
Institutioneller Rassismus und Antisemitismus im Kontext Schule sind vielfach nachgewiesen. Doch wie reagieren schulische Instanzen, wenn sich Eltern und Schüler:innen über ein institutionalisiertes Machtverhältnis beschweren und es damit zum Gegenstand sozialer Verhandlung machen? Der nachstehende Beitrag geht dieser bislang unerforschten Frage aus einer organisationstheoretisch, sowie rassismus- und antisemitismuskritisch informierten Perspektive nach. Dafür werden leitfadengestützte Interviews mit Mitarbeitenden von Beratungsstellen gegen Rassismus und Antisemitismus in Berlin und Leipzig inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Beratenden werden in der Regel dann involviert, wenn Schulen Beschwerden aus Sicht der Betroffenen nicht konstruktiv bearbeiten. Demnach werden die Beratenden als Expert:innen befragt, die schulübergreifend insbesondere Routinen der Abwehr von Beschwerden über Rassismus und Antisemitismus identifizieren können. Ausschließende Routinen und Wissensbestände von Institutionen zeigen sich besonders deutlich, wenn gegen sie vorgegangen wird. Die Analyse der Abwehr lässt daher Rückschlüsse auf die Beschaffenheit rassistischer und antisemitischer Verhältnisse im Kontext Schule zu, die hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeiten und Spezifika diskutiert werden.
Dieser konzeptionelle Beitrag nimmt die Zeitkategorie als Dimension sozialer Ungleichheit in den Blick und stellt ihre Bedeutung für Ungleichheitsforschung heraus. Ausgehend von Perspektiven einer sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung und im Anschluss an zeitsoziologische und machtanalytische Zugänge wird der Fokus auf temporale Machtverhältnisse und Zeitkonflikte im Elementar- und Primarbereich gelenkt. Ziel ist es, die (Re-)Produktion temporaler Ungleichheiten in Kindertagesstätte und Grundschule in Bezug auf machttheoretische Annahmen zu untersuchen, indem Machtgefälle, machtasymmetrische Positionierungen sowie zeitbezogene Ermächtigungen seitens der Kinder diskutiert werden. Abschließend werden die Erkenntnisse adultismuskritisch reflektiert und gerechtigkeitstheoretisch eingeordnet.
Im Beitrag wird der Annahme nachgegangen, dass die zunehmende Regulierung des Elementarbereichs und die damit verbundenen Anforderungen die besondere Struktur und Arbeitsweise von Elterninitiativen belasten. Diesbezüglich findet sich im Fachdiskurs die These, dass die Umsetzung zunehmender Anforderungen insbesondere kleine Träger vor erhöhte Herausforderungen stellt. Über quantitative und qualitative Sekundäranalysen kann gezeigt werden, dass Elterninitiativen wie auch andere (kleine) Träger mit Herausforderungen konfrontiert sind, dennoch in ihren Eigenheiten bisher nicht gefasst werden konnten. Wir arbeiten konstitutive Merkmale heraus, die die ‚Andersartigkeit‘ der Trägerform im Kontext des Wandels des Elementarbereichs erklärbar machen. Dabei zeigt sich, dass Elterninitiativen nicht allein über ihre Größe abgegrenzt werden können, sondern vor allem über die besondere Form der Partizipation der Eltern. Dies führt dazu, dass sie sowohl im Binnen- als auch im Verhältnis nach außen mit Homogenität und Heterogenität in einer ganz eigenen Art und Weise umgehen müssen.
This scoping review provides an overview of empirical studies on children’s perspectives regarding family relationships and dynamics in migration contexts. Using the PRISMA-ScR framework, 4,999 records were screened in ERIC and in the journals Childhood, Children’s Geographies, and Journal of Ethnic and Migration Studies, of which 130 qualitative and mixed-methods studies published between 2014 and 2024 met the inclusion criteria. The analysis identified five core thematic domains: intergenerational relationships, narratives and identities; family and (multilingual) language practices; family and education; family separation and reunification; and childhoods in refugee camps and shelters. The findings demonstrate that children act as agents who actively shape family life. Future research should pay particular attention to early childhood settings, non-Western contexts, and stronger theoretical integration of relational agency and intersectionality frameworks.
