Infektionen sind bei diabetischen Fußwunden eine gefürchtete Komplikation, weil sie über anatomische Strukturen wie Sehnen und Kompartimente sehr schnell zu einem tiefen oder aufsteigenden Fußinfekt führen können, der schlimmstenfalls zur Amputation führen kann. Daher sind alle Fuß- und Wundinfektionen bei Menschen mit Diabetes von Beginn an ernst zu nehmen. Aufgrund eines neuropathiebedingten Verlusts schützender Warnsignale wie Schmerzen nimmt der Patient die Problematik häufig nicht hinreichend ernst. Wenn zusätzlich noch eine relevante Durchblutungsstörung vorliegt, kann das klinische Bild einer Wund- oder Fußinfektion zudem weniger stark ausgeprägt sein. Statt eines geröteten, überwärmten und schmerzhaften Fußes oder Wundareals findet sich klinisch häufig das Bild einer „kalten Röte“ und auch die systemischen Infektionszeichen sind bis zum Zeitpunkt einer erfolgreichen Revaskularisation vielfach kaschiert. Aufgrund der Komplexität der Erkrankung sollten Patienten frühzeitig in einer spezialisierten Fußbehandlungseinrichtung behandelt werden. Eine systemische Antibiotikatherapie erfolgt allein auf Basis des klinischen Bildes einer Wundinfektion. Nach empirischem Beginn sollte das Therapieregime sobald als möglich gemäß Resistogramm adaptiert werden. Grundlegend für die Infektions- und Wundbehandlung ist stets eine adäquate begleitende Infektchirurgie welche von Beginn an den Erhalt von Gliedmaßen, Mobilität und Lebensqualität im Blick hat. Für die lokale Wundversorgung gelten die Prinzipien einer feuchten Wundbehandlung. Ausnahme bilden trockene und reizlose Nekrosen, solange eine relevante Durchblutungsstörung noch nicht behoben ist oder nicht mehr verbessert werden kann. Diese Nekrosen bleiben trocken oder werden trocken gelegt und werden nicht abgetragen, sondern druckgeschützt abwartend kontrolliert.
ZUSAMMENFASSUNG Das diabetische Fußsyndrom umfasst komplexe pathologische Veränderungen am Fuß eines Menschen mit Diabetes mellitus. Schwerwiegende Manifestationen diabetischer Fußprobleme sind Ulzerationen, deformierende Veränderungen des Fußskeletts („Charcot-Fuß“) und immer noch zu oft Amputationen. Ulzera oder Nekrosen entwickeln sich meist als Folge von repetitiver Traumatisierung bei eingeschränktem Druck- und Schmerzempfinden im Rahmen einer diabetischen Polyneuropathie. Bei allen Menschen mit Diabetes sollten daher Füße und Schuhwerk regelmäßig untersucht werden. Wesentliche Komponenten der Behandlung diabetischer Fußulzera sind Stoffwechseloptimierung und Behandlung internistischer Grunderkrankungen, Infektionskontrolle, Debridement avitaler Gewebeanteile, effektive Druckentlastung, stadiengerechte lokale Wundbehandlung, Therapie von Gefäßerkrankungen, fußchirurgische Korrektur von Deformitäten und/oder Fehlstellungen sowie Patientenschulung. Durch ein frühzeitiges multidisziplinäres, multiprofessionelles und transsektorales Vorgehen bei der Behandlung von Fußulzera kann die Häufigkeit von Amputationen bedeutend gesenkt werden. Wichtigste präventive Maßnahme ist die rechtzeitige Identifikation von Risikofüßen und dann deren regelmäßige Selbst- und Fremdkontrolle, um trotz des Verlustes schützender Warnmechanismen im Rahmen der Neuropathie keine akuten Ereignisse zu erleiden.
Zusammenfassung Zu glauben, das diabetische Fußsyndrom (DFS) sei nur eine Wunde am Fuß eines an Diabetes erkrankten Menschen, verkennt die Komplexität und Tragweite dieser multifaktoriellen Komplikation einer Diabeteserkrankung. Das DFS geht mit relevanten Einschränkungen bis hin zu Amputationen und reduzierter Lebenserwartung für die Betroffenen sowie einem hohen Ressourcenverbrauch für unser Gesundheitssystem einher. Komplizierte Verläufe und auch Amputationen können signifikant reduziert werden, wenn die Patienten ohne Verzögerung spezialisierten interdisziplinären Behandlungsteams zugeführt werden. Vor der Therapie steht die Diagnose – vor Behandlungsbeginn sollten stets 2 Fragen beantwortet werden: Die nach der Ursache des aktiven diabetischen Fußulkus (DFU; Bedingung) und die nach dessen Lokalisation (Auslöser). Eine Wundbehandlung beim DFS muss stets in ein strukturiertes Diagnose- und Behandlungskonzept eingebettet sein. Dafür bieten IRBESA-PP (Infektionsmanagement, Revaskularisierung, Begleiterkrankungen, Entlastung, stadiengerechte Wundbehandlung, [Grenzzonen-]Amputation, Physiotherapie und psychosoziale Unterstützung, Prävention inklusive Podologie) und das Entitätenkonzept eine geeignete konzeptionelle Grundlage. Dabei ist von essenzieller Bedeutung, dass sämtliche an der Behandlung Beteiligten verstehen und verinnerlichen, welche konkreten Auswirkungen der neuropathiebedingte Verlust schützender sensibler Empfindungen („loss of protective sensations“ [LOPS]) im Behandlungsalltag hat: Aufgrund der neuropathischen Defizite fehlt eine schützende schmerzreflektorische Schonhaltung. Die Patienten laufen im wahrsten Sinne des Wortes in ihre komplexen Probleme hinein. Alle an der Behandlung beteiligten Leistungserbringer und Professionen müssen ein solides Maß an Erfahrungs- und Behandlungskompetenz besitzen und interprofessionell so gut koordiniert und abgestimmt arbeiten, dass sie das im (neuropathiebedingten) Verlust der leiblichen Ökonomie begründete Fehlverhalten des Patienten bei allen Maßnahmen bereits mit einkalkulieren.
