
Hitzeperioden treten in Mitteleuropa häufiger und intensiver auf und führen zu einer messbaren Übersterblichkeit. Der Hitzschlag ist die schwerste hitzebedingte Erkrankung und ein zeitkritischer Notfall, dessen Prognose von der Kühlgeschwindigkeit abhängt. Betroffen sind überwiegend vulnerable, hochaltrige und multimorbide Patienten mit klassischem Hitzschlag. Darstellung der verfügbaren Evidenz zur prähospitalen Versorgung des Hitzschlags und Ableitung von Konsequenzen für den Rettungsdienst, differenziert nach klassischem und belastungsassoziiertem Phänotyp. Narrative Übersichtsarbeit mit hierarchischer Gewichtung der Evidenz: aktuelle Leitlinien und Konsensuspapiere als Handlungsrahmen, systematische Reviews und Primärstudien zu deren Prüfung und Abgrenzung. Die Empfehlungen sind über die Fachgesellschaften hinweg konsistent: Erkennung anhand der zentralnervösen Dysfunktion, rektale Kerntemperaturmessung und sofortige aktive Ganzkörperkühlung, bevorzugt als Kalt- oder Eiswasserimmersion, nach dem Grundsatz „cool first, transport second“. Die Evidenz ist beim belastungsassoziierten Hitzschlag deutlich robuster als beim klassischen. Zwischen Empfehlung und Umsetzung besteht eine erhebliche, gut belegte Lücke. Eine rettungsdienstliche Empfehlung sollte den Leitlinienkern als Standard ausweisen und Primärevidenz als Stütze oder Machbarkeitsnachweis kennzeichnen. Der klassische Hitzschlag ist häufiger und betrifft überwiegend alte, multimorbide Patienten; bei intubierten Patienten ist die Wasserimmersion kritisch abzuwägen und die Kühlung ggf. im Transport (z. B. Vakuummatratze) einzuleiten. Für den klassischen Hitzschlag bleibt die Evidenz begrenzt und erfordert explizite Adaptation.
Die digitale Rettungskette beschreibt die strukturierte, zeitnahe und interoperable Weitergabe von Routinedaten in der Notfallversorgung – von der Leitstelle über den Rettungsdienst bis in die Notaufnahme und die klinische Weiterbehandlung. Ziel ist der Übergang von fragilen Schnittstellen zu belastbaren Nahtstellen durch standardisierte Datensätze, semantische Harmonisierung und interoperable Austauschformate. Voraussetzung sind bundesweit konsentierte Standards, betriebssichere Infrastrukturen und dezentral anschlussfähige Architekturen.
Der Point-of-Care-Ultraschall (POCUS) hat sich in der Akutversorgung als wichtiges diagnostisches Instrument etabliert, jedoch fehlen validierte Schulungskonzepte mit nachweislich nachhaltiger Kompetenzentwicklung. Evaluation eines strukturierten Blended-Learning-Kurses hinsichtlich Wissens‑, Praxis- und Selbstsicherheitskompetenzen sowie deren Stabilität nach mehreren Monaten. Retrospektive, longitudinale Kohortenanalyse über 18 Kurse (01.03.2021–13.11.2023). Von 683 Teilnehmenden stimmten 474 (69,4
Wir berichten über einen 72-jährigen Patienten mit therapierefraktärem septischem Schock bei „overwhelming post-splenectomy infection syndrome (OPSI)“. Trotz eskalierender Kreislauftherapie mit hoch dosiertem Noradrenalin, Vasopressin, Adrenalin, Hydrokortison und Methylenblau persistierte eine ausgeprägte hämodynamische Instabilität. Aufgrund respiratorischer Erschöpfung erfolgte die Atemwegssicherung mittels „hämodynamisch neutraler Intubation“ unter Erhalt der Spontanatmung. Der Fall verdeutlicht die Bedeutung eines physiologisch adaptierten Atemwegsmanagements bei kritisch kranken Patienten mit refraktärem septischem Schock.
Die prähospitale Notfallversorgung ist medizinisch und kommunikativ herausfordernd. Diese Studie untersucht die Erfahrung von Patient:innen, die 2024 nach einem luftgebundenen Notfalleinsatz befragt wurden. Erfasst wurden Ängste, Informationsstand, Betreuung, Schmerzreduktion und Gesamtzufriedenheit. Die Ergebnisse zeigen eine hohe Gesamtzufriedenheit (M = 1,44), eine deutliche Reduktion initialer Angst (von M = 3,70 auf 2,34) sowie starke Zusammenhänge zwischen kommunikativen Faktoren und Zufriedenheit. Empathie, Informationsqualität und subjektive Sicherheit beeinflussen das Erleben deutlich stärker als rein medizinisch-technische Maßnahmen. Die Ergebnisse legen nahe, dass patientenzentrierte Kommunikation und einfühlsames Handeln zentrale Qualitätsindikatoren in der Luftrettung sind. Praktisch stützen die Befunde standardisierte patientenzentrierte Kommunikation und Angehörigeninformation.