Zeitbezogene Herausforderungen für Familien sind heute vor allem: Doing Work, Doing Education, Doing Health und Doing Care – verschärft für Einelternfamilien, Familien mit mehreren Kindern, mit Migrationshintergrund, mit chronischen Krankheiten und außerhalb der heteronormativen Ordnung (Lange, 2025). In der qualitativ-rekonstruktiven Studie werden Mütter in den Blick genommen, die im sogenannten Hausfrauenmodell vorwiegend Caretätige sind. Der Fokus liegt auf dem familienbezogenen Alltag mit den Kindern und dessen zeitlicher Gestaltung: Wie nehmen sie als Caretätige ihre Zeit in der Familie wahr? Die grundlegende Herausforderung besteht für alle Mütter darin, Familienzeit zu organisieren, die im Spannungsverhältnis zwischen Selbst- und Fremdbestimmung steht. In diesem Kontinuum werden die Fälle typbasiert vorgestellt und diejenigen Fälle ausführlicher skizziert, in denen ein Einblick in verschiedene Überforderungskonstellationen und soziale Ungleichheitsparameter möglich wird, wie wenig Geld zu haben, allein für die Kinder verantwortlich zu sein sowie einen Behinderungsstatus zu haben.
In diesem Beitrag werden Gesellungen als Verkörperungslaboratorien in der raumzeitlichen Polymorphie kultureller Ordnung thematisch. Mit exemplarischem Bezug auf fotografische Selbstdarstellungen der Landjugend und des Parkour in Social Media werden die raumzeitlichen Ausformungen von Bewegungsmustern und Weltbezugnahmen rekonstruiert. In den formalästhetischen Vergleichen der mediatisierten Aufführungen und Bühnenbilder lassen sich Gesellungen als differente Spielzeiträume für die Erprobung von Selbst-Welt-Verhältnissen sowohl in beharrender Verortung als auch strömender Beschleunigung explizieren. Als raum- und zeitsignifizierende Verkörperungslaboratorien werden somit differente Positionalisierungen des ‚In-der-Welt-seins‘ bildkommunikativ zur Schau gestellt und so eine postdigitale Zugehörigkeit ermöglicht.
Im Beitrag wird der Anfangsunterricht als eine schulische Phase thematisiert, in der ‚Kinder zu Schüler:innen werden‘ und lernen, wie Unterricht als ein soziales Geschehen funktioniert. Anhand von Ergebnissen aus einer ethnographischen Studie im Anfangsunterricht vertieft der Beitrag das Wissen über den in Praktiken hervorgebrachten Zusammenhang von Zeit und Leistung. Es geht um die Frage, wie Zeitpraktiken im Anfangsunterricht Bedeutung erlangen und vollzogen werden und inwiefern Temporalität von Unterricht mit der Konstruktion von Leistung verknüpft wird. Die Analyse der Beobachtungen zeigt darüber hinaus, wie die Herstellung von Gleichheit und Differenz im Anfangsunterricht mit Zeitpraktiken und Leistungskonstruktionen verwoben ist.
