
Wissensvermittlung basiert im deutschen Schulsystem oftmals auf Schriftsprache. Daher sind Sachtexte in Schulbüchern nach wie vor ein zentrales Medium zur Wissensvermittlung im Fachunterricht an (Grund-)Schulen. Oftmals übersteigt die Komplexität dieser Schulbuchtexte jedoch die Lesekompetenz der Lernenden, speziell derer mit gering ausgeprägter Lesekompetenz. Folglich führen Defizite im Lesevermögen potentiell zu Schwierigkeiten im Lernprozess. Eine Möglichkeit das Textverständnis in solchen Fällen zu unterstützen, ist die sprachliche Entlastung der Texte. Seit einigen Jahren wird in diesem Zusammenhang das Konzept Leichte Sprache als Möglichkeit zur Unterstützung von schwachen Leser:innen diskutiert. Für den vorliegenden Beitrag wurden daher empirisch fundierte Regeln Leichter Sprache zur Entlastung von Schulbuchtexten eingesetzt. Es wurde untersucht, wie sich diese Vereinfachung auf das Textverständnis von 436 Schüler:innen der dritten bis sechsten Jahrgangsstufe auswirkt. In den Ergebnissen zeigt sich, dass die nach empirisch fundierten Regeln Leichter Sprache entlasteten Schulbuchtexte von den Schüler:innen der Stichprobe signifikant besser verstanden wurden als die Originaltexte und dieser Entlastungseffekt in allen Jahrgangsstufen ähnlich stark ausfiel. Erwartungswidrig konnten keine differentiellen Effekte für unterschiedliche Lesekompetenzniveaus der Schüler:innen gefunden werden.
Lehramtsstudierende, die migrationsgeschichtlich bedingt mehrsprachig sind, werden in Schule und Studium mit unterschiedlichen Zuschreibungen konfrontiert. Zum einen sind sie selbst als Angehörige der im gesellschaftlichen Diskurs als problembelastet kategorisierten Gruppe der ‚DaZler:innen‘ durch die eigene Schulzeit gegangen, zum anderen werden von der Mehrheitsgesellschaft Erwartungen an sie herangetragen, die auf positive Effekte für mehrsprachige Schüler:innen fokussieren. Wie entwickelt sich das Rollenbild der betreffenden Studierenden in diesem Spannungsverhältnis? In sechs narrativen Interviews erzählen Studierende ihre Geschichte. Zentrale Aspekte des Rollenbildes sind Erfahrungen von Othering und Rassismus, aber auch von persönlichem Erfolg und Zugang zu Schüler:innen. Die Universität spielt hier eine wichtige Rolle beim Aufbrechen der erlernten Andersheit, doch gleichzeitig erweist es sich als umso dramatischer, wenn hier erneut negative Zuschreibungen passieren.
In heterogenen Lerngruppen, in denen ein individualisierter Unterricht umgesetzt wird, kann die Gemeinschaft möglicherweise in den Hintergrund geraten. In der vorliegenden Studie wird anhand von Interviews den Fragen nachgegangen, welches Gemeinschaftsverständnis Lehrkräfte haben, die individualisierten Unterricht in heterogenen Lerngruppen durchführen, und welche Handlungen sie im Unterricht umsetzten, um eine Gemeinschaft zu gestalten. Die inhaltsanalytische Auswertung identifizierte unterschiedliche Verständnisse von Gemeinschaft. Dabei spielte das Spannungsfeld zwischen Individualität, Heterogenität und Gemeinschaft für alle Lehrkräfte eine Rolle. Es konnten außerdem verschiedene Handlungen identifiziert werden, wie Lehrkräfte individualisiertes mit gemeinschaftlichem Lernen produktiv miteinander verbanden.
Im vorliegenden Beitrag wird die Wertschätzung von Bildung und Bildungsabschlüssen durch die Schweizer Bevölkerung in den deutschsprachigen Kantonen untersucht. Mittels einer Bevölkerungsumfrage, die im Frühjahr 2019 unter erwachsenen Bürgerinnen und Bürgern im deutschsprachigen Teil der Schweiz durchgeführt wurde, kann zunächst gezeigt werden, dass die berufliche Ausbildung ein höheres Prestige als die allgemeinbildende Ausbildung genießt. Die höchste Wertschätzung allerdings erfahren die akademischen Bildungsabschlüsse. Vor allem die jüngeren Geburtskohorten messen den universitären Abschlüssen ein hohes Prestige bei, während bei älteren Kohorten die schulische und berufliche Ausbildung ein hohes Ansehen genießen. Darüber hinaus wird aufgedeckt, dass das Ansehen von Bildungsabschlüssen mit der sozialen Herkunft, dem Bildungsniveau, dem Geschlecht und dem Bildungsverständnis korreliert. Ein besonders augenfälliger Unterschied in der Wertschätzung einer beruflichen oder akademischen Ausbildung besteht zwischen Personen mit einer akademischen und einer beruflichen Ausbildung.
