
Hier wird eine neue Übersetzung des vielleicht berühmtesten und gewiss kürzesten Gedichts der italienischen Literatur vorgelegt: Giuseppe Ungarettis Mattina. Sie stützt sich auf eine Auseinandersetzung mit der langen und breiten Übersetzungsgeschichte des Gedichts, wie sie insbesondere niedergelegt ist und weitergeführt wird in den beiden Beiträgen von Hinrich Hudde und Hermann H. Wetzel, die in der vorliegenden Zeitschrift, Italienisch, erschienen sind. Anhand dieser Übersetzungsgeschichte arbeite ich Übersetzungskriterien heraus, die ich in Anlehnung an Edoardo Sanguineti mit der Formel einer potenzierten Interlinearität fasse. Anschließend interpretiere ich das Gedicht, indem ich dazu einesteils seine Genese betrachte, andernteils seinen makrotextuellen Ort innerhalb der Gedichtsammlung. In deren Licht wird deutlich, dass manche Interpretationen zu schnell von der Verortung und Datierung des Gedichts auf das thematisierte Geschehen schließen.