
Zusammenfassung Klassische Halluzinogene („Psychedelika“) wie Lysergsäurediethylamid (LSD), Psilocybin, N,N-Dimethyltryptamin (DMT) und 5-Methoxydimethyltryptamin (5-MeO-DMT) werden zurzeit wieder als potenzielle Behandlungsoptionen bei Substanzgebrauchsstörungen untersucht. Psychedelika entfalten ihre Wirkung über eine Aktivierung von serotonergen 5HT-2a Rezeptoren im zentralen Nervensystem, die potenziellen Wirkmechanismen in der Anwendung bei Suchterkrankungen sind jedoch nicht abschließend geklärt. Ziel dieses narrativen Überblicks ist die Darstellung der derzeitigen Evidenzlage. Für LSD beschränkt sich die Evidenz überwiegend auf randomisierte kontrollierte Studien aus den 1960er Jahren und vor allem zu Alkoholabhängigkeit. Meta-Analysen zeigen kurzfristige Effekte hinsichtlich Abstinenz und Konsumreduktion, jedoch keine stabilen Langzeiteffekte und insgesamt eine niedrige Evidenzqualität. Für Psilocybin liegen neuere, methodisch robustere Studien vor, hier ebenfalls insbesondere zu Alkoholabhängigkeit. Psilocybin-assistierte Psychotherapie zeigte in manchen Studien signifikante Effekte bei der Reduktion von Alkoholkonsum, während in anderen Studien keine Effekte gefunden wurden; insgesamt ist die Evidenzqualität als moderat einzustufen. Für DMT und 5-MeO-DMT existieren bislang vorwiegend unkontrollierte oder qualitative Studien mit begrenzter Aussagekraft. Diskutiert werden aktuelle klinische und methodische Herausforderungen wie die systematische Erfassung Psychedelika-spezifischer Nebenwirkungen, die konzeptuell schwierig umzusetzende Verblindung in Studien mit Psychedelika oder die Entwicklung standardisierter psychotherapeutischer Interventionen. Insgesamt zeigen sich Hinweise auf die Wirksamkeit und ein günstiges Sicherheitsprofil unter kontrollierten Bedingungen, jedoch ist die aktuelle Evidenzlage bisher nicht robust. Größere, methodisch hochwertige Studien sind erforderlich, um Wirksamkeit, Sicherheit und Wirkmechanismen belastbar zu klären.
Zusammenfassung Vor dem Hintergrund des I-PACE-Modells prüft die Studie, ob das Selbstwertgefühl den Zusammenhang zwischen dem Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und problematischer Nutzung sozialer Medien vermittelt. In einem querschnittlichen Online-Survey nahmen 238 Personen teil, die die Social-Media-Addiction-Scale, die Rosenberg Self-Esteem Scale und die Need for Social Approval Scale online beantworteten. Die Auswertung der Daten erfolgte mittels einer Mediationsanalyse. Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung war signifikant positiv mit problematischer Nutzung sozialer Medien assoziiert und zeigte zugleich einen signifikanten negativen Zusammenhang mit dem Selbstwertgefühl. In der unadjustierten Analyse ergaben sich Hinweise auf einen indirekten Effekt über das Selbstwertgefühl, der sich unter Kontrolle von Alter, Geschlecht und Bildungsniveau jedoch nicht als signifikant erwies. Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung stellt einen relevanten Faktor im Zusammenhang mit problematischer Nutzung sozialer Medien dar. Für eine stabile vermittelnde Rolle des Selbstwertgefühls ergab sich jedoch keine belastbare Evidenz. Die Befunde sprechen dafür, in Prävention und Intervention insbesondere den Umgang mit sozialer Bestätigung, Zurückweisung und problematischen Nutzungsmustern zu berücksichtigen.
