Im Fokus des Beitrags steht die Reflexion von komplexen Forschungsbeziehungen im Zusammenhang der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Gewalt in Institutionen. Forschungsbeziehungen werden als komplexe soziale Beziehungen bestimmt, deren asymmetrische und zugleich reziproke Interaktionsdynamik in die strukturellen Bedingungen eines Forschungsfeldes eingebettet ist. Vor diesem Hintergrund wird ein Forschungsfeld skizziert, das durch Macht- und Anerkennungskämpfe geprägt ist. Untersucht werden zwei Forschungsbeziehungen, deren Analyse verdeutlicht, wie die Deutungsmacht der Forschung und die Erwartungen von Zeitzeug*innen konfligieren.
Der Aufsatz leistet einen Beitrag zur Geschlechterforschung aus einer wissenssoziologischen Perspektive. Er untersucht Beharrung und Wandel mehrerer Spielarten von Geschlechterwissen (Wetterer) an den Schnittstellen von Sexualität und Geschlecht. Dafür rekonstruiert er Deutungsmuster auf der Grundlage von Expert*inneninterviews mit Fachkräften in der sexuellen Bildung, die bei einer einflussreichen Institution im Feld der Sexualpolitik und Sexualpädagogik beschäftigt sind. Die Rekonstruktion zeigt sowohl binäre Kodierungen, die unter anderem mit Ungleichheit legitimiert werden, als auch Öffnungen und die Überwindung von Binarität. Hierdurch entstehen Handlungsparadoxien in sexualpädagogischen Settings, die darauf verweisen, dass wissenschaftliche Ansätze zur (De)konstruktion von Geschlecht und Geschlechterdifferenz nicht bruchlos an die Praxis sexueller Bildung anschließen können. Mit dem Deutungswissen von sexualpädagogischen Fachkräften müssen Passungen zu bildungspolitischen und pädagogischen Diskursen, aber auch zu alltäglichen Geschlechterdiskursen und den Lebenswelten der Adressat*innen hergestellt werden.
Im Fokus des Beitrags steht das Deutungs- und Handlungswissen von Professionellen in der Schwangerschaftskonfliktberatung bei Pro Familia. Analysiert werden Auszüge aus explorativen Expert*inneninterviews. Die Untersuchung zeigt, dass sich die Interviewten aus einer politischen Perspektive von der gesetzlichen Pflichtberatung distanzieren. Zugleich legitimieren sie jedoch Beratung mit Bezug zu ihrer professionellen Rolle als Berater*innen als generell hilfreiches Angebot. So verschiebt sich die politische Grundsatzkritik im professionellen Diskurs in Richtung einer Affirmation von Beratung im Interesse der zu Beratenden. Zugleich zeigen sich Facetten eines übergreifenden Deutungsmusters: Beratung wird als Möglichkeitsraum der Entlastung, Selbstvergewisserung und Selbstbestimmung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Tabuisierungen und Stigmatisierungen konstruiert. Die Ergebnisse der explorativen Studie schließen damit sowohl an Zeitdiagnosen zur gesellschaftlichen Bedeutung von Beratung als auch an Diskurse feministischer Beratung an.
Im vorliegenden Beitrag wird für das Gefängnis untersucht, wie Konstruktionen von Raum und Konstruktionen von Geschlecht sich wechselseitig hervorbringen. Im Fokus steht das Verhältnis von Männlichkeitskonstruktionen und Vaterschaft in der geschlossenen totalen Institution Strafvollzug. Diskutiert werden verschiedene Raumkonzeptionen, auch unter Bezug auf Befunde einer eigenen qualitativen Untersuchung zu Vaterschaft in Haft. Vaterschaft wird dabei als Gegenentwurf zu gewaltförmiger Hypermaskulinität entworfen und an abgegrenzte Räume gebunden. Die theoretische Reflexion dieses Deutungsmusters von Inhaftierten zeigt hingegen, dass Vaterschaft und Hypermaskulinität relational aufeinander verweisen.