To believe that diabetic foot syndrome (DFS) is just a wound on the foot of a person suffering from diabetes fails to recognize the complexity and scope of this multifactorial complication of diabetes. DFS is associated with relevant limitations up to amputation and reduced life expectancy for the affected patients as well as high consumption of healthcare system resources. Complicated courses and also amputations can be significantly reduced if patients are promptly treated by specialized interdisciplinary treatment teams. Diagnosis precedes therapy-two questions should always be answered before treatment begins: Why did the active diabetic foot ulcer (DFU) occur (condition)? Why is the ulcer at this exact location (trigger)? Wound treatment for DFS must always be embedded in a structured diagnostic and treatment concept. IRBESA-PP (infection management, revascularization, concomitant diseases, offloading, stage-appropriate wound treatment, [marginal area] amputation, physiotherapy and psychosocial support, prevention including podiatry) and the Entity Concept provide a suitable conceptual basis for this. It is essential that all those involved in treatment understand and internalize the concrete effects of neuropathy-related loss of protective sensations (LOPS) in everyday treatment: Due to the neuropathic deficits, there is a lack of protective pain reflexive sensation. Patients literally run into their complex problems. All healthcare providers and professionals involved in the treatment must have a solid level of experience and treatment competence and work interprofessionally in such a well-coordinated and coordinated manner that they take into account the patient's (mal)behavior, which is rooted in the (neuropathy-related) loss of bodily economy, in all measures. The article clearly presents current standards and treatment principles and gives concrete recommendations for action based on case studies, while taking into account the practice recommendations of the German Diabetes Society (DDG, 2022) and the current international guideline (IWGDF Guidelines 2023).
Das diabetische Fußsyndrom (DFS) ist mehr als nur eine Wunde am Fuß eines an Diabetes mellitus erkrankten Menschen: eine Folgeerkrankung mit hoher Komplexität, starker Beeinträchtigung der Patienten bis hin zum Verlust von Gliedmaßen und hohem Ressourcenverbrauch. Ein besseres Verständnis und ein frühzeitiges, abgestimmtes interprofessionelles Behandlungskonzept in spezialisierten Einrichtungen hilft, komplizierte Verläufe und Amputationen zu vermeiden.
Diabetic Foot Syndrome (DFS) is more than just a wound on the foot of a person suffering from diabetes mellitus: a secondary disease with high complexity, severe impairment of patients to the point of loss of limbs and a high consumption of resources. A better understanding and an early, coordinated interprofessional treatment concept in specialized institutions helps to avoid complicated developments and amputations.
Diabetic foot syndrome is understood to be all pathological changes in the foot of a person with diabetes mellitus. These include pre-ulcerous lesions such as abnormal corneal callouses. Ulcers or necroses usually develop as a result of repetitive trauma with limited sensation of pressure and pain in the context of diabetic polyneuropathy (e. g. in the form of high pressure and shear stress, especially in foot and toe deformities). In Germany, more than 50 % of all cases are characterized by a relevant peripheral arterial occlusive disease (PAOD), whose symptoms (claudication, pain at rest) are often masked by the polyneuropathy.
Aktualisierungshinweis Die DDG-Praxisempfehlungen werden regelmäßig zur zweiten Jahreshälfte aktualisiert. Bitte stellen Sie sicher, dass Sie jeweils die neueste Version lesen und zitieren.
