Unsere ethnographischen Studien in verschiedenen Jugend- und Medienkulturen bestätigen, was die neuere Jugendsoziologie als allgemeines Urteil über Jugendszenen festhält: Sie sind Fundgruben und Kristallisationspunkte für kleine Lebenswelten und Stilgemeinschaften, deren jugendliche Mitglieder sich durch einen hohen Freiheitsgrad im Selbstentwurf und in der Handlungsdramaturgie sowie einer beachtlichen Medienkompetenz auszeichnen. Im Internet setzen sich diese jugendkulturellen Diversifizierungsprozesse nun nicht nur fort, sondern in der durch spezifische Formen der Netzkommunikation generierten virtuellen Sphäre beschleunigt sich die Ausdifferenzierung eigenständiger und eigenwilliger Inszenierungs- und Gesellungsformen. Am Beispiel der Cyberpunks und Online-Rollenspieler wird gezeigt, wie szeneneigenes Symbolkapital neben einer Überhöhung und Ästhetisierung des Alltäglichen auch strategisch zur fiktiven Erkundung des Anders-sein-Könnens eingesetzt wird. Ihr theatrales Spiel mit spezifischen In- und Exklusionszeichen, fiktionalen Handlungsabläufen und fluiden Identitäten annonciert ein Experimentierfeld für die spielerische Erprobung des Möglichen, erlaubt Grenzgänge zwischen inneren und äußeren Welten und kann als existentielle Erfahrung für das Leben in der „Multioptionsgesellschaft“ (Gross) angesehen werden.
Stadt-Land-Bezüge haben in der Jugendforschung eine lange Tradition. Ein Themenfeld ist in diesem Zusammenhang in der jüngeren Vergangenheit aber kaum untersucht worden: die Tradierung und Modifizierung von Brauchformen der ländlichen Jugend. Durch ein Schlüsselerlebnis sind wir in unserer Forschungsgruppe eher zufällig auf ein Ereignis aufmerksam geworden, das im Nachhinein als ‚Geburtsstunde‘ unserer gezielten soziologisch-ethnographischen Suche nach Handlungsmustern und Veranstaltungsformen angesehen werden kann, denen in ländlichen Regionen lebende Jugendliche Brauchcharakter zuschreiben. An zwei Fallbeispielen soll gezeigt werden, in welchen konzeptionellen Schritten und mit welchen Zugangs-, Erhebungs- und Interpretationsverfahren tradierte und neue Brauchformen als Ressource und Aktionsfeld jugendlicher Expressivität und Gruppenbildung erkundet und erklärt werden können. Die Beispiele sind so gewählt, dass sie einerseits die Bandbreite und das Spannungsverhältnis jugendkultureller Praxisfelder und Vergesellung sichtbar werden lassen und andererseits die Fruchtbarkeit ethnographischer Forschung in höchst divergenten ruralen und brauchkulturellen Handlungsfeldern verdeutlichen. Den Abschluss bildet der Versuch einer kategorialen Klassifikation von jugendlichen Brauchkulturen, auf die wir in unseren Studien im Zeitraum von etwa zwei Jahrzehnten gestoßen sind.
A-Dorf liegt im Einzugsgebiet von zwei Großstädten und besteht seit dem Jahr 953. Ursprünglich und für den größten Teil seiner Geschichte war das Dorf eine bäuerliche Siedlung, hat aber seit den 1950er-Jahren einen deutlichen sozialstrukturellen Wandel durchgemacht. Die Einwohnerschaft hat sich seit den 1970er-Jahren durch Neubaugebiete nahezu verdoppelt. Insbesondere die Zugezogenen weisen eine eher pragmatische, zweckrationale Ortsbindung auf und sind überlokal orientiert. Ihr Lebensund Aktionsraum geht weit über die Grenzen des Dorfes hinaus. Dies hat auch Konsequenzen für dörfliche Formen der Gemeinschaftsbildung, die inzwischen weit stärker Ergebnisse von individuellen Selektionen sind und nicht mehr durch Strukturen des Kontextes erzwungen werden. Sehr deutlich wurde dies z. B. bei den Beziehungen zu Nachbarn/ innen oder dörflichen Vereinen und Interessengruppen. »Die« Dorfgemeinschaft im Singular wird ersetzt durch interessenspezifische Teilgemeinschaften.
Zu den geläufigen soziologischen Gesellschaftsdiagnosen gehört die Beobachtung der Auflösung von traditionellen Wertmaßstäben und Gemeinschaftsformen. Ursprünglich gesellschaftlich vorgeprägte Rollen und Lebenspläne werden individuell verfügbar, geraten zunehmend in die Hoheit des Einzelnen. Er kann – zumindest prinzipiell – seine Arbeit, seinen Beruf, seine Vereins-, Partei-, Kirchen- oder Sektenmitgliedschaft sowie seinen kulturellen oder subkulturellen Stil frei wählen und wechseln. Er ist der Bastler seines Lebens, das im Spannungsverhältnis zwischen Globalisierungs- und Partikularisierungsprozessen unter der Devise steht: Man hat keine Wahl, außer zu wählen. Diese Entwicklung hat mittlerweile auch die Jugendlichen und ihre Lebensformen voll erfasst, gewissermaßen als Fortsetzung der langen Entwicklungsphase der Individualisierung des Lebens in der modernen Gesellschaft. Das Jugendalter, das der Vorbereitung auf individuelle Lebensführung dient, wird selbst individualisiert
Die Integration russlanddeutscher Jugendlicher in die deutsche Gesellschaft ist auch mehr als zwei Jahrzehnte nach Beginn der großen Ausreisewelle aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ein Thema, das Praktiker aus Jugendhilfe, Migrationsdiensten, Schule und Strafrechtspflege beschäftigt. Sie verlief wesentlich problematischer als von Politik und Wissenschaft prognostiziert. In einem interdisziplinären Zugriff untersuchen Soziologen, Sprachwissenschaftler und Philosophen aus Deutschland und Russland die Lebenssituation junger Russlanddeutscher.
