
Die psychotherapeutische Aus- und Weiterbildung ist durch die Psychotherapiereform im Umbruch und aufgrund der ungeklärten Finanzierung aktuell von Unsicherheiten geprägt. Zugleich verändern digitale Technologien die Erwartungen von Patient:innen sowie die Rahmenbedingungen professionellen Handelns. Multimodale Sprachmodelle – also Künstliche Intelligenz(KI)-Systeme, die Text, Sprache oder Bilder verarbeiten und generieren können – eröffnen neue Möglichkeiten für Lehre, Supervision und Selbsterfahrung in der psychotherapeutischen Aus- und Weiterbildung. Der Beitrag untersucht, welches Potenzial (multimodale) Sprachmodelle für die psychotherapeutische Ausbildung haben und unter welchen didaktischen, relationalen und ethischen Bedingungen ihr Einsatz sinnvoll erscheint. Unter Berücksichtigung der aktuellen Forschungslage findet eine narrative Einordnung professionsbezogener Ausbildungsziele und technischer Grundlagen generativer KI statt. Mögliche Anwendungsszenarien werden anhand didaktischer Kriterien der psychotherapeutischen Aus- und Weiterbildung diskutiert und im Sinne von Kompetenzaufbau, Beziehungsgestaltung, Emotionssensitivität und ethischen Sicherungsmechanismen bewertet. Sprachmodelle können als Simulationspartner, Feedbacksysteme, Wissensressourcen oder Reflexionshilfen in der Aus- und Weiterbildung eingesetzt werden. Multimodale Systeme ermöglichen realitätsnahe Gesprächssimulationen (Chatbots, Avatare, „conversational AI“). Gleichzeitig bestehen Grenzen hinsichtlich Empathie, Verantwortlichkeit, Datenschutz und Verzerrungen. Künstliche Intelligenz kann die Aus- und Weiterbildung ergänzen, jedoch nicht die interpersonelle Erfahrung ersetzen. Entscheidend sind eine curriculare Einbettung, transparente Sicherungsmechanismen und eine professionelle Haltung, die technologische Innovation kritisch-reflektiert integriert.
Selbstkritische innere Stimmen sind ein schulenübergreifendes Phänomen in der Psychotherapie, das in unterschiedlicher Terminologie beschrieben, aber strukturell kongruent konzeptualisiert wird. Transtheoretische Konvergenz im Umgang mit selbstkritischem innerem Dialog darzustellen und den klinischen Nutzen kulturell vertrauter Sprache als Zugangsmittel zu begründen. Konzeptuelle und narrative theoretische Synthese auf Basis kanonischer Primärliteratur der relevanten Schulen sowie empirischer Befunde zu Rumination, innerem Spracherleben und metakognitiver Dysregulation. Liedzeilen dienen als kulturelles Illustrationsmaterial, nicht als empirische Evidenz. Psychoanalytische, kognitiv-behaviorale, metakognitive, die Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT)-basierte, Compassion-fokussierte (CFT) und teilebasierte Modelle beschreiben strukturell kongruente Erscheinungsformen desselben Phänomens und verfolgen dieselbe therapeutische Grundbewegung: Veränderung der Beziehung des Subjekts zu seinen inneren Stimmen, nicht deren Elimination. Kulturell vertrautes Vokabular, insbesondere Songtexte, kann als entstigmatisierender Einstieg in die Arbeit mit innerem Dialog genutzt werden. Bei Risiko für psychoseassoziiertes Stimmerleben ist eine differenzialdiagnostische Klärung vorauszustellen; dies schließt den therapeutischen Einsatz kultureller Sprache bei Menschen mit Psychoseerfahrung nicht grundsätzlich aus.
