
Abstract Tagebücher von Rotarmisten in deutscher Kriegsgefangenschaft sind ausgesprochen selten, und das ist nicht zuletzt auf die tödlichen Bedingungen von Lagerhaft und Zwangsarbeit zurückzuführen, die mehr als drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene das Leben kosteten. Sergej Voropaevs Tagebuch ist eines dieser seltenen Egodokumente und offensichtlich das einzige aus dem großen Lagerkomplex Lamsdorf in Oberschlesien. Voropaev, der kurz nach seiner Befreiung durch die Rote Armee an den Folgen von Lagerhaft und Arbeitseinsatz starb, hielt 1944/45 fest, was er übertage im Lager und untertage im Bergwerk erlebte, was er dachte, fühlte und bis zuletzt hoffte. Das Tagebuch wurde Monate später in einer der Lagerbaracken aufgefunden, geriet aber rasch in Vergessenheit. Erst nach der Archivrevolution und der Rehabilitierung der sowjetischen Kriegsgefangenen in den 1990er Jahren wurde dieses Selbstzeugnis neu entdeckt. Das Original hat die Zeit in einem Heimatkundemuseum in Qostanai (Kasachstan) überdauert und wird hier zum ersten Mal in deutscher Übersetzung publiziert.
Abstract Anna Corsten analysiert den Konflikt um ein schwieriges, aber ressourcenreiches Erbe: das Vermögen des Deutschen Reichs, dessen Streitkräfte im Mai 1945 kapituliert hatten. Wem dieses Vermögen gehörte, war heftig umstritten: Waren es die Länder, die das Vakuum fehlender National-Staatlichkeit zwischen 1945 und 1949 gefüllt hatten, oder war es der Bund, der zentralstaatliches Profil gewinnen und seinen Handlungsspielraum ausdehnen wollte? Insbesondere Bayern, das auf seine Eigenstaatlichkeit bedacht war, setzte den Forderungen aus Bonn entschiedenen, wenn auch letztlich nur teilweise erfolgreichen Widerstand entgegen. Die Autorin versteht den Konflikt um das Reichsvermögen als einen Kristallisationspunkt der Staatsbildungs- und Demokratisierungsgeschichte der Bundesrepublik. Sie zeigt, wie materielle Verteilungskonflikte mit Auseinandersetzungen verknüpft waren, die Wirtschafts- und Sozialpolitik, das föderative System und die Deutung der NS-Vergangenheit tangierten. Dabei wird deutlich, dass das Reichsvermögen nicht nur Verwaltungsobjekt, sondern zentrales Medium konkurrierender Legitimations- und Ordnungsvorstellungen war.