Zusammenfassung Ketamin, ursprünglich als dissoziatives Anästhetikum entwickelt, hat sich als vielversprechender therapeutischer Ansatz in der Psychiatrie etabliert, insbesondere bei therapieresistenten Depressionen. In jüngster Zeit gewinnt die Ketamin-assistierte Psychotherapie (KAP) zunehmend an Bedeutung als innovative Modalität zur Behandlung von Suchterkrankungen. KAP kombiniert die pharmakologischen Wirkungen von Ketamin, welche die Neuroplastizität fördern und veränderte Bewusstseinszustände induzieren, mit psychotherapeutischen Interventionen, um tiefgreifende psychologische Verarbeitung und Verhaltensänderungen zu ermöglichen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die neurobiologischen Wirkmechanismen von Ketamin, die klinische Evidenz für seinen Einsatz bei verschiedenen Substanzgebrauchsstörungen (z. B. Alkohol-, Opioid- und Kokaingebrauchsstörungen) und die therapeutischen Ansätze der KAP, einschließlich der Einzel- und Gruppentherapie. Es werden die Phasen der KAP – Vorbereitung, Substanz-Sitzung und Integration – detailliert beschrieben und ihre Anpassung an das Gruppentherapieformat diskutiert. Darüber hinaus werden Sicherheitsaspekte, potenzielle Nebenwirkungen und Kontraindikationen beleuchtet. Der Artikel schließt mit einem Ausblick auf zukünftige Forschungsrichtungen und die Notwendigkeit standardisierter Protokolle für eine breitere klinische Implementierung.
Zusammenfassung Fragestellung Kann die Schlussfolgerung aus Beobachtung und routinemäßigen Befunddaten, dass es sowohl bei den Drogenabhängigen als auch bei den Alkoholabhängigen jeweils zwei Rehabilitandengruppen unterschiedlicher Störungsspezifität gibt, bestätigt werden? Es wurden 96 alkoholabhängigen, 60 jugendlichen und 127 erwachsenen drogenabhängigen Rehabilitanden, neben den routinemäßigen Befunddaten, zum Zeitpunkt der Aufnahme als auch der Entlassung, verschiedene Fragebögen zu Persönlichkeit und psychischer Regulation, zu Sinn und Zuversicht und zur Symptombelastung vorgelegt. Sowohl bei den Alkoholabhängigen als auch den jugendlichen und erwachsenen Drogenabhängigen gibt es jeweils zwei Rehabilitandengruppen signifikant unterschiedlicher Störungsintensität und -spezifität. Hoher Neurotizismus, geringer Selbstwert, externale Kontrollüberzeugung und dysfunktionale Emotionsregulation bedingen eine hohe Störungsintensität, die mit Defiziten in der willentlichen Handlungssteuerung einhergeht und in einen vermeidenden Bewältigungsstil einmündet. In der Charakteristik der unterschiedlichen Störungsspezifität sind sich Drogen- und Alkoholabhängige sehr ähnlich. Da eingeschränkter Wille Kompetenzeinschränkungen in Selbstwirksamkeit, Selbstwert und Emotionsregulation bedingt, wird die Einführung eines Volitionstrainings empfohlen.
Zusammenfassung Die aktuelle Folgestudie untersucht die langfristige Akzeptanz und Wirkung eines digitalisierten Urinkontrollsystems zwei Jahre nach der bereits publizierten, initialen Studie bei 24 Substitutionspatient:innen, die noch das Verfahren benutzten. An der Untersuchung nahmen 24 Patient:innen mit Drogenabhängigkeit teil, die alle bereits Erfahrungen mit der Sichtkontrolle bei der Urinabgabe gemacht hatten. Die als Mixed-Methods konzipierte Untersuchung wurde quantitativ mit multiplen, siebenstufig skalierten Fragen zur technischen Handhabung und den psychosozialen Auswirkungen des Verfahrens sowie den Sorgen und Problemen bei der Urinprobengewinnung durchgeführt. Qualitativ wurde auf das Experteninterview mit Leitfaden zurückgegriffen. Das System hatte eine hohe Akzeptanz, ältere und psychosozial Belastete näherten sich dabei den jüngeren und weniger psychosozial Belasteten an. Die wichtigsten Ergebnisse sind ein Paradigmenwechsel durch gelungene Rückdelegation der Verantwortung auf denjenigen, der die Drogenproblematik hat bzw. Drogen- und Manipulationsfreiheit selbstständig zeigen möchte. Es wurde eine gestärkte Selbstwirksamkeit und Alltagsbewältigung verzeichnet, eine deutliche Zeitersparnis für zwei Drittel der Nutzer:innen sowie eine spürbare Reduktion von Scham und psychischer Belastung bei der Kontrolle. Die digitale Kontrolle erwies sich auch in postpandemischen Zeiten als prozessstärkend und wurde von den Teilnehmenden mehrheitlich weiterempfohlen. Psychosoziale Effekte und die therapeutische Allianz verbesserten sich im Vergleich zur konventionellen Sichtkontrolle. Insgesamt deuten die Zweijahres-Ergebnisse auf deutliche Vorteile gegenüber der konventionellen Urinkontrolle hin, was die digitale Urinkontrolle zu einem vielversprechenden Instrument in der Suchttherapie macht.
