahe, dass eine bewusste Integration körperbezogener Aspekte das therapeutische Erleben vertiefen kann.
Psychosomatische Theorien verstehen den Körper häufig als Träger oder Ausdruck eines verborgenen psychischen Sinns. Jean-Luc Nancy verschiebt diese Perspektive grundlegend, indem er Leiblichkeit nicht als inneren Erfahrungsraum, sondern als corpus partagé denkt: als geteilte, exponierte Körperlichkeit, in der Sein überhaupt geschieht. Porosität bezeichnet bei Nancy keine Durchlässigkeit zwischen Innen und Außen, sondern die ontologische Struktur leiblicher Existenz selbst: Ausgesetztheit, Berührbarkeit und Mitsein. Psychosomatische Phänomene verweisen aus dieser Perspektive nicht auf ein verborgenes Inneres, sondern auf Modifikationen leiblicher Offenheit und Teilhabe. Der Beitrag entwickelt auf dieser Grundlage eine phänomenologische Psychosomatik, die Symptome nicht deutet, sondern als leibliche Ereignisse ernst nimmt. Für die psychotherapeutische Praxis ergibt sich daraus eine Haltung, in der Therapie nicht primär als Intervention, sondern als Raum geteilter Präsenz verstanden wird.
Das subjektive Erleben psychischer Prozesse ist immer verkörpert – dennoch wurde der Körper in der Psychotherapie lange vernachlässigt. In der Behandlung komplexer Traumafolgestörungen rückt zunehmend die Bedeutung von Körpererleben, Körpergrenzen und verkörperter Affektregulation in den Fokus. Körpertherapeutische Verfahren können die traumafokussierte Psychotherapie sinnvoll ergänzen, in dem sie Patient:innen dabei unterstützen, ihr leiblich fundiertes Selbst unmittelbar zu erfahren d. h. im lebendigen Tun die eigene Existenz sowie die Ganzheit von Körper und Geist spürbar zu erleben. Zugleich erfordert ihre Anwendung eine kritisch-reflektierte Haltung, da viele Methoden empirisch unzureichend belegt oder theoretisch verkürzt sind. Der Beitrag plädiert für eine wissenschaftlich fundierte Integration körperpsychotherapeutischer Elemente in eine leitliniengerechte, multimodale stationäre traumafokussierte Psychotherapie. In einer achtsamkeits- und mitgefühlsorientierten therapeutischen Haltung können körperbezogene Interventionen helfen, Blockaden wie Ekel, Scham oder Depersonalisation zu lösen. Anhand von Fallvignetten wird gezeigt, wie über achtsame Sinnes- und Bewegungsarbeit ein Zugang zu vermiedenen Emotionen und verkörperter Selbstwirksamkeit entsteht. Körperpsychotherapie wird dabei als praxisnahe Erweiterung innerhalb eines psychotraumatologischen Gesamtkonzepts verstanden – eine Erweiterung, deren Potenzial klinisch genutzt, theoretisch fundiert und wissenschaftlich evaluiert werden sollte.
Der vorliegende Beitrag stellt die Entwicklung, Struktur und klinische Anwendung der Anamnese für Körper und Psyche (AKuP) an der psychotherapeutischen Universitätsambulanz der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien vor. AKuP wurde als strukturierte psychotherapeutische Körperanamnese konzipiert, um körperbezogene Dimensionen ab Beginn systematisch in den therapeutischen Prozess zu integrieren. Das Instrument kombiniert offene und geschlossene Fragen mit reflexiven Beobachtungseinschätzungen, die Anwendung dient der Exploration noch vor der formalen Diagnoseeinschätzung. Anhand exemplarischer qualitativer Analysen aus studentischen Abschlussarbeiten wird aufgezeigt, wie AKuP körperbezogene Themenfelder, wie etwa Ernährung, Bewegung, soziale Medien und Stress, als emotional, normativ und sozial eingebettete Erfahrungsbereiche sichtbar macht. Die Ergebnisse unterstreichen das Potenzial von AKuP als klinisches, didaktisches und forschungsbezogenes Instrument zur Stärkung biopsychosozialer Perspektiven in der psychotherapeutischen Praxis. Zudem kann AKuP eine solide anamnestische Basis für die Diagnosepraxis in der Psychotherapie bilden.