Große Sprachmodelle (Large Language Models, LLM) erlauben es, Textmaterial aus Therapiesitzungen systematisch auszuwerten und in standardisierte Ratings zu überführen. Die vorliegende Studie untersucht, ob das LLM-basierte Multiagentensystem Psychological Rater Artificial Intelligence (PsyRAI) zur automatisierten Bewertung klinischer Basisfertigkeiten entwickelt werden kann. Ausgangspunkt ist die Clinical Micro-Skill Training Scale (CMST), mit der kommunikative, interpersonale sowie prozess- und zeitmanagementbezogene Fertigkeiten angehender Psychotherapeut:innen bewertet werden. Analog zur Schulung menschlicher Rater:innen wurden die Bewertungsregeln der CMST in eine Prompt-Struktur übertragen und iterativ evaluiert. Grundlage dieser Evaluation bildete eine Entwicklungsstichprobe von 150 videobasierten Therapeut:innenreaktionen, die zuvor automatisch transkribiert wurden. Die Übereinstimmung zwischen KI- und menschlichen Ratings wurde über Intraklassenkorrelationen (ICC) bestimmt und mittels eines permutationsbasierten Nullmodells gegen Zufallsschwankungen abgesichert. Die Baseline-Prompts des Systems erreichten zunächst geringere Übereinstimmungen mit den menschlichen Ratings, diese konnten jedoch durch iterative Prompt-Optimierung deutlich gesteigert werden (ICC ≈ 0,60). Dabei zeigte sich, dass unterschiedliche Items der CMST unterschiedliche Prompt-Strukturen erfordern. Die Ergebnisse legen nahe, dass LLM-basierte Ratings klinischer Basisfertigkeiten prinzipiell möglich sind, jedoch eine sorgfältige instruktionale Spezifikation und psychometrische Evaluation voraussetzen. Das System PsyRAI kann damit eine Grundlage für skalierbare Kompetenzrückmeldungen in der Aus- und Weiterbildung von Psychotherapeut:innen darstellen, deren Nutzen und Wirksamkeit in zukünftigen Studien weiter geprüft werden sollte.
Die zunehmende Verbreitung von generativer KI ermöglicht neue Anwendungsfelder in der Psychotherapie. Dazu zählen 1. Chatbots für eine direkte Interaktion der Patient:innen mit einer KI, 2. Trainingsanwendungen für Therapeuten, bei denen Therapeut:innen mit simulierten KI-Patienten üben können und 3. Augmentationsanwendungen, bei denen Therapeut:innen durch automatisierte Dokumentation oder Feedback- und Entscheidungshilfen unterstützt werden. Gleichzeitig bestehen ethische Risiken durch Datenschutzprobleme, schädlichen Output und Sekundärnutzung klinischer Modelle. In der Psychotherapieambulanz der Universität Osnabrück entwickeln wir unter Berücksichtigung dieser Risiken einen neuen Ansatz zur Therapeut:innen-Augmentation über eine KI-gestützte Feedbackanwendung. Basierend auf robusten inkrementellen Wirkeffekten von Feedback in der Psychotherapie sowie etablierter Forschung zur automatischen Identifikation von therapeutischen Konstrukten in Psychotherapietranskripten erhalten Therapeut:innen Feedback zu Interventionsqualität und Wirkmechanismen. Das Feedback wird mit den Patient:innen besprochen, um eine informierte partizipative Entscheidungsfindung zu fördern. Technische Details sowie ethische und klinische Aspekte der Implementierung werden dargestellt. Abschließend wird ein Ausblick auf zukünftige Entwicklungen und Evaluation der Feedbackanwendung gegeben.
Der Resilienzbegriff hat als Antwort auf eine als fragil erlebte Welt eine hohe Popularität gewonnen. Als Ergebnisse von Resilienz werden oft die Wiederherstellung psychischer Stabilität und die Förderung zukünftiger Bewältigungsfähigkeit genannt; dies sind auch Ziele von Psychotherapie. Viele sogenannte Resilienzfaktoren zeigen zudem Nähe zum Modell einer reifen Persönlichkeit. Resilienz hängt jedoch auch in hohem Maße von sozialen und strukturellen Bedingungen ab. Vorsicht ist geboten bei einer unkritischen Idealisierung von Resilienz, da sie Vulnerabilität abwerten und Verantwortung einseitig individualisieren kann. In der Psychotherapie kann Resilienz durch eine ressourcenorientierte Haltung gefördert werden. Auch das bewusste Wahrnehmen und Integrieren von Ambivalenz kann zum Umgang mit Widrigkeiten beitragen. Dabei eröffnet eine interdisziplinäre Perspektive neue Möglichkeiten, Ambivalenz zu verstehen und Ambivalenzkompetenz zu fördern.
