
Zusammenfassung Berührung ist ein grundlegender, jedoch in der modernen Psychiatrie lange vernachlässigter Faktor psychischer Gesundheit. In einer sich wandelnden Psychiatrie, die Alltagsverhalten, Umwelt und Selbstregulation stärker berücksichtigt, sollten auch Berührungsverhalten und -wahrnehmung mitgedacht werden. Der vorliegende Übersichtsartikel betrachtet Berührung aus physiologischer, entwicklungsbiologischer und psychopathologischer Perspektive. Neurobiologische und physiologische Mechanismen affektiver Berührung, insbesondere der C-taktilen Afferenzen, werden dargestellt. Die Berührung spielt eine zentrale Rolle für die Ausbildung des Körperschemas, der Selbst-Anderen-Differenzierung und früher Bindungs- und Stressregulationsprozesse. Aktuelle Forschung belegt die Wirksamkeit von Berührungsinterventionen auf Stress, Schmerz, Angst und Depression. Aufbauend darauf werden Perspektiven für die Implementierung von Berührung in der psychiatrischen Praxis diskutiert. Insgesamt wird Berührung als zentraler Mechanismus sozialer Co-Regulation und allostatischer Anpassung verstanden, der ein erhebliches, bislang unzureichend genutztes Potenzial für Prävention, Therapie und Gesundheitsförderung in einer zunehmend berührungsarmen Lebenswelt besitzt.
Zusammenfassung Der Beitrag analysiert eine Szene aus dem Länderspiel Deutschland–Italien (2025), in der es zu einem kuriosen Gegentor kam, und interpretiert diese mithilfe der Kommunikationstheorie Paul Watzlawicks. Im Zentrum steht die Beobachtung, dass kulturelle Unterschiede in der nonverbalen Kommunikation – etwa in Bezug auf Näheverhalten, Aufmerksamkeitssteuerung und situatives Handlungstiming – zu realen Konsequenzen führen können. Die Szene dient als Beispiel für eine nicht geteilte Wirklichkeitskonstruktion im interkulturellen Kontext und wird auf ihre Relevanz für psychiatrische und psychotherapeutische Interaktionen hin diskutiert.
Zusammenfassung Gegenstand und Ziel Untersuchung über die Veränderungen der Belegungsstatistik und Verweildauer während und nach der COVID-19-Pandemie am Beispiel der beiden häufigsten Diagnosen in der Gerontopsychiatrie: Depression und Demenz. Material und Methoden Die Bettenbelegung der gerontopsychiatrischen Station wurde zwischen 2017 und 2023 ausgewertet. Neben der Fallzahl wurden auch der Anteil der Fallzahlen der beiden Diagnosen sowie die mittlere Verweildauer extrahiert. Ergebnisse Insgesamt nahm die Fallzahl von 2019 auf 2020 um 22 % ab. Während sich die Fallzahl für Depression in den Folgejahren weiter reduzierte, variierte sie bei Demenz. Die Verweildauer erhöhte sich für Patienten mit Depression in den Jahren 2021 und 2022 deutlich, für Patienten mit Demenz insbesondere im Jahr 2022. Schlussfolgerungen Die Corona-Pandemie scheint sowohl auf die Fallzahlen als auch auf die Verweildauer unmittelbare Auswirkungen gehabt zu haben. Eine Unterversorgung vornehmlich von Patienten mit Depression ist dabei anzunehmen. Klinische Relevanz Pandemien können einen Einfluss auf die Belegung gerontopsychiatrischer Einrichtungen haben. Eine frühzeitige Beachtung dieses Aspektes ist unabdingbar, um einer Unterversorgung psychisch erkrankter älterer Menschen entgegenzuwirken.
Zusammenfassung Seit einigen Jahren wird diskutiert, wie der gesunde Umgang mit Smartphones, sozialen Medien und anderen digitalen Inhalten gelingen kann. Diese Fragestellung könnte man auch unter dem Oberbegriff „digitales Wohlbefinden” zusammenfassen, also der Frage, wie wir in einem zunehmend digitalen Zeitalter unsere mentale Gesundheit erhalten können. Dies ist kein leichtes Unterfangen, da täglich Hunderte von digitalen Botschaften auf uns einprasseln und wir sowohl mit der Flut an Nachrichten als auch deren Inhalten kognitiv und emotional umgehen müssen. Die massive Verbreitung von künstlicher Intelligenz wird die Probleme möglicherweise noch verschärfen, weil viele Digitalangebote noch immersiver gestaltet werden können und sich die digitale Kommunikation sogar noch weiter beschleunigen könnte. In dem vorliegenden Artikel wird dargelegt, wie der Stand der Forschung rund um die Zusammenhänge zwischen digitaler Mediennutzung und Psychopathologien aussieht und was getan werden kann, um das digitale Wohlbefinden zu erhöhen.