Die Rolle des Körpers in der Psychotherapie wurde bislang primär in analogen Settings untersucht. Die vorliegende qualitative Sekundäranalyse untersuchte sechs Patient:inneninterviews, um das Erleben online-therapeutischer Prozesse während der COVID-19-Pandemie im ambulanten Setting zu explorieren. Die Auswertung erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring. Die Ergebnisse zeigten zentrale Spannungen: Patient:innen berichteten von gesteigerter emotionaler Konzentration im häuslichen Umfeld, körperlicher Selbstbestimmung und örtlicher Flexibilität. Gleichzeitig erlebten sie den Mangel an körperlicher Resonanz als erhebliche Limitation. Die Beschränkung auf „Stimme und Bild“ fragmentierte die ganzheitliche Wahrnehmung; technische Unterbrechungen griffen zudem unmittelbar in emotionale Prozesse ein. Der durch den Bildschirm entstehende „dritte Raum“ wirkte dabei zugleich schützend und isolierend. Insgesamt erscheint der virtuelle Raum als eigenständiges therapeutisches Medium mit spezifischen Anforderungen und Möglichkeiten. Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit digitaler Setting-Kompetenzen und legt nahe, körperorientierte Techniken im virtuellen Prozess gezielt zu integrieren, um Resonanz und therapeutische Prozessqualität auch ohne physische Präsenz zu schaffen und zu fördern.
Der Beitrag entfaltet eine strukturphänomenologische Perspektive auf Veränderung in Psychotherapie und Pädagogik. Ausgangspunkt ist die Unterscheidung enaktiver, ikonischer und symbolischer Vollzüge, die nicht als ontologische Ebenen, sondern als unterschiedliche Weisen des Vollzugs von Erfahrung verstanden werden, also nicht verschiedene Schichten des Seins, sondern verschiedene Modi, in denen sich ein und derselbe leibliche Prozess vollzieht. Enaktive Vollzüge verorten Veränderung im leiblichen Sinnvollzug als pathisches Antworten und Getroffen-Werden. Sie sind real im Sinne eines erfahrungswirksamen leiblichen Geschehens, ohne damit eine eigene ontologische Ebene zu bezeichnen. Symbolische Vollzüge führen Sinn in Bedeutung über und machen Erfahrung sprachlich fassbar und erklärbar, bleiben jedoch auf die Rückbindung an leibliche und anschauliche Vollzüge angewiesen. Der Beitrag zeigt, dass Veränderung weder primär kognitiv noch ausschließlich sprachlich einsetzt, sondern sich als leiblich fundierter Prozess entfaltet.
Der Zusammenhang zwischen physiotherapeutischen und psychotherapeutischen Prozessen gewinnt zunehmend an Bedeutung in der interdisziplinären Gesundheitsversorgung. Dieser Artikel befasst sich mit der Wechselwirkung und Synergie der Zusammenarbeit von Physiotherapie und Psychotherapie. Die Verbindungen zwischen Körper und Psyche, sowie die gegenseitige Beeinflussbarkeit des einen auf den anderen Fachbereich, sind Gegenstand zahlreicher Fachbücher, Studien und laufender Untersuchungen. Anhand eines konkreten Fallbeispiels, einer Person mit komplexer posttraumatischer Belastungsstörung, zeigen die Autorinnen aus beiden Perspektiven, wo sich die vielseitigen Effekte durch das parallele Arbeiten und den fachlichen Austausch, deutlich über die erwarteten Ziele oder Hypothesen hinaus zeigen konnten. Der Artikel plädiert also, wissenschaftlich fundiert und mit persönlichen Erfahrungen ergänzt, für eine Erweiterung der Zusammenarbeit im niedergelassenen Bereich und beleuchtet, welche Voraussetzungen in beiden Disziplinen dazu beitragen, um traumasensibel und körperorientiert arbeiten und kooperieren zu können.