Beziehungen zu Influencern und KI-basierten Systemen prägen zunehmend alltägliche Erfahrungs- und Beziehungsräume. Mediatisierte Formen sozialer Interaktion werden als parasoziale Interaktionen bezeichnet. Welche spezifischen Wirkweisen und Funktionen haben parasoziale Beziehungen in digitalen Kontexten? Worin besteht ihr gegenwärtig Neues? Welche Gefährdungspotenziale für zwischenmenschliche Intimität ergeben sich daraus, und welche therapeutischen Implikationen lassen sich ableiten? Der Beitrag systematisiert aktuelle Befunde zu Auswirkungen und Mechanismen von Parasozialität und diskutiert Dynamiken und Funktionen entlang von Social Media und KI. Parasozialität ist emotionalisiert, interaktiv, suggeriert Authentizität, Kompetenz und personalisierte Beziehung. Forschungsarbeiten legen eine ergänzende und ersetzende Funktion parasozialer Beziehungen in vier zentralen Beziehungsbereichen nahe: (1) Selbstöffnung, (2) Suche nach Zugehörigkeit/Annahme, (3) Regulation und emotionale Bewältigung sowie (4) Identitätsarbeit und Entwicklungsaspekte. Für psychotherapeutische Kontexte wird eine abwägende, kontextsensitive Perspektive vorgeschlagen: Parasoziale Beziehungen bieten diagnostischen Zugang. Sie können als Ressource genutzt werden, gleichzeitig zeigen sich dysfunktionale Nutzungsmuster wie emotionale Abhängigkeit, Vermeidung realer Beziehungen und anthropomorphe Zuschreibungen. Es sollte eine reflektierte Auseinandersetzung mit Ursachen, Nutzungsmodi und -funktionen von Patientinnen und Patienten erfolgen.
Digitale Interventionen zur Förderung der psychischen Gesundheit bieten hohe Skalierbarkeit, bleiben jedoch häufig generisch. Datengetriebene Personalisierung auf Basis hochfrequenter Alltagsdaten – sog. „ecological momentary assessments“ (EMAs) – könnte Interventionen kontextsensitiv anpassen, erfordert aber technische, nutzungs- und modellierungsbezogene Umsetzbarkeit unter Alltagsbedingungen. Es erfolgte die Prüfung der Umsetzbarkeit eines adaptiven, KI-basierten Personalisierungssystems zur Zuweisung ambulatorischer mHealth(„mobile health“)-Interventionen („ecological momentary interventions“ [EMI]) im Reallabor AI4U. In 3 mikrorandomisierten kontrollierten Studien wurden über 40 Tage EMAs erhoben und EMIs zugewiesen. Pro Person (n = 145) wurde täglich ein nichtlineares Zeitreihenmodell trainiert, das EMI-Vorschläge generierte. Primäre Umsetzbarkeitskriterien waren technische Stabilität, EMA-Compliance und Eignung der Zeitreihendaten für individualisierte Modellierung. Die mediane EMA-Compliance betrug etwa 50
Obwohl Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) bei Zwangsstörung sehr wirksam ist, profitieren nicht alle Behandelten in der geplanten Behandlungsdauer ausreichend. Führt die Verlängerung von KVT nach regulärer Behandlungsdauer zu einer bedeutsamen Reduktion der Schwere von Zwangssymptomen? Analyse der Evaluationsdaten von Routinebehandlungen, die nach 40 Sitzungen nicht zur Remission geführt haben und verlängert wurden. In der Verlängerungsphase verringerte sich die Symptomschwere mit großer Effektstärke. In der Verlängerung erreichten 43