Thiamin findet zunehmend Verbreitung in der Notfallmedizin und ist teilweise schon in Algorithmen für Notfallsanitäter integriert. Dieser Beitrag soll Wirkweise und Indikationen für die klinische und präklinische Notfallmedizin kompakt darstellen. Gesichtet wurden aktuelle Leitlinien und Studienergebnisse zum Thema, kombiniert mit physiologischen und pathophysiologischen Überlegungen. Thiaminmangel hat zahlreiche, teils wenig spezifische kardiozirkulatorische und neurologische Symptome und kann im Kontext anderer Störungen wie beispielsweise Hypoglykämie, Alkoholabhängigkeit oder schwerer Fehl- oder Mangelernährungszustände auftreten. Aufgrund des günstigen Risiko-Nutzen-Profils sollte bei entsprechendem Verdacht die Indikation zur intravenösen oder intramuskulären Applikation großzügig gestellt werden. Insbesondere im Kontext der Glukosegabe sowie von Krampfanfällen im Alkoholentzugsdelir ist die substitutive Gabe von besonderer Bedeutung.
Die außerklinische fallabschließende Akutversorgung rückt angesichts einer wachsenden Zahl der Gesamteinsätze und einer Zunahme niedrigprioritärer Hilfeersuchen und damit struktureller Überlastung von Rettungsdienst und ambulanter Versorgung in den Fokus. Sie beschreibt einen neuen, intersektoralen Versorgungsmodus zwischen außerklinischer Regelversorgung und Rettungsdienst, der akute, aber nicht lebensbedrohliche Fälle wohnortnah versorgt. Der Beitrag diskutiert und analysiert entlang von 13 Empfehlungen notwendige strukturelle Anpassungen und entwirft ein gestuftes Qualifikationssystem für neue professionelle Rollen im Rettungsdienst und in der außerklinischen Notfall- und Akutversorgung.
Personen mit besonderer Fachexpertise werden in unserer vernetzten Welt immer wichtiger. Zur Weiterentwicklung von Ideen und als Korrektiv zur generativen künstlichen Intelligenz sind echte Experten unverzichtbar. Was solche Personen auszeichnet und wie die Expertise aufgebaut wird, beschreibt der vorliegende Beitrag. Expertise entsteht durch einen komplexen, lernergesteuerten Prozess mit einigen essenziellen Elementen. Experten zeichnen sich aus durch eine besondere Wissensbasis und Wissensstruktur, besondere Haltungen zum eigenen Lernen und eine besondere Integration von Wissen und Praxis. Der Beitrag beschreibt den Unterschied zwischen Expertise und Erfahrung, Modelle für die Entstehung von Expertise und typische Lernstrategien von Experten. Der Beitrag soll die Leser:innen außerdem dazu motivieren, in ihrem eigenen Feld Expertise zu entwickeln.
Lebensbedrohliche Einsatzlagen stellen den Rettungsdienst in den ersten Minuten vor eine Führungs- und nicht primär vor eine Behandlungsaufgabe. Unsichere Lagebilder, fortbestehende Bedrohung und die enge Schnittstelle zur Polizei prägen das medizinische Handeln. Der Beitrag untersucht, welche Führungsprinzipien das medizinische Handeln in der Chaosphase lebensbedrohlicher Einsatzlagen tragen sollten. Narrative, leitlinienbasierte Übersicht unter Einbezug aktueller TCCC-, TECC-, TREMA- und AWMF-Empfehlungen sowie ausgewählter Literatur zu Schnittstellenmanagement, Sichtung, Kommunikation und Entscheidungsfindung. Medizinisches Führen in der Chaosphase folgt einer phasenbezogenen Priorisierung unter Bedrohung. Vorrang haben Eigenschutz, Lageorientierung, gemeinsame Raumordnung, knappe Führungsinformation und die Verzahnung mit der Polizei. Medizinische Maßnahmen bleiben zunächst auf wenige sofort wirksame Interventionen, vor allem Blutungskontrolle, einfache Atemwegssicherung und rasche Verbringung, begrenzt. Verwundetensichtung beginnt als taktische Vorsichtung und geht erst mit nachlassender Bedrohung in strukturiertere Sichtungs- und Führungsprozesse über. Typische Fehler entstehen durch individualmedizinische Behandlungslogik, unklare Freigaben, Kommunikationsabbrüche und Rollenunklarheit. Die Chaosphase verlangt lagegerechte Priorisierung statt Vollständigkeit. Gute Führung erkennt den Wechsel zwischen Bedrohungsphasen früh, ordnet Kommunikation und Schnittstellen aktiv und überführt provisorische Entscheidungen bewusst in belastbare Versorgungsstrukturen.