Im Beitrag wird dargestellt, wie Lehrkräfte im Anfangsunterricht durch die Thematisierung von Arbeitsgeschwindigkeit temporale Differenzpraktiken vollziehen und damit zur Reproduktion von Bildungsungleichheiten beitragen können. Theoretisch basiert die Analyse auf dem Konzept des Doing Difference sowie auf chrononormativen Perspektiven, die Erwartungen an Geschwindigkeit als sozial konstruiert verstehen. Ergänzend werden Erkenntnisse aus der Intelligenz- und Leistungsdiagnostik herangezogen. Im Rahmen einer Sekundäranalyse werden 59 videografierte Unterrichtsstunden aus dem Anfangsunterricht der Grundschule mit Hilfe qualitativer Inhaltsanalyse (Kuckartz, 2018) ausgewertet. Die Ergebnisse lassen klare Tendenzen zur Beschleunigung durch die Lehrkraft erkennen. Sequenzanalytisch zeigt sich exemplarisch, dass Schnelligkeit als normative Erwartung gesetzt und als temporale Differenzmarkierung bereits im Anfangsunterricht der Grundschulzeit im pädagogischen Handeln wirksam wird. Aus sozialisatorischer Perspektive weisen die Ergebnisse in die Richtung, dass Kinder zu Beginn ihrer Schullaufbahn in ein schulisches Zeitregime sozialisiert werden, in dem Geschwindigkeit gegenüber inhaltlicher Tiefe priorisiert wird – mit Folgen für die Selbstwahrnehmung, Motivation und langfristige Lernstrategien.
Das doing family Konzept findet mittlerweile in vielschichtigen gegenstandsbezogenen Perspektivierungen von Familie Anwendung. Die Zeit der Familienwerdung rund um die Geburt eines Kindes wird dabei jedoch kaum berücksichtigt. Im Beitrag wird danach gefragt, welche doing family Praktiken sich im Übergang zur (erneuten) Elternschaft empirisch nachzeichnen lassen und wie Familie in der Zeit dieses Übergangs aktiv hergestellt wird. Anhand empirischen Materials, das in einer qualitativen Längsschnittstudie zum Übergang zur (erneuten) Elternschaft erhoben und mittels Dokumentarischer Methode analysiert wurde, wird illustriert, wie (werdende) Kinder in Paarbeziehung und Familie integriert werden.
Basierend auf Daten einer mehrjährigen multilokalen Ethnografie mit Kindern in einer Schweizer Großstadtnachbarschaft wird im Beitrag nach den Bedingungen sozialräumlicher Trennung divergierender Orte der Kindheit gefragt. Im Fokus stehen dabei Horte, die die Kinder auf grundsätzlich freiwilliger Basis zusätzlich zur Schule besuchen. Unter Rückgriff auf sozialraumtheoretische Ansätze im Kontext von Bildung und Migration wird der Hort als Ort analysiert, in dem sich privat-öffentliche Aushandlungen guter Kindheit relational zum Verhältnis zwischen Familien und Schulen neu figurieren. Es wird diskutiert, was die im Hort verwendete Figur des ‚authentisch Normalen‘ für das Verständnis von Kindheiten in der Migrationsgesellschaft bedeuten kann.
Der Rezeption von Rap, zumal von Gangsta-Rap, werden oftmals negative Wirkungen auf jugendliche Rap-Hörer:innen attestiert. Rap scheint zu Misogynie, Gewalt, Antisemitismus und anderen unerwünschten Verhaltensweisen bzw. Einstellungen zu führen. Im vorliegenden Beitrag greifen wir diese Zuschreibungen auf und analysieren, wie junge Rap-Rezipierende selbst mit negativen Wirkungszuschreibungen umgehen. In unserer qualitativen Studie zur Rezeption von Rap zeigte sich, dass Wirkungszuschreibungen auch unter den begleiteten Jugendlichen relativ weit verbreitet sind. Sie werden genutzt, um kategoriale Differenzbestimmungen vorzunehmen: Von negativen Wirkungen seien insbesondere junge, unerfahrene und weibliche Fans betroffen, während der Wirkungsdiskurs genutzt wird, um sich selbst als handlungsmächtiges, Rap-kundiges Subjekt auszuweisen, das ,guten‘, d. h. authentischen Rap erkennen und zur Weiterentwicklung der eigenen Person nutzen kann. Derartige Zuschreibungen werden von den Jugendlichen im sozialen Kontext interaktiv ausgehandelt.