Dieser Beitrag stellt mit Bezug auf die Befundlage von Outcome- und Prozessfeedback die Ergebnisse einer anonymisierten Online-Befragung von 53 Psychotherapeut*innen und 31 Patient*innen dar. Die Befragten arbeiteten mit dem Synergetischen Navigationssystem (SNS), das hinsichtlich der verwendeten Fragebögen und der Abtastrate generisch, also flexibel ist. Die Routinepraxis der Befragten (ambulante, teilstationäre, stationäre Psychotherapie) nutzt neben seltenen Messungen (monatlich, prä-post) immer auch hochfrequentes Monitoring, d. h. tägliche Selbsteinschätzungen, wobei die resultierenden Zeitreihen und Diagramme mitlaufend analysiert und mit den Patient*innen während der Sitzungen besprochen werden. Diese intensive Form des Feedbacks wird mit dieser Befragungsstudie auch auf Praktikabilität und Machbarkeit geprüft. Aus Sicht der Befragten resultiert ein vielfältiger (subjektiv erkennbarer) Mehrwert aus der praktischen Anwendung des SNS, der sich unter anderem auf die Verstärkung der Therapiemotivation und der Therapiebeziehung, auf die Unterstützung von Selbstreflexion und Selbstkontrolle/-regulation oder auf die Verfügbarkeit zusätzlicher relevanter Informationen für die Prozessgestaltung bezieht („roter Faden“). Therapeut*innen und Patient*innen berichten von diesen positiven Effekten weitgehend übereinstimmend, unabhängig vom Setting, der Therapierichtung und den Diagnosen. Am Ende des Beitrags werden verschiedene Kriterien für die Anwendung und Implementierung von Prozessfeedback in der Psychotherapie benannt, die für dessen praktischen Erfolg von Bedeutung sein können.
Die Körperdysmorphe Störung (KDS) ist durch eine anhaltende Beschäftigung mit vermeintlichen oder geringfügigen körperlichen Makeln gekennzeichnet. Vor dem Hintergrund der Neuklassifikation zu den „Zwangsstörungen und verwandten Störungen“ in der ICD-11 werden gemeinsame, transdiagnostische Konstrukte empirisch geprüft. Ziel der Studie war es zu prüfen, ob Personen mit körperdysmorpher Symptomatik eine ausgeprägtere Unsicherheitsintoleranz (UI), interozeptive Dysfunktionen und verstärkten Selbstekel im Vergleich zu Personen ohne erhöhte KDS-Symptomatik erleben, und wie stark diese mit der KDS-Symptomschwere assoziiert sind. Insbesondere UI, aber auch Unsicherheit in Bezug auf interozeptive Signale, könnten Sicherheitsverhalten begünstigen. Hierfür wurden N = 102 Frauen mittels Selbstberichtsinstrumenten für Unsicherheitsintoleranz (UI-18), Facetten der Interozeption (MAIA-2) und Selbstekel (FESE) befragt. Die klassifikatorische Diagnostik der KDS erfolgte auf Basis des diagnostischen Interviews BDDDM und die der Symptomschwere mit dem halbstrukturierten klinischen Interview BDD-YBOCS. Es zeigte sich, dass sich Personen mit (sub)klinischer KDS (n = 53) im Ausmaß von Unsicherheitsintoleranz, Selbstekel und einzelnen Facetten der Interozeption signifikant von nicht von KDS betroffenen Personen (n = 49) unterschieden (p’s < 0,05). Die Symptomschwere (BDD-YBOCS) war mit UI (r = 0,28), Selbstekel (r = 0,44) sowie mit Facetten der Interozeption (r = −0,22 bis −0,52) assoziiert. Trotz des querschnittlichen Designs unterstreichen die Ergebnisse die Notwendigkeit, die Konstrukte als begünstigende und aufrechterhaltende Einflussfaktoren für die KDS weiter zu untersuchen.