Zusammenfassung Die Lifestyle-Psychiatrie ist eine wissenschaftlich fundierte Ergänzung zur traditionellen psychiatrischen Versorgung, die 6 Kernbereiche des Lebensstilverhaltens in den Vordergrund stellt, um der zunehmenden Belastung durch chronische psychische Erkrankungen entgegenzuwirken. Im Rahmen der Vermeidung riskanter Substanzen erweitert die Lifestyle-Psychiatrie den Anwendungsbereich über herkömmliche Drogen – darunter Alkohol – hinaus auf alle Suchtmittel, Suchtverhalten wie den Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel und übermäßige Internetnutzung, aber auch individuell weniger kontrollierbare Umwelteinflüsse wie Hitze, Luft-, Lärm- und Wasserverschmutzung, Mikro- und Nanokunststoffe und andere Belastungen. Dieser umfassendere Ansatz erfasst zusätzliche Faktoren, die oft übersehen werden, aber dennoch einen erheblichen Einfluss auf die psychische und physische Gesundheit haben können. Dementsprechend sollten Ärzte diese Verhaltensweisen und Belastungen in der klinischen Praxis konsequenter beachten.
Zusammenfassung Sinnerfüllung kann als ein grundlegendes Vertrauen aufgefasst werden, dass das Leben lebenswert ist, beruhend auf einer (meist unbewussten) Bewertung des eigenen Lebens als kohärent, bedeutsam, orientiert und zugehörig. Entsprechend einer großen Fülle an wissenschaftlicher Evidenz der letzten Jahre geht Sinnerleben mit einer besseren physischen wie psychischen Gesundheit, mit einer höheren Resilienz und allgemein mit einem gesundheitsförderlichen, aktiven Lebensstil einher. Im vorliegenden Artikel sollen rezente metaanalytische und prospektive Befunde zur vielfältigen Beziehung zwischen Sinnerleben und Gesundheit zusammengefasst und bewertet werden. Darüber hinaus wird ein Überblick über die Wirksamkeitsforschung zu sinnbasierten Therapieansätzen gegeben, und es werden ausgewählte, evidenzbasierte diagnostische und interventive Verfahren in diesem Zusammenhang vorgestellt. Empfehlungen zur Kultivierung einer existenziellen Haltung und zur Förderung von existenzieller Kommunikation sollen das Aufgreifen des oft abstrakten Sinnthemas in der klinischen Praxis erleichtern und anregen. Abschließend werden mögliche „Nebenwirkungen“ einer Konfrontation mit existenziellen (Sinn-)Fragen aufgezeigt und weiterführende Literaturempfehlungen für interessierte Lesende gegeben.
Zusammenfassung Nutritional Mental Health beschäftigt sich mit dem Einfluss von Nahrung und Mikronährstoffen, Supplementen und Nutraceuticals auf die psychische Gesundheit und Erkrankung. In diesem Artikel liegt der Fokus auf der Ernährung und den verschiedenen Ernährungskonzepten ohne den Bereich des Fastens oder der Eliminationsdiäten. Die mediterrane Ernährung zeigt in Metaanalysen die stärkste Evidenz zur Reduktion depressiver Symptome und Verbesserung der psychischen Lebensqualität. Ihre antiinflammatorischen, antioxidativen und mikrobiommodulierenden Eigenschaften machen sie zu einem zentralen Element ernährungsbasierter Psychiatrie. Die ketogene Ernährung gewinnt klinisch an Bedeutung bei therapieresistenter Depression, bipolarer Störung und Psychosen durch Effekte auf Mitochondrien, Glukosemetabolismus und Neuroinflammation. Die beiden Konzepte ergänzen sich in hybrid-mediterranen Ansätzen. Ernährungpsychiatrie sollte integraler Bestandteil psychiatrischer Therapie werden.
Zusammenfassung Scheitern wird in der Wissenschaft häufig als Makel wahrgenommen, obwohl es ein zentraler Bestandteil des Erkenntnisprozesses ist. Der Beitrag unterscheidet zwischen sozialem Scheitern, bei dem wissenschaftliche Leistungen aufgrund fehlender Sichtbarkeit oder Anerkennung nicht rezipiert werden, und epistemischem Scheitern, bei dem Hypothesen oder Methoden nicht zu den erwarteten Ergebnissen führen. Historische und aktuelle Beispiele verdeutlichen die Bedeutung beider Formen für den wissenschaftlichen Fortschritt. Anhand eines eigenen Forschungsprojekts zur Verbreitung der repetitiven transkraniellen Magnetstimulation (rTMS) im deutschsprachigen Raum wird gezeigt, wie auch methodisch fundierte Studien an mangelnder Beteiligung scheitern können. Trotz klarer Fragestellung und hoher praktischer Relevanz blieb die Rücklaufquote gering. Der Beitrag plädiert für einen offenen Umgang mit Scheitern, da dessen Analyse wesentlich zur Weiterentwicklung von Forschung und Methodik beiträgt.