Körperbasierte Verfahren gewinnen in der Psychotherapie zunehmend an Bedeutung, insbesondere im Rahmen neurowissenschaftlicher Modelle autonomer Selbstregulation. Herzratenvariabilitäts-Biofeedback ist ein evidenzbasiertes Verfahren, das in der kognitiven Verhaltenstherapie bei Angst‑, Depressions- und Stressstörungen wirksam eingesetzt werden kann. Als Schnittstelle zwischen somatischer Wahrnehmung und psychischer Regulation ermöglicht es Patient:innen, körperliche Stressmuster zu erkennen und affektive Zustände gezielt zu modulieren. Dadurch werden Selbstwirksamkeit, Emotionsregulation und therapeutische Adhärenz gefördert. Der Beitrag beschreibt die theoretischen Grundlagen des HRV-Biofeedbacks, seine Integration in die KVT sowie die Verbindung zu aktuellen neurophysiologischen Modellen der Selbstregulation. Eine Fallvignette illustriert die praktische Umsetzung im therapeutischen Kontext. HRV-Biofeedback wird als innovativer Baustein einer verkörperten Psychotherapie vorgestellt, die den Körper als aktive Ressource für Veränderung und Stabilität begreift.
Körperliche Berührung ist zentral für die psychische Entwicklung. Der Einsatz realer leiblicher, also körperlicher Berührung zwischen Patient:in und Therapeut:in in der Psychotherapie ist jedoch theoretisch umstritten. Die Positionen reichen dabei vom generellen Berührungsverbot bis hin zur als heilsam bewerteten Berührung als wichtige therapeutische Intervention. Das Ziel dieses Beitrags liegt darin, zuerst unter Einbezug aktueller Literatur die Bedeutung der Berührung für die psychische Entwicklung und die unterschiedlichen theoretischen Positionen zur Berührung kurz zusammen zu fassen. Anschließend wird dargestellt, wie Berührung in der Konzentrative Bewegungstherapie als leiborientierter psychodynamischer Therapieschule eingesetzt wird.
Soziale Ungleichheits- und Machtverhältnisse – wie etwa die Dimension sozialer Klasse – finden in der psychotherapeutischen Forschung und Praxis bislang noch wenig Beachtung. Aufbauend auf Bourdieus Kapital- und Habitustheorie diskutiert der Beitrag daher die Relevanz sozialer Klasse in der psychotherapeutischen Versorgung. Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status leiden häufiger unter psychischen Erkrankungen, haben jedoch aufgrund struktureller Barrieren schlechteren Zugang zur Psychotherapie und erzielen oft geringere Behandlungserfolge. Trotz der impliziten Ausrichtung psychotherapeutischer Verfahren an den Lebenswelten höherer sozialer Klassen werden soziale Ursachen psychischer Konflikte in der Praxis oft vernachlässigt. Der Beitrag zeigt auf, wie gesellschaftliche Ungleichheiten über die habituellen Dispositionen von Patient:innen und Therapeut:innen in den therapeutischen Prozess und die Beziehung einfließen. Es wird dabei für eine systematische Integration der sozialen Klasse in Forschung, Ausbildung und Praxis plädiert, um Versorgungsgerechtigkeit herzustellen.