Die Digitalisierung hat den Zugang zu rezeptiver kultureller Teilhabe für ein breites Publikum grundlegend verbessert und neue Möglichkeiten für Aktivitäten im Kontext von Videospielen oder Social Media geschaffen. Um einen umfassenden Überblick zu erhalten, haben wir in einem Tertiary Review veröffentlichte Forschungssynthesen zu den Effekten digitaler kultureller Aktivitäten zusammengefasst und nach ihren Themen sowie den angewandten Forschungsmethoden analysiert. Um dieses Ziel zu erreichen, sichteten wir n = 5880 Scopus-Treffer. Es resultierten n = 65 Forschungssynthesen, die unsere Einschlusskriterien erfüllten. Davon waren n = 22 systematische Literaturübersichten und n = 43 Metaanalysen. Die am häufigsten untersuchte kulturelle Facette war die der Videospiele, klassische Facetten wurden weniger häufig synthetisiert. Während sich die meisten Synthesen auf Online-Interaktionen konzentrierten, untersuchten einige Synthesen Aktivitäten wie VR, die spezielle Hardware erfordern. Die eingeschlossenen Synthesen konzentrierten sich stark auf die Themen „Lernen“ und „subjektives Wohlbefinden und psychische Gesundheit“. Die meisten eingeschlossenen Synthesen zu Videospielen und Social Media konzentrierten sich auf negative Effekte wie süchtiges oder aggressives Verhalten, positive Auswirkungen dieser Aktivitäten wurden seltener synthetisiert. Nur sehr wenige eingeschlossene Synthesen fassten qualitative Studien zusammen. Implikationen dieser Desiderate für systematische Übersichtsarbeiten und empirische Originalforschung zu Digitalisierung in der kulturellen Bildung werden diskutiert.
In der Lehr-Lernforschung gibt es vielversprechende Befunde, nach denen es sinnvoll erscheint, Lernende eine Aufgabe bearbeiten zu lassen, bevor die Instruktion erfolgt. Dabei kommen auch Aufgabenformate zum Einsatz, die dem Prinzip des Vergleichens mit und ohne vorgegebene Kategorien folgen. Bisher liegen wenige Studien zur Auswertung von Lernprozessen vor, die durch das Vergleichen kontrastierender Fälle ausgelöst werden, bevor die Instruktion erfolgt. Da Vergleichen analytischer kognitiver Prozesse wie erkennen, differenzieren und organisieren bedarf, wurde ein Konstrukt basierend auf der Analysekompetenz entwickelt, um 149 Aufgabenbearbeitungen von Lehramtsstudierenden mittels qualitativer Inhaltsanalyse auszuwerten. Eine Experimentalgruppe verglich die Fälle mittels selbstentwickelter Kategorien (Invention Activity), die andere Gruppe erhielt Kategorien, um die Fälle zu vergleichen (Worked Solution). Nachdem die Studierenden die Fälle verglichen hatten, erhielten sie eine Einführung in das für angehende Lehrpersonen bedeutsame Thema Klassenführung. Ziel der Aufgabe war es Wissen zu Klassenführung zu erwerben sowie die professionelle Wahrnehmung von Klassenführung anzubahnen. Zusätzlich zur Auswertung der Aufgaben wurden mithilfe eines standardisierten Fragebogens Daten zur extrinsischen und intrinsischen kognitiven Belastung der Studierenden erhoben. Die Studierenden in der Bedingung Worked Solution erreichten eine signifikant höhere analytische Bearbeitungsqualität und empfanden eine signifikant geringere intrinsische kognitive Belastung als die Studierenden in der Bedingung Invention Activity. Beide Experimentalgruppen nahmen eine durchschnittlich geringe extrinsische kognitive Belastung wahr.
