
Zusammenfassung Die vestibuläre Migräne stellt eine häufige Ursache eines episodischen Schwank-/Drehschwindels dar und betrifft bis zu 3% aller Personen. Charakteristische Symptome sind gehäuft auftretende (mind. 5 Attacken gefordert) Schwindelepisoden unterschiedlicher Dauer (5min bis 72h) von mindestens mittlerer Intensität in Begleitung von weiteren Migräne-typischen Beschwerden. Zur Diagnosestellung einer vestibulären Migräne sind eine (vorbestehende) Diagnose einer Migräne mit oder ohne Aura sowie das in mindestens jeder zweiten Schwindelattacke zeitgleiche Auftreten von Migränekopfschmerzen, visueller Aura oder Foto-/Phonophobie Voraussetzung. Das Spektrum klinischer Präsentationen ist breit und reicht von spontanem, anhaltendem Schwindel über isoliert positionsabhängigen Schwindel bis hin zu begleitender Hörminderung. Dementsprechend variieren auch die Differenzialdiagnosen und die damit einhergehenden Abklärungen stark in Abhängigkeit vom klinischen Beschwerdebild. Sowohl der gutartige Lagerungsschwindel als auch die Menière’sche Krankheit und der akute Schlaganfall (bei Erstmanifestation) stellen wichtige abzugrenzende Entitäten dar. In der diagnostischen Aufarbeitung finden sich in der Regel keine strukturellen Auffälligkeiten (Magnetresonanztomografie und vestibulär-apparative Testung normwertig), ein beweisender Test existiert nicht. Die Akuttherapie der vestibulären Migräne richtet sich nach derjenigen der Migräne mit/ohne Aura, es sollte allerdings auf den Einsatz von Triptanen bei isolierten Schwindelepisoden verzichtet werden. Zur vorbeugenden Behandlung stellen Betablocker, Antidepressiva und Antiepileptika bewährte Ansätze dar, die Wertigkeit von CGRP-Antagonisten und Botulinumtoxin A ist hingegen noch in Erforschung – erste Ergebnisse sind aber vielversprechend.
Zusammenfassung Die chronische Rhinosinusitis mit Nasenpolypen (CRSwNP) ist eine multifaktorielle entzündliche Erkrankung der nasalen und paranasalen Schleimhäute, der als Endotyp meistens eine TH2-Inflammation zugrunde liegt. IgE-Antikörper spielen hierbei eine wichtige Rolle. Der anti-IgE-Antikörper Omalizumab wurde im August 2020 für die Therapie bei Patienten ab 18 Jahren mit schwerer CRSwNP als Zusatztherapie zu intranasalen Kortikosteroiden (INCS) zugelassen, wenn durch eine Therapie mit INCS keine ausreichende Krankheitskontrolle erzielt werden kann. Mit Omlyclo wurde im Mai 2024 ein Biosimilar von Xolair mit dem Wirkstoff Omalizumab CT-P39 in der EU zugelassen. In Deutschland ist Omlyclo seit dem 15. September 2025 offiziell verordnungsfähig und als 75 mg und 150 mg Fertigspritzen sowie Fertig-Pens verfügbar; eine Zulassungserweiterung für die 300 mg-Dosierung folgte im November 2025. In einer Literatursuche wurde die Immunologie der CRSwNP analysiert und die Evidenz zur Wirkung von Omalizumab bei dieser Erkrankung durch Recherchen in Medline, Pubmed sowie den nationalen und internationalen Studien- und Leitlinien-Registern und der Cochrane Library ermittelt. Basierend auf diesen Angaben aus der internationalen Literatur werden von einem Expertengremium aus dem Verband deutscher Allergologen und der deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde und Kopf-Hals-Chirurgie Empfehlungen für die Anwendung des Omalizumab Biosimilars CT-P39 bei CRSwNP im deutschen Gesundheitssystem gegeben. Das Omalizumab Biosimilar ist zugelassen für Patienten ab 18 Jahren mit schwerer chronischer Rhinosinusitis mit Nasenpolypen als Zusatztherapie zu intranasalen Kortikosteroiden, wenn durch eine Therapie mit intranasalen Kortikosteroiden keine ausreichende Krankheitskontrolle erzielt werden kann. Zur vereinfachten Dokumentation der Indikationsstellung wurde ein Dokumentationsbogen entwickelt.
