
Die Ottawa-Charta setzte wegweisende Impulse für die Gesundheitsförderung. In Deutschland, Österreich und der Schweiz (DACH-Raum) wurden in der Folge zahlreiche Projekte und projektübergreifende Programme umgesetzt. Die systematische Qualitätsentwicklung von Interventionen in der Gesundheitsförderung ist seither zu einem zentralen Anliegen im DACH-Raum geworden. Sie wurde bislang noch nicht vergleichend beschrieben. Dieser Beitrag zeichnet die Entwicklungslinien der Qualitätsentwicklung in der Gesundheitsförderung in den drei Ländern nach und nimmt eine vergleichende Standortbestimmung vor. Auf der Basis von Expert*innenwissen und einer selektiven Literaturanalyse werden länderspezifische Entwicklungen beschrieben und vergleichend analysiert. Trotz unterschiedlicher rechtlicher und institutioneller Rahmenbedingungen hat die Qualitätsentwicklung in allen drei Ländern deutlich an Gewicht gewonnen. Good-Practice-Kriterien, Praxisdatenbanken sowie die Integration in die Aus- und Weiterbildung haben sich als wichtige Instrumente etabliert. Eine gesetzliche Verankerung, starke nationale Akteure und die Mittelvergabe mit Qualitätsanforderungen wirken als wesentliche Treiber. Eine ausgeprägte Fragmentierung der Qualitätsansprüche und -systeme sowie das Fehlen eines übergreifenden Konsenses stellen weiterhin zentrale Herausforderungen dar. Die Harmonisierung von Referenzsystemen und Qualitätskriterien im DACH-Raum ist anzustreben. Wirkungsmodelle, länderübergreifende Plattformen und die stärkere Verankerung von Qualitätsentwicklung in der Aus- und Weiterbildung von Fachpersonen sind Schlüsselelemente für eine Qualitätskultur in der Gesundheitsförderung.
Auf Länderebene liegen in Deutschland viele Zuständigkeiten für Gesundheit und Krankenversorgung. Mit den Landesvereinigungen für Gesundheit (LVG) existieren in 14 Bundesländern zudem funktionierende zivilgesellschaftliche Organisationen für Gesundheitsförderung und Prävention. Mitgliedseinrichtungen sind relevante Akteure aus dem Gesundheits‑, Sozial- und Bildungswesen sowie die Kommunen und gesundheitsbezogenen Forschungseinrichtungen. Literaturreview und Identifikation von Modellen guter Praxis. Bis zur Verabschiedung der Ottawa-Charta waren diese Landesorganisationen v. a. Einrichtungen der Gesundheitserziehung mit klassischen pädagogischen Aufklärungs- und Qualifikationsansätzen betraut. Ab Anfang der 1990er-Jahre setzte ihr ein Shift ein und die LVG wurden zu einem Innovationsmotor für Gesundheitsförderung in Lebenswelten. Über Modellprojekte und Netzwerkaufbau wurden hier bereits vor Verabschiedung des Präventionsgesetzes wesentliche Entwicklungslinien gebahnt und begleitetet. Mehr gesundheitliche Chancengleich herzustellen ist dabei zentrales Ziel der Arbeit aller LVG. Gerade hier und im Bereich der Etablierung einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik ergeben sich aktuell neue Herausforderungen aufgrund gesamtgesellschaftlicher Entwicklung wie steigenden Armutsquoten, Abbau des Sozialstaates und der Etablierung ökonomischer Wachstumsmärkte für Wellness und „longevity“. Diese erhöhen die gesundheitliche Ungleichheit und führen gleichzeitig zu einem Erstarken klassischer Individualpräventionskonzepte, die auch gesundheitspolitisch eine immer größere Rollen spielen.