Eine bedarfsgerechte psychotherapeutische Versorgung erfordert sowohl genügend verfügbare Psychotherapeut:innen, als auch ausreichend kassenfinanzierte Leistungen. Ziel dieses Beitrags ist, eine aktuelle Einschätzung der messbaren quantitativen Komponenten der psychotherapeutischen Versorgung in Österreich zu ermöglichen, indem Daten zur personellen Ausstattung von Psychotherapeut:innen (inkl. regionaler Verfügbarkeit) und Daten zur Inanspruchnahme (Behandeltenzahlen) teil- und vollfinanzierter Psychotherapie integriert betrachtet werden und im Verhältnis zum Bedarf in der Bevölkerung bewertet werden. Die Analyse zeigt, dass rund 11.676 Psychotherapeut:innen zur Verfügung stehen, wovon ca. 27
Dieser Aufsatz untersucht die Verschränkung von Neoliberalismus und Psychotherapie-Apps anhand der Mechanismen der Therapeutisierung, Gouvernementalität und Subjektivierung, sowie die Einsatzmöglichkeiten von Psychotherapie-Apps. Dabei treten eine Transformation der Biopolitik zur digitalen Psychopolitik als auch eine Veränderung der Führungsrichtung in Erscheinung. Der Fokus dieser Arbeit konzentriert sich auf zwei Phänomene: 1. Das selbständige Einsetzen psychotherapeutischer Techniken als Anpassung an neoliberale Vergesellschaftungsformen und entsprechende Subjektnormen. 2. Die Negation des Spannungsfeldes zwischen individuellen Faktoren und gesellschaftlichen Dynamiken, die in den digitalen Angeboten zugunsten des Blicks auf das Individuum erfolgt. Denn dabei wird psychisches Wohlbefinden entkontextualisiert und individuelle Veränderungsmöglichkeiten überbetont.
Die aktuelle psychotherapeutische Versorgung in Österreich befindet sich in einer Krise. Besonders hochfrequente und langfristige Behandlungsangebote im psychoanalytisch-psychodynamischen Bereich sind gefährdet, obwohl sie bei schweren psychischen Erkrankungen indiziert und wirksam sind. Rückläufige Leistungen sowie eine unzureichende indikationsbasierte Versorgungsplanung führen zu einer deutlichen Unterversorgung, die durch Studien und Stakeholderbefragungen belegt wird. Zur Analyse wurden Daten aus einer Befragung der Tiefenpsychologisch-Psychoanalytischen Dachgesellschaft (tpd) sowie Modellbeispiele ambulanter Einrichtungen herangezogen. Diese verdeutlichen, wie psychoanalytische Ambulanzen – teils öffentlich, teils privat finanziert – seit Jahren ein differenziertes und qualitätsgesichertes Angebot bereitstellen. Sie bieten Erstgespräche, hoch- und niederfrequente Therapien, Forschung und Weiterbildung, stoßen jedoch auf finanzielle und strukturelle Grenzen. Herausforderungen bestehen vor allem in der fehlenden Finanzierung, der Konzentration auf urbane Zentren sowie unzureichenden Ausbildungsstrukturen, insbesondere im ländlichen Raum. Das neue Psychotherapiegesetz eröffnet Chancen, Versorgung und Ausbildung enger zu verknüpfen, verlangt aber nachhaltige Investitionen in Lehrambulanzen und regionale Versorgungsangebote. Nur so kann eine indikationsbasierte, solidarisch getragene und langfristig wirksame psychotherapeutische Versorgung sichergestellt werden.
Familie stellt ein offenes System dar, welches im Falle der Pflegefamilie oft zahlreichere Interaktionen im Umfeld und Herausforderungen aufweist als in anderen Familiensystemen. Im Bundesland Steiermark stieg die Anzahl der Fremdunterbringungen Minderjähriger in den letzten Jahren stetig an, wovon sich ein steigender Bedarf an Pflegefamilien ableitet. Dieser Beitrag widmet sich der Analyse der Rollenbilder von aktiven Langzeit-Pflegeeltern sowie deren psychotherapeutischer Versorgung in Form von systemischer Familientherapie. Ziel ist es die Behandlung auf deren Bedürfnisse bestmöglich auszurichten um die Pflegschaft langfristig zu stabilisieren und die Bereitschaft zur Aufnahme von Pflegekindern anzuregen. Anhand dreier Interviews mit Langzeit-Pflegemüttern aus der laufenden Pilotstudie werden die Ergebnisse dargestellt und diskutiert. Alle Befragten identifizierten sich im Gesellschaftsleben mit dem Ersatz-Mutter-Konzept. Als unterstützend wurden von den Befragten entlastende Interventionen wie Joining durch wertungsfreie Gespräche und Perspektivenwechsel durch Fragetechniken sowie hypnosystemisches Arbeiten wie anhand des Seitenmodells genannt.