Practical teacher training is considered important for professional development and the final grade obtained here is regarded as a key entry requirement for the teaching profession. Despite its great importance, there has been very few research on assessment practice so far. The qualitative comparative analysis presented in this article addresses this desideratum by contrasting written long-term assessments from teacher trainers and school principals in the North Rhine-Westphalian practical induction phase. Methodologically, the study draws on the principles of document analysis in combination with the constructivist grounded theory methodology. The findings confirm the relevance of teaching relating to the final grade, but reveal differences between teacher trainers and school principals assessments in less teaching-related areas of assessment. The results also indicate that some aspects of the teaching profession and occasions of the traineeship are hardly (or cannot be) assessed by the reviewers.
This article deals with the question of when and why adults on basic education and literacy courses learn. What are the reasons and what effects promote their learning processes? To this end, I present new empirical findings based on a categorical analysis of narrative interviews conducted in a research project on learning occasions and reasons for learning among low literacy learners. Following the habitus theory of the French sociologist Pierre Bourdieu, I first describe the exclusions and habitual imprints that affect adults with basic education needs. They often come from precarious families of origin and have internalized a certain distance to the education system. The evaluation thus shows that learning in basic education cannot be understood as an isolated act, but is based on biographical experiences. Nevertheless, the interviewees are (re)learning as adults. The areas of 'sociality' and 'lifeworld orientation' proved to be conducive to learning processes. They are presented on the basis of the empirical material and linked to Bourdieu's theory.
Populism has a considerable influence on political conditions and discourse, and-as research on attitudes shows-also on young people. Research on young people concentrates monothematically on right-wing orientations, which ignores the political ambivalence of populism. In addition, there are rarely any approaches that make sense of the everyday plausibility of populism, which means that the scientific examination of adolescence remains insufficiently complex. Based on group interviews with young people from the German middle class, this article explores how 'populism' is generated in the perceptions of crises and conflicts. To this end, three preliminary types of populist politicization-"emancipatory manichaeism-inclined", "unexcited representation-trusting" and "latent-authoritarian distanced" - are reconstructed in a qualitative comparison. They display two populisms, which further encourages the research to be more sensitive and more differentiated to populist sense in youth politicization.
This article examines the comics in the girls' (horse) magazine Wendy as a space for girls. The comics have been illustrating Wendy since the first issue (1986) and offer an imaginarium that opens up certain female imaginary worlds and closes others. A content analysis uses Grounded Theory to shed light on how femininity is explicitly produced in the images and stories in this space. To this end, how the social figure of the horse girl is shaped both as a figure of identification and as a symbol for certain social expectations and values in these comics is analyzed. The investigation shows that the image and story space is contradictory and exclusive. Here, horse girls have special freedoms regarding heterosexual demands of femininity and the adult world, but they are also bound to certain norms of teamwork and care. Wendy's imaginarium depicts a (North) German, horse-loving middle class, while issues such as violence and social marginalization are ignored.
At present, little remains of the long-established model of family childhood in the first years of life in the western states of the Federal Republic of Germany. The number of children growing up in private as well as public care is constantly reaching new heights, while educational plans specify a variety of developmental milestones from the very beginning. The article takes this development as its starting point and examines the changing attributions of responsibility to familial and public actors in the Child and Youth Reports. The results demonstrate that the reports can be seen as an early pioneer of this development and have been calling for an expansion of places and qualitative improvements and thus a shift in responsibility for the first years of life since the 1980s. With the tenth Child and Youth Report of 1998, there was a shift towards a project of a child-centred social reform: There was hardly a crisis phenomenon or modernisation trend whose solution was not at least partially located in early childhood. Early childhood thus increasingly became a public resource.
Based on ethnographic observations and lesson debriefings, in which dealing with non-conformist learners becomes thematic, we ask how moods and mood-making in schools can be reconstructed. We develop a theoretical and methodological proposal for researching emotions and moods: We suggest using a positioning concept. We emphasize two aspects in the heuristic: the relevance of alliances and evaluations for the reconstruction of moods and mood-making following considerations of practice and subjectivation theory. We clarify and discuss our approach by reconstructing two case studies.