Häusliche Gewalt ist ein häufiges Problem von dem auch schwangere Frauen betroffen sind. Vor der Einführung eines Routinescreenings in der Schwangerschaftsvorsorge der Charité wurde mit dieser Arbeit eine Bedarfsanalyse durchgeführt. Beobachtet wurden Häufigkeit und Formen häuslicher Gewalt.
Einrichtungen der medizinischen Versorgung sind bedeutende Orte für Prävention und Intervention bei Gewalt in Paarbeziehungen. Ärzte und Pflegekräfte in Rettungsstellen gehören zu den ersten und mitunter einzigen Personen, die professionelle Unterstützung anbieten und weitere Hilfe vermitteln können. Eine rechtzeitige und kurze Intervention im Rahmen der Gesundheitsversorgung kann wesentlich dazu beitragen, das Risiko weiterer Gewalt und langfristiger gesundheitlicher Schädigungen zu verhindern – von dem v. a. Frauen und ihre Kinder betroffen sind. Fachkompetenz und Handlungssicherheit auf Seiten der Fachkräfte in Rettungsstellen sind entscheidend dafür, ob Präventions- und Interventionschancen realisiert werden.
Institutions of medical care are important places for prevention and intervention in cases of violence in intimate relationships. Doctors and nurses in rescue centers are often the first and sometimes the only professionals who can offer support and provide further assistance. A timely and brief intervention in health care is crucial to prevent the risk of further violence and long-term damage to health which particularly affects women and their children. Expertise and action on the part of health professionals in rescue centers are decisive for whether prevention and intervention opportunities are utilized.
Domestic violence (DV) is a serious risk for women's health. So far, little attention has been paid to this area in research and medical care in Germany. Acknowledging this deficit, the S.I.G.N.A.L.-Intervention Project has started to develop a program to improve the medical care for victimized women. For the first time in Germany, data on the health care needs of victimized women have been collected within the S.I.G.N.A.L.-Evaluation Research Project. This article presents the results of a female patient survey (n=806) on DV conducted in the emergency department (ED) of a university hospital in Berlin. The results demonstrate that 36.6% of women reported at least one episode of DV after the age of 16. A total of 4.6% were victims of DV over the past year, and 1.5% of women came to the ED for treatment of injuries caused by violence. A total of 57% of the victims of at least one episode of DV in their lifetime after the age of 16 described a negative impact on their health. The most frequently reported sequelae were head injuries, haematomas and fractures, gastrointestinal disorders, headache/migraine and heart disease. The psychological symptoms were anxiety, depression and suicide/self-mutilation attempts. Some 52% of the victims who reported health consequences had received medical care. In case of DV occurring, 67% of all women said that they would discuss it with their physicians. Approximately 80% of all respondents favoured a routine inquiry for DV as part of the medical history protocol of the ED.
Häusliche Gewalt ist eines der gravierenden Risiken für die Gesundheit von Frauen. Bislang wurde diesem Zusammenhang in Deutschland sowohl in der Forschung als auch in der medizinischen Versorgung zu wenig Beachtung geschenkt. Das S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm setzt bei diesem Defizit an. Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitforschung zur Programmimplementierung wurden für Deutschland erstmals Daten zum Versorgungsbedarf erhoben. Hier vorgestellt werden Methode und Ergebnisse einer Befragung von Erste-Hilfe-Patientinnen (n=806) zum Problemkomplex häusliche Gewalt. Es zeigt sich, dass 36,6% der Befragten nach ihrem 16. Lebensjahr und 4,6% im letzten Jahr von häuslicher Gewalt betroffen waren. 1,5% der Patientinnen suchten die Erste Hilfe wegen Verletzungen aufgrund akuter Gewalt auf. 57% der von Gewalt betroffenen Frauen berichteten von gesundheitlichen Folgen. Nach der Häufigkeit der Nennungen überwogen bei den Verletzungen Kopfverletzungen, Hämatome und Frakturen, bei den Beschwerden gastrointestinale Beschwerden, Kopfschmerzen/Migräne, Herz-Kreislauf-Beschwerden, bei den psychischen Symptomen Angst/Panikattacken, Depressionen und selbst verletzendes Verhalten/Suizidversuche. 52% der Betroffenen, die von gesundheitlichen Folgen berichteten, suchten wegen ihrer gewaltverursachten Verletzungen oder Beschwerden eine medizinische Versorgungseinrichtung auf. Im Fall von häuslicher Gewalt würden 67% aller befragten Patientinnen mit ihrem Arzt darüber sprechen. Etwa 80% aller Frauen befürworten eine Routinefrage zu erlittener Gewalt als Teil der Ersten- Hilfe-Anamnese.