This article is a synopsis of empirical studies of the research group ‘Youth, Media and Culture’ at the university of Trier representing the development of different kinds of local and translocal forms of sociality youth culture. In a world of ubiquitous globalisation and mediasation processes new types of small social worlds and also new forms of translocal youth cultures are generated. It is remarkable that the activities and styles of youth cultures consist of a mixture of local and global elements which can be described as a process of ‘youth cultural glocalisation’. Research studies of the hardcore scene deal with ethical principles such as individual responsibility, integrity of creation and both a critical and emancipated view of the world. These principles which influence the everyday life of the scene members are getting more and more globalised. All in all the hardcore scene can be conceptualized as a prototype of a glocalised youth culture with an international value system and a translocal network.
Zusammenfassung Anhand einer Synopse von Untersuchungen der Forschungsgruppe „Jugend, Medien und Kultur“ an der Universitat Trier befasst sich der Beitrag mit der Entwicklung jugendkultureller Vergesellschaftungsformen und deren zunehmend internationalen Ausrichtung. Vor dem Hintergrund allgegenwartiger Globalisierungsphanomene und damit einhergehenden medienvermittelten Pluralisierungen von Sinn- und Sozialwelten verandern sich auch Jugendkulturen hin zu translokalen kulturellen Gemeinschaften. Auffallend ist dabei, dass innerhalb der Jugendkulturen neben global geteilten Stilsprachen immer auch lokale Akzente gesetzt und ausgebaut werden und somit vermehrt Prozesse der ‚jugendkultureller Glokalisierung‘ beobachtet werden konnen. Am Beispiel von Forschungen zur Hardcore-Szene und deren ethischen Grunduberzeugungen wird gezeigt, wie die innerszenisch geteilten Ideale der Selbstverantwortung, der Schopfungsverantwortung und der kritischemanzipatorischen Weltsicht auch uber den Szenekontext hinaus den Alltag der Szeneganger bestimmen und vermehrt auch transnational weitervermittelt werden. Die Hardcore-Szene wird somit als eine musikbezogene Jugendkultur mit transnationalem Stil- und Personenaustausch und einem auf globale Geltung ausgerichtetem Wertesystem beschrieben und als ein Prototyp glokalisierter jugendkultureller Vergemeinschaftung theoretisch verortet. Schlagworter: Jugendkulturen, Hardcore-Szene, Globalisierung, jugendkulturelle Glokalisierung ----- Youth Cultures and Globalisation. The Hardcore Scene as a Prototype of Ethical and Translocal Collectivization Abstract This article is a synopsis of empirical studies of the research group ‘Youth, Media and Culture’ at the university of Trier representing the development of different kinds of local and translocal forms of sociality youth culture. In a world of ubiquitous globalisation and mediasation processes new types of small social worlds and also new forms of translocal youth cultures are generated. It is remarkable that the activities and styles of youth cultures consist of a mixture of local and global elements which can be described as a process of ‘youth cultural glocalisation’. Research studies of the hardcore scene deal with ethical principles such as individual responsibility, integrity of creation and both a critical and emancipated view of the world. These principles which influence the everyday life of the scene members are getting more and more globalised. All in all the hardcore scene can be conceptualized as a prototype of a glocalised youth culture with an international value system and a translocal network. Keywords: Youth cultures, hardcore scene, globalisation, youth cultural glocalisation
In der Einleitung der ersten Auflage aus dem Jahr 2002 nahmen wir Bezug auf eine damals breite öffentliche Debatte, nämlich die Diskussion um die Frage, ob mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 das „Ende der Spaßgesellschaft“ (Krämer 2001) gekommen sei, wie es in einem Artikel der taz vom 24. Oktober 2001 hieß. In Abgrenzung zu der damaligen Debatte in den Medien entwickelten wir das Argument, dass die öffentliche Diskussion um ein mögliches Ende der „Spaßgesellschaft“ sich eher auf einer vordergründigen Phänomenebene bewegt: Wenn man langfristige Fragen des Wandels unserer heutigen Populär- und Medienkulturen im Blick haben möchte, erscheint es in Abgrenzung dazu wichtiger, den Blick auf grundlegendere Wandlungsprozesse zu lenken, die sich in solchen öffentlichen Diskussionen wie die um das mögliche Ende der Spaßgesellschaft kristallisieren. In diesem Zusammenhang erschienen uns insbesondere zwei Punkte wichtig.
In der Zeitschrift Der Spiegel war in der Ausgabe 20/2000 unter der Überschrift „Kriegsspiele – Aus für Gotcha-Kämpfe“ folgendes zu lesen: „Nordrhein-Westfalens Innenminister Fritz Behrens (SPD) will schärfer gegen so genannte Paintball- und Gotcha-Spiele vorgehen. Die Geländespiele, bei denen Mannschaften aus Druckluftwaffen mit Farbe gefüllte Gelatine- oder Plastikkugeln aufeinander abfeuern, simulierten die ,Tötung von real existierenden Menschen‘, heißt es in einem Schreiben des Innenministeriums an die Bezirksregierungen in Nordrhein-Westfalen. Weil dabei teilweise gegen Waffengesetz und öffentliche Ordnung verstoßen werde, sollen die örtlichen Behörden die Spiele untersagen. Die Polizei wird angewiesen, Spieler und Veranstalter strafrechtlich zu verfolgen.“