Die psychotherapeutische Versorgung in Österreich ist durch eine Reihe struktureller, regionaler und finanzieller Herausforderungen geprägt. Ziel dieser Studie war es, auf Basis einer standardisierten Online-Befragung unter 2777 Psychotherapeut:innen eine empirisch fundierte Einschätzung der aktuellen Versorgungslage und deren Entwicklungen zu gewinnen. Die Ergebnisse zeigen eine starke Konzentration der Tätigkeit in freier Praxis (98
Der Beitrag erörtert soziodemographische Charakteristik sowie Evaluationsresultate zu Klient:innen einer stationärer psychosozialen Rehabilitationseinrichtung auf Basis einer quantitativen Erhebung mittels SIBAR sowie Mini-ICF-APP zu Behandlungsbeginn und Behandlungsende des üblicherweise sechswöchigen Aufenthalts. Die statistische Analyse zu 219 Klient:innen, verglichen mit Daten für die Gesamtbevölkerung, zeigt u. a. eine leichte Überrepräsentation weiblicher Personen, ein nur mäßig erhöhtes Durchschnittsalter und einen erhöhten Anteil von Personen mit Matura als höchster abgeschlossener Schulbildung. Ein erheblicher Teil war von Erwerbsunfähigkeit bzw. Erwerbslosigkeit betroffen. Unter den erwerbstätigen Klient:innen waren solche aus gering qualifizierten Berufsklassen deutlich unterrepräsentiert. Hinsichtlich des Behandlungserfolgs wurden vor allem positive Kompetenzveränderungen betreffend „Flexibilität“ und „Selbstbehauptungsfähigkeit“ festgestellt. Die Effektstärken stellen sich mit Cohen d = 1,2 bzw. 1,5 hoch dar.
Eine differenzierte Beschreibung von Behandlungspfaden für Menschen mit psychischen Erkrankungen innerhalb der Versorgungskette im Gesundheitssystem fehlt bislang. Auf Basis der (neuen) gesetzlichen Bestimmungen in Österreich und Europa sowie ausgehend von in der Fachliteratur auffindbaren Konzeptionen (bzw. Paradigmen/Diskursen) werden Inhalt und Umfang der Ausbildung, Berufsumschreibung sowie Kernkompetenzen von zwei zentralen Professionen an den Schnittstellen der Versorgungskette, den Berufsgruppen Klinische Psychologie und Psychotherapie, dargelegt. Die Zielsetzung des vorliegenden diskursanalytischen Beitrags ist es, die Differenzen zu analysieren als Basis für eine fundierte Versorgungsplanung: Die Ergebnisse dieser Analyse der Unterschiede zwischen den beiden Berufsgruppen kann Ausgangspunkt für die Ausarbeitung von Behandlungspfaden sein. Unterschiede finden sich insbesondere in Ausbildungsumfang und Kernkompetenzen, Zugangsvoraussetzungen, der Rolle eines kohärenten Theorie-Praxis-Modells und dem Vorliegen eines intersubjektiven Behandlungsmodells. Eine differenzierte prävalenzorientierte Versorgungsplanung für Menschen mit psychischen Erkrankungen durch Psychotherapie und allen Nachbardisziplinen, vor allem Klinische Psychologie, innerhalb der öffentlich finanzierten Gesundheitsversorgung kann helfen, die Versorgung zu optimieren. Naheliegend wäre dafür die Verankerung im Österreichischen Strukturplan Gesundheit.