Non-formale Bildung und damit verbundene Kompetenzen, die über schulische Fähigkeiten hinausgehen, werden in der Bildungsforschung (noch) nicht gleichwertig berücksichtigt. Insbesondere Studien, die sich mit dem Zusammenhang zwischen non-formaler Bildung und positiven Effekten auf den Übergang von der Schule ins Berufsleben beschäftigen, sind selten. Ziel des Beitrags ist es, Forschung in diesem Feld theoretisch und praktisch zu stärken. Hierzu haben wir (1) ein konzeptionelles Rahmenmodell für potentielle Forschungsarbeiten entwickelt. Berücksichtigt sind dabei u. a. der soziale Hintergrund, Merkmale der Teilnahme an Aktivitäten sowie Fähigkeiten und Ressourcen in Bezug auf den Übergang Schule – Beruf. Wir haben (2) herausgearbeitet, welche Probleme sich in der Messung non-formaler Bildung mit deutschen Surveys ergeben und gehen anschließend näher auf das Potential und die Limitationen des Sozio-ökonomischen Panel (SOEP) und des Nationalen Bildungspanels (NEPS) ein. Es hat sich gezeigt, dass non-formale Bildung in beiden Längsschnittstudien nur eingeschränkt erfasst wird. Im Allgemeinen liegt der Fokus oft auf der Häufigkeit von Sport-, Schul-, Musik- oder Kunstaktivitäten. Andere Aktivitäten sowie Engagement- und Programmmerkmale werden vernachlässigt, unregelmäßig gemessen oder wurden teils erst später in das Panel aufgenommen. Um das Potenzial für die Erforschung von Zusammenhängen zwischen non-formaler Bildung und Übergangserfolg zu erhöhen, müsste non-formale Bildung in den bestehenden deutschen (Längsschnitt-)Studien differenzierter erfasst werden.
Digitale Lernmanagementsysteme (LMS) werden etwa seit der Jahrtausendwende an Universitäten und Schulen eingesetzt und gelten als grundlegende technische Infrastruktur. Im Zuge der COVID-19-Pandemie hat die Nutzung von LMS an Schulen rasant zugenommen, was die Frage aufwirft, welche Rolle diese Plattformen für die Schul- und Unterrichtsentwicklung spielen können. Ziel dieses Beitrags ist es daher, diese Frage im Kontext der informationstechnologisch geprägten Schul- und Unterrichtsentwicklung auf Basis von Lehrkräfteperspektiven zu bearbeiten. Die Studie folgt einem Mixed-Methods-Ansatz, bestehend aus einer explorativen Interviewstudie (Studie 1) und einer quantitativen Befragung (Studie 2). Für den qualitativen Ansatz haben wir drei Interviewrunden mit Berliner Lehrkräften (N = 44) ausgewertet und die Ergebnisse zur Entwicklung eines Fragebogens für die quantitative Studie genutzt. Damit wurden Lehrkräfte in Deutschland (N = 223) zu Potenzialen und Herausforderungen von LMS befragt. Während die qualitativen Daten auf vielfältige Maßnahmen zur Schul- und Unterrichtsentwicklung verweisen, bestätigen die vorläufigen quantitativen Ergebnisse diese Erkenntnisse nicht. Sie weisen jedoch darauf hin, dass Lehrkräfte LMS zur individuellen und kooperativen Entwicklung von Schüler*innen und Lehrkräften nutzen und sie – unter Beibehaltung einer kritischen Perspektive – als einen möglichen Ausgangspunkt für schulische digitale Transformation betrachten.
Lehramtsstudierende gehen selten evidenzorientiert vor, wenn sie mit problematischen Unterrichtssituationen konfrontiert sind. Wir argumentieren, dass Interventionen, die auf eine Förderung evidenzorientierter Denkfertigkeiten bei Lehramtsstudierenden abzielen, auf Ergebnissen vergleichender Forschung zu den Denkprozessen von Lehramtsstudierenden, Lehrkräften und Bildungswissenschaftler:innen basieren sollten. Wir baten N = 55 Lehramtsstudierende, Lehrkräfte und Bildungswissenschaftler*innen, über ein schriftliches Unterrichtsszenario laut nachzudenken und an einem retrospektiven Interview zur Rekonstruktion ihrer evidenzorientierten Denkprozesse teilzunehmen. Die Ergebnisse zeigen, dass Bildungswissenschaftler:innen Situationen häufiger als Lehramtsstudierende und Lehrkräfte beschreiben, sich von diesen aber nicht in anderen evidenzorientierten Denkprozessen unterscheiden. Jedoch beziehen sich Bildungswissenschaftler:innen in ihren Analysen häufiger auf bildungswissenschaftliches Wissen als Lehramtsstudierende und Lehrkräfte. Lehramtsstudierende und Lehrkräfte unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Denkaktivitäten und Verwendung bildungswissenschaftlichen Wissens nicht voneinander. Die Ergebnisse werden durch weiterführende qualitative Analysen illustriert.