Zusammenfassung Die Diskussion um Drogenkonsumräume (DKR) wird in Bayern trotz lokalem Bedarf durch landespolitische und rechtliche Hürden bestimmt. Das Forschungsprojekt EviDroN untersuchte die Bedingungen einer möglichen Implementierung in Nürnberg und nutzte dazu das Consolidated Framework for Implementation Research (CFIR), um relevante Kontextfaktoren systematisch zu erfassen. Es wurden sieben leitfadengestützte Expert*inneninterviews mit lokalen Akteur*innen aus Sozialer Arbeit, Medizin und Politik geführt und mittels qualitativer Inhaltsanalyse entlang ausgewählter CFIR-Konstrukte ausgewertet. Die Auswertung entlang des CFIR verdeutlichte, dass zentrale Chancen in den vorhandenen Kooperationen und der breiten fachlichen Zustimmung liegen, die jedoch institutionell fragil bleiben. Als größte Hürde traten die politische und rechtliche Blockade auf Landesebene, unklare Zuständigkeiten und eine fehlende gesellschaftliche Akzeptanz hervor. Zugleich zeigte das CFIR, dass die Frage der Umsetzbarkeit weniger evidenzbasiert und inhaltlich als vielmehr politisch und organisatorisch entschieden wird. Der Mehrwert des CFIR liegt in seiner prospektiven Nutzung: Es ermöglicht, politische, organisatorische und gesellschaftliche Dynamiken differenziert zu erfassen und frühzeitig als Gestaltungsbedingungen zu berücksichtigen. Damit trägt das CFIR dazu bei, die Planung eines DKR nicht abstrakt, sondern kontextsensibel und praxisnah zu gestalten.
Zusammenfassung Substanzkonsumstörungen (SUD) sind chronische Erkrankungen mit hohen Rückfallraten und begrenzter Wirksamkeit etablierter Behandlungen. Vor diesem Hintergrund rückt die psychedelisch-assistierte Psychotherapie (PAP) mit Psilocybin und LSD zunehmend in den Fokus; die Literatur berichtet Hinweise auf mögliche Effekte insbesondere bei AUD und affektiven Symptomen. Ziel der Studie: Beschreibung der Entwicklung depressiver und ängstlicher Symptome nach einer PAP-Sitzung (Psilocybin oder LSD) im Genfer Routinesetting und explorative Prüfung, ob eine komorbide SUD mit einer unterschiedlichen Symptomentwicklung assoziiert ist. Retrospektive, unkontrollierte Auswertung prospektiv erhobener Routinedaten aus dem PAP-Programm des Universitätsspitals Genf. N=68 erwachsene Patient:innen mit therapieresistenter Depression erhielten eine PAP-Sitzung (Psilocybin oder LSD) im standardisierten Setting (Vorbereitung, Sitzung, Integration). Depressive und ängstliche Symptome (BDI, STAI-T) wurden zu Screening, Vorbereitung (prä-Dosis) und 1-Monat erhoben. Primär wurde das Intervall Vorbereitung → 1 Monat betrachtet; Screening wurde deskriptiv berichtet. Gruppenvergleich: SUD n=17 vs. ohne SUD n=51. Für BDI und STAI-T zeigte sich ein signifikanter Zeiteffekt (p<0,001). Es fand sich kein statistischer Hinweis auf einen Gruppenunterschied oder eine Gruppe×Zeit-Interaktion (p>0,05). Aufgrund des unkontrollierten Designs und der Stichprobengröße ist dies nicht als Nachweis einer Gleichwertigkeit zu interpretieren. In diesem regulierten Real-World-Setting war PAP mit einer kurzfristigen Abnahme depressiver und ängstlicher Symptome assoziiert. Für eine Moderation durch komorbide SUD ergab sich kein statistischer Hinweis; ein Äquivalenzschluss ist jedoch nicht möglich. Prospektive, kontrollierte Studien mit längerer Nachverfolgung und SUD-spezifischen Outcomes sind erforderlich.
