
Der Beitrag entwickelt eine problemsoziologische Perspektive zur Frage, wie der Gegenstand sozialwissenschaftlicher Antisemitismusforschung zu fassen ist. Ausgehend von der Beobachtung, dass die Antisemitismusforschung in gesellschaftliche Konflikte über Definition, Reichweite und Bewertung von Antisemitismus involviert ist, zeigt der Text die daraus entstehenden epistemologischen Probleme, Blindstellen und Vereindeutigungen auf. Der Beitrag plädiert für eine theoriegeleitete Bestimmung, die Antisemitismen als heterogene, historisch variable Differenzkonstruktionen fasst und zugleich Distanz zu moralisch-politischen Vereinnahmungen einnimmt. Daraus werden methodologische Konsequenzen für empirische Forschung abgeleitet, insbesondere die Notwendigkeit, Ambivalenzen, Uneindeutigkeiten und komplexe Wissensbestände zu erfassen. Abschließend wird für eine Klärung der normativen Grundlagen antisemitismuskritischer Perspektiven plädiert, um wissenschaftliche Analyse und politische Bewertung unterscheidbar zu halten.
Im Fokus des Beitrags steht die Reflexion von komplexen Forschungsbeziehungen im Zusammenhang der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Gewalt in Institutionen. Forschungsbeziehungen werden als komplexe soziale Beziehungen bestimmt, deren asymmetrische und zugleich reziproke Interaktionsdynamik in die strukturellen Bedingungen eines Forschungsfeldes eingebettet ist. Vor diesem Hintergrund wird ein Forschungsfeld skizziert, das durch Macht- und Anerkennungskämpfe geprägt ist. Untersucht werden zwei Forschungsbeziehungen, deren Analyse verdeutlicht, wie die Deutungsmacht der Forschung und die Erwartungen von Zeitzeug*innen konfligieren.
In diesem Beitrag diskutieren wir auf Grundlage unserer biografietheoretischen Mehrgenerationenforschung zu Nachkommen von stigmatisierten NS-Opfern die Deutungsprozesse der Familiengeschichte im Kontext marginalisierter Verfolgungserfahrungen. Die empirische Basis stellen familien- und lebensgeschichtliche Interviews mit Nachkommen von Personen dar, die als so genannte „Asoziale“ und „Kriminelle“ sowie als homosexuelle Männer im Nationalsozialismus verfolgt worden sind. Wir zeigen anhand von zwei empirischen Fällen, dass die Deutungen der Nachkommen von ihren biografischen Erfahrungen und Perspektiven abhängen. Diese sind in unseren Fällen besonders durch Klassen- und Milieuzugehörigkeiten bestimmt und stehen im Kontext anhaltender sozialer Abwertungserfahrungen. Deutlich wird, welche Wirkmächtigkeit das Fehlen von Wir-Gruppen, erinnerungspolitische Diskurse sowie die Zuschreibungen und NS-Kategorisierungen bis heute haben.
In der Forschung mit Menschen, denen psychische Erkrankungen zugewiesen werden, antizipieren Forschende eine spezifische Vulnerabilität der Teilnehmenden im Interviewsetting. In vier ausgewählten Sequenzen aus biografisch-narrativen Interviews werden Forschungsbeziehungen vor dem Hintergrund wechselseitiger Zuschreibungen untersucht. Dabei werden Konstruktionen von Vulnerabilität in den Blick genommen, die durch die Interaktion situativ hervorgebracht werden und sich mit übergeordneten Annahmen verschränken, sie widerlegen oder überschreiben.
Während in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein ebenso kontroverser wie produktiver Dialog zwischen Psychiatrie und Soziologie zu beobachten war, scheint dieser inzwischen weitgehend abgebrochen zu sein. Der Artikel plädiert für eine Wiederaufnahme dieses interdisziplinären Austauschs und skizziert dafür die konzeptuellen Grundlagen einer Analytik der Psy-Wissenschaften. Diese verbindet Traditionen der Medizinsoziologie und der Soziologie sozialer Probleme mit Einsichten der Science and Technology Studies und macht die epistemischen Praktiken des psychiatrischen Feldes zum Ausgangspunkt empirischer Analysen. Die Produktivität dieser Forschungsperspektive wird anhand einer qualitativen Studie zu einem aktuellen Strang der psychiatrischen Forschung – der Suche nach Biomarkern – mit einem Fokus auf Depression veranschaulicht. Empirisch zeigt sich, dass die Biomarker-Forschung bislang nicht in der ersehnten somatischen Fundierung des fokussierten Krankheitsbilds, sondern – im Gegenteil – in einer fortschreitenden epistemischen und ontologischen Verunsicherung des Feldes resultiert.