Zusammenfassung Die spontane intrakranielle Hypotension (SIH) ist ein unterdiagnostiziertes Krankheitsbild, das jedoch aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse zunehmend Aufmerksamkeit erfährt. Die Diagnosestellung kann durch ein breites klinisches Erscheinungsbild und Fallstricke in der Bildgebung verzögert werden. Daraus resultiert eine hohe körperliche Beeinträchtigung für die Patienten, einschließlich sozialer und psychischer Folgen sowie Langzeitschäden bei prolongierter Diagnostik und Therapie. Basierend auf einer selektiven Literaturrecherche auf PubMed mit Einschluss aller Arbeiten zwischen 1990 und 2023 sowie der klinischen Erfahrung aus der Arbeit der Autoren in einem CSF-Zentrum. SIH betrifft meist Frauen im mittleren Alter, Leitsymptom ist dabei der lageabhängige orthostatische Kopfschmerz. Daneben gibt es ein breites Spektrum weiterer möglicher Symptome, die sich mit anderen Krankheitsbildern überlappen können und dementsprechend die Diagnosestellung erschweren. Der ursächliche spinale Liquorverlust lässt sich in drei Haupttypen unterteilen: das ventrale (Typ 1) und laterale (Typ 2) Duraleck sowie die Liquor-Vene-Fistel (Typ 3). Die Diagnostik kann über eine zweistufige Aufarbeitung erfolgen. Im ersten Schritt liefert die nicht invasive MRT von Kopf und Wirbelsäule Hinweise auf das Vorliegen einer SIH. Der zweite Schritt mittels gezielter Myelografie kann den genauen Ort des Liquoraustritts identifizieren und eine gezielte Behandlung ermöglichen (operativ oder interventionell). Eine intrathekale Druckmessung oder die intrathekale Gabe von Gadolinium ist dabei zur Primärdiagnostik nicht mehr notwendig. Ernstzunehmende Komplikationen im Verlauf der Krankheit bestehen z.B. in raumfordernden Subduralhämatomen, der superfiziellen Siderose und Symptomen im Rahmen eines „brain sagging“, was zu Fehlinterpretationen führen kann. Die Therapie besteht im Verschluss des Duralecks bzw. der Liquorfistel. Auch nach erfolgreicher Therapie können Rezidive auftreten, was die Wichtigkeit einer klinischen Nachsorgeuntersuchung einschließlich Follow-Up-MRT betont und den chronischen Charakter der Krankheit unterstreicht. Diese Arbeit liefert eine Übersicht über den diagnostischen Work-Up von Patienten mit Verdacht auf SIH und neue Entwicklungen in Bildgebung und Therapie.
Zusammenfassung Die Cochlea-Implantat-(CI)-Versorgung ist in Deutschland durch die CI-Leitlinie, das CI-Weißbuch und etablierte Zertifizierungsstrukturen weitgehend standardisiert. Die lebenslange Nachsorge ist essenziell für die langfristige Ergebnisqualität. Insbesondere die technische Nachsorge kann leitliniengerecht von einer CI-versorgenden Einrichtung (CIVE) an qualifizierte externe Kooperationspartner (QEK) delegiert werden. Zur Wahrung der Gesamtverantwortung der CIVE ist jedoch eine klar strukturierte Zusammenarbeit erforderlich. Ziel dieser Arbeit ist die Darstellung eines praxisorientierten Modells zur leitliniengerechten Delegation technischer Nachsorgeleistungen.Auf Grundlage praktischer Kooperationserfahrungen sowie unter Berücksichtigung der CI-Leitlinie, des CI-Weißbuchs und regulatorischer Vorgaben wurde ein strukturiertes Kooperationsmodell entwickelt. Grundlage waren bestehende Kooperationsvereinbarungen der Autoren mit verschiedenen QEK. Das Modell umfasst delegierbare und nicht delegierbare Leistungen, Qualifikationsanforderungen, Kommunikations- und Dokumentationsprozesse, Eskalationskriterien sowie Maßnahmen der Qualitätssicherung.Die strukturierte Delegation technischer Nachsorge an qualifizierte externe Partner stellt ein praktikables und leitliniengerechtes Modell für eine qualitätsgesicherte CI-Nachsorge dar. Voraussetzung sind klare Delegationsgrenzen, verbindliche Qualitätsstandards und eine kontinuierliche Supervision durch die CIVE. Das integrierte Kommunikations- und Dokumentationssystem kann zudem eine Grundlage zukünftiger sektorenübergreifender und telemedizinischer Versorgungsstrukturen bilden.