Der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) setzt im Sinne der kommunalen Gesundheitsförderung evidenzbasiert Interventionen um, die die Einwohner:innen in ihrem gesunden Verhalten unterstützen. Im Land Bremen werden Gesundheitsfachkräfte an Schulen eingesetzt, die nach dem Sozialmonitoring und den Erkenntnissen aus der Gesundheitsberichterstattung (GBE) priorisiert werden. Dieses Positionspapier ordnet dieses Beispiel der evidenzbasierten kommunalen Gesundheitsförderung nach der Literatur zu School Nurses im internationalen Raum und den praktischen und gesundheitspolitischen Erfahrungen in Bremen ein. Aus den bestehenden und den bisher ungenutzten Ansätzen leiten sich Handlungsempfehlungen ab, wie der ÖGD den Einsatz der Gesundheitsfachkräfte effektiv bewerten und anpassen kann, um die Gesundheit der Kinder und Familien zu fördern. Der ÖGD soll die vorhandenen Informationen aus der GBE und den anderen Ressorts in ihrem Zusammenhang nutzen, um die Interventionen an die Bedarfe der Zielgruppe anzupassen. Die Rolle der Gesundheitsfachkräfte muss den im Setting beteiligten Akteuren bekannt sein, damit sie ihre pflegerische und soziale Expertise anwenden können. Der ÖGD kann hier die Strukturen verbinden und die Synergien der Vernetzung ausschöpfen, indem auch die Akteure aus der Praxis einbezogen werden. Die Implementierung soll bereits im Prozess evaluiert werden, um die Qualität der Intervention in diesem Kontext zu gewährleisten. Nach diesem Vorgehen können Maßnahmen auf Grundlage der verfügbaren Evidenz interdisziplinär in das Setting in der Kommune übertragen und zyklisch angepasst werden. Somit hat der ÖGD das Potential, die Kinder und Familien zu erreichen, effektiv deren Gesundheit zu fördern und langfristig in der Kommune gesundheitliche Ungleichheiten zu mindern.
Vierzig Jahre nach der Ottawa-Charta bilden Chancengerechtigkeit, Empowerment und Partizipation weiterhin die normativen Grundlagen der Gesundheitsförderung (GF). Gleichzeitig führen gesellschaftliche Entwicklungen wie Digitalisierung, Klimawandel und demographischer Wandel zu neuen ethischen Herausforderungen, insbesondere hinsichtlich wachsender Ungleichheiten. Ethische Reflexionskompetenz gewinnt dadurch für Fachpersonen der GF zunehmend an Bedeutung. Ziel des Beitrags ist es, vor dem Hintergrund aktueller ethischer Spannungsfelder und Herausforderungen in der GF aufzuzeigen, wie ethische Reflexionskompetenz in der GF auf Grundlage internationaler Kompetenzrahmen curricular entwickelt und über die Aus‑, Fort- und Weiterbildung hinweg systematisch gefördert werden kann. Der Beitrag verfolgt einen konzeptionellen Ansatz und basiert auf einer narrativen Analyse der Literatur zu ethischen Herausforderungen der GF, der Kompetenzrahmen CompHP und ASPHER sowie beispielhafter curricularer Ansätze zur Vermittlung ethischer Reflexionskompetenz. Die Literatur zeigt, dass Fachpersonen der GF regelmäßig mit ethischen Spannungsfeldern konfrontiert sind. CompHP und ASPHER beschreiben ethische Werte und Reflexionsfähigkeit als integrale Bestandteile professioneller Kompetenz, geben jedoch nur begrenzt Hinweise für deren curriculare Umsetzung. Es zeigt sich, dass ethische Fragestellungen häufig implizit vermittelt werden. Besonders geeignet erscheinen longitudinale Curricula, die ethische Reflexionskompetenz als Querschnittthema verankern und durch Fallbeispiele, reflexionsorientierte Lehrformate sowie interprofessionelles Lernen fördern. Ethische Reflexionskompetenz stellt eine Schlüsselkompetenz professionellen Handelns in der GF dar. Kompetenzrahmen bieten hierfür eine wichtige Orientierung, müssen jedoch durch explizite curriculare Konzepte ergänzt werden, die die Entwicklung professioneller Haltung und ethischer Urteilsfähigkeit über den gesamten Bildungsverlauf hinweg systematisch fördern.
Stress kann sich negativ auf die Schubaktivität und den Krankheitsverlauf bei Patient:innen mit Multipler Sklerose (MS) auswirken. Zudem ist die MS mit psychischen Erkrankungen komorbid. Anhand von einer Fokusgruppe und einem vertiefenden Interview wurde untersucht, welche krankheitsbezogenen Herausforderungen und Stressoren bestehen und welche Wünsche Betroffene an die Versorgungsstrukturen formulieren. Als Stressoren wurden die Diagnosestellung, die Krankheit an sich mit ihren Symptomen, psychische und emotionale Faktoren, das soziale Umfeld sowie Alltag und Beruf identifiziert. Die Patient:innen wünschen sich eine stärkere Integration von Stress als Faktor des Krankheitsverlaufs in die neurologische Behandlung. Darüber hinaus besteht Bedarf an einer integrativen Gesundheitsversorgung mit gezielten Angeboten zur Stressbewältigung und Gesundheitsförderung. Die qualitative Studie macht die krankheitsspezifischen Erfahrungen von MS-Patient sichtbar und liefert relevante Implikationen für eine bedarfsgerechte Versorgung.