Körperbezogene repetitive Verhaltensweisen (engl. Abkürzung: BFRBs) werden im deutschsprachigen Raum bislang nicht durch strukturierte klinische Interviews abgebildet. Ziel ist die Entwicklung, Pilotierung und Überarbeitung eines BFRBs-Zusatzmoduls für das Diagnostische Interview bei Psychischen Störungen-Open Access (DIPS-OA). Auf Basis der DSM-5-Kriterien wurde ein strukturiertes BFRBs-Zusatzmodul für das DIPS-OA entwickelt, mit den Untermodulen Trichotillomanie, Dermatillomanie und weitere BFRBs. Es erfolgte eine mehrstufige qualitative und quantitative Evaluation durch Expert:innen und Psychotherapierende (N = 14) mit anschließender Überarbeitung des Moduls. Der Bereich zu Dermatillomanie wurde (N = 78) pilotiert und psychometrisch evaluiert. Die qualitative Evaluation des gesamten Zusatzmoduls durch Expert:innen identifizierte gezielte Optimierungsbedarfe. In der zweiten Evaluation wurde die überarbeitete Version insgesamt gut bis sehr gut bewertet (Mdn = 1,5). Die Pilotierung des Bereichs Dermatillomanie zeigte eine sehr hohe Interrater-Reliabilität (κ = 0,87). Ein Fallbeispiel verdeutlicht die klinische Anwendbarkeit und inhaltliche Passung des Moduls. Die Ergebnisse der Pilotbefunde sind nur als vorläufige Hinweise zu interpretieren, da die umfassende Evaluation des gesamten Zusatzmoduls aktuell noch durchgeführt wird. Mit dem DIPS-OA-Zusatzmodul für BFRBs steht erstmals ein deutschsprachiges strukturiertes Interview zur Diagnostik körperbezogener repetitiver Verhaltensweisen zur Verfügung, welches nach umfassender psychometrischer Evaluation die Versorgungslage von Personen mit BFRBs verbessern kann.
Personen mit körperbezogenen repetitiven Verhaltensweisen (body-focused repetitive behaviors, BFRBs) erhalten zumeist keine adäquate, evidenzbasierte Behandlung, was unter anderem auf Wissenslücken des Fachpersonals sowie Schamgefühle bzw. Selbststigmatisierung der Betroffenen zurückzuführen ist. Daher wurde eine Online-Schulung entwickelt, die primär Fachpersonal über Ätiologie, Diagnostik und evidenzbasierte Behandlungsansätze von BFRBs aufklärt. In der vorgestellten Studie wurde untersucht, ob Fachpersonal und Betroffene in Form von Wissenszuwachs (untersucht für beide Gruppen) und Symptomverbesserung (untersucht nur für Betroffene) von der Schulung profitieren können. Es wurde eine einarmige Machbarkeitsstudie mit einer Stichprobe von 44 Betroffenen und 32 Fachpersonen aus dem medizinischen, psychotherapeutischen und wissenschaftlichen Bereich durchgeführt. Wissen über BFRBs (bei beiden Gruppen) sowie die Symptomschwere (bestimmt mittels Generic Body-Focused Repetitive Behavior Scale 8, GBS‑8; nur bei Betroffenen) wurden vor und nach dem Online-Training erfasst. In beiden Gruppen konnte ein signifikanter Wissenszuwachs mit großer Effektstärke (ηp2 = 0,261) festgestellt werden; bei den Betroffenen zeigte sich zudem eine deutliche Abnahme der Symptomatik, ebenfalls mit großer Effektstärke (d = 0,87). Ein signifikanter Zusammenhang wurde zwischen der Anzahl bearbeiteter Module und dem Wissenszuwachs festgestellt, jedoch nicht zwischen der Anzahl bearbeiteter Module und der Symptomverbesserung bei den Betroffenen. Das Fehlen einer Kontrollgruppe schränkt die Aussagekraft der Ergebnisse ein; die signifikanten Effekte rechtfertigen aber die Durchführung einer kontrollierten Folgestudie, insbesondere wegen des bestehenden Bedarfs an optimierten Behandlungsangeboten für BFRBs.
