Zentrales Element hegemonialer Männlichkeit ist die enge Verwobenheit von Männlichkeiten und Erwerbsarbeit, die sich u. a. in der Figur des Ernährers der Familie manifestiert. Weltweit lassen sich Veränderungen feststellen, die Alternativen und neue Möglichkeitsräume erkennen lassen. Die konzeptionelle Einordnung dieser empirischen Phänomene steht allerdings noch am Anfang. Inwiefern es sich dabei um mehr als einen gesellschaftlichen Wandel handelt, sondern um ein grundlegend verändertes „In-der-Welt-Sein“, wollen wir anhand von in Gruppendiskussionen gewonnenen Daten für Deutschland diskutieren. Durch drei Fälle hindurch können wir zeigen, dass die Figur des Ernährers auf der einen Seite als klassisch, traditionell und auch veraltet verstanden und als solche zumindest in Teilen zurückgewiesen wird, auf der anderen Seite lassen sich in diesen Fällen auch Hinweise finden, dass sich der Ernährer nach wie vor zur Hegemonialisierung in der konkreten Praxis eignet. Instruktiv ist die Falldiskussion daher vor allem auch, da die Schilderungen der Diskussionsteilnehmer nachdrücklich verdeutlichen, wie hegemoniale Männlichkeit in der Praxis funktioniert: als Anrufung, der man sich nicht entziehen kann.
Der Anteil von Vätern, die Elternzeit beanspruchen, ist mittlerweile auf über ein Drittel angestiegen. Der Beitrag analysiert Deutungen väterlicher Elternzeitnahme anhand narrativer Interviews mit Paaren, in denen der Vater Elternzeit beansprucht(e). Um Aufschluss über die – zwischen den Partner*innen konsensuellen oder nicht konsensuellen – Deutungen der Elternzeit, Bewertungen von Familien- und Erwerbsarbeit und der paarinternen Arbeitsteilung zu erlangen, fokussiert der Artikel aus einer wissenssoziologisch-sozialkonstruktivistischen Perspektive die (inter-)subjektiven Deutungen und Aushandlungen (im Sinne des „negotiated order approach“) der Elternzeitnahme zwischen den Partner*innen. Es lassen sich folgende Deutungen identifizieren: ökonomisch rationale Begründungsmuster; zeitliche Orientierungsrahmen: die Schaffung persönlicher oder gemeinsamer Freiräume für sich, für das Paar, für die Familie oder für soziale Beziehungen; die Ermöglichung beruflicher Neuorientierungen; die legitime Wahrnehmung eines (mittlerweile) existierenden rechtlichen Anspruches; kurze Elternzeitnahme als Anpassung an wahrgenommene betriebliche Erfordernisse; sowie Elternzeit als (versuchte) Sichtbarmachung von Fürsorgearbeit. Deutlich wird zudem, dass trotz der steigenden Elternzeitnahme von Vätern vielfältige geschlechtliche Ungleichheiten in den Paararrangements bestehen bleiben.
Article Arnd-Michael Nohl, Interview und Dokumentarische Methode. Anleitungen für die Forschungspraxis. 5., aktualisierte und erweiterte Auflage. Wiesbaden: Springer VS 2017, 121 S., kt., 22,99 € was published on July 30, 2019 in the journal Soziologische Revue (volume 42, issue 3).
This article reports on findings of a study of fathers on parental leave in Germany. Drawing on interviews with couples (n=16) and human resource managers in different companies (n=8), we analyze how fathers' parental leave is negotiated between couples and how employers deal with male employees who claim parental leave. We ask for conducive and obstructive factors to paternity leave. We analyze expected and actual workplace problems, parenting models, gender beliefs, and power relations among the couple as factors in the question of paternity leave. In most organizations, two months have become an organizational routine,, but two months also marks the threshold at which these organizations assume being able to manage paternal leave. Among the couple, an extension of paternity leave must be established against an asymmetric cultural tradition of parenthood, which is, despite of a dominant rhetoric of gender equality, still deeply embodied within the everyday routines of most couples.
Im Fokus des Beitrags stehen Forschungen, die Vaterschaft mit Rekurs auf die Kategorie Geschlecht thematisieren. Vier Forschungsfelder werden hervorgehoben: Vaterschaft und Care, Vaterschaft im Machtfeld von Familie und Partnerschaft, Väter und Elternzeit sowie Vaterschaft und Männlichkeit.
Der Beitrag geht der Frage nach, inwiefern Differenzierungen nach Geschlecht und Ethnie sowie daran geknüpfte Ungleichheiten nicht nur infolge kapitalistischen Wirtschaftens herausgebildet werden, sondern dem Kapitalismus strukturell inhärent sind. Ziel ist es, den Verschränkungen sozialer Verhältnisse und den damit verbundenen hegemonialen Deutungen auf die Spur zu kommen. Zu diesem Zweck werden Argumentationen und Erkenntnisse der Regulationstheorie, der feministischen Gesellschaftstheorie und der Men’s Studies ausgelotet und weitergeführt. Es wird gezeigt, in welcher Weise sich andro- und eurozentrische Orientierungen bei der Entstehung des Kapitalismus geltend gemacht und seine historisch besonderen Sozialstrukturen, Sozialordnungen und Dynamiken geprägt haben und prägen. Diskutiert wird dies mit Blick auf die gesellschaftliche Funktions- und Arbeitsteilung, die inner- und zwischengesellschaftlichen Beziehungen sowie die hegemonialen Deutungen, die sich im Kontext der globalen Entwicklung und im Geschlechterverhältnis zeigen. Die kapitalistische Formation muss zwar in historisch unhintergehbarer Weise auch als Form geschlechts- und ethniebasierter Herrschaft verstanden werden; neben herrschaftsförmigen Vermittlungen zeigen sich aber auch Kontingenzen. Es können neue Herrschaftsarrangements entstehen, aber auch Gleichstellungstendenzen beobachtet werden. Ein epistemologischer Ausblick plädiert dafür, die Perspektive über die herrschaftskritische Reflexion auf den eigenen westlich-kapitalistischen Standort hinaus für weitere Betrachtungsweisen zu öffnen.
Anders als das aktuelle öffentliche Interesse richten sich soziologische Analysen zu Wandlungsphänomenen von Erwerbsarbeit und Geschlecht vor allem auf Frauen und weibliche Lebenslagen, während es nur wenige Untersuchungen zu den Auswirkungen auf Männer gibt. Diese legen nahe, dass mit der Erosion industriegesellschaftlicher Erwerbsbedingungen der Kern bisheriger Männlichkeitskonstruktionen herausgefordert wird, u. a. indem es zu einer „Gefährdung“ von Normalitätsvorstellungen kommt. Unsere These ist, dass maßgeblich drei Regulierungsmechanismen an der Stabilisierung des Verhältnisses von Erwerbsarbeit und Männlichkeit beteiligt sind: rekonfiguriertes Normalarbeitsverhältnis, unternehmerisches Selbst und hegemoniale Männlichkeit. Die so (wieder-)hergestellte Ordnung lässt dabei eine Spannbreite zwischen zwei Polen erkennen: ein Festhalten an tradierten Männlichkeitsmustern auf der einen Seite, das Unsicherheiten eher noch verstärkt, und ein hegemoniales Männlichkeitsmuster auf der anderen Seite, welches sich dadurch auszeichnet, dass es die gegenwärtigen Unsicherheiten in einer offensiven und positiven Haltung als Chance zur Gestaltung sieht.