Gesundheit ist wesentlich durch soziale Determinanten geprägt und ungleich verteilt. Geflüchtete Frauen weisen dabei ein erhöhtes Risiko für gesundheitliche Beeinträchtigungen auf, da sie multiplen, miteinander verschränkten Belastungen ausgesetzt sind. Ziel des Beitrags ist es, diese intersektionalen Einflussfaktoren auf die Gesundheit zu analysieren und Implikationen für eine bedarfsgerechte Gesundheitsförderung abzuleiten. Der Beitrag basiert auf einem narrativen Literaturüberblick. Relevante Studien und Berichte aus Public Health, Sozialer Arbeit und Migrationsforschung wurden systematisch recherchiert und thematisch entlang zentraler Belastungsdimensionen sowie gesundheitlicher Auswirkungen ausgewertet. Die Analyse zeigt, dass strukturelle Unsicherheit, sozioökonomische Benachteiligung, Diskriminierung, geschlechtsspezifische Rollenanforderungen und migrationsbedingte Stressoren in komplexer Weise zusammenwirken. Diese intersektionalen Belastungen erhöhen das Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen und erschweren zugleich den Zugang zu Gesundheitsversorgung durch sprachliche, rechtliche und institutionelle Barrieren. Für eine wirksame Gesundheitsförderung ist eine konsequent intersektionale Ausrichtung erforderlich. Neben dem Abbau struktureller Zugangsbarrieren bedarf es diversitätssensibler, niedrigschwelliger Angebote sowie der aktiven Einbeziehung geflüchteter Frauen in die Entwicklung von Maßnahmen. Dadurch können bedarfsgerechte Interventionen gestärkt und gesundheitliche Chancengleichheit nachhaltig verbessert werden.
Die digitale Transformation ist für die Entwicklung der Gesundheitsförderung und Prävention nicht folgenlos geblieben. Internetbasierte Informations- und Kommunikationstechnologien prägen heute den Alltag von Menschen und eröffnen neue Möglichkeiten zur Förderung von Gesundheit, zur Prävention von Krankheiten sowie zur Unterstützung gesundheitsbezogener Entscheidungen. Der Beitrag verfolgt das Ziel, die Entwicklungslinien der digitalen Gesundheitsförderung und Prävention nachzuzeichnen und Herausforderungen zu skizzieren. Auf Basis einer narrativen Literatursichtung erfolgt eine konzeptionelle Einordnung digitaler Gesundheitsförderung im Kontext von „Digital Public Health“ sowie eine Einordnung digitaler Anwendungen entlang der 5 Handlungsfelder der Ottawa-Charta. Bisher lässt sich eine starke Ausrichtung digitaler Gesundheitsförderung auf individuelle Verhaltens- und Kompetenzansätze erkennen. Digitale Anwendungen zur Unterstützung gesundheitsbezogener Gemeinschaftsaktionen, gesundheitsförderlicher Lebenswelten, einer Neuorientierung der Gesundheitsdienste sowie einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik sind hingegen weniger entwickelt. Digitale Gesundheitsförderung sollte künftig stärker über individualisierte Informations- und Verhaltensangebote hinausgehen und verstärkt strukturelle, lebensweltbezogene und politikfeldübergreifende Ansätze adressieren. Hierfür bedarf es neben einem einheitlichen Ordnungsrahmen einer Balancierung von Chancen und Risiken digitaler Lösungen.
Digitale und KI-gestützte (künstliche Intelligenz) Technologien besitzen das Potenzial, Arbeitsprozesse in der klinischen Pflegepraxis zu entlasten und beim Kompetenzerwerb zu unterstützen. Gerade der Dokumentationsaufwand wird von Pflegefachpersonen (PFP) als zeitintensiv gesehen und ist Gegenstand vieler Entwicklungen in Forschung und Praxis. Im Projekt Data-Driven-Health (DEAL) wurde daher untersucht, wie PFP ein KI-gestütztes Dokumentations- und Informationssystem in einer praxisnahen Testsituation erleben. Ziel war die Analyse der Erfahrungen und die Ermittlung möglicher Weiterentwicklungsbedarfe aus Sicht von PFP. In einer Evaluationsstudie testeten PFP in einem Skills Lab einen sensor-, kamera- und tabletgestützten Prototyp anhand eines Fallbeispiels. Anschließend wurden leitfadengestützte Interviews geführt. Die Auswertung erfolgte mittels inhaltsstrukturierender qualitativer Inhaltsanalyse anhand MAXQDA. Die 10 Teilnehmenden (männlich: n = 1; mittleres Alter: 39,5 Jahre) sahen ein deutliches Entlastungspotenzial, insbesondere durch Zeitersparnis, eine optimierte Prozessstruktur und schnellerem Informationszugang. Positiv bewertet wurden vor allem das mobile Endgerät sowie die digitalen Formate zur Wissensvermittlung. Zugleich wurden technische Zuverlässigkeit, Datenschutz, Praktikabilität und alltagsnahe Implementierung als zentrale Voraussetzungen benannt. Der Einsatz von Kameras wurde ambivalent zwischen Nutzen und Überwachung wahrgenommen. Die PFP sind gegenüber dem KI-gestützten System aufgeschlossen und sehen darin ein mögliches Entlastungspotenzial. Der Arbeitsprozess und die Wissensvermittlung können zukünftig von entsprechenden Systemen unterstützt werden, wenn sie partizipativ entwickelt, technisch stabil und organisatorisch gut eingebettet werden.