Zusammenfassung Die Psychedelika-assistierte Therapie (PAT) hat sich in den letzten Jahren zu einem der dynamischsten Forschungsfelder der Psychiatrie entwickelt. Während die beste Evidenz bisher für depressive Störungen und posttraumatische Belastungsstörungen vorliegt, wird PAT zunehmend auch bei anderen nicht-psychotischen Störungen untersucht. Jenseits der Symptomlinderung rückt die Bedeutung transdiagnostischer Prozesse wie Verbesserung von Akzeptanz, Verbundenheitserleben und kognitiver Flexibilität in den Mittelpunkt. Dieser Übersichtsartikel fasst die aktuellen Erkenntnisse zum therapeutischen Einsatz von Psychedelika, MDMA und Ketamin zusammen. Er beleuchtet neurobiologische, psychologische und kontextuelle Wirkmechanismen, stellt die bisherige klinische Evidenz dar und diskutiert Risiken, Kontraindikationen sowie konzeptionelle Herausforderungen der klinischen Anwendung. Die vorliegenden Daten zeigen eine gute Verträglichkeit unter professioneller Begleitung und deutliche Hinweise auf Wirksamkeit bei Depression und PTBS. Erste Studien deuten zudem auf Potenziale bei Angst-, Zwangs- und Essstörungen und damit das transdiagnostische Potential hin. PAT eröffnet neue Perspektiven für Psychotherapie, fordert aber zugleich eine Erweiterung des therapeutischen Verständnisses über diagnostische Kategorien hinaus.
Die Einstellungen, Kenntnisse und Erwartungen der Fachkräfte der Suchthilfe an eine Cannabisregulierung sind zentrale Einflussfaktoren für eine diversitätssensible, evidenzbasierte Versorgung von Menschen mit unterschiedlichen Ausprägungen und Formen von cannabisbezogenen Problemlagen. Die vorliegende Arbeit erhob entsprechende Daten aus unterschiedlichen Handlungsfeldern. Nach einer prä-Studie mit 10 Expert_inneninterviews, wurde eine anonyme Online-Umfrage im Dezember 2022 unter n=330 in NRW tätigen Fachkräften der Suchthilfe durchgeführt und Angaben zu cannabisbezogener Fortbildung und Tätigkeit sowie Einstellungen und Erwartungen zu einer Legalisierung erhoben. Von den Befragten hatten 53,3% weniger als zwei Stunden cannabisspezifische Fortbildung. Intensivere Fortbildung ging mit einer schlechteren Einschätzung der cannabisbezogenen Hilfen einher. Trotz tendenziell positiver Einstellung zur Cannabislegalisierung wurden bis auf die Bereiche der Straffälligenhilfe eher eine Problemaggravation insbesondere in der Jugendhilfe, Suchtberatung, Suchtprävention und Familienhilfe, bei Jugendlichen sowie bei Menschen mit Cannabisabhängigkeit und bei Menschen mit geringem Bildungsgrad erwartet. Die Ergebnisse zeigen, dass vor der Cannabislegalisierung ein deutlicher Mangel an cannabisspezifischer Ausbildung in der Suchthilfe bestand und die Erwartungen, für wen eine Cannabislegalisierung Problemlagen reduziert, sehr differenziert betrachtet werden müsste. Ein Widerspruch in einer generalistischen Positiv-Sicht auf die Cannabislegalisierung und der differenzierten Einschätzung einer Problemverstärkung für vulnerable Gruppen wird diskutiert.