Häusliche Gewalt wirkt sich in vielfältiger Weise auf die Gesundheit von Frauen aus und gilt der WHO zufolge als ein zentrales Gesundheitsrisiko. Erfährt der Gewalthintergrund keine Beachtung im Behandlungskontext, besteht die Gefahr von Über-, Unter- und Fehlversorgung. Auf eine stärkere Berücksichtigung von Gewalt in Anamnese, Diagnostik und Therapie zielt das S.I.G.N.A.L.-Interventionsprogramm. Das Projekt „S.I.G.N.A.L.-Hilfe für Frauen“ ist im medizinischen Bereich ein in Deutschland bislang einmaliges Interventionsprojekt gegen Gewalt an Frauen, das im September 1999 in der Ersten Hilfe des Universitätsklinikums Benjamin Franklin (Charité Campus Benjamin Franklin—CBF) eingerichtet wurde. Ziel des Projekts ist es, häusliche Gewalt als mögliche Ursache und Kontext von Verletzungen, Erkrankungen und Beschwerden zu erkennen und betroffenen Patientinnen eine problemadäquate weiterführende Unterstützung anzubieten. Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, erhalten in der Ersten Hilfe des Klinikums neben der direkten medizinischen Versorgung Gesprächsangebote, Informationen über Zufluchtsmöglichkeiten und Hilfeangebote, Unterstützung bei der Kontaktaufnahme sowie eine umfassende gerichtsverwertbare Dokumentation vorliegender Verletzungen und weiterer Beschwerden.
Hintergrund: Internationale Studien beschreiben den hohen Anteil gewaltbetroffener Frauen sowie verschiedene Risikofaktoren für das Erleiden von häuslicher Gewalt. Für Deutschland liegen bisher kaum Ergebnisse vor. Im Rahmen von S.I.G.N.A.L. wurden erstmals Patientinnen zum Kontext Gewalterfahrung befragt. Ziel war die Ermittlung der Prävalenz, des Versorgungsbedarfs sowie soziodemografischer Faktoren für gewaltbetroffene Frauen. Als Methode wurde eine Querschnittstudie gewählt. Im Frühsommer 2002 wurden für den Zeitraum von sieben Wochen alle Erste Hilfe-Patientinnen anonym von Interviewerinnen mittels standardisiertem Fragebogen in einem Universitätsklinikum in Berlin befragt. Der Auswertung liegen Daten von 806 Frauen zu Grunde, die Responserate beträgt 70%. Ergebnisse: 36,6% der befragten Frauen waren in ihrem Leben mindestens einer häuslichen Gewalthandlung nach dem 16. Lebensjahr ausgesetzt und 4,6% im vergangenen Jahr. 1,5% der Patientinnen suchten die Erste Hilfe wegen den Verletzungen aufgrund von akuter Gewalttaten auf. Häusliche Gewalt setzt sich aus verschiedenen Formen von Gewalt zusammen. Es zeigte sich, dass vornehmlich Familienstand, Partnerschaft, Alter, Bildung und Einkommen relevante Faktoren zur Beschreibung gewaltbetroffener Frauen sind. Diskussion: Die Ergebnisse zeigen das hohe Ausmaß von häuslicher Gewalt unter Erste Hilfe-Patientinnen. Aus den derzeitigen Daten können keine eindeutigen Risikofaktoren erschlossen werden. Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse verweisen auf die Bedeutung von Gewalt als Ursache für Verletzungen und Beschwerden. Daher ist eine Routinebefragung von Erste Hilfe-Patientinnen nach Gewalterfahrung sowie die (flächendeckende) Implementierung von Interventionsprogrammen analog S.I.G.N.A.L. erforderlich.
