SozW Soziale Welt , Seite 137 - 158
Je mehr die modernen Gesellschaften ihre gegenwartigen Umbruchsund Transformationsprozesse als Ubergang zur „Wissensgesellschaft wahrnehmen und beschreiben, desto klarer wird erkennbar, dass damit auch neue Formen der gesellschaftlichen Gestaltung von und des Umgangs mit Wissen erforderlich werden und sich zum Teil bereits herausbilden. In der sozialwissenschaftlichen Diskussion wird mit Blick darauf seit kurzem von der Emergenz eines neuartigen Politikfeldes, der „Wissenspolitik, gesprochen (vgl. Stehr 2003a, S. 105 ff. sowie die Beitrage in Stehr 2003b). Die Konturen, Ziele, Akteure, Reichweite und moglichen Grenzen einer solchen Politik bleiben bisher jedoch noch recht undeutlich, und zwar gerade dann, wenn man diese nicht mit bereits etablierten Bereichspolitiken wie der Forschungsund Technologiepolitik identifizieren will. Daher bietet Werner Rammerts Beitrag zu den Paradoxien einer innovationsorientierten Wissenspolitik einen interessanten Ausgangspunkt zur weiteren Klarung und Konkretisierung des neuen Feldes. Zudem sind Rammerts Uberlegungen auch in gesellschaftstheoretischer Hinsicht anregend, weil sie die Analyse der Wissenspolitik zu der These zuspitzen, in diesem Feld liesen sich Formen eines neuartigen Typus „fragmentaler beobachten, der die von weiten Teilen der soziologischen Theorie behauptete Dominanz funktionaler Differenzierung in der modernen Gesellschaft erschuttere.
In meinem Beitrag „Jenseits des Wissens?“ hatte ich unter verschiedenen Aspekten Zweifel daran formuliert, das der systemtheoretische Zugriff auf die Thematik des Nichtwissens fur differenzierte soziologische Analysen sonderlich anregend und aufschlusreich ist (Wehling 2001: 474ff.). Klaus Japp last in seiner Replik erkennen, das er darin weniger diskussionswurdige Einwande als vielmehr „Fehlverstandnisse“ sieht, die es auszuraumen gelte. Dennoch scheint er seinen eigenen Argumenten nicht so ganz zu trauen, denn am Ende greift er zu einer recht befremdlichen Hilfsthese. Danach ist die „verbreitete Neigung, systemtheoretischer Argumentation komplett zu widersprechen“, weniger durch inhaltliche Differenzen motiviert als vielmehr durch das Bedurfnis, sich beim mainstream der Soziologie anzubiedern, wobei die Systemtheorie – uberraschend genug – zum outsider stilisiert wird. Diese etwas schlichte „Wissenssoziologie“ hatte zweifellos eine eigene ausfuhrliche Antwort verdient. Aus Platzgrunden beschranke ich mich jedoch auf die inhaltlich strittigen Fragen und konzentriere mich zunachst auf den „Vorwurf“ des Realismus (1.) und die soziologisch relevanten Unterscheidungen von Nichtwissen (2.), um dann eine andere Interpretation des Beispiels BSE zu skizzieren (3.).
Der Begriff des Nichtwissens findet seit einigen Jahren wachsende Aufmerksamkeit in der soziologischen Diskussion wie auch in offentlichen Risikokontroversen. Die erstere Debatte ist Gegenstand des folgenden Literaturberichts. Nichtwissen verweist auf unbekannte und unerwartete Handlungs- und Entscheidungsfolgen jenseits kalkulierbarer Risiken und abschatzbarer Ungewissheiten des Wissens. Immer scharfer gerat dabei das Nichtwissen der Wissenschaft in den Blick, wahrend in fruhen soziologischen Arbeiten das wissenschaftliche Wissen noch den Masstab lieferte, an dem die Unwissenheit der Laien korrigiert werden konnte. Der Bericht bietet einen Uberblick uber die soziologische Diskussion vor allem zum wissenschaftlichen Nichtwissen, macht die konzeptionellen Probleme und Paradoxien sichtbar, die die Thematik aufwirft, und analysiert ausfuhrlicher, wie die Systemtheorie und die Theorie reflexiver Modernisierung Nichtwissen in kontrastierender Weise in gesellschaftsthoretische Uberlegungen einbeziehen. In einem abschliesenden kurzen Ausblick wird die Entwicklung einer Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens vorgeschlagen.