Timely reperfusion is a major determinant of outcome in acute ischemic stroke. Prehospital emergency medical services (EMS) may facilitate faster hospital access and earlier treatment initiation, thereby influencing survival. To evaluate the association between EMS utilization, treatment delays, and in-hospital mortality among patients with acute ischemic stroke receiving reperfusion therapy, and to explore whether the mode of hospital arrival is associated with outcomes beyond treatment timing. This retrospective observational cohort study included adult patients who underwent reperfusion therapy at a tertiary center between January and December 2024. Patients were categorized according to mode of arrival (EMS vs. non-EMS). Treatment time metrics, reperfusion modality, length of hospital stay, and in-hospital mortality were compared. Multivariable logistic regression analysis was performed to identify independent predictors of mortality. A total of 251 patients were analyzed, 67.0
Digitale Zuweisungs- und Voranmeldesysteme gewinnen in der Rettungsdienststeuerung an Bedeutung, weil die rechtssichere Auswahl der „nächstgelegenen geeigneten“ Einrichtung zunehmend von einer dynamischen Ressourcenlage abhängt. In der föderal organisierten deutschen Notfallversorgung bleibt die Operationalisierung von „Eignung“ in vielen Landesregelungen unscharf; in der Praxis hat sich daher die Unterscheidung zwischen grundsätzlicher Eignung (strukturelle Qualifikation) und aktueller Eignung (zeitvariable Aufnahme- und Ressourcenverfügbarkeit) etabliert. Der Beitrag zeigt am Beispiel von IVENA eHealth (IVENA interdisziplinärer Versorgungsnachweis), wie beide Dimensionen technisch abbildbar sind: durch konfigurierbare Zuweisungsziele/Ressourcenlogiken, Echtzeitabbildung temporärer Einschränkungen und standardisierte Voranmeldung mit rollenbasierter Sichtbarkeit für Klinik, Rettungsmittel und – je nach Region – Leitstelle. Als semantischer Kern werden Patientenzuweisungscodes (PZC, mit numerischer Rückmeldeindikation [RMI]) beschrieben; deren Harmonisierung ist Voraussetzung für Interoperabilität und Sekundärnutzung. Ergänzend werden Auswertungen als Instrument für Surveillance, operatives Qualitätsmanagement und Versorgungsforschung sowie für die Nutzung in Sonderlagen (beispielsweise Massenanfall von Verletzten, Pandemie) diskutiert. Insgesamt ist digitale Zuweisung weniger ein informationstechnisches Projekt als ein Governance- und Steuerungsinstrument zur Erhöhung von Transparenz, Resilienz und Patientensicherheit an der Schnittstelle von Präklinik, Leitstelle und Klinik.
Teams in der prähospitalen Notfallmedizin arbeiten unter den Bedingungen von High-Responsibility-Teams (HRT). Erfolgsfaktoren in diesem Umfeld sind nichttechnische Fähigkeiten, die in simulationsbasierten Trainings trainiert werden können. Eine „Team-Arbeit-Kontext-Analyse“ (TAKAI) könnte helfen, den Trainingsbedarf für Crew-Resource-Management(CRM)-Trainings zu identifizieren und zu konkretisieren. In einer multizentrischen Beobachtungsstudie wurde der Team-Arbeit-Kontext verschiedener rettungsdienstlicher Arbeitsumgebungen mithilfe des „Team-Arbeit-Kontext-Analyse-Inventars“ untersucht. Insgesamt nahmen 120 Personen (83,8
Background In view of overburdened primary care and emergency medical structures in the German healthcare system, complementary care models are being discussed. Paramedics are intended to provide professional care for low-priority cases in out-of-hospital acute and emergency care and, where possible, provide a definitive solution for the patient, thereby, contributing to system relief. Objective This study aims to examine and critically reflect on the competencies that paramedics require for such an autonomous role. The goal is to develop a competency profile based on professional expert reflection for a patient-centered education and training qualification for paramedics. Methods Ten semi-structured expert interviews (nursing, academia, policy, emergency medicine/rescue services, statutory health insurance) were analyzed using qualitative content analysis according to Kuckartz and Radiker. The Kultusministerkonferenz (KMK) competency model served as the analytical framework. Results The analysis shows a need for expanded competencies across all domains. Key competencies include differential diagnostics and pharmacology, clinical reasoning, patient-centered communication, as well as responsibility and self-reflection. Conclusion An extended, autonomous role for paramedics requires significant expansion of competencies, adapted training structures (potentially academic), and a clear legal framework.