Suchterkrankte Eltern stehen vor der zweifachen Herausforderung, abstinent zu bleiben und zugleich die Elternrolle adäquat auszuüben. Während in der postakuten Rehabilitation vereinzelt Angebote für diese Zielgruppe existieren, fehlen ambulante, kombinierte Therapieangebote in der Akutbehandlung vollständig. Ziel des Projekts „STAERKE“ war die Entwicklung, Implementierung und Evaluation eines ambulanten Psychotherapieprogramms, das sowohl suchtmedizinische Inhalte zur Förderung der Abstinenz als auch Elemente zur Stärkung elterlicher Kompetenzen vermittelt. Die Evaluation der Wirksamkeit erfolgte in dieser Ein-Gruppen Prä-Post -Pilotstudie (N=48) online zu sechs Messzeitpunkten während der Therapieteilnahme (Studienbeginn, nach 3, 6, 9, 12, 24 Wochen) sowie zu einer Katamneseerhebung zwölf Wochen nach Ende der Therapieteilnahme zur Erfassung der Symptombelastung während der Teilnahme am „STAERKE“-Therapieprogramm anhand der Selbstbeurteilungsfragebögen Beck Depression Inventar (BDI-II),State and Trait Anxiety Inventory (STAI), Perceived Stress Scale (PSS-10), Mannheimer Craving Scale, (MaCS). Mittels ANOVAS mit Messwiederholungen wurden signifikante Reduktionen der elterlichen Symptombelastung festgestellt: Depressivität ((BDI-II): t0–t5, N=11, p=0,011), Ängstlichkeit als Persönlichkeitsmerkmal ((STAI-T): t0–t5, N=11, p=0,029), subjektives Stresserleben ((PSS-10): t0–t3, N=18, p=0,001), Craving ((MaCS): t0–t3, N=22, p=0,050). Auch kindliche Denkprobleme (p=0,031) und regelverletzendes Verhalten (p=0,014) verbesserten sich signifikant. Geschlechterunterschiede zwischen Müttern und Vätern fanden sich nicht (p=0,951). Trotz vorhandener Limitationen liefert diese Pilotstudie erste Hinweise auf die Wirksamkeit des Therapieprogramms. Zudem scheinen Väter und Mütter gleichermaßen vom „STAERKE“-Therapieprogramm zu profitieren. Limitierend auf die Interpretation der Ergebnisse wirkten sich der der unzureichende Datenrücklauf bedingt durch Einschränkungen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie sowie das gewählte quasi-experimentelle Studiendesign ohne auswertbare Kontrollgruppe aus. Zur abschließenden Bewertung der therapeutischen Effekte des Programms sind daher weitere, größere randomisierte Studien erforderlich.
Trotz der etablierten Geschlechterunterschiede bei Alkoholabhängigkeit sind geschlechterangepasste Therapien im Praxisalltag äußerst selten verfügbar. Solche Strategien haben jedoch das Potenzial, die Wirksamkeit der Psychopharmakotherapie zu verbessern. Diese Übersichtsarbeit soll einen Überblick zum aktuellen Wissensstand geben. Die Arbeit stützt sich auf eine erweiterte Literaturrecherche inklusive Backward- und Forward-Suche ausgehend von zwei publizierten unsystematischen Reviews (McKee et al. 2022, Kirsch et al. 2024). Neben der Wirksamkeit auf Konsumendpunkte wird das Nebenwirkungsprofil von Psychopharmaka zur Postakutbehandlung der Alkoholabhängigkeit in der Literatur analysiert. In dieser Arbeit werden die Psychopharmaka Naltrexon, Baclofen, Disulfiram und Acamprosat diskutiert. Zusammengefasst könnten Männer im Vergleich zu Frauen im Hinblick auf das Alkoholkonsumverhalten mehr von Naltrexon profitieren. Frauen hingegen könnten im Vergleich zu Männern besser auf Baclofen ansprechen, dessen Wirksamkeit sich in Studien jedoch als inkonsistent darstellt und das in Deutschland nicht zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit zugelassen ist. Im Vergleich zu Männern berichten Frauen sowohl bei Baclofen in hohen Dosen als auch bei Naltrexongabe von einer schlechteren Verträglichkeit und mehr Nebenwirkungen. Die Ergebnisse sind jedoch inkonsistent, was die Komplexität von Geschlechterunterschieden bei der Psychopharmakotherapie von Alkoholabhängigkeit unterstreicht. Zu Personen außerhalb der binären Geschlechterkategorien „Frau“ und „Mann“ sind keine Daten zur differentiellen Psychopharmakotherapie vorhanden. Patient:innen mit Alkoholabhängigkeit könnten zukünftig von einer geschlechterangepassten Therapie profitieren. Dabei spielt die Auswahl eines Wirkstoffes mit einem möglichst günstigen Nutzen-/Nebenwirkungsprofil für das jeweilige Geschlecht eine entscheidende Rolle. In der Literatur existieren deutliche Forschungslücken. Die meisten Studienpopulationen vernachlässigen Frauen; Geschlechterminoritäten sind nicht repräsentiert. Folglich können Geschlechterunterschiede nicht reliabel identifiziert werden. Zudem werden in der Literatur dimensionale Aspekte von Geschlecht – wie beispielsweise Effekte des Menstruationszyklus – selten berücksichtigt.