We examined perceptions of ICT-related learning opportunities during teacher education, perceived outcomes of the use of ICT for teaching and learning and uncertainty tolerance regarding the in-classroom use of ICT in a sample of 131 pre-service teachers. Results from two-step cluster analyses identified two groups based on participants' perceptions of ICT-related learning opportunities: Participants in cluster 1 overall reported higher values for most indicators than participants in cluster 2. Participants' perceptions of outcomes of the use of ICT for teaching and learning and their domain-specific uncertainty tolerance did not vary significantly between clusters. In the total sample, there was a significant positive correlation between participants' perceptions of positive outcomes of the use of ICT for teaching and learning and their uncertainty tolerance and significant negative associations between perceived negative outcomes of the use of ICT for teaching and learning and perceived positive outcomes and their uncertainty tolerance. Significant and similarly directed associations were found in cluster 1 but not in cluster 2. Correlations between perceived positive and negative outcomes of the use of ICT for teaching and learning and between perceived negative outcomes of the use of
In heterogeneous classrooms, in which individualized instruction is implement ed, the importance of community could fade into the background. In the present study, interviews with teachers were used to investigate the conceptions of com munity that teachers have who implement individualized instruction in heteroge neous learning groups, and what actions they put into practice in the classroom to create a community. Using content analysis, we identified different concep tions of community. Thereby the tension between individuality, heterogeneity, and community played a role for all teachers. It was also possible to identify different ways in which teachers productively combined individualized and learning within a community.
Research suggests that teacher competence, such as professional knowledge, affective-motivational characteristics, and situation-specific skills, are prerequisites for effective teaching. However, few studies have examined the entire theoreti-cally derived relationships in the context of classroom management. This study investigated the relationship between professional knowledge, self-efficacy, situ-ation-specific skills, and instructional quality in the context of classroom manage-ment. We surveyed 1,321 students from 82 pre-service teachers in their long-term internship. Contrary to expectations, results from multilevel regression analyses indicated that only classroom management knowledge predicted student rated rule clarity. Situation-specific skills measured with rating items showed unexpect-ed negative associations with student ratings of monitoring and managing momentum. No further significant relationships were found. The findings underline the challenge of translating competence into effective classroom practice and call for further research on contextual influences.
In the German school system, knowledge transfer is often based on written language. As a result, expository texts in textbooks remain a central medium for teaching in elementary schools. However, the complexity of these texts frequently surpasses the reading abilities of students, particularly those with lower reading skills. This can lead to challenges in the learning process. One approach to support text comprehension in such cases is to simplify the texts. In recent years, the concept of 'Leichte Sprache' (Plain Language in German) has been explored as a tool to support struggling readers. In the present study, empirically based rules of ,Leichte Sprache' were applied to simplify textbook texts. The impact of this simplification on text comprehension was assessed among 436 students in grades three to six. The findings revealed that the simplified texts were significantly better un-derstood than the original versions, with students across all grade levels benefit-ing equally from the simplification. Contrary to expectations, no differential effects based on the students' reading skills could be found.
Multilingual student teachers are confronted with different attributions during their school and university studies. On the one hand, they have gone through their own school years as members of the group of second language learners, which is categorized as problematic by the majority society; on the other hand, expectations that focus on positive effects for multilingual students are attributed. How does the role image of the students concerned develop in this situation? In six narrative interviews students tell their story. Central aspects of the role image are experiences of Othering and racism, but also of personal success and access to students. The university plays an important role here in breaking down learned otherness, but at the same time it proves to be all the more dramatic when negative attributions happen here again.