Kognitiv-behaviorale Modelle der Krankheitsangststörung (KAS) postulieren, dass körperbezogenes Kontrollverhalten („Body Checking“, BC) kurzfristig Angst reduziert, langfristig aber zur Aufrechterhaltung der Störung beiträgt. Diese Annahmen wurden unter natürlichen Alltagsbedingungen bislang nur unzureichend empirisch geprüft. Untersuchung kurz- und längerfristiger Effekte von BC als Sicherheitsverhalten im Alltag bei Personen mit KAS. In zwei Feldstudien wurden bei Personen mit KAS und gesunden Kontrollpersonen Veränderungen emotionaler, kognitiver und psychopathologischer Zustände untersucht. In Studie 1 (N = 67) erfolgte die Erfassung unmittelbar vor, während und nach spontanen Checking-Episoden im Alltag sowie in Kontrollsituationen ohne BC. In Studie 2 (N = 30) wurde die individuelle Checking-Frequenz in einem experimentellen Cross-over-Design jeweils 3 Tage lang beibehalten oder gezielt erhöht. Zustandsmaße wurden vor und nach jeder Bedingung erhoben. Spontanes BC war mit akuten Anstiegen negativer Zustände verbunden, die während des Checkings einen Peak erreichten und anschließend abnahmen, jedoch gegenüber Kontrollsituationen erhöht blieben (p < 0,001, ηp2 ≥ 0,009). Eine experimentelle Erhöhung der Checking-Frequenz ging bei Personen mit KAS mit erhöhtem negativem Affekt einher (p = 0,04, η2G = 0,01), insbesondere Hilflosigkeit (p = 0,01). Die Befunde sprechen teilweise für eine kurzfristig emotionsregulierende Funktion des BC relativ zum während des Checking erreichten Belastungsmaximum, weisen jedoch zugleich auf akute Anstiege emotionaler Belastung und zusätzliche negative Effekte bei erhöhter Frequenz hin, während mögliche entlastende Effekte bei gewohnter Frequenz eher vorübergehender Natur sein könnten.
Ekel ist eine zentrale, aber in der Zwangsstörungsforschung lange unterrepräsentierte Emotion und trägt besonders bei kontaminationsbezogener Zwangsstörung (C-OCD) zur Aufrechterhaltung von Wasch- und Vermeidungsverhalten bei. Obwohl Exposition mit Reaktionsverhinderung (ERV) Goldstandard der Behandlung ist, zeigen sich relevante Nichtremissionsraten. Bei Waschzwängen könnte dies unter anderem daran liegen, dass Ekel im Vergleich zu Angst als löschungsresistenter gilt. In der vorliegenden Arbeit werden vier Prozessfaktoren beschrieben, die das Ausbleiben von Behandlungserfolg bei ekelbezogenen Problematiken erklären können: valenzstabiler Erwerb über evaluative Konditionierung, schwer erfahrbare Erwartungsverletzung, mangelnde Reizverarbeitung durch Aufmerksamkeitsvermeidung sowie starke Kontaminationsüberzeugungen. Darauf aufbauend werden ekelspezifische Anpassungen der Expositionstherapie sowie selektive Zusatzinterventionen (Gegenkonditionierung, positive Stimmungsinduktion, kognitive Neubewertung, strukturierte kognitive Programme, die Beeinflussung kognitiver Verzerrungen sowie imaginative Methoden) vorgestellt. Abschließend werden ein prozessbasiertes, stufenweise angeordnetes Vorgehen und eine Forschungsagenda vorgeschlagen, um die aufrechterhaltende Funktion von Ekel in C‑OCD systematisch zu untersuchen.
Mit Aufnahme der Olfaktorischen Referenzstörung (ORS) in die ICD-11 erhöht sich die Dringlichkeit, störungsaufrechterhaltende Faktoren zu identifizieren und zu verstehen. Im ersten publizierten kognitiv-behavioralen Störungsmodell fehlen bisher ausreichende wissenschaftliche Belege für die Integration von störungsspezifischen Kognitionen und Verhaltensweisen. Ziel der Studie ist eine explorative Analyse störungsspezifischer Kognitionen und störungsspezifischen Verhaltens in zwischenmenschlichen Situationen unter Verwendung der Reflexive Grounded Theory. Innerhalb der Hochschulambulanz einer Universität wurden halbstrukturierte, narrative Interviews mit N = 4 Personen mit gesicherter ORS-Diagnose durchgeführt. Die Analyse und Kontrastierung der Interview-Transkripte ergab die drei Oberkategorien Subjektiver Kontrollverlust, Erwartete soziale Ablehnung und Kognitive Dissonanz zur Beschreibung störungsspezifischer Kognitionen. Störungsspezifisches Verhalten konnte in die vier Oberkategorien Sicherheitsverhalten zur Beeinflussung des Geruchs, Zwischenmenschliches Sicherheitsverhalten, Vermeidung von potenziell negativem Feedback und Inkaufnahme sozialer Kosten zusammengefasst werden. Zusätzlich wurde die Oberkategorie Emotionen gebildet. Aus den Kategorien wurde ein Aufrechterhaltungsmodell erstellt, welches die einzelnen Faktoren zueinander in Beziehung setzt. Die Ergebnisse können das bestehende kognitiv-behaviorale Störungsmodell erweitern. Außerdem ergeben sich therapeutische Ansätze zur Behandlung der ORS. Weitere Forschung ist nötig, um die Beziehung der Faktoren zueinander zu validieren.