Mit dem Eintritt der Babyboomer:innen in die nachberufliche Lebensphase gewinnen wohnbezogene Determinanten von Gesundheit an Bedeutung. In der Schweiz umfasst diese Kohorte rund ein Viertel der Bevölkerung, zeigt jedoch eine ausgeprägte soziale Heterogenität mit ungleichen Ressourcen und Gesundheitschancen. Ziel des Beitrags ist es, Wohnen als gesundheitsrelevantes Setting zu analysieren. Die Analyse basiert auf einer qualitativen Studie mit 23 wohnbiografisch orientierten Interviews (n = 25) in der Deutschschweiz. Die Auswertung erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse; ergänzend wurden statistische Daten zur Kontextualisierung herangezogen. Das zugrunde liegende Verständnis von Wohnen ist sozialräumlich ausgerichtet. Wohnen erweist sich als Knotenpunkt der Gesundheitsförderung, in dem sich 4 Bedürfnisse bündeln: 1. Eingebundensein, 2. Selbstbestimmung, 3. Selbstausdruck sowie 4. Sicherheit. Ob sich diese Bedürfnisse einlösen lassen, hängt von ungleich verteilten finanziellen, sozialen und kulturellen Ressourcen ab. Wohnkontinuität wirkt kohärenzstiftend, kann aber mit dem Aufschieben notwendiger Anpassungen einhergehen. Soziale Einbindung ist eng an das Wohnumfeld gekoppelt und wird im Lebensverlauf fragil. Die Ergebnisse verdeutlichen Wohnen als integratives Setting im Sinne der Ottawa-Charta. Insbesondere Übergänge wie die Pensionierung sind Fenster für präventive und gesundheitsfördernde Angebote. Gesundheitsförderung sollte stärker sozialräumlich und intersektoral ausgerichtet werden und Wohnbedingungen systematisch einbeziehen.
Psychische Gesundheit im Kindes- und Jugendalter wird wesentlich durch soziale Bedingungen beeinflusst. Die vorliegende Studie untersucht, inwieweit schulische Angebote und Programme zur Förderung der psychischen Gesundheit in Deutschland in der 1. bis 10. Klasse soziale Ungleichheiten berücksichtigen und zur gesundheitlichen Chancengleichheit beitragen. Es wurde eine Analyse von 30 schulischen Angeboten innerhalb der zwei bundesweiten Projektdatenbanken Deutschlands durchgeführt. Sowohl die Selektion der Projekte wie auch deren Bewertung erfolgte nach definierten Kriterien, wobei sich die Bewertung an den Kriterien guter Praxis soziallagenbezogener Gesundheitsförderung orientierte und Zielgruppenbezug, Zielsetzung, Setting, Partizipation und Einbindung von Multiplikator:innen umfasste. Die Mehrheit der untersuchten Angebote adressiert alle Schüler:innen gleich, ungeachtet unterschiedlicher sozialer Ausgangslagen, Bedürfnisse und Zugangsbarrieren, was bestehende Ungleichheiten verstärken kann. Systematische Partizipationsmöglichkeiten sind nur in wenigen Angeboten vorgesehen – obwohl sie Selbstwirksamkeit und damit psychische Gesundheit fördern können und sozial benachteiligte Schüler:innen solche Erfahrungen seltener mitbringen. Verhältnisbezogene Ansätze im Sinne des Setting-Ansatzes sind häufiger anzutreffen, bleiben jedoch meist auf einzelne Ebenen beschränkt. Soll schulische Gesundheitsförderung zur gesundheitlichen Chancengleichheit beitragen, erfordert dies ein explizites Bewusstsein für soziale Ungleichheiten sowie die Verankerung von Chancengleichheit als Ziel – unabhängig davon, ob Angebote oder Programme universell oder selektiv ausgerichtet sind. Verhältnisbezogene Maßnahmen, etwa die Gestaltung eines positiven Schulklimas, haben dabei den Vorteil, sofern mit diesem Bewusstsein konzipiert, dass sie alle Schüler:innen erreichen und dadurch auch sozial benachteiligten Schüler:innen zugutekommen, ohne einzelne Gruppen explizit adressieren zu müssen.