Der Umgang mit der Thematik des Spracherwerbs und der Vermittlung des Deutschen als Zweitsprache im Kontext von Mehrsprachigkeit ist an lehrkräftebildenden Hochschulen in Nordrhein-Westfalen (NRW) je nach disziplinären Diskursen zu Sprache und Bildung unterschiedlich implementiert. Gemeinsam ist allen lehramtsausbildenden Standorten, dass angehende Lehrkräfte innerhalb des gesetzlich verankerten Moduls „Deutsch für Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte“ (kurz: DSSZ) für den Themenbereich Deutsch als Zweitsprache in der mehrsprachigen Gesellschaft professionalisiert werden sollen. Vor dem Hintergrund der bildungspolitischen Inklusionserwartung gewinnen neben linguistischen und erziehungswissenschaftlich-diskriminierungskritischen Perspektiven zunehmend auch sonderpädagogische Zugänge zum Themenfeld Mehrsprachigkeit an Bedeutung. Mit Bezug auf die Gründung des Instituts für Sonderpädagogik und der Neueinführung sonderpädagogischer Lehramtsstudiengänge an der Universität Duisburg-Essen stellt sich die Frage, welche curricularen und hochschuldidaktischen Auswirkungen sich für das DSSZ-Modul am Standort ergeben. Der vorliegende Beitrag plädiert dafür, Herausforderungen in der disziplinären Thematisierung sprachlicher Heterogenität zum Ausgangspunkt für eine intensive Beschäftigung mit fachlichen Perspektiven und deren Zusammenwirken zu machen. Die Produktion von Differenz sowie damit einhergehende Normierungen und Etikettierungen in der akademischen Auseinandersetzung können so zum Gegenstand disziplinärer und interdisziplinärer Reflexionen werden. Auf dieser Basis scheinen disziplinübergreifende Weiterentwicklungen innerhalb des DSSZ-Moduls möglich, ohne die bisherige standortspezifische Ausrichtung des Moduls aufzugeben.
Dieser Beitrag gibt einen Einblick darin, wie sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit im Vorbereitungsdienst angehender Lehrkräfte im Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW) als Gegenstand der Lehrkräfteprofessionalisierung konzeptualisiert und ausgestaltet wird. Hierfür wurden curriculare Dokumente (N = 814) der Zentren für schulpraktische Lehrerausbildung in NRW auf die Verwendung von Lexemen im Wortfeld sprachliche Bildung und Mehrsprachigkeit inhaltsanalytisch untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass der Ausbildungsgegenstand insgesamt als präsent bezeichnet werden kann. Durch die Verwendung von Mehrsprachigkeit (N = 335) und verwandten Begriffen mit Bezug zu Rahmenvorgaben des Landes NRW wird außerdem eine positive Perspektivierung dessen deutlich. Während Mehrsprachigkeit als Kontext für den Unterricht häufig in den Dokumenten erwähnt wird, wird sie im Hinblick auf Methoden sprachlicher Bildung und damit verbundenen sprachlichen Zielvorstellungen kaum genannt. Stattdessen befinden sich in den Dokumenten vor allem Nennungen von Methoden des sprachsensiblen Unterrichts (sprachsensibel; N = 663) zur Förderung bildungs- und fachsprachlicher Register (Fachsprache; N = 194), die sich konkreter in den Vorbereitungsdienst einordnen lassen. Nennungen von Mehrsprachigkeit bleiben hingegen abstrakt und können kaum kontextualisiert oder konkretisiert werden. Insgesamt zeigt sich außerdem eine starke Orientierung an Formulierungen aus curricularen Rahmenvorgaben des Landes NRW. Die Ergebnisse zeigen einige Parallelen zu curricularen Analysen der ersten Phase der Lehrkräftebildung auf, die gemeinsam mit wissenschaftlichen Bezügen diskutiert werden.