Geflüchtete Menschen haben ein höheres Risiko für Substanzkonsum. Risikofaktoren umfassen traumatische Erfahrungen und Belastungen durch Migration. Unser Verständnis von Substanzkonsum als soziokulturell geprägter Erfahrung ist noch immer begrenzt. Diese Studie zielt darauf ab, die kulturelle Dimension von Substanzkonsum in der Wahrnehmung arabischsprachiger Geflüchteter in Berlin zu explorieren. In einem qualitativen Ansatz wurden zwischen 2020 und 2021 Tiefen- und teilstrukturierte Interviews mit 13 arabischsprachigen Geflüchteten in suchttherapeutischer Behandlung geführt. Die Stichprobe wurde in zwei suchttherapeutischen Einrichtungen in Berlin rekrutiert und repräsentiert verschiedene soziodemografische Charakteristika und Konsumprofile. Die Teilnehmenden waren zwischen 21 und 52 Jahre alt und stammten aus acht verschiedenen arabischen Ländern. Die Interviews wurden aufgezeichnet, transkribiert und im Rahmen einer thematischen Analyse mit MAXQDA ausgewertet. Drei Hauptthemen wurden herausgearbeitet: (1) die Beachtung individueller Motive für Substanzkonsum vor dem Hintergrund von Coping-Mechanismen, Vertreibung und Marginalisierung; (2) die Beeinflussung des Konsumverhaltens durch soziokulturelle Normen; (3) die Rolle unterschiedlicher Terminologien und Begrifflichkeiten für einen effektiven Austausch zu dem Thema. Die Studie untersucht Unterschiede in kulturellen, individuellen und sozialen Dimensionen in Bezug auf Substanzkonsum unter arabischsprachigen Geflüchteten. Wir verweisen auf die Notwendigkeit, linguistische und kulturelle Dynamiken in Forschung und Praxis anzuerkennen. Weitere Forschung sollte Motive für Substanzkonsum sowie Möglichkeiten der Prävention und Behandlung bei Geflüchteten.
In der vorliegenden Studie werden Routinedaten der Versorgung von Personen mit Alkoholkonsumstörungen zur Untersuchung des Abbruchs von Behandlungen herangezogen. Ziel ist die Identifizierung von soziodemographischen, gesundheitsbezogenen und behandlungshistorischen Einflussfaktoren auf eine irreguläre Beendigung alkoholspezifischer Interventionen. In einer retrospektiven Auswertung von Leistungsdaten von zwei gesetzlichen Krankenkassen (AOK Rheinland/Hamburg – Die Gesundheitskasse, DAK – Gesundheit) und der Deutschen Rentenversicherung (DRV) wurden in Hamburg lebende Versicherte (mind. 18 Jahre) mit mindestens einer stationären Alkoholbehandlung (SAB, n=1.779 Personen, n=3.811 Episoden), qualifizierten Entzugsbehandlung (QEB, n=1.911, n=3.758 Episoden) oder medizinischer Rehabilitationsbehandlung (REHA, n=550 Personen, n=672 Episoden) zwischen 2016 und 2021 untersucht. Die irreguläre Beendigung jeder Behandlungsepisode wurde mittels hierarchischer logistischer Regressionsmodelle (Episoden geclustert in Personen) mit den Prädiktoren Soziodemographie (Geschlecht, Alter, Erwerbsstatus, Nationalität), Gesundheitszustand (Komorbidität, Medikation, Pflegestatus) und Behandlungserfahrung (Anzahl vorheriger Behandlungsepisoden, differenziert nach Beendigungsform und Behandlungsart) untersucht. Irregulär beendet wurden 27,4% der SAB-, 17,4% der QEB- und 25,1% der REHA-Episoden. Über alle Behandlungsarten hinweg waren jüngeres Alter und frühere irregulär beendete Behandlungen signifikante Prädiktoren für eine (erneute) irreguläre Beendigung. Für SAB war zusätzlich ein männliches Geschlecht und eine geringe Komorbidität mit einer irregulären Beendigung assoziiert; frühere regulär beendete SAB-Episoden hingegen mit einem Behandlungsverbleib. Irreguläre SAB- und QEB-Beendigungen traten häufiger bei Patient:innen ohne Beschäftigung auf, irreguläre REHA-Beendigungen häufiger im ambulanten Setting und bei Patient:innen ohne deutsche Staatsbürgerschaft. Insgesamt hatten die eingeschlossenen Prädiktoren nur einen geringen Erklärungswert. Irreguläre Beendigungen sind häufig und zeigen sich besonders bei Personen, die bereits in der Vergangenheit Behandlungen irregulär beendeten. Die zugrundeliegenden Ursachen werden dabei weniger durch die berücksichtigten soziodemographischen und gesundheitsbezogenen Prädiktoren beeinflusst, als durch andere, nicht beobachtete Faktoren.