Die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels treten nicht gleichmäßig auf, sondern in Abhängigkeit von Exposition, Vulnerabilität und Anpassungskapazitäten. Sie sind sozial und räumlich ungleich verteilt. Gesundheitsrelevante Risiken entstehen dabei nicht allein durch klimatische Gefahren, sondern durch deren Zusammenwirken mit Lebensbedingungen, die wesentlich durch Stadt- und Ortsentwicklung geprägt werden. Der öffentliche Raum erweist sich in diesem Zusammenhang als zentrales planerisches Handlungsfeld, in dem sich diese Faktoren bündeln und gezielt beeinflussen lassen. Auf Grundlage des Risikokonzepts des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) arbeitet der Artikel Exposition und Vulnerabilität als zentrale Analyse- und Steuerungsgrößen einer klimaresilienten Stadt- und Ortsentwicklung heraus. Anhand ausgewählter Ansätze und Instrumente wird die Integration von Gesundheitsförderung, Klimaanpassung sowie Stadt- und Ortsentwicklung diskutiert und reflektiert. Der öffentliche Raum wird als gemeinsames, sektorübergreifendes Handlungsfeld verstanden, in dem klimatische Belastungen, gesundheitliche Bedarfe und planerische Gestaltungsmöglichkeiten zusammenlaufen. Anhand ausgewählter Ansätze und Instrumente – darunter der Klimaresilienz-Check Gesundheit (KLIC Gesundheit), der Hitzeaktionsplan Bremen–Bremerhaven und der Ansatz „Kluge Straßen“ – wird gezeigt, wie integrierte Planungsansätze Expositionen reduzieren, Anpassungs- und Bewältigungskapazitäten stärken und gesundheitliche Chancengerechtigkeit fördern können. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass wirksame Klimaanpassung über technische Schutzmaßnahmen hinausgeht und eine gerechte Ausrichtung aller Planungsphasen erfordert. Der öffentliche Raum bietet hierfür besondere Potenziale, da dort unterschiedliche gesundheitliche, soziale und klimabezogene Determinanten zusammenwirken. Gemeinsame Werte wie Partizipation, soziale Gerechtigkeit und Verantwortung für besonders belastete Bevölkerungsgruppen bilden eine tragfähige Grundlage für die enge Verschränkung von Gesundheitsförderung, Stadt- und Ortsentwicklung sowie Klimaanpassung. Klimaresiliente Stadtentwicklung kann damit einen wichtigen Beitrag zur Förderung gesundheitlicher Chancengerechtigkeit leisten.
Das betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) gemäß § 167 Abs. 2 SGB IX ist ein zentrales Instrument zur Sicherung von Beschäftigungsfähigkeit. Der Beitrag untersucht, welche psychologischen und prozessbezogenen Faktoren mit Akzeptanz, Prozessverlauf und Ergebnissen des BEM zusammenhängen. Im Fokus stehen Sorgen im Vorfeld, Veränderungen durch das Erstgespräch sowie Prädiktoren von Zufriedenheit und Arbeitsfähigkeit. Es wurden zwei Erhebungen durchgeführt: Eine querschnittliche Befragung zur Analyse statistischer Zusammenhänge sowie eine retrospektive Vorher-Nachher-Erhebung zum Auftakt des BEM. Erfasst wurden Orientierung, Kontrollerleben, soziale Unterstützung, Zufriedenheit mit dem Fallmanagement und Arbeitsfähigkeit. Im Vorfeld zeigt sich ein starker Zusammenhang zwischen Sorgen bezüglich des BEM und geringerer Verbundenheit mit dem Arbeitgeber. Nach dem Erstgespräch berichten Teilnehmende deutliche Verbesserungen in Orientierung, Kontrollerleben und allen Facetten sozialer Unterstützung. Querschnittlich erklärt Kontrollerleben 14
Bei der organisationalen Gesundheitskompetenz (OGK) spielen neben den individuellen Fähigkeiten der Akteure des Gesundheitswesens (u. a. Gesundheitsfachpersonen, Patientinnen und Patienten, Angehörige) auch Strukturen und Rahmenbedingungen von Gesundheitsorganisationen eine entscheidende Rolle. Ziel des Beitrags ist es, 1. die Implementierungsmöglichkeiten des OGK-Konzepts in der Praxis aus Sicht von Beauftragten für Qualitätsmanagement (QMB) herauszuarbeiten und 2. die Kenntnis und Bedarfe von QMB sowie Gesundheitsfachpersonen im Bereich der patientenzentrierten Gesprächsführung und Kommunikationstechniken zu erfassen. Die Datenerhebung erfolgte in zwei Webinaren, die am 05.02.2024 mit 60 QMB und am 11.03.2024 mit 40 QMB überwiegend aus der stationären Versorgung stattfanden. Mithilfe einer digitalen Umfragesoftware wurden insgesamt 15 Fragen (9 Fragen am 05.02.2024 und 6 Fragen am 11.03.2024) gestellt (z. B. „Welche Standards der OGK würden Sie prioritär in Ihren Organisationen umsetzen?“, „Welchen Bedarf haben Sie im Bereich ‚Gesundheitskompetenter Kommunikation‘?