Vor dem Hintergrund demografischer Entwicklungen und Veränderungen in der Kriminalpolitik und Sanktionierungspraxis – vor allem in Bezug auf Sexualdelikte und der Unterbringung in der Sicherungsverwahrung – sind Gefängnisse zu Orten geworden, an denen zunehmend mehr gestorben wird. Sterbeprozesse stellen den Strafvollzug dabei vor neue Herausforderungen. Auf Grundlage einer Pilotstudie, in deren Rahmen sieben qualitative Interviews mit Untergebrachten in der Sicherungsverwahrung geführt wurden, rekonstruieren wir die Bedeutungsdimensionen von Tod und Sterben. Herausgearbeitet werden spezifische Umgangsformen mit Zeitlichkeit und zeitliche Orientierungen in den Interviewerzählungen, wenn es um Endlichkeit im Kontext einer unbefristeten Unterbringung geht. Deutlich wird dabei, dass der offene Zeithorizont dieser Unterbringungsform eng verbunden ist mit den Bedeutungsdimensionen von Tod und Sterben als ein dauerhaft symbolisches Sterben.
Der Beitrag analysiert invektive Emotionalisierungen in einem Verwaltungsdis-kurs. Im Fokus steht der verwaltungsförmige Umgang mit Beschwerden bei der Fallbearbeitung in ge-schlossenen Einrichtungen für Minderjährige der 1960er Jahre in der BRD. In einer exemplarischen Tiefenanalyse wird entlang von widerstreitenden Aussageereignissen über Formen sozialer Kontrolle ein Diskurs aus einer Einzelfallakte freigelegt, der auf grundlegende sozialbürokratische Mechanismen der Abwehr von Kritik verweist. Gekennzeichnet ist dieser Diskurs durch die subtile Wechselwirkung von Diskreditierung und Stigmatisierung von Menschen, denen Abweichungen zugeschrieben werden.
Eine Einführung in den Schwerpunkt
Kleine Anfragen sind das einfachste Instrument parlamentarischer Kontrolle. Sie dienen aber auch der medialen Aufmerksamkeit für Politiker*innen. Dem vorliegenden Beitrag liegt die Analyse von 43 Kleinen Anfragen von Abgeordneten der AfD in Landtagen und im Bundestag zu Geschlechterforschung, Gender Mainstreaming, Gleichstellung und Diversity an Hochschulen und Universitäten zugrunde, die zwischen 2015 und 2019 gestellt wurden. Mittels der wissenssoziologischen Hermeneutik wird rekonstruiert, wie Argumentationslinien antifeministischer Politik im Rahmen eines politischen Kontrollinstruments zur Geltung gelangen. Die Rekonstruktion der latenten Tiefenstruktur der Anfragen deckt auf, wie demokratie- und menschenfeindliche Standpunkte in eine bürokratisch legitimierte Form gebracht werden. In der latenten Dimension zeigt sich dabei ein fortwährendes Wechselspiel von Rationalisierungen und Ressentiments. Sichtbar wird das Streben nach umfassender Kontrolle mithilfe von Klassifikationen und Quantifizierungen mit dem Ziel, die eigenen Vorstellungen einer homogenen und statischen Gesellschaft durchzusetzen. Die Frage-Antwort-Struktur des Instruments Kleine Anfrage stützt hierbei rigide Konstruktionen von letztgültigen ‚richtigen‘ und ‚falschen‘ Wissensfiguren im Diskurs über gesellschaftliche Diversität.
Ansätze der sozial- und kulturwissenschaftlichen Geschlechterforschung stehen in der Kritik, die „biologische Natur“ des Menschen nicht zu berücksichtigen. Dies gilt insbesondere im Zusammenhang von Fragen der Geschlechtersozialisation und angrenzender pädagogischer Felder. Gegen grundlegende Einsichten der Geschlechterforschung werden deshalb neurowissenschaftliche Forschungsbefunde und evolutionspsychologische Annahmen angeführt und als Nachweis dafür geltend gemacht, dass Geschlechterunterschiede stabil und biologisch begründet seien. Im vorliegenden Beitrag wird zunächst an Perspektiven der sozialwissenschaftlichen Geschlechterforschung angeknüpft. Anschließend werden ausgewählte Befunde und Diskussionen der Neurowissenschaften und Evolutionspsychologie analysiert. Im Ausblick wird am Beispiel von Geschlecht dargelegt, warum eine Integration von biologischer Forschung und sozialwissenschaftlicher Sozialisationsforschung problematisch ist.