Eltern mit psychischen Erkrankungen stehen in ihrer Elternrolle vor spezifischen Herausforderungen, die in der psychotherapeutischen Versorgung häufig unzureichend berücksichtigt werden. Digitale, zielgruppenspezifische Angebote können eine niedrigschwellige Ergänzung sein, um elterliche Kompetenzen zu stärken und Belastungen zu reduzieren. Ziele waren die partizipative Entwicklung eines transdiagnostischen digitalen Elterntrainings (TEPSY) für psychisch belastete Eltern sowie die erste Untersuchung der Nutzungserfahrungen. Gemeinsam mit psychisch belasteten Eltern wurde eine App mit 10 Modulen zu elternschaftsrelevanten Themen wie Stress, Emotionsregulation und Kommunikation entwickelt. In einer qualitativen Machbarkeitsstudie wurden die Rückmeldungen der Teilnehmenden zu den Inhalten in Bezug auf Akzeptanz, Verständlichkeit und Nutzen untersucht. Die Rückmeldungen zeigten eine hohe Akzeptanz und Verständlichkeit der Inhalte. Ansprache und Inhalte der App wurden als entlastend wahrgenommen. Gleichzeitig wurden Hinweise auf Weiterentwicklungsbedarf identifiziert, insbesondere hinsichtlich einer stärkeren Berücksichtigung unterschiedlicher Altersgruppen von Kindern und einer inhaltlichen Vertiefung einzelner Module. Die Ergebnisse unterstreichen das Potenzial partizipativ entwickelter digitaler Interventionen zur Unterstützung psychisch belasteter Eltern. Sie können die psychotherapeutische Versorgung ergänzen, zur Selbsthilfe genutzt werden und einen wertvollen Beitrag zur Unterstützung belasteter Eltern leisten. Durch weitere Anpassungen könnte die Zufriedenheit der Nutzenden gesteigert werden.
Das pathologische Horten ist in bekannten Klassifikationssystemen nun als eigenständiges Störungsbild eingeordnet. Grund für diese Einordnung ist unter anderem der konstante Befund eines schlechteren Behandlungsergebnisses mit bislang verfügbaren Therapiemanualen. Das wirft die Frage nach der Relevanz störungsspezifischer auslösender und aufrechterhaltender Faktoren sowie Behandlungsansätzen auf. Ziel dieses Beitrags ist, die Evidenz des kognitiv-behavioralen Modells des pathologischen Hortens und die darauf aufbauende Behandlung darzustellen. Hinsichtlich der Informationsverarbeitungsdefizite zeigten sich konstant Beeinträchtigungen in den Kategorisierungsfähigkeiten und einem geringeren kognitiven Vertrauen bei Personen mit pathologischem Horten. Dysfunktionale Annahmen und eine exzessive emotionale Bindung an Besitztümer wiesen eine signifikante Assoziation mit der Hortsymptomatik in vorherigen Studien auf. Ein Vermeidungsverhalten scheint störungsrelevant, aber nicht störungsspezifisch zu sein. Ein Behandlungsmanual setzt an diesen Faktoren durch die Vermittlung kognitiver Strategien (wie eines Organisationstrainings), kognitive Techniken und Expositionen (durch das Wegwerfen von Gegenständen) an. Erste Befunde deuten auf eine Effektivität für einen Teil der Patient:innen hin. Eine Optimierung der Behandlung und Intensivierung von Forschungsaktivitäten wären für dieses Störungsbild erstrebenswert. Bei Prävalenzraten von fast 5