Alkoholbezogene Störungen (F10.X) sind in Deutschland eine der häufigsten Diagnosen bei Krankenhausbehandlungen und verursachen jährlich etwa 10 Milliarden Euro direkte Kosten. Die Behandlung umfasst Entgiftung, Entzugsbehandlung, Rehabilitationsmaßnahmen und medikamentöse Rückfallprophylaxe. Disulfiram, welches eine Alkoholaversionsvreaktion auslöst, wird zur Rückfallprävention eingesetzt. Ziel der retrospektiven Analyse war es, die therapeutischen Bedürfnisse von Patienten in der ambulanten Disulfirambehandlung sowie Prädiktoren für eine erfolgreiche Therapie zu ermitteln. Untersucht wurden 76 männliche und 25 weibliche alkoholabhängige Patienten (Durchschnittsalter: 43,98±8,48 Jahre), die an der supervidierten Disulfiramvergabe teilnahmen Der Einfluss der durchschnittlichen wöchentlichen Behandlungsdauer auf den Behandlungserfolg wurde mit einer einfaktoriellen Varianzanalyse mit Kovariaten (ANCOVA) berechnet. Die Ergebnisse der ANCOVA zeigten, dass bei einer Behandlungszeit von 70 Minuten pro Woche (aufgeteilt in drei Sitzungen à 23,3 Minuten) im Vergleich zu einer kurzen wöchentlichen Behandlungszeit (20 Minuten pro Woche, aufgeteilt auf drei Sitzungen) die geringste Rückfallrate auftrat (post hoc Analyse p=0,043). Disulfiram war darüber hinaus besonders effektiv für Patienten mit einer Dauer der Abhängigkeitserkrankung von mehr als 20 Jahren (p=0,038). Die supervidierte Disulfiramvergabe stellt eine wertvolle Methode in der Behandlung von Alkoholabhängigkeit dar, besonders für Patienten mit langjähriger Abhängigkeitserkrankung. Optimale Therapieergebnisse werden durch eine Kombination aus Medikamentenüberwachung, psychosozialer Unterstützung und individueller Anpassung der Behandlungsintensität erreicht.
Elterliche Alkoholabhängigkeit kann zu Kindeswohlgefährdung führen und schlimmstenfalls eine Inobhutnahme von Kindern durch das Jugendamt erforderlich machen. Vor dieser ultima ratio müssen alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft sein. Zu ihrer Abwendung ist das herkömmliche Schema der Suchtbehandlung mit Beratung, stationärem Entzug und Rehabilitation zu langsam und unflexibel. Als Alternative wird hier ein ambulantes Intensivtherapiekonzept beschrieben, das neben Suchttherapie auch Maßnahmen zum Schutz des Kindes beinhaltet. Die wichtigsten strukturellen Merkmale bzw. Bestandteile sind: sofortiger Beginn, Abdeckung von Wochenenden/Feiertagen, Involvierung des Jugendamtes, Vereinbarung eines Notfallplanes bei Konsumereignissen sowie multimodale Mitbehandlung psychiatrischer Komorbidität. Zur Abstinenzüberwachung dient ein smartphone-basiertes Gerät, mit dem Patienten mehrmals täglich ihren Atemalkohol messen. Es übermittelt die Ergebnisse sofort an die Therapeuten, zusammen mit einem „Selfie“, um die Identität der Patienten sicherzustellen. Als besondere Therapieelemente werden ambulanter Alkoholentzug, rückfallschützende Pharmakotherapie mit Disulfiram und Therapiegruppen für Eltern/Mütter näher beschrieben. Ein ähnliches Angebot ist an zwei psychiatrischen Institutsambulanzen bereits etabliert und evaluiert. Jugendämter, psychiatrische Kliniken und Akteure des Suchthilfesystems sollten sich miteinander vernetzen, um diese Chance zur Förderung betroffener Familien zu nutzen.