“). Die quantitativen Daten wurden deskriptiv ausgewertet und visualisiert. Die qualitativen Daten wurden kodiert und kategorisiert. Die Ergebnisse zeigen, dass die nachhaltige Umsetzung und Implementierung der OGK eine Sensibilisierung der Akteure und Maßnahmen auf Makro‑, Meso- und Mikroebene, eine unterstützende Politik und rechtliche Verankerung erfordert. OGK-Standards können bspw. in Patienten- und Mitarbeiterbefragungen, im Aufnahme- und Entlassmanagement, in Schulungen für Mitarbeitende oder in internen Audits integriert werden. Ein großer Bedarf besteht an Schulungen und Trainings von Gesundheitsfachpersonen zur „patientenzentrierten Kommunikation“. Einige Techniken sind den Befragten bereits bekannt: „gemeinsame Entscheidungsfindung“ (84,0
Die betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) hat sich seit der Verabschiedung der Ottawa-Charta im Jahr 1986 grundlegend weiterentwickelt. Aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen stellen neue Anforderungen an gesundheitsförderliches Handeln im betrieblichen Setting. Der Beitrag stellt die Entwicklung der BGF in Österreich dar und zeigt auf, welche Perspektiven sich für ihre zukünftige Ausgestaltung ergeben. Die Arbeit basiert auf einer Überblicksanalyse zentraler Entwicklungen der BGF in Österreich unter Einbezug wissenschaftlicher Literatur sowie ausgewählter Stakeholder-Statements aus der Praxis. Die Ergebnisse zeigen eine Transformation von verhaltensorientierten Einzelmaßnahmen hin zu einem systemisch verankerten betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM). Vor dem Hintergrund globaler Entwicklungen gewinnt die Verknüpfung von Gesundheit und Nachhaltigkeit zunehmend an Bedeutung. Die Analyse verdeutlicht, dass Nachhaltigkeit neue Anforderungen an die BGF stellt und zugleich Potenziale für deren Weiterentwicklung eröffnet. Eine adäquate Verknüpfung von Gesundheit und Nachhaltigkeit ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe, die strukturelle Veränderungen, bereichsübergreifende Zusammenarbeit sowie konsequentes „capacity building“ erfordert. Dabei erweist sich die Ottawa-Charta weiterhin als relevanter Referenzrahmen. Ihre Grundprinzipien lassen sich im Sinne eines planetaren Gesundheitsverständnisses weiterdenken und eröffnen neue Perspektiven für die zukünftige Ausgestaltung der BGF.
Partizipation ist ein Grundprinzip der Gesundheitsförderung. 40 Jahre nach der Ottawa-Charta ist jedoch weitgehend ungeklärt, wie Partizipation in Förder- und Steuerungsinstrumenten der Gesundheitsförderung institutionalisiert ist. Dieser Beitrag untersucht, inwieweit Partizipation in Policies, Programmen sowie Forschungs- und Praxisförderleitlinien der Gesundheitsförderung im D‑A-CH-Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz) abgebildet ist. Wir haben eine qualitativ-strukturierende Dokumentenanalyse von 35 Dokumenten aus Deutschland (n = 12), Österreich (n = 12) und der Schweiz (n = 11) durchgeführt und diese anhand einer Partizipationsheuristik entlang der Dimensionen Institutionalisierung und Definitionen von Partizipation, Partizipationskultur/-haltung, Partizipationsprozessen als Verankerung von Partizipation in den Phasen des Public Health Action Cylce (PHAC), adressierte Akteursgruppen, angestrebten Veränderungen und Ressourcen bzw. Ermöglichungsbedingungen für Partizipation ausgewertet. Partizipation ist normativ anerkannt, wird in den untersuchten Dokumenten jedoch überwiegend auf der Ebene von Anhörung und Einbezug selektiver Akteursgruppen operationalisiert. Partizipative Machtteilungsformen sind selten und strukturell kaum abgesichert. Partizipation fehlt in bestimmten PHAC-Phasen weitgehend. Ressourcen die Partizipation ermöglichen, sind in der Mehrheit der Dokumente nicht ausgewiesen. Die größte Operationalisierungstiefe zeigen einzelne Forschungsförderleitlinien; Policies und Programme weisen die stärkste normative, aber geringste operative Verankerung auf. Die Befunde zeigen eine systematische Diskrepanz zwischen normativem Anspruch und Umsetzung in den untersuchten Dokumenten. Partizipation ist dabei durchgängig als institutionell eingeräumter Top-down-Prozess angelegt; strukturelle Räume für emanzipatorische, community-initiierte Ansätze fehlen weitgehend. Forschungs- und Praxisförderungsleitlinien sollten Partizipationstiefe präzisieren, Partizipation in allen PHAC-Phasen verankern, Ressourcen standardisieren und Verbindlichkeit einführen, sowie Förderlogiken entwickeln, die Zielgruppen und Communities als eigenständige Initiatorinnen von Gesundheitsförderung anerkennen.