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Zu glauben, das diabetische Fußsyndrom (DFS) sei nur eine Wunde am Fuß eines an Diabetes erkrankten Menschen, verkennt die Komplexität und Tragweite dieser multifaktoriellen Komplikation einer Diabeteserkrankung. Das DFS geht mit relevanten Einschränkungen bis hin zu Amputationen und reduzierter Lebenserwartung für die Betroffenen sowie einem hohen Ressourcenverbrauch für unser Gesundheitssystem einher. Komplizierte Verläufe und auch Amputationen können signifikant reduziert werden, wenn die Patienten ohne Verzögerung spezialisierten interdisziplinären Behandlungsteams zugeführt werden. Vor der Therapie steht die Diagnose – vor Behandlungsbeginn sollten stets 2 Fragen beantwortet werden: Die nach der Ursache des aktiven diabetischen Fußulkus (DFU; Bedingung) und die nach dessen Lokalisation (Auslöser). Eine Wundbehandlung beim DFS muss stets in ein strukturiertes Diagnose- und Behandlungskonzept eingebettet sein. Dafür bieten IRBESA-PP (Infektionsmanagement, Revaskularisierung, Begleiterkrankungen, Entlastung, stadiengerechte Wundbehandlung, [Grenzzonen-]Amputation, Physiotherapie und psychosoziale Unterstützung, Prävention inklusive Podologie) und das Entitätenkonzept eine geeignete konzeptionelle Grundlage. Dabei ist von essenzieller Bedeutung, dass sämtliche an der Behandlung Beteiligten verstehen und verinnerlichen, welche konkreten Auswirkungen der neuropathiebedingte Verlust schützender sensibler Empfindungen („loss of protective sensations“ [LOPS]) im Behandlungsalltag hat: Aufgrund der neuropathischen Defizite fehlt eine schützende schmerzreflektorische Schonhaltung. Die Patienten laufen im wahrsten Sinne des Wortes in ihre komplexen Probleme hinein. Alle an der Behandlung beteiligten Leistungserbringer und Professionen müssen ein solides Maß an Erfahrungs- und Behandlungskompetenz besitzen und interprofessionell so gut koordiniert und abgestimmt arbeiten, dass sie das im (neuropathiebedingten) Verlust der leiblichen Ökonomie begründete Fehlverhalten des Patienten bei allen Maßnahmen bereits mit einkalkulieren.
Diabetologe 2021 · 17:192–200 https://doi.org/10.1007/s11428-021-00723-1 Angenommen: 12. Januar 2021 Online publiziert: 15. Februar 2021 © Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2021 StephanMorbach · Ralf Lobmann · Michael Eckhard · Eckhard Müller · Heinrich Reike · Alexander Risse · Gerhard Rümenapf · Maximilian Spraul 1 Abteilung Diabetologie und Angiologie, Marienkrankenhaus gGmbH, Soest, Deutschland 2 Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Geriatrie, Klinikum Stuttgart, Standort Bad Cannstatt, Stuttgart, Deutschland Universitäres Diabeteszentrumund Interdisziplinäres Zentrum Diabetischer FußMittelhessen, UniversitätsklinikumGießen und Marburg GmbH, Gießen, Deutschland
Die möglichst organerhaltende Behandlung des diabetischen Fußsyndroms (DFS) ist aktuell wieder im Gespräch. Hier lesen Sie Gesichertes und Neues in Sachen Diagnostik und Therapie. Vorgestellt werden hier unter anderem die neue Checkliste, die IRBESA-PP und die neuesten Behandlungsleitlinien unter Bezug auf die aktuellen internationalen Leitlinien der „International Working Group on the Diabetc Foot“ (IWGDF) vom Mai dieses Jahres.
Behandlungsstrategie für das diabetische Fußsyndrom (DFS) unter Berücksichtigung der protektiven Fußsensibilität, offener Wunden, dem Infektstatus und den Regeln der septischen Knochenchirurgie. Unterschieden werden elektive, prophylaktische, kurative und Notfalleingriffe. Amputation im Vor- und Mittelfußbereich meist als Strahlamputation, häufig aber „innere“ Amputation möglich. Schonende Gewebebehandlung entscheidend; größeres Risiko der Revision mit Nachamputation als bei klassischer Amputation.
Wir berichten von einer fieberhaften, symmetrischen, schmerzhaften Weichteilschwellung beider Oberschenkel bei einem gesunden 54-jährigen Mann. Als Ursache konnte histologisch eine nekrotisierende Pannikulitis des subkutanen Fettgewebes beschrieben werden. Diese seltene Entität war der Indikator für den Nachweis eines α1-Antitrypsin(A1AT)-Mangels, der molekulargenetisch als homozygote PiZZ-Form klassifiziert wurde. Es zeigte sich ein beginnendes Lungenemphysem mit Einschränkung der pulmonalen Funktionsreserve. Durch A1AT-Substitution konnte eine vollkommene Remission der Pannikulitis erreicht werden.
This article reports a case of febrile, symmetrical and painful soft tissue swelling on both thighs in a 54-year-old otherwise healthy male patient. Histologically, necrotizing panniculitis of subcutaneous adipose tissue was described as a marker manifestation of a previously unknown alpha-1-antitrypsin (A1AT) deficiency with pulmonary emphysema and low plasma A1AT levels. The PiZZ homozygous form of A1AT could be diagnosed by gene sequencing. Complete remission of panniculitis could be achieved by A1AT replacement therapy.