Zusammenfassung Schwitzen im Kopfbereich kann bei Träger*innen von Hörgeräten und teilimplantierbaren Hörsystemen zu lokalen Hautproblemen wie Juckreiz oder Ekzemen, erhöhtem Energieverbrauch der Hörhilfen sowie Funktionsstörungen führen. Ziel dieser Studie war es, Häufigkeiten zu erfassen und die Wirksamkeit von Botulinumtoxin-A (BoNT-A) -Injektionen zur Behandlung der lokalen Hyperhidrose zu evaluieren. In einer monozentrischen Beobachtungsstudie wurden 51 Patient*innen mit Cochlea-Implantaten, aktivem Mittelohrimplantat, Knochenleitungs- und konventionellen Hörgeräten mittels eines 12-teiligen Anamnesefragebogens zu Schweißproduktion, geräteassoziierten Problemen sowie Begleitumständen befragt. Bei ausgeprägter Hyperhidrose erfolgte eine intrakutane Behandlung mit BoNT-A (n=6). 22/51 Befragten (43%) gaben eine häufige, 17/51 (33%) eine seltene Schweißproduktion im Kopfbereich an. Bei 35/51 Patient*innen (69%) traten lokale Probleme wie Hautirritationen oder Juckreiz auf. 16/51 (31%) berichteten über einen erhöhten Energieverbrauch der Hörgeräte und 16/51 (31%) gaben eine Beeinträchtigung des Tragekomforts oder der Funktion an. Nach intrakutaner BoNT-A-Behandlung berichteten alle behandelten Patient*innen über eine deutliche Besserung der Beschwerden, Funktionsausfälle wurden nicht mehr beobachtet. Die erhobenen Daten lassen eine nicht unerhebliche Anzahl von Patient*innen mit schweißbedingten Problemen erkennen und deuten darauf hin, dass eine verstärkte Schweißproduktion teilweise mit relevanten Beeinträchtigungen assoziiert ist. Diese kann sowohl lokale Hautreizungen als auch technische Störungen verursachen. Intrakutane BoNT-A-Injektionen sind eine effektive, sichere und praktikable Therapieoption zur Reduktion Hyperhidrose-bedingter Beschwerden.
Zusammenfassung Aktive Mittelohrimplantate (AMEIs), insbesondere die Vibrant Soundbridge (VSB), sind eine etablierte Behandlungsoption für Kinder mit konduktivem oder gemischtem Hörverlust, wenn konventionelle Hörhilfen nicht ausreichend wirksam oder schlecht toleriert sind. Die Evidenz zu ihrem Einfluss auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität (HrQoL) ist bislang begrenzt. Ziel dieser Scoping-Review war es, die vorhandene Literatur zur HrQoL bei Kindern und Jugendlichen mit AMEIs systematisch darzustellen. Die Review erfolgte nach Arksey und O’Malley sowie den Empfehlungen des Joanna Briggs Institute. PubMed und Web of Science wurden 2025 systematisch durchsucht. Eingeschlossen wurden qualitative und quantitative Studien zur HrQoL bei 0–18-Jährigen mit AMEIs. Vier Studien wurden eingeschlossen, überwiegend mit VSB-versorgten Vorschul- und Schulkindern mit Gehörgangsatresie. Die Implantation war mit verbesserten auditiven Leistungen und positiven patienten- oder elternberichteten Ergebnissen verbunden. Es zeigten sich Vorteile in Kommunikation, sozialer Teilhabe, emotionalem Wohlbefinden und Geräteakzeptanz. Die Evidenz war jedoch durch kleine Stichproben und heterogene Outcome-Maße limitiert. AMEIs können die hörbezogene Lebensqualität von Kindern positiv beeinflussen, auch in psychosozialen Bereichen. Zukünftige Studien sollten standardisierte HrQoL-Instrumente und longitudinale Designs nutzen.