Die Umsetzung lebensweltbezogener Gesundheitsförderung im Rahmen des Präventionsgesetzes (PrävG) ist an komplexe Förder- und Steuerungslogiken gebunden, deren praktische Tragfähigkeit zunehmend hinterfragt wird. Der Beitrag basiert auf einer qualitativen Evaluation des hessischen Landesprojekts „WIR fördern Gesundheit“. Auf Grundlage von leitfadengestützten Expert*inneninterviews und projektinternen Dokumenten analysiert der Beitrag, inwieweit sich strukturelle Spannungen in der Umsetzungspraxis widerspiegeln. Zentrale Anforderungen der Förderlogik – insbesondere hinsichtlich Steuerung, Koordination und gemeinsamer Aushandlungsprozesse – wurden in der Implementierung nur eingeschränkt realisiert. Förderrechtliche Vorgaben führten zu Unsicherheiten auf Umsetzungsebene und begrenzten die inhaltliche Ausgestaltung von Maßnahmen, insbesondere strukturbezogener Interventionen im Sinne des Lebensweltansatzes. Die Ergebnisse verweisen auf Spannungen zwischen konzeptionellem Anspruch im Sinne lebensweltorientierter Gesundheitsförderung und förderrechtlichen Rahmenbedingungen. Insbesondere die Rolle der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) als Steuerungsakteurin konnte nicht erfüllt werden. Die Befunde machen strukturelle Grenzen der aktuellen Förderlogik sichtbar und legen eine breitere institutionelle Verankerung lebensweltbezogener Gesundheitsförderung nahe.
Lehrpersonen übernehmen in der Gesundheitsförderung eine Schlüsselrolle, stehen jedoch zugleich verschiedenen Erwartungen gegenüber. Ziel war es, zu untersuchen, wie Lehrpersonen der Primarstufe in Vorarlberg ihre Rolle in der schulischen Gesundheitsförderung wahrnehmen. Es wurden 7 diskursiv-dialogische Interviews mit Lehrpersonen mithilfe eines halbstrukturierten Interviewleitfadens geführt. Die Transkripte wurden mittels Inhaltsanalyse nach Kuckartz und Rädiker mit der Computersoftware MAXQDA 2024 ausgewertet. Lehrpersonen sehen Gesundheitsförderung als integralen Teil ihres Handelns, zugleich bestehen Spannungen mit curricularen Anforderungen. Verantwortungszuschreibungen variieren je nach Vorgaben, persönlichen Werten und sozioökonomischem Kontext. Zentrale Barrieren sind Zeitmangel, organisatorischer Aufwand, begrenzte Ressourcen und geringe elterliche Partizipation. Es zeigen sich Intra‑, Inter- und Person-Rollenkonflikte in Bezug auf das Thema Gesundheitsförderung. Die dadurch erhöhten Anforderungen sind prädiktiv für Stress, reduzierte Wirksamkeit und könnten die Tendenz zu Priorisierungen zugunsten messbarer Pflichtaufgaben verstärken. Entsprechend sollten Unterstützungsmaßnahmen sowohl kurzfristig (z. B. Supervision, Fortbildungen) als auch langfristig durch multiprofessionelle Kooperationen umgesetzt werden. Weiters sind curricular-politische Maßnahmen pilothaft zu prüfen und zu evaluieren.