Der vorliegende Beitrag befasst sich mit Überzeugungen angehender Lehrkräfte zu sprachlich-kultureller Heterogenität und deren Bedeutung für die spätere pädagogische Performanz. Darüber hinaus fokussiert der Beitrag die Entwicklung von Dispositionen angehender Lehrkräfte zum Umgang mit Mehrsprachigkeit im Laufe einer mehrsemestrigen Qualifizierung. Das Korpus wird mittels qualitativ-strukturierender Inhaltsanalyse in Bezug auf Merkmale professioneller Identität analysiert. Den theoretisch-empirischen Ausgangspunkt bildet das Konzept der „professionellen Kompetenz“, das zusammen mit dem Erfahrungswissen und der Lehrer:innenpersönlichkeit als Grundlage modellhafter Vorstellung der professionellen Identität gilt. Um einen Einblick in die Überzeugungen angehender Lehrkräfte zu sprachlicher Heterogenität als Teilaspekt pädagogischer Professionalität zu gewähren, wurden Überzeugungen in fünf Dimensionen inhaltsanalytisch ausgewertet. So konnten die Wahrnehmungen angehender Lehrkräfte zu sprachlicher Heterogenität zunächst nachgezeichnet werden. Die Daten zeigen zudem, dass die Mehrheit der Zertifikatsteilnehmer:innen sprachliche Heterogenität von Anfang an als Bereicherung sieht, womit sich einerseits der Wandel zu einer eher ressourcenorientierten Sichtweise auf sprachliche Heterogenität zu bestätigen scheint. Die verstärkte Sensibilisierung sowie eine differenziertere Bewusstheit für die Komplexität von sprachlicher Heterogenität, die sich am Ende der Zertifikatsteilnahme identifizieren lässt, kann als Indiz für eine Veränderung der Überzeugungen angesehen werden. Damit scheint sich zu bestätigen, dass Überzeugungen zu sprachlicher Heterogenität ein Teilaspekt des Konzeptes professioneller Identität sind. Die hier erzielten Erkenntnisse stärken somit die Annahme, dass die sich verändernden Überzeugungen der angehenden Lehrkräfte Erkenntnismarker für deren Perspektivenwandel sind.
In dem Artikel steht die Frage im Zentrum, wie sich die Bezeichnungspraxen von Lehramtsstudierenden in Seminarveranstaltungen zum Umgang mit sprachlicher Heterogenität darstellen. Beleuchtet wird das Spannungsfeld, einerseits Differenzen zu benennen und pädagogisch-didaktisch aufzugreifen und andererseits durch die Benennung Differenzen zu reproduzieren und aufrechtzuerhalten. Dazu wurden mittels einer für die Fragestellung adaptierten funktional-semantischen Analyse Textbeiträge von Studierenden aus einer Lehrveranstaltung des integrierten Modells zu „Sprachlicher Heterogenität und Deutsch als Zweitsprache (DaZ)“ an der Universität Hamburg empirisch untersucht. Der Artikel zeigt beispielhaft an einer Aufgabenstellung aus dem Feld der Sprachdiagnostik, wo kritische Aspekte der Sprachsensibilität (i. S. von Sprache als Instrument) in der Lehrkräftebildung liegen. Davon ausgehend werden hochschuldidaktische Perspektiven zu einem reflexiven Umgang mit Differenzmarkierungen und Formen des Otherings entwickelt.
Vor dem Hintergrund der Forderung nach Forschung im Bereich der Lehrkräfteprofessionalisierung für Sprachbildung und Deutsch als Zweitsprache liefert der Beitrag Einblicke in die hochschulische Lehre. Der vorliegende Beitrag nimmt Hochschullehrende im DSSZ-Modul, das angehende Lehrkräfte verpflichtend auf die Arbeit in (sprachlich) heterogenen Klassen vorbereitet, in den Fokus. Aufgrund des zum Teil nur sehr geringen Umfangs der obligatorischen Module von 6 CP wird Hochschullehrenden und ihren Veranstaltungen in diesem Kontext eine entscheidende Rolle zuteil. Der Beitrag zeigt auf, welche Lehrziele sich Hochschullehrende im DSSZ-Modul setzen, wie sie ihre Lehrveranstaltungen inhaltlich und methodisch ausgestalten und welche Gründe sie für diese Ausgestaltung angeben. In problemzentrierten Interviews (N = 20) zeigt sich, dass sich Hochschullehrende permanent in einem Spannungsverhältnis befinden. Das, was sie für ihre Lehre hinsichtlich ihrer Zielgruppe eigentlich als notwendig erachten und das, was sie, bspw. bedingt durch den Modulumfang, tatsächlich tun, variiert teils sehr stark. Zudem stellt sich der Begriff „Sensibilisierung“ als Leitvokabel heraus, von dem das Modul eingerahmt wird. Aus den Ergebnissen werden Impulse für die Ausgestaltung der Module, die Notwendigkeit weiterer Lerngelegenheiten und der Forschung an der Hochschule abgeleitet und diskutiert.