Das juvenile Angiofibrom (JA) ist eine faszinierende fibrovaskuläre Neubildung, die seit 1853 verschiedenste Entstehungstheorien hervorgerufen hat. Während die Konzentration auf einzelne Merkmale des JA keine allgemeine Akzeptanz hervorgerufen hat, erfährt die aktuelle Erklärung der Tumorentstehung des JA auf dem Boden von embryologischen Gefäßrelikten eine wachsende Bedeutung. Im embryologischen Kernprozess der epithelial-mesenchymalen Transition (EMT) spielen die Transkriptionsfaktoren Twist1 und Snail/Slug eine große Rolle, sodass deren Expression im JA im Zusammenhang mit dem embryologischen Erklärungsansatz von hohem Interesse ist. An einem Kollektiv von 19 JA wurden quantitative Realtime-PCR-Analysen sowie immunhistologische Untersuchungen der Transkriptionsfaktoren Twist1, Snail/Slug sowie CD31 (PECAM1) und Vimentin durchgeführt. Die Transkriptionsfaktoren Twist1 und Snail2 konnten in allen untersuchten JA (n=11) mittels RT-PCR nachgewiesen werden. Eine Korrelation zu gefäßreichen (CD31) oder fibrösen Tumorregionen (Vimentin) wurde nicht beobachtet. Die immunhistologische Untersuchung von Twist und Snail/Slug bestätigte deren Vorkommen auf Proteinebene (n=19), wobei eine inter- und intratumorale Heterogenität der EMT-Marker beobachtet wurde. Der Nachweis der Expression der Transkriptionsfaktoren Twist1 und Snail/Slug im JA weist auf den embryologischen Prozess der EMT im JA hin und unterstützt den embryologischen Erklärungsansatz, welcher alle klinischen Charakteristika dieser einzigartigen fibrovaskulären Neubildung erklärt.
Seit über 4000 Jahren wird die Akupunktur, die der chinesischen Medizin entspringt, therapeutisch verwendet. Durch Applikation von Akupunkturnadeln an bestimmten Körperpunkten wird nach der Foraminologie der Qi-Fluss in den Leitbahnen harmonisiert und so der Entstehung von Krankheiten vorgebeugt oder behandelt. Gibt es evidenzbasierte Daten zur Akupunktur und welche Standards liegen den Studien zugrunde? Es erfolgte eine Literaturrecherche mit Hilfe von Pubmed (Medline). Dabei wurde nach themenbezogenen Publikationen gesucht. Die Suchergebnisse wurden weiter eingegrenzt, indem der Fokus auf randomisierte, klinische und kontrollierte Studien gemäß GCP-Guidelines, die auf Englisch verfasst wurden, gelegt. Nach Anwendung unserer oben genannten Kriterien verblieben von 47.741 Studien insgesamt noch 60 Studien mit Bezug auf Akupunktur in der HNO. Die verbliebenen Studien wurden nach Validierung detailliert vorgestellt. Im Zeitraum 2005 bis 2025 wurden mehr als 87% der gesamten Publikationen auf diesem Gebiet veröffentlicht, woraus sich ein aktuelles Interesse an diesem Thema annehmen lässt. Die Durchsicht der wissenschaftlichen Arbeiten zeigte, dass die Erforschung der Akupunkturtherapie nicht nur klinische Studien, sondern auch Grundlagenforschung beinhaltet. So wird nicht nur die Wirksamkeit der Akupunktur, sondern auch die zugrunde liegenden Wirkmechanismen beleuchtet, wobei sich vielversprechende Ansätze zeigen. Zu hinterfragen ist jedoch, inwieweit von evidenzbasierten Studien gesprochen werden kann, da die Wahl der Kontrollgruppen Probleme aufwirft. Gibt es wirklich unwirksame Akupunkturpunkte und ist eine doppelte Verblindung möglich? Letztlich ist die Kontrollgruppe das Kriterium, an der die Evidenz aktuell (noch) scheitert.