Krebsüberlebende berichten von Veränderungen in Sexualität und Intimität, auch über die Behandlungsdauer hinaus. Diese Themen sind in der Gesundheitsversorgung in Deutschland bislang wenig beachtet. In einer explorativen Studie wurden diese Aspekte aus drei komplementären Perspektiven analysiert. Es wurden (1) qualitative Expert*inneninterviews aus Gesundheitsversorgung (n = 6), (2) eine thematische Analyse online verfügbarer Informationsbroschüren (n = 14) sowie (3) eine Medienanalyse mit Beiträgen von drei öffentlich zugänglichen Online-Foren durchgeführt (n = 15 Threads mit 330 Beiträgen). Alle Teilstudien (TS) wurden thematisch ausgewertet. Als deduktives Kategoriensystem dienten die drei Ebenen der Sexual Script Theory (SST): Kulturelle Skripte (Makro), interpersonale Skripte (Meso) und intrapsychische Skripte (Mikro). Die Analysen belegen ein Versorgungsproblem auf allen drei SST-Ebenen: Gesellschaftliche Tabuisierung (Makro) und strukturelle Barrieren in der Versorgung (Meso) verstärken individuelle Scham und Schweigen (Mikro). Ein systemisches Schweigen zeigt sich: Betroffene bringen das Thema selten ein, Fachpersonal spricht es nicht proaktiv an. Es fehlt an Versorgungsstrukturen mit Raum zur Thematisierung. Informationsmaterialien rahmen Sexualität überwiegend medizinisch-funktional. In Online-Foren findet ein Austausch statt, der die Versorgungslücke aus der Perspektive Betroffener deutlich macht. Die Befunde unterstreichen den Bedarf an weiterführender Forschung und einer systematisch verbesserten Versorgung im Bereich Sexualität und Intimität nach einer Krebserkrankung.
Patient*innen in der medizinischen Rehabilitation bilden eine vulnerable Gruppe, da sie aufgrund ihrer Vorerkrankung(en) einem erhöhten klimawandelbedingten Gesundheitsrisiko ausgesetzt sind. Reha-Praktiker*innen (RP), d. h. Personen, die in Einrichtungen der medizinischen Rehabilitation tätig sind, benötigen daher klimabezogene Schulungskompetenz (kSK), um Rehabilitand*innen zum Umgang mit diesen Risiken zu befähigen. Diese Kompetenzen sollen zukünftig im Rahmen einer zu entwickelnden Fortbildung erworben werden. Vor diesem Hintergrund war es das Ziel, die Einstellungen und Kenntnisse von RP zum Thema „Klimawandel und Gesundheit“ (KuG) sowie Bedürfnisse und Anforderungen an eine Fortbildung zu diesem Thema zu erfassen. Von August bis Oktober 2025 wurde eine quantitative Online-Befragung unter RP durchgeführt. Der iterativ entwickelte Fragebogen bestand überwiegend aus geschlossenen Fragen. Die Stichprobe (n = 417) ist vorwiegend weiblich (65
Auszubildende in der Pflege sind während ihrer Ausbildung erheblichen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt. Studien berichten übereinstimmend über ungesunde Verhaltensweisen, eingeschränkte körperliche Fitness und ein frühes Auftreten gesundheitlicher Beschwerden. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, wurde an einer Berufsfachschule für Pflege die Unterrichtseinheit „Personal Fitness – Gesundheitsmanagement“ implementiert. In der vorliegenden Studie wurde nach dem Gesundheitszustand und der körperlichen Leistungsfähigkeit gefragt. Zwischen 2018 und 2023 wurde eine Querschnittbefragung unter volljährigen Auszubildenden in den Ausbildungsgängen Gesundheits- und Krankenpflege (GKP), generalistische Pflege (PFF) und Krankenpflegehilfe (KAH) durchgeführt. Der Fragebogen erfasste demografische Daten, Einschätzungen der persönlichen Fitness und der subjektiven Gesundheit sowie selbstberichtete gesundheitliche Beschwerden. Gültige Antworten (n = 242) wurden mit SPSS 28 analysiert. Zu den statistischen Verfahren gehörten der χ2-Test und der exakte Test nach Fisher, wobei ein Signifikanzniveau von p < 0,05 festgelegt wurde. Männliche Auszubildende trieben signifikant häufiger Sport als weibliche (1,8 ± 2,1 vs. 1,0 ± 1,7 Einheiten/Woche). Zudem bewerteten Männer ihren subjektiven Gesundheitszustand positiver (2,4 ± 0,9 vs. 2,7 ± 0,9). Es zeigte sich eine negative Korrelation zwischen der Häufigkeit sportlicher Aktivität und schlechteren Gesundheitsbewertungen (r = –0,368; p < 0,001). Frauen berichteten signifikant häufiger mindestens eine gesundheitliche Beschwerde und wiesen höhere Prävalenzen von Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen und Kopfschmerzen auf, während Männer häufiger unter kardiovaskulären Problemen und Asthma litten. Auszubildende in der Pflege erleben bereits in jungen Jahren erhebliche gesundheitliche Belastungen, wobei deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede in körperlicher Aktivität und gesundheitlichen Beschwerden bestehen. Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit zielgerichteter, geschlechtersensibler Maßnahmen der Gesundheitsförderung innerhalb der Pflegeausbildung.