Zusammenfassung Gegenstand und Ziel Mit stationären Aufnahmen in die Gerontopsychiatrie verbundene Kündigungen von Plätzen in Pflegeeinrichtungen sind keine Seltenheit. Wie häufig ein solcher Wechsel tatsächlich stattfindet und ob diese Kündigungen mit verlängerten Liegezeiten und anderen klinischen Herausforderungen verbunden sind, ist bislang kaum untersucht. Methoden Es wurde eine retrospektive Erhebung klinischer Versorgungsdaten einer gerontopsychiatrischen Abteilung über 6 Jahre durchgeführt. Während des stationären Aufenthalts erfolgten Kündigungen, klinische und demografische Angaben wurden dem elektronischen Dokumentationssystem entnommen. Ergebnisse Für 204 von 596 Personen (34,2 %) musste ein Platz in einer Pflegeeinrichtung gesucht werden. Davon entfielen 9,8 % auf Personen, denen in Verbindung mit dem stationären Aufenthalt der bisherige Platz gekündigt worden war. Diese Personen hatten signifikant längere Liegezeiten im Beobachtungszeitraum verglichen mit der Gesamtstichprobe sowie mit der Teilstichprobe der Personen, für die ein Platz in einer Einrichtung gesucht wurde. Schlussfolgerungen Kündigungen des Platzes in einer Pflegeeinrichtung im Kontext eines stationär-psychiatrischen Aufenthalts waren mit signifikant verlängerten Liegezeiten verbunden. Klinische Relevanz Auch wenn andere Faktoren eine Rolle spielen können, unterstreicht dieses Ergebnis die Relevanz dieser bislang unzureichend erfassten Problematik.
Zusammenfassung Gegenstand und Ziel Die Alzheimer-Demenz führt zu charakteristischen Veränderungen der Sprachproduktion. Unklar ist jedoch, inwiefern semantische Veränderungen bereits in präklinischen Phasen nachweisbar sind. Material und Methoden Wir analysierten alle Romane der britischen Schriftstellerin Iris Murdoch, die an Alzheimer-Demenz erkrankte. Es wurden 5 psycholinguistische Variablen extrahiert: Konkretheit, semantische Nachbarschaftsdichte, Mehrdeutigkeit sowie semantische Kohärenz basierend auf FastText-Vektoren. Zur Modellierung der Altersabhängigkeit wurden gemischte quadratische Modelle geschätzt. Ergebnisse Alle Variablen zeigten signifikante quadratische Alterseffekte (p < 0,001) mit unterschiedlichen Verlaufsmustern. Konkretheit, semantische Nachbarschaftsdichte und Mehrdeutigkeit wiesen U-förmige Trajektorien auf. Die semantische Kohärenz zeigte einen umgekehrt U-förmigen Verlauf. Schlussfolgerungen Subtile semantische Veränderungen in der geschriebenen Sprache sind bereits Jahre vor der klinischen Manifestation einer Alzheimer-Demenz nachweisbar. Klinische Relevanz Moderne Methoden des NLP (Natural Language Processing) haben das Potenzial für eine Früherkennung der präklinischen Alzheimer-Demenz.
Zusammenfassung Nichtpharmakologische Therapien sind ein zentraler Bestandteil evidenzbasierter, multimodaler Behandlungskonzepte für Menschen mit Demenz und werden von der S3-Leitlinie „Demenzen“ als komplementär zu pharmakologischen Ansätzen empfohlen. In der Gerontopsychiatrischen Institutsambulanz (GIA) der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin-Mitte wird seit Jahren ein multimodales Konzept mit verschiedenen Therapien zur Behandlung von Menschen mit Demenz angeboten, darunter Kognitive Stimulationstherapie (CST) und Musiktherapie. Studien belegen für die CST signifikante Verbesserungen in Kognition, Lebensqualität und affektiver Symptomatik, während Musiktherapie nachweislich emotionale Regulation, soziale Interaktion und neurokognitive Aktivität fördert. Zudem stärken beide Verfahren Selbstwirksamkeit und fördern soziale Teilhabe der Betroffenen. Die positiven Rückmeldungen der Patient*innen und Angehörigen aus der GIA verdeutlichen den hohen Stellenwert nichtpharmakologischer Interventionen innerhalb einer leitlinienorientierten, zukunftsweisenden Demenztherapie.
Zusammenfassung *****Jensen RH, Lundqvist C, Schytz HW, Tassorelli C, Vernieri F, Lanteri-Minet M, Terwindt GM, Blumenfeld A, Tepper SJ, Josiassen MK, Jansson G, Ettrup A, Mittoux A, Lipton RB. Eptinezumab With Patient Education for Chronic Migraine and Medication-Overuse Headache. The Randomized, Placebo-Controlled RESOLUTION Trial. Neurology. 2026;106:e214863. doi:10.1212/WNL.0000000000214863.