Hintergrund: Gewalt als bedeutendes Gesundheitsrisiko für Frauen wird in der medizinischen Versorgung nur begrenzt wahrgenommen. Das Modellprojekt „S.I.G.N.A.L. – Hilfe für Frauen“ an der Charité, Campus Benjamin Franklin in Berlin zielt als Interventionsprogramm auf eine verbesserte Gesundheitsversorgung für gewaltbetroffene Frauen. Ziel: Qualität und Wirkungen der Schulungen für Pflegende und Behandelnde wurden im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitforschung evaluiert. Methoden: Insgesamt nahmen 122 Pflegekräfte an zweitägigen Schulungen und 207 Ärzte/innen an Fortbildungen (40–90 Min.) teil. Zur Evaluation der Fortbildungen/Schulungen wurden folgende Datenerhebungen durchgeführt: Standardisierter Fragebogen im Anschluss an die Schulungen (n=44 Pflegekräfte) und Fortbildungen (n=105 Ärzte/-innen), ergänzende Interviews mit Pflegekräften (n=10), Follow-up Erhebung unter Pflegekräften (n=43) und Experteninterviews mit Behandelnden (n=7). Ergebnisse: Die Ergebnisse zeigen Interesse an der Gewaltthematik und die Bereitschaft zur Intervention bei Pflegekräften und innerhalb der Ärzteschaft. Qualitative Interviews und quantitative Befragungen mit den Teilnehmenden lassen erkennen, dass Unterstützungsmöglichkeiten für gewaltbetroffene Frauen verdeutlicht, Handlungssicherheit im Umgang mit der Gewaltthematik gewonnen und Interventionsschritte unternommen wurden. Das Interventionsprogramm S.I.G.N.A.L. wurde als wichtig beurteilt und insgesamt als Bereicherung bewertet. Als gewinnbringend wurden insbesondere Kenntnisse über Hilfsangebote und Unterstützungseinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen angesehen. Diskussion: Im Rahmen des S.I.G.N.A.L. – Projekts wurden Schnittstellen und Interventionsschritte für das ärztliche und pflegerische Personal aufgezeigt und somit ein adäquateres Versorgungsprogramm für Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, entwickelt werden. Schlussfolgerungen: Interventionsprogramme gegen häusliche Gewalt sollten langfristig in Notfallabteilungen aufgebaut werden.
UNLABELLED:To determine the prevalence of domestic violence (DV), sequelae, and the expectancies of support/intervention among female patients receiving medical care within an emergency department (ED), a pertinent inquiry was effected.METHOD:Cross-sectional survey, using trained female interviewers to confidentially administer standardised questionnaires to female patients of the ED of a university hospital in Berlin, Germany. There were 1557 female patients, 18 to 60 years of age, receiving medical care in a hospital ED during 7 weeks in the Spring/Summer of 2002. Of that initial population, 411 women were excluded, 340 refused participation, with N = 806 (70 %) participating in the study. The survey instrument included questions on different kinds of abuse, sequelae (physical and mental), demographic characteristics and the patients' expectations of support by health professionals.RESULTS:57 % of the victims of at least one episode of DV in their lifetime after the age of 16 claimed health consequences. According to the percentage of nominations the sequelae were: mental (54 %), physical (35 %), 32 % both, head injuries (60 %), haematomas/bruises (44 %), and fractures (17 %), injuries from stabbings, gunshots, or burns (10 %), gastrointestinal disorders (23 %), headache/migraine (18 %), and heart disease (15 %). The most frequently reported psychological symptoms were anxiety (32 %), depression (13 %) and suicide/self-mutilation attempts (5 %). 52 % of the victimised women, who reported health consequences, had received medical care in lifetime including: 33 % surgery, 24 % emergency department, and 10 % received clinical treatment. In response to a hypothetical question about a future incidence of DV victimisation posed to all respondents, 67 % claimed that they would discuss it with their physicians, and only 8 % of respondents indicated that they had ever been asked about DV occurrence during any past consultations with a health care professional. Approximately 80 % of all respondents favour a routine inquiry for DV to be included as part of the medical history protocol of the ED.CONCLUSION:The sequelae resulting from DV victimisation of women receiving medical services, suggests the need for intervention(s) within the health care setting. Health professionals must first acknowledge DV as a possible cause of injuries and other health disorders in female patients. Domestic violence screening of female patients within the health care setting can enhance the quality of care for victims. Women